Und das soll Erholung sein?

Ein Wirtschaftswachstum von mit dem freien Auge kaum noch sichtbaren 0.3% pro Jahr gilt in normalen Zeiten als außerordentlich bescheiden und deshalb höchst unbefriedigend. Schon allein deswegen, weil es üblicherweise mindestens 2% Wachstum braucht, um die Arbeitslosenrate nicht unziemlich steigen zu lassen.

Doch dies sind offenkundig alles andere als normale Zeiten. Nach einer sechs lange Quartale andauernden hartnäckigen Rezession atmeten die Politiker und Medien der Eurozone jüngst hörbar auf, als die EU-Statistiker für den Geltungsbereich der Einheitswährung just jenen kümmerlichen Wert von 0.3% plus verkündeten. Schon ist keck von einem Ende der Euro-Krise die Rede.

Leider wäre es ziemlich voreilig, angesichts des minimalistischen Wirtschaftswachstums schon „Brand aus“ zu verkünden. Denn bei etwas genauerer Betrachtung zeigt sich schnell, dass der laue Aufschwung auf einem ziemlich sandigen Fundament basiert.

Wäre beispielsweise nicht Deutschland als größte und stärkste Volkswirtschaft Europas mehr als doppelt so schnell gewachsen wie der europäische Durchschnitt, hätte Eurostat auch diese Woche nicht ein wenig Wachstum, sondern das siebente Rezessionsquartal in Folge vermelden müssen. Denn, und das ist die eher betrübliche Nachricht, große Krisenländer wie Italien oder Spanien schrumpfen weiter vor sich hin, nur das kleine Portugal konnte wieder ein wenig zulegen (was aber möglicherweise auch einer bestimmten Feiertagskonstellation geschuldet sein könnte). Von einem robusten Wachstum von deutlich jenseits der zwei Prozent, wie es nach einer langen und tiefen Rezession eigentlich üblich und zur Reduktion der unvertretbar hohen Arbeitslosigkeit in der EU zwingend notwendig ist, ist die Eurozone noch ungefähr so weit entfernt wie von der feierlichen Gründung der Vereinigten Staaten von Europa.

Das gilt übrigens bis zu einem gewissen Grad auch für Österreich: schon dass 2012 hierzulande ein kleines Wirtschaftswachstum gemessen wurde, lag an knapp zwei Milliarden Euro (entspricht etwa 0.6% des BIP) kreditfinanzierten Investitionen in die ÖBB-Infrastruktur; heuer wird es sich ähnlich verhalten. Das aber heißt: unser Wirtschaftswachstum ist in Wahrheit bloß eines auf Pump, ausgeborgt von kommenden Steuerzahlergenerationen.

Nachhaltigkeit haben wir uns irgendwie anders vorgestellt.

Wie belastbar die Erholung der Eurozone tatsächlich ist, dürfte sich schon bald nach den deutschen Bundestagswahlen am 22. September weisen. Denn dann steht, auch wenn das heute noch bestritten wird, die Griechenland-Krise wieder auf der Tagesordnung. Einer Einschätzung der Deutschen Bundesbank zufolge braucht Athen spätestens 2014 ein neues Hilfsprogramm und vermutlich auch einen neuerlichen Schuldenschnitt, der diesmal direkt von den Steuerzahlern der Geberländer zu begleichen sein wird, weil die bisher nach Athen geschickten 200 Milliarden europäischer Hilfsgelder nicht ausreichen, um das Land vor der Insolvenz zu bewahren. Gleichzeitig sind sowohl Italien als auch Spanien im Herbst von schweren innenpolitischen Krisen bedroht, weil beide Krisenländer von eher instabilen Regierungen geführt werden.

Die Nachricht vom Ableben der Euro-Krise ist leider stark übertrieben. (WZ)

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