Und am Freitag besuchen wir eine urige Steinigung!

(C.O.) Wenn es nach den jüngsten Plänen des Justizministeriums in Kabul geht, dann könnte es für die in Afghanistan stationierten Soldaten aus Amerika und Europa schon bald die Möglichkeit einer recht selten gewordenen Freizeitgestaltung für Freitagnachmittag geben: aus nächster Nähe einer echten traditionellen Steinigung zuzusehen. Denn im Zuge einer Justizreform plant der unter dem Schutz der Nato-Verbündeten stehende Staat diese Form, verheiratete Ehebrecher vom Leben zum Tode zu befördern, wieder einzuführen.

Vermutlich als Zugeständnis an den Zeitgeist sollen unverheiratete Ehebrecher hingegen nicht gesteinigt werden: Die sollen mit 100 Peitschenhieben davonkommen, ein besseres Strafmandat sozusagen. Manche überleben das sogar.

Steinigungen unter dem Schutz von Nato-Soldaten – plastischer ist die Sackgasse, in die sich die westliche Politik gegenüber der islamischen Welt seit 9/11 verirrt hat, kaum zu beschreiben. Mehr als 3000 Nato-Soldaten sind seither allein in Afghanistan ums Leben gekommen – mit dem Ergebnis, dass dort demnächst wieder das Mittelalter losbricht, beschützt von US-Kampfjets und tausenden westlichen Soldaten. Abartiger geht’s kaum noch.

Es ist dies leider nicht der einzige Fehlschlag einer Politik, die sich mehr an „Werten“ orientiert als an den nationalen Interessen der USA und Europas. Die von US-Präsident George W. Bush nach 9/11 in Angriff genommene Demokratisierung des Nahen Ostens hat sich weitgehend als gestrandetes Investment von Milliarden von Dollar und zahllosen Menschenleben erwiesen. Selbst der Irak, der einen erheblichen Teil dieser Anstrengungen zu spüren bekam, ist heute nicht ganz jener „Leuchtturm der Demokratie“ geworden, von dem Bush einst fantasierte.

Nicht viel günstiger verlief jener von naiven Westlern so umjubelte und teilweise auch unterstützte Arabische Frühling, der die Demokratisierung der arabischen Welt zu befördern schien, sich letztlich aber vor allem als Instrument der Islamisierung bisher eher säkularer Staaten entpuppte. Das Ergebnis der gescheiterten westlichen Politik kann sich sehen lassen: In Libyen herrscht Chaos, in Ägypten regiert die Armee und in Syrien denkt Assad nicht im Traum daran aufzugeben.

Fazit: Als Ergebnis einer teils falschen (Irak), teils naiven (Arabischer Frühling) und teils irrlichternden (Syrien, Ägypten) Politik der USA und teilweise ihrer Verbündeten geht es heute den Menschen in der Region nicht besser, sondern schlechter als vor einem Jahrzehnt. Und der Einfluss des demokratischen Westens auf diese ebenso wichtige wie brisante Region ist deutlich zurückgegangen, jener Russlands, des Irans und der Golfmonarchien hingegen signifikant gewachsen.

Dabei auch noch zu hoffen, dass der Iran, dessen strategische Position sich deutlich verbessert hat, jetzt brav auf Atomwaffen verzichten wird, braucht ein erhebliches Maß an Glaubensstärke. Man kann das alles nicht anders als einen geopolitischen Scherbenhaufen nennen, der da angerichtet worden ist und vor dem der Westen heute steht, eher ratlos und ohne Karte und Kompass.

Dass die Demokratisierung dieser Weltgegend bis auf Weiteres gescheitert ist, legt einen ziemlich trivialen Schluss nahe: auf eine noch so wohlmeinende, moralgetriebene (Wir-sorgen-dafür-dass-Mädchen-Schulen-besuchen-)Politik weitgehend zu verzichten und sie durch eine Politik zu ersetzen, die vom eigenen nationalen Interesse getrieben ist. Wo etwa der Sturz übler autokratischer, aber prowestlicher Regime permanent Gefahr läuft, noch viel üblere islamistische antiwestliche Regime zu gebären, ist „Regime Change“ mithilfe des Westens vielleicht doch nicht die schlaueste aller möglichen Ideen.

Denn dass westliche Soldaten dafür ihr Leben riskieren, damit in Afghanistan oder sonst wo wieder ungestört gesteinigt werden kann, ist nicht wirklich das nationale Interesse der USA oder ihrer europäischen Verbündeten. (Presse)

12 comments

  1. Thomas Holzer

    All diese “failed states” sind das Ergebnis des Verwechselns/Ersetzens von Realpolitik durch quasireligiöse Demokatiemissionierungen.

    Wobei man schon festhalten darf, daß es Bush primär nicht um Demokratisierung, sondern schlicht und einfach um einen innenpolitisch verkaufbaren Erfolg (mission accomplished) und das Öl im Iraq ging.
    Erst die Europäer schienen von ihrer Demokratiemissionspflicht wahrhaftig überzeugt (gewesen) zu sein.

  2. Paul H. Ertl

    Daß es den Menschen im Irak heute schlechter geht als unter Saddam, kann man nur glauben (wollen), wenn man entweder sehr naiv oder sehr böswillig ist. Einen innenpolitischen Erfolg brauchte Bush nicht, in den ersten Jahren nach 9/11 war er ungemein beliebt. Falls es um Öl ging, dann kaum um solches, das die USA gebraucht hätten; deren Importe aus der Region sind recht bescheiden, und wenn sie in zehn Jahren noch Öl von dort beziehen, was getrost bezweifelt werden darf, dann nur um den Saudis einen Gefallen zu tun. Wenn es soweit ist, können wir uns ja um “Ruhe und Ordnung” dort kümmern. Ich bin sicher, das wird so großartig funktionieren, wie unsere Iran-Politik, die sich der Illusion hingibt, die Ayatollahs müßten nur “vertrausenvoll” (aus dem Vertrag der GroKo) werden. Viel Spaß …….

  3. Selbstdenker

    100 % d’accord.

    Darüber hinaus scheint der Westen seit Ende der 1990iger-Jahre auch auf seinen eigenen Gebieten völlig die Orientierung verloren zu haben.

  4. Thomas Holzer

    Der “EU-Westen” weiß ja, was er weltweit will:
    Geschlechtsgerechtigkeit, Sozialismus per Kommission und Gesetz, Klimawende, “Innovation” per Richtlinie/Verordnung, entmündigte “Bürger” und Demokratie.
    Herz, was willst Du mehr 😉

  5. Thomas F.

    Echte Weltverbesserer als “World Leader” können schließlich nicht einfach zusehen, wenn es im 21. Jahrhundert Staaten gibt mit undemokratischen Regimen, die der Bevölkerung religiöse Regeln aufzwingen und Frauen keine Chancen geben.
    Aber warum fangen sie dann nicht z.B. im Vatikan an mit “democracy spreading”?

  6. aneagle

    Nationen, welche die Fähigkeit zur robusten Wahrung ihrer Eigeninteressen, aus welchen Gründen immer, vermissen lassen, werden diese Fähigkeit, mangels Existenz, künftig nicht mehr brauchen (russisches Sprichwort) 🙂

  7. Mona Rieboldt

    Meine Güte, seid doch nicht so zimperlich. Andere Länder, andere Sitten, heißt es doch. Und wann kann man schon mal einer Steinigung beiwohnen? Das Ganze gefilmt, ist doch an Feiertagen, wenn Besuch kommt, ein Erlebnis für die ganze Familie. Dann noch ein Film über die Auspeitschung und der Besuch in Afghanistan hat sich gelohnt. Das nächste Ziel kann dann Saudi-Arabien sein, da wird noch mit dem Schwert geköpft.

    Ja, von den islamischen Ländern lernen 😉

  8. Reinhard

    Die Frage ist nicht, was die NATO-Soldaten in Afghanistan so alles für folkloristische Riten beschützen, sondern was die da überhaupt zu suchen haben.
    Wenn ein Volk der Meinung ist, seine Sitten und Gebräuche sehen es vor, Ü30-Singles zwischen zwei gespannte Birken zu knüpfen und dann jubelnd der Schaffung neuer Dualitäten beizuwohnen, dann geht uns das mindestens einen feuchten Kehricht an.

    Der einzige Politiker, ein deutscher Präsident, dem ungeschickterweise die Wahrheit herausrutschte, nämlich dass es um Ölpipelines und wirtschaftliche Interessen geht, wurde sehr schnell freiwillig aus dem Amt gegangen.

    Unter diesem Gesichtspunkt erscheint es aber logisch, dass die NATO-Soldaten auch Steinigungen beschützen, denn sie sind eben nicht wegen der Demokratie, der örtlichen Sitten oder irgendwelcher Drogenkartelle und terroristischer Zellen im Lande, wie die Medien immer wieder den Propagandastrategen nachplappern, sondern wegen der wirtschaftsstrategischen Lage. Die ließe sich nur nicht so empört ausschlachten, das käme nicht gut. Vor Allem, wenn ein linksgrüner Ex-Anarcho als Außenminister die Armee in den Hindukusch beordert. So viel Realist war der Joschka, dass er wusste, dass Deutschland keine eigenen nennenswerten Rohstoffe besitzt, was einer Industriemacht immer Kopfzerbrechen bereitet, und dass es dabei sein sollte wenn ein rohstoffreiches Gebirge in Vorbereitung einer internationalen Ölpipeline durchschnitten wird, wenn es einen Teil des Kuchens auf dem eigenen Teller wiederfinden will.

    So lange die Interessen gewahrt bleiben, sollen sich die Eingeborenen samstags mit Brettern die Hinterköpfe massieren oder folkloristische Auspeitschungen feiern. Das ist die Realität. Der Rest ist mediales Geschwurbel, um dem Fritzi daheim zu verkaufen, warum sein Sohnemann in einem Krieg am A*** der Welt verheizt wird.

  9. Thomas Holzer

    @Paul H. Ertl
    Warum wohl war Bush in den ersten Jahren nach 9/11 “beliebt”; natürlich weil er 2 Kriege begonnen hatte, und dem Iraq unterstellte, Al-kaida zu unterstützen.
    2+2 = 4; dieses Ergebnis sollte auch Ihnen mehr oder weniger bekannt sein.
    Natürlich war Saddam ein “Schweinehund”, aber ich wage die Behauptung aufzustellen, daß es den Einwohnern dieses Landes unter Saddam grosso modo besser erging als in den Zeiten, seit die USA ihr “segensreiches” Agieren in diesem Land begonnen haben.
    Natürlich, er hat Kurden abschlachten lassen, den Krieg gegen den Iran geführt, aber das tagtägliche Morden, die absolute Unsicherheit für einen Großteil der Zivilbevölkerung hat es zu seiner Zeit nicht gegeben!

  10. Der Realist

    westlichen Politikern, politischen Kommentatoren und allen die sich gerne öffentlich zu Wort melden, kann getrost harmloses Gemüt, gepaart mit penetranter Arroganz und gutmenschlicher Realitätsverweigerung unterstellt werden. Kritische Stimmen zu militärischen Einsätzen der USA und ihren “Verbündeten” im Irak oder Afghanistan waren so gut wie nicht zu hören. Auch vom “Arabischen Frühling” berichteten Kommentatoren mit aus Freude sich überschlagender Stimme, und ein vom Westen 30 Jahre lang hofierter “Präsident” Mubarak wurde über Nacht zum geächteten Diktator.
    Dass die “Supermacht” USA mit ihrem außenpolitischen Latein schon lange am Ende ist, war wohl nicht zu übersehen, aus falsch verstandenem Kadavergehorsam hat diesbezüglich Europa nie einen kritischen Standpunkt eingenommen.
    Setzen wir also unsere Hoffnungen auf ein wieder erstarktes Russland unter dem “lupenreinen” Demokraten Putin.

  11. herbert manninger

    Seltsam: In Europa bestraft man Kritiker der gleichen Typen, die man da unten bekämpft…..

  12. Mourawetz

    Auch das haben die westlichen Linksliberalen auf den Weg gebracht: Steinigung ist wieder hoffähig geworden in Afghanistan, bald auch in Europa.

    Steinigungen gab es übrigens nicht im Mittelalter, das sich viel mehr als eines der humansten Zeitalter der Menschheitsgeschichte hervortut, vor allem wenn man es mit der jüngeren Vergangenheit vergleicht. Steinigungen stammen aus grauer Vorzeit, Steinigungen stammen im wahrsten Sinne des Wortes aus der Steinzeit. So wie auch deren Ideologie, der Islam, der zwar erst 600 Jahre nach Christi entstand, aber überhaupt nichts von der modernen Moral des Christentums abbekommen hat, und damit das Mahnmal für einen epochaler Rückschritt in der Menschheitsgeschichte schlechthin darstellt.

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