Terror- mein Urteil

Von | 17. Oktober 2016

(GEORG VETTER) Der Film „Terror – Ihr Urteil“, basierend auf einem Theaterstück von Ferdinand von Schirach, hat eine interessante Diskussion ausgelöst, die immer wieder zu führen ist.Das Tatsachensubstrat:Islamistische Terroristen kapern eine Lufthansa-Maschine und wollen es während des Fußballländerspiels zwischen Deutschland und England in die voll besetzte Münchner Allianz-Arena steuern. Ein Kampfpilot der Bundeswehr widersetzt sich dem Befehl seiner Vorgesetzten und schießt das Flugzeug mit einer Luft-Luft-Rakete vom Himmel. 164 Menschen starben – doch die mehr als 70.000 Besucher des Fußballmatchs werden gerettet.

Aus österreichischer Sicht und ohne Bindung an das deutsche Bundesverfassungsgericht und dessen mehrfach erwähnte Entscheidung möchte ich folgende Punkte festhalten:

  1. Ist das Leben absolut geschützt? Hier kann die Antwort nur Nein lauten. Im Fall der Notwehr kann selbst die Tötung eines anderen Menschen gerechtfertigt sein. Bereits die Europäische Menschenrechtskonvention statuiert in Artikel 2 einen entsprechenden Vorbehalt. Die im Zusammenhang mit dem Stück „Terror“ geäußerte Zuspitzung, dass sich kein Mensch zum Richter über fremdes Leben machen dürfe, ist in dieser vorbehaltslosen Form nicht richtig. Sicherheitsorgane sind im Extremfall sogar verhalten, jemanden zu töten, um anderes Leben zu retten.
  2. Bemerkenswerterweise behandelt die Europäische Menschenrechtskonvention in Artikel 3 das Verbot der Folter als absolutes Verbot (im Gegensatz zur Tötung), sodass es diesbezüglich keine Rechtfertigung zu geben scheint. Dies hat seinerzeit in Deutschland im Fall Jakob von Metzler zu der – umstrittenen – Verurteilung des Polizisten geführt, der dem Entführer Folter angedroht hat, um den Verbleib des möglicherweise noch lebenden Buben zu erfahren. Über einen Wertungswiderspruch kann man diskutieren.
  3. Das österreichische Recht kennt aber nicht nur den Fall der Notwehr (Nothilfe), sondern auch jenes des entschuldigen Notstandes.Paragraf 10 des Strafgesetzbuches lautet: „Wer eine mit Strafe bedrohte Tat begeht, um einen unmittelbar drohenden bedeutenden Nachteil von sich oder einem anderen abzuwenden, ist entschuldigt, wenn der aus der Tat drohende Schaden nicht unverhältnismäßig schwerer wiegt als der Nachteil, den sie abwenden soll, und in der Lage des Täters von einem mit den rechtlich geschützten Werten verbundenen Menschen kein anderes Verhalten zu erwarten war.“ Das Fallbeispiel im Studium lautete wie folgt: Ein Baumeister erklimmt zwecks Reparaturarbeiten mit seinem Sohn die Spitze des Stephansdomes. Der Sohn rutscht aus und kann sich nur noch am Bein des Vaters anhalten. Der Vater spannt alle Kräfte an, um den Sohn zu halten, sieht jedoch bald ein, dass ihn der Sohn mit in die Tiefe reißen wird. Er stößt den Sohn durch einen Tritt selbst hinab und rettet sein Leben. Er ist entschuldigt.
  4. Meiner Ansicht liegt im Fall des Stücks „Terror“ zumindest ein Fall des entschuldigenden Notstandes (wenn nicht der Nothilfe) vor. Zu kurz greift übrigens der Gedanke, wenn man das Leben von 70.000 Menschen gegen das Leben von 164 Menschen abwägt. Tatsächlich geht es in dem Beispiel um den Tod von 70.164 Menschen gegen jenen von 164 Menschen.
  5. Wer das Leben als absolut geschütztes Rechtsgut ansieht, kommt übrigens auch in anderen Fällen in Argumentationsnot: Wie beantwortet er die geschichtlich durchaus kontrovers beantwortete Frage nach dem Tyrannenmord? Hätte Stauffenberg wegen vierfachen Mordes verurteilt werden müssen, als sein Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 scheiterte?
  6. Von Schirach verkompliziert das Stück durch die Befehlsverweigerung des Piloten, der den Schuss trotz des gegenteiligen Verbots seiner vorgesetzten Dienststelle abfeuerte. Suggeriert wird sohin, dass der Abschuss dann straffrei gewesen wäre, wenn er einen entsprechenden Befehl befolgt hätte. Dies ist auf Basis des österreichischen Rechts unrichtig. Gemäß Paragraf drei des Militärstrafgesetzes sind einem Soldaten gerichtlich strafbare Handlungen auch dann zuzurechnen, wenn er sie auf Befehl begangen hat. Geht man also davon aus, dass der Abschuss Mord war, wäre der Pilot auch strafbar, wenn er befehlsgemäß gehandelt hätte.
  7. Für viele scheint klar, dass sich der Pilot nicht strafbar gemacht hätte, wenn er den Befehl, das Flugzeug nicht abzuschießen, befolgt hätte. Selbst dies ist allerdings diskutierbar. Die Nichtverhinderung einer mit Strafe bedrohten Handlung stellt das Strafgesetzbuch nämlich in Paragraf 286 selbst unter Strafe, wobei als Gegenargument einzuräumen ist, dass der Gesetzgeber kaum jemanden die Verwirklichung eines Sachverhalts zutrauen kann, der nur durch komplexe rechtliche Überlegungen – Stichwort: entschuldigender Notstand – straffrei bleibt. Hier kommt man zu dem möglicherweise nicht befriedigenden Ergebnis, dass jemand, der meine unter Punkt 3. genannte Ansicht teilt, den Tod von 70.000 nicht billigend in Kauf darf, um nicht mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt kommen.
  8. Zusammenfassend komme ich auf Basis des österreichischen Strafrechts zu dem Ergebnis, dass der Pilot wegen entschuldigenden Notstands freizusprechen gewesen wäre. Auf Grundlage des eingangs dargestellten Sachverhalts spielt die Tatsache der Befehlsverweigerung keine Rolle. Die deutschen Richter mögen dies wie bereits im Fall Jakob von Metzler anders sehen als ich, der nicht nur den Beruf des Rechtsanwalts ausübt, sondern auch als Offizier in einer Armee gedient hat, die in der Tradition des Maria-Theresia-Ordens steht.

 

18 Gedanken zu „Terror- mein Urteil

  1. Dieuetmondroit

    Danke für Ihre Analyse. Die Sendung ist für mich trotzdem ein bombastischer, pathetischer Schwachsinn.

  2. Nicolas

    Den entschuldigenden Notstand und die Nothilfe gibt es auch in Deutschland, die Analyse muss also nicht nur auf Österreich reduziert werden. Das Zahlenspiel mit den 70164 Toten gegen 70000 + 164 – bringt es wirklich auf den Punkt.

  3. Rennziege

    Juristisch zweifellos facettenreich fundiert, was Sie sagen, Herr Vetter. Aber vergebliche Liebesmüh, denn dieser Film, sogar in Kanada zu streamen, ist wegen seiner moralinsauren Betulichkeit eine aufgehübschte Schlaftablette.

  4. C.F.Pfaffinger

    Lieber Georg, verehrter Kamerad!
    Es steht mir nicht an, Deine juristischen Ausführungen zu kommentieren, weil ich Dir da nicht das Wasser reichen kann. Soweit Deine Überlegungen militärisch sind, stimme ich aber zu.
    Was mich nun aber beklemmt: Kann es sein, daß dieses ganze Spektakel (nur?) auch dazu dient, um auszuloten, wie sich die Bevölkerung in einer solchen Sache stellen würde, um im Anlaßfall eine solche Entscheidung zu “treffen”, die auf möglichst geringen Widerstand in derselben stoßen müßte? Ist das also möglicherweise nichts anderes, als eine gigantische Onlinebefragung zu einem Thema, bei dem sich bislang niemand eine Entscheidung zugetraut zu haben schien, daß uns aber unter Umständen durchaus einmal in der Realität betreffen könnte?
    Mir ist bei dem nicht wohl, auch wenn der “Major” nun durch den “Schöffen Bevölkerung” und damit gleichsam durch den Souverän “freigesprochen” wurde. Nicht, weil ich gleicher oder anderer Meinung wäre, sondern weil mir ein mögliches Schielen auf die Vox populi Sorge bereitet.
    Wie siehst Du das, nach Deinen Erfahrungen in der Politik?
    Liebe und kameradschaftliche Grüße,
    Pfaffinger

  5. Fragolin

    Ich habe mir die rein zufällig den hinteren Teil der “hart aber fair”-Diskussion angetan, vom Kopfschütteln tut mir heute noch der Nacken weh.
    Da wurde Moralin verspritzt, dass es nur so schmerzte.
    Was nur ganz kurz zum Ende anklang war, dass die 164 Passagiere nicht in dem Moment dem Tod geweiht waren, als der Kampfpilot die Maschine abschoss, sondern als Terroristen die Maschine übernahmen. Das Gesülze von wegen “sie hätten ja die Terrorsiten noch überwältigen können” war lächerlich, weil einzig auf dem Beispiel der vierten 9/11-Maschine beruhend, von dem nicht nur nicht bewisen ist, ob das wirklich die Passagiere selbst waren oder nicht doch jemand nachgeholfen hat, sondern auch, dass auch in diesem Fall alle Passagiere tot waren. Bis jetzt endete jede von Terroristen übernommene Maschine als Trümmerhaufen. (Und man komme mir nicht mit Mogadischu, die Kiste stand am Boden!)
    Dann: Ein Kampfpilot, der eine Entscheidung trifft zwischen der sicheren Rettung von bis zu 70.000 Menschen und dem Warten auf ein Wunder, der dann auf ein Wunder wartet, hat den Job verfehlt. Das Gleiche gilt aber auch für die Generalität. Der Gedanke, was wohl diskutiert worden wäre, wenn der Flieger das vollbesetzte Olympiastadion pulverisiert und hinterher rauskommt, es wären Kampfflieger als reine “Beobachter” dieses Desasters in der Luft gewesen und hätten befehlsgemäß gar nichts getan, würde die Frage nach der Mitschuld an 70.164 Toten aufwerfen. Wenn jemand weiß, dass eine Katastrophe passiert und diese geschehen lässt. obwohl er eigentlich darauf vereidigt ist, Katastrophen von seinem Land fernzuhalten – ui das wäre sicher offenbarend, außer für die Angehörigen der Opfer.
    Was mir noch auffiel war die unwidersprochene mehrmalige Aussage, der Kampfflieger dürfe ja nur im Krieg schießen, aber nicht im Frieden. Wer einen Zustand, in dem Soldaten einer irregulären fanatisierten Armee von selbsternannten “Gotteskriegern”, die uns täglich mit ihren Gebeten den Krieg erklären, versucht, so viele zivile Opfer wie nur irgend möglich zu produzieren, als “Frieden” definiert, dem ist nicht mehr zu helfen. Krieg wird heute nicht mehr mit Panzern und Schützengräben geführt. Soldaten tragen keine Uniformen.
    Ein Gedanke, der mich nebenher bewegte, war aber auch, dass gerade jene Fraktion den fiktiven Piloten sogar als Verbrecher gegen die Verfassung bezeichnete, der die unantastbare Würde des Menschen verletze, die zeitgleich das Bundesverdienstkreuz für Menschen fordern, die einen Verdächtigen (!) der bei ihnen Schutz sucht (!) überwältigen, brutal fesseln und seiner Freiheit berauben und sogar noch Siegerfotos davon schießen – also Menschen, die offen und mit Freude gegen mehrere Gesetze verstoßen und die Würde ihres “Fanges” mit Füßen treten, ja, ihn dadurch sogar indirekt in den Tod treiben. Nicht dass mein Mitleid mit einem Terroristen jetzt übermäßig groß wäre, aber die Frage, wo bei den geradezu hysterisch keifenden Verfechtern der übergroßen Auslegung der Menschnwürde diese genau beginnt und wo diese endet und ob sie an bestimmte Eigenschaften der Täter geknüpft ist, stellt sich für mich automatisch.
    In meinen Augen ist der Pilot rechtlich vielleicht schuldig; er hat nun einmal 164 Menschen getötet. Egal ob diese sowieso dem Tod geweiht waren oder nicht. Welche juristischen Spitzfindigkeiten ihn straffrei stellen könnten, weiß ich nicht, da vertraue ich der Aussage Herrn Vetters. Aber viel wichtiger ist, dieser Pilot hat etwas getan, was solche Labergestalten wie die der ehemalige Innenminister und die Bischöfin niemals tun würden (die konnte sich bis zum Ende nicht einmal zu einer klaren Aussage durchrigen sondern immer nur predigen, predigen, predigen – das ist der verschwurbelte Mist, auf dem das uckermärkische Pastorentöchterchen ebenso wie der Bundesgauckler gewachsen sind, da wundert einen nix mehr), und was für einen Militärangehörigen ebenso wie einen Politiker rein berufsmäßig aber Hauptaufgabe sein sollte, nämlich Entscheidungen zu treffen. Auch wenn diese Entscheidung natürlich hinterfragt werden darf (hinterher ist man immer klüger), aber man muss sie rechtzeitig treffen. Und nicht auf den “sicheren Moment” warten, denn wenn der point of no return überschritten ist, ist es zu spät.
    Wohin wir mit Aussitzen geraten sind, sieht man ja.

  6. Fragolin

    Und übrigens: Wenn ich mit einer Waffe in der Hand zusehe, wie jemand auf einer Autobahnbrücke steht und einen Gullydeckel hochhebt während ein Bus naht, drücke ich ab. Mein Gewissen lebt schon schwer genug damit, dann einen Menschen ausgelöscht zu haben, aber noch viel schwerer würde es damit leben, der Tötung -zig anderer Menschen einfach zugeschaut und nichts getan zu haben, obwohl ich es hätte verhindern können.

  7. Rado

    Wer jemals in eine solche Situation kommen sollte ist gut beraten NICHTS zu tun, ausser natuerlich für eigene Angehörige oder Freunde.
    Deutsche Richter lieben Gewalttaeter aller Art aber sie moegen überhaupt keine normalen Buerger mit Zivilcourage.

  8. Fragolin

    @Rado
    Genau wegen dieser Einstellung geht hier alles den Bach runter. Das Vermeiden negativer Schlagzeilen oder gar monatelangen Aufenthalts in einer Haftanstalt, die gegen jede Kaserne wie ein Luxushotel wirkt, ist uns wichtiger geworden als das Leben anderer Menschen. Genau diese Kaltschnäuzigkeit, wegzusehen wenn Menschen zu Opfern gemacht werden, nur um selbst vielleicht ein ruhiges Leben zu haben, besiegelt unseren Untergang.
    Die radikalen Muslime verachten unsere Feigheit. Scheinbar zu recht.
    Die iranische oder türkische Luftwaffe würde keine Sekunde zögern, einen Angriff auch unter höherem Kollateralschaden sofort abzuwehren. Wenn wir in die Situation wie in dem film kommen, dann kann nur ein Pilot, der die Maschien abschießt, potenziellen Nachahmern klar machen, dass das bei uns nicht funktioniert. Lässt man die Maschine sehenden Auges schulterzuckend gesetzeskonform in’s Stadion krachen, dann wird es Nachahmungstäter geben. So sicher wie das “Allahu akbar!” vor dem Aufschlag.

  9. Rado

    @Fragolin
    Sie können das ruhig Kaltschnäuzigkeit nennen, ich nenne sowas angewandte Lernschleife.
    Haben sie eine Ahnung, was Polizisten durchmachen, wenn sie einem Gewalttäter auch nur ein Haar krümmen, soferne sie lebend aus der Szene herauskommen? Und da soll ich das Risiko eingehen für irgendeine(n) Unbekannten? Nicht mit mir! Kann auch jedem anderen nur von solchen Abenteuern abraten.

  10. wbeier

    Bemerkenswert finde ich die Aussage des Oberstleutnants der Leitstelle, dass für diese Alarmgruppen Leute selektiert werden,von denen man annehmen kann das sie die systemisch gewünschten Handlungen auch ohne systemischen Rückhalt durchführen. Bösartig könnte man sie als trigger-happy-guys bezeichnen, objektiv eher als arme Trottel am Ende einer Entscheidungskette die keine Entscheidungen trifft. Das ist m.E. eine wesentliche Aussage des Stücks obwohl weitgehend untergegangen: Einerseits ein ganzer Apparat vom Ministerium abwärts der sich heraushält. Andererseits der genannte arme Trottel der blitzschnelle Entscheidungen einsam treffen muss.
    In die gleiche Kerbe schlägt auch der §3 des österreichischen Militärstrafgesetzes. Der geht davon aus, dass der Ausführende eine so umfassende und höher zu bewertende Kenntnis der Rechtsmaterie als der Befehlsgeber hat, um die Ungesetzmäßigkeit eines Befehls sofort zu erkennen. Lächerlich und ein Freibrief für Vorgesetzte, ihre Hände im Zweifel stets in Unschuld zu waschen. Was sieht das Militärstrafgesetz eigentlich für die Erteilung eines ungesetzlichen Befehls vor? Den erhobenen Zeigefinger?
    Resuemee für den armen Tropf am unvorteilhaften Ende der Nahrungskette: Schieß oder schieß nicht, du wirst es immer bereuen!

  11. stiller Mitleser

    @ C.E.Pfaffinger
    “Schielen auf die vox populi” – ja!

  12. Fragolin

    @wbeier
    “Schieß oder schieß nicht, du wirst es immer bereuen!”
    Stimmt in so einer Situation absolut. Deswegen ist es auch irrelevant, sich erstmal hinzusetzen und über rechtliche Konsequenzen nachzudenken oder abzuwägen – es muss eine Entscheidung getroffen werden. Es MUSS. Ich kann, wenn ich einen Ertrinkenden sehe, nicht erst darüber nachdenken, wer mir den Schaden für meine nassen Klamotten bezahlt. Die Entscheidung trifft nicht das Gesetz und nicht der General sondern der Mensch am Knopf, und das einzig und allein nach seinem Gewissen.
    Man hätte bei diesem blödisnnigen “Experiment”, wo man 12 Leute in den Film gesetzt und sie gebeten hat, permanent auf “schuldig”- oder “unschuldig”-Knöpfe zu drücken, stattdessen jeden fragen müssen: “Würden Sie selbst abschießen?” Nicht die Bewertung der Handlung in den Vordergrund stellen, sondern die Frage, wie man selbst in dieser Situation handeln würde. Und dann begründen lassen, warum. Das Ergebnis wäre interessanter gewesen.
    Außerdem muss man sich die Frage stellen, wie ein solches “Schöffengericht” entscheiden würde, wenn a) nur Besucher des Stadions oder b) nur Angehörige der abgeschossenen Passagiere entscheiden müssten.
    Das zum Thema Objektivität des Rechts. Und dass der General im weichen Sessel eine andere Entscheidung trifft als der Pilot, der gezwungen werden soll, dem Tod tausender Menschen hilflos zuzuschauen, wohl wissend, etwas dagegen tun zu können, ist auch klar.
    Der Rest bewegt sich auf dem Niveau der Diskussion um den “Schießbefehl” der AfD. Es gibt eine Rechtslage und eine Befugnis, die sogar an einen Eid gekoppelt wird. Wenn nun ein Grenzpolizist einen illegal als “Flüchtling” getarnten Eindringling in unser Staatsgebiet als weltweit gesuchten Terroristen identifiziert und dieser auf Anruf die Flucht ergreift, und der Polizist schießt nicht – trägt er dann die Verantwortung, wenn dieser Terrorist wenige Stunden später einen Bahnhof mit hundert Leuten sprengt? Ist er befugt, die massive Gefahr für Leib und Leben jener Staatsbürger, die ihn für Schutz entlohnen, im Interesse der Menschenwürde eines gesuchten Terroristen in Kauf zu nehmen und von dem ihm verliehenen Recht, das illegale Eindringen eines Verbrechers zur Not mit der Waffe zu verhindern, keinen Gebrauch zu machen?
    Dass genau jene, die ihn im Falle des Schusses wutkreischend an den Galgen wünschen diejenigen sind, die ihn im Falle eines trotz Möglichkeit nicht verhinderten Terroranschlages als Versager aus dem Dienst werfen wollen, ist dabei nur noch die übiche kotzige Bigotterie der Empörlinge.

  13. Christian Peter

    @Georg Vetter

    In der Bananenrepublik Österreich gäbe es Wichtigeres, als sich um derart lächerliche Fragen zu beschäftigen. Zum Beispiel aus Österreich einen Rechtsstaat zu machen und die Justiz aus der Geiselhaft der Politik zu befreien. Österreich und Deutschland sind einer der letzten Länder Europas mit weisungsgebundenen Staatsanwälten und einer völlig abhängigen Justiz. In fast allen Ländern Europas gibt es eine Selbstverwaltung der Justiz, d.h. Parteien haben keinen Einfluss auf die Bestellung und Beförderung von Richtern, Staatsanwälten und anderen Beamten. Auch der Deutsche Richterbund (in Österreich herrschen dieselben verheerenden Zustände) fordert seit vielen Jahren eine Selbstverwaltung der Justiz vehement.

    http://www.drb.de/positionen/selbstverwaltung-der-justiz.html

  14. Reini

    … das keiner ein Schlechtes Gewissen bei 164 Passagieren haben muss!

    http://www.spiegel.de/einestages/hiroshima-atombombe-pilot-paul-tibbets-spielte-angriff-nach-a-1045800.html

    “Bedauern für seine Tat, die Zehntausende Zivilisten das Leben gekostet hatte, sollte Paul Tibbets, der es später noch bis zum General und Vizepräsidenten eines Luftfahrtunternehmens brachte, nie äußern. Stets beteuerte er, dass der Atombombeneinsatz sogar Leben gerettet habe, weil eine US-Invasion Japans viel mehr Opfer auf beiden Seiten gefordert hätte. Auf Fragen, ob ihn seine Tat, die Schätzungen zufolge über 140.000 Männer, Frauen und Kinder umgebracht hatte, belaste, antwortete der 2007 verstorbene Offizier: “Hell, no!”…”

  15. Falke

    Ein bisschen erinnert mich die ganze Sache an den sehr guten Film “Flight” mit Denzel Washington in der Hauptrolle des Piloten. Für diejenigen, die ihn nicht gesehen haben: Totalausfall der Hydraulik, dem Piloten gelingt es mittels waghalsiger Manöver die Maschine sozusagen “auf dem Kopf (oder Rücken)” zu landen, von über 100 Passagieren sterben dabei 4. Die Luftfahrtbehörde stellt die Lage mittels Simulation nach, es erweist sich, dass kein einziger anderer Pilot die Maschine vor dem Absturz hätte bewahren können. Washington ist also der Held, bis nachgewiesen wird, dass er dabei betrunken und auf Drogen war. Ergebnis: Er wurde wegen vierfachen Mordes zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt. Das kann man jetzt genauso diskutieren.

  16. Fragolin

    @Reini
    Churchill hat eigene Zivilisten widerstandslos von den Nazis bombardieren lassen, damit diese nicht herausbekommen, dass der Enigma-Code geknackt war. Die Diskussion um Kriegsverbrechen krankt immer daran, dass Krieg per se immer ein Verbrechen ist – man begibt sich auf das Niveau des Angreifers, weil man sich nur so verteidigen kann.
    Wenn dir ein brutaler Schläger eins auf die Nuss gibt, wirst du die Situation nicht ändern, indem du ihn zu Kaffee und Törtchen einlädtst, sondern nur, indem du mit allen zur Verfügung stehenden Mittel den Idioten K.O. schlägst. Auch unter Gefährdung und Schädigung Dritter.
    Das ist nicht schön und bringt Ponihof-Träumer zu rothschem Schluchzen, aber es ist nun einmal die Realität. Gegen Aggressoren helfen leider keine Wattebällchen.

  17. Herzberg

    Die Frage nach Schuld oder Unschuld respektive Legitimität oder nicht, kann nicht geklärt werden, solange mit einer falschen oder zumindest hochgradig unpräzisen Beschreibung operiert wird, die sich einmal mehr mit der Allzweckphrase es geht um im Bewußtsein des Lesers festkrallen soll.

    Tatsächlich geht es in dem Beispiel um den Tod von 70.164 Menschen gegen jenen von 164 Menschen.

    Vor dem Abschuß des Flugzeuges waren exakt null besagter 70.164 Personen tot; keine noch so ausgefuchtste Hochrechnung eines jeweiligen Prozentsatzes für den möglichen Grad eines zu Tode Geweihtseins zweier potentiell betroffener Gruppen ändert daran etwas. Mit der Realität gewordenen Tötung von 164 wurden unzulässig alle anderen Optionen verworfen in einer Anmaßung von Wissen, das niemand haben kann, denn die Wirklichkeit ist kein Fallbeispiel, in dem der Spielleiter gleich einem Gott die Zukunft kennt, falls die hypthetische Laborratte sich für die linke statt die rechte Tür entscheidet.

    Der zweite und nicht minder gravierende Fehler liegt im Strapazieren großer Zahlen, das implizieren soll, es gäbe so etwas wie einen zu findenden Muliplikator, der in eine Formel mit ergänzend festzulegenden Wahrscheinlichkeiten eingesetzt daraufhin die Frage nach einer Legitimität beantworten würde.

    Steuerte der entführte Airliner kein riesiges Stadion an, sondern die Hütte einer entlegenen Alm, dann ginge es um den Tod von 164 Personen auf der einen Seite versus 164 plus den Senner auf der anderen. Mathematisch ist die Rechnung glasklar und würde nicht minder den Abschuß rechfertigen, oder? Falls nicht, bedürfte es dann noch einer Gruppe zusätzlicher Wanderer, die in der Hütte rasten und ebenfalls mit den Tode bedroht wären?
    Ja [_], nein [_], weiß nicht [_] , hab’ Angst [_]

    Selbst wenn ungewiß ist, ob irgendwer überhaupt in der Hütte anwesend oder das Flugzeug tatsächlich dort eingeschlagen wäre — unterm Strich bleibt als erkennbar falsche Argumentation im Raum stehen, die Passagiere des Flugzeugs würden mit einem Prozentsatz X irgendwo knapp unter hundert sowieso sterben, also ließe sich diese Unsicherheit legitim in ein Faktum umwandeln, wenn dadurch selbst das noch so kleinste Risiko für Dritte abgewendet würde unter der stillschweigenden Annahme, die herabfallenden Trümmer zeitigten keine anderwärtigen negativen Folgen.

    Wer sich Entscheidungen um menschliches Sein oder Nichtsein mit dem Taschenrechner bewaffnet annähert, soll sich tunlichst auf triviale Fragen nach Legalität beschränken, ist doch diese, anders als jene nach Legitimität, mit Prinzipienlosigkeit und Rechtspositivismus vereinbar. Prinzipien sind Maßstäbe die immer gelten, und entweder dürfen Unschuldige legitim gezielt zu Tode gebracht werden, oder sie dürfen es nicht. Alles andere ist Willkür.

    Der dritte, wenn schon nicht Fehler, so doch irritierende Umstand, ist das Nichtthematisieren einer Gewissensentscheidung, die aufgrund der ihr innewohnenden Polarisierung sich einer objektiven Nachvollziehbarkeit entzieht. In einer Gesellschaft, die sich tatsächlich stringent plausiblen Prinzipien verpflichtet sieht, gibt es auch eine zweifelsfrei gerichtlich befundene Schuld des Täters, ohne diesen daraufhin mit jener Härte zu bestrafen, die ohne die gleichzeitig konzedierte und kausale Gewissenentscheidung angemessen wäre. Wer wissentlich und gezielt Unschuldige zu Tode bringt, ist schuldig, Fullstop.
    Der §10 (Notstand) des österreichischen Strafrechts, auf den Georg Vetter explizit verwies, hätte bei dessen Zuerkennen eine Freispruch bewirkt und damit exakt oben genannter Willkür in die Steigbügel geholfen. Daß im Anlaßfall einer Gewissensentscheidung exakt dieser Paragraph nicht greifen kann, liegt in dessen Begründung, wonach er nur für jene gilt, die so handeln, wonach von einem mit den rechtlich geschützten Werten verbundenen Menschen kein anderes Verhalten zu erwarten war.

    Menschliches Leben ist hoffentlich unstrittig ein schützenswerter Sachverhalt, was sich als Indiz darauf stützt, wonach in der massenmedial inszenierten Umfrage ein guter Teil auf schuldig plädierte und daher auch mutmaßlich anders gehandelt hätte, als der fiktive Pilot des Kampfjets. Ein anderes Verhalten war also ebenso erwartbar, nämlich eines, das sich auf Prinzipien stützt.

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