Unsere Sorgen möchte man haben…

(ANDREAS TÖGEL) Alois Stöger ist ein Alleskönner. Ein „Wunderwuzzi“, wie man in der Alpenrepublik zu sagen pflegt. Als gelernter Maschinenschlosser (etwas anderes als die darniederliegende verstaatlichte Industrie hat er in seinem erlernten Beruf allerdings nie von innen gesehen) und nach einer fulminanten Gewerkschaftskarriere, war er anno 2008 für das Amt des Bundesgesundheitsministers geradezu prädestiniert. Immerhin kennt er sich als Arbeitnehmervertreter ja bestens mit jenen Tricks aus, die eine medizinische Voraussetzung für die Frühpensionierung bilden.

Für einen brillanten Kopf wie Stöger, ist der dauerhafte Aufenthalt in ein und demselben Ministerium naturgemäß eine Zumutung. Giert er doch, wie alle Hochbegabten, nach ständig neuen Herausforderungen. Seit September des Vorjahres wurde ihm eine solche zuteil, als er im Zuge einer Regierungsumbildung mit der Leitung des Verkehrsministeriums betraut wurde. In dieser Funktion ist er, ganz nebenbei, auch für Innovation und Technologie zuständig. Warum auch nicht? Gut unterrichtete Kreise wissen zu berichten, dass der Mann problemlos einen Bus von einem Fahrrad unterscheiden, und auch die Vorzüge eines Windrades gegenüber einem AKW auf Anhieb benennen kann.

Nun gäbe es für einen Verkehrs- Technologie und Innovationsminister in einem Land, das in wirtschaftlicher Hinsicht seit vielen Jahren dramatisch an Boden verliert, und dessen Arbeitslosenzahlen gerade explodieren, eine ganze Menge Baustellen, an denen er seinen überlegenen Geist unter Beweis stellen könnte. Dass das benachbarte Deutschland, nach wie vor der Haupthandelspartner Österreichs, im Begriff ist, unaufhaltsam davonzuziehen, ist ein alarmierender Hinweis darauf, dass es mit Technologie und Innovation hierzulande offensichtlich nicht zum Besten steht.

Aber was ein in der Wolle gefärbter Sozi ist, hat natürlich andere Sorgen. Was sind schon ein paar ins Ausland verlorene Arbeitsplätze gegen die wirklich wesentlichen Gefahren, denen die Heimat der Sängerknaben und Lipizzaner ausgesetzt ist? Ein Minister muss schließlich Prioritäten setzen – und so kommt das Wichtigste zuerst. Welcher Gefahr, so fragt sich der interessierte Beobachter, wirft sich der talentierte Herr Stöger furchtlos entgegen?

Dazu bedarf es einer erläuternden Vorbemerkung: Seit der Einführung neuer, EU-konformer Nummernschilder für Kraftfahrzeuge, gibt es die Möglichkeit, gegen geringes Entgelt, ein „Wunschkennzeichen“ zu beantragen. Der Kreativität der Fahrzeughalter sind dabei recht enge Grenzen gesetzt. Maximal sechs Stellen, die letzte davon muss in jedem Fall eine Zahl sein, stehen zur Verfügung. Schlichte Naturen haben somit die Möglichkeit, alle Welt über ihre geistige Verfassung aufzuklären, indem sie etwa als „MAUSI 1“ oder „PEPI 3“ die Straßen unsicher machen. Warum nicht? Wer´s mag…

Jetzt aber ist der Minister einer unerhörten Bedrohung gewahr geworden, die in der missbräuchlichen Verwendung von „NS-Codes“ auf Nummernschildern besteht (möglicherweise hat ihm ein wohlmeinender Freund aus Deutschland, wo man das bereits vor Jahren erkannt hat, darauf aufmerksam gemacht). Schon bisher sind Wunschkennzeichen, die Buchstabenkombinationen wie „SS“ oder „SA“ enthalten, unzulässig. Das geht sogar so weit, dass etwa die Ortskennung für Neusiedl am See (im Burgenland) nicht, der üblichen Abkürzungspraxis folgend „NS“, sondern „ND“ lautet.

Nun aber sollen, nach dem Willen des unerschrockenen Antifanten Stöger, auch bestimmte Ziffernkombinationen untersagt werden. Ein großartiger Schachzug, denn woran denkt naturgemäß jeder, der der Zahl 88 ansichtig wird? An „Heil Hitler“ natürlich, ist doch der achte Buchstabe des Alphabets schließlich das H. Und 198? 19=S, 8=H – „Sieg Heil“. Fällt doch sofort ins Auge (zumindest dem, der das richtige Kraut raucht).

Gefahr erkannt – Gefahr gebannt. Dem ruchlosen Treiben ewig gestriger Narren, die mit „NS-Codes“ auf ihren Kraftfahrzeugen alten Ungeist befördern, soll nun entschlossen Einhalt geboten werden. Würde nämlich am Ende mehr als ein Fahrzeughalter auf die perfide Idee kommen, sein Auto etwa mit der Zahl 18 („Adolf Hitler“) zu schmücken, könnten am Ende schon morgen wieder die braunen Kolonnen durch die Straßen marschieren…

Deine Sorgen und dem Rothschild sein Geld möcht´ ich haben“, war ein Spruch, den ich als Kind mit (zu) großen Wünschen oft zu hören bekam. Was für ein glückliches Land Österreich doch sein muss, wenn seine politische Elite sich in einer Zeit, wo mittlerweile beinahe alles den Bach `runterzugehen droht, die Muße hat, sich mit solchen „Problemen“ zu befassen.

Jede Gesellschaft hat die Institutionen, die ihr entsprechen (in Österreich etwa im Verfassungsrang stehende Zwangsinteressenvertretungen). Und jedes Volk hat die Regierung, die es verdient. Und die besteht im Land der Hämmer eben aus Leuten wie Alois Stöger. Tu felix Austria!

Tagebuch

10 comments

  1. RobertSpeil

    Nicht nur Min.Stöger ist ein Wunderwuzzi,Wie sie die Probleme sehen.Auch unsere gesamte Regierung.Höchste Steuern und Gebühren.Doch immer Wiederwahl.Zeigt welcher Geist dieses VOLK beflügelt!

  2. Walter Liechtenecker

    Der geniale, stögerische Weitblickkoeffizient wurde auch beim letzten Interview sichtbar:

    Er ist unbedingt für Verstaatlichungen und sich ganz sicher, dass die Privatisierung der VÖST ein riesiger Fehler war, der dem Staat viel Geld gekostet hat.

  3. Thomas Holzer

    @michelle
    Ich habe dieses Interview mit zunehmendem Entsetzen gelesen………..die Tragik ist, dieser Mann ist auch noch stolz auf seine intellektuelle Unbedarftheit und Unwissenheit.

    Wieso aber die behördliche Zuteilung allfälliger “Nationalsozialisten-Codes” auf KFZ-Kennzeichen nicht sanktioniert, also verboten wird, bleibt mir unerklärlich.
    Dies widerspricht doch sicherlich einem der vielen in Österreich existierenden Gleichbehandlungsgesetze 😉

  4. Thomas Holzer

    p.s.: laut Print-“Die Presse” war auch ein Verbot von “BH” angedacht 🙂

  5. Rennziege

    Alois Stöger: “Wir sind außerdem eine Weltraumnation.”
    Selten so gelacht. Auch über den Rest dieser Märchenstunde.

  6. Rennziege

    P.S.: Mit “Marchenstunde” meine ich keineswegs Herrn Tögel, sondern das Stöger-Interview im “Kurier”.
    (Danke, michelle!)

  7. Fragolin

    @Rednnziege
    Natürlich ist Österreich eine Weltraumnation! Der Weltraum besteht ja bekanntlich hauptsächlich aus Vakuum, nun ja, und der Inhalt der Köpfe unserer Regierung kann da offensichtlich locker mithalten…

  8. Fragolin

    Ich ziehe das “d” zerknirscht zurück und verstecke es einfach in irgendd einem anderen Wort. Ob’s jemand findet?

  9. aneagle

    Nach gut informierten Gerüchten sollte Stöger ja neben Kern und Hunds-torfer ins Alternativkanzlertrio aufsteigen, bis…
    …ja bis einer der Wahleventmanager die Quersumme der Buchstabenwerte von STOEGER errechnete und auf 89 kam !
    Bled gelaufen das, verdammt nah an 88 !

    Jetzt werden zwei neue adäquat geniale Strategien gewälzt:
    a.) Kann man ALOIS mit in die Quersumme einrechnen ?
    b.) Hat sich keiner verrechnet und wie nahe darf man an 88 sein ?

    Was wirklich wichtig ist kennt keinen Aufschub, die Löwelstraße “braint das es stormt” 🙂

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