Vom Aussterben der Europäer

Von | 27. April 2013

Die Deutschen, so wird in Brüssel gerne in einer Mischung aus Respekt und Amüsement gespöttelt, seien im Grunde die einzigen Europäer: weil sie über Jahrzehnte meist die Rechnung der Europäischen Integration übernommen und im Gegensatz zu allen anderen EU-Staaten ihr jeweiliges nationales Interesse in der Regel nur sehr behutsam vertreten haben; ein später Nachhall der dunklen Nazi-Jahre. Das Bekenntnis, Europäer zu sein, kam den Deutschen nach 1945 stets leichter über die Lippen als etwa Franzosen oder Briten.

Doch jetzt scheinen auch die Deutschen langsam die Lust zu verlieren, Europas einzige Europäer zu sein. Erstmals könnte im Herbst eine dezidiert EU-skeptische Partei in den deutschen Bundestag einziehen – die “Alternative für Deutschland”. Und geradezu dramatisch ist das Kippen der öffentlichen Meinung: Fast 60 Prozent der Deutschen schenken laut Eurobarometer den EU-Institutionen kein Vertrauen mehr; vor fünf Jahren waren es bloß 36 Prozent. Damit sind die Deutschen jetzt von der EU sozusagen genauso angespeist wie (fast) alle anderen Europäer. Mit Ausnahme Polens überwiegt mittlerweile in den sechs größten Staaten der EU die Abneigung gegen diese massiv.

Wäre die EU ein Unternehmen, tagte der Vorstand angesichts derart alarmierender Zahlen wohl Tag und Nacht im Krisenmodus, um Ursachen und Lösungen zu finden. Umso bizarrer ist da, was der EU-Kommissionspräsident dazu jüngst anmerkte: “Populistische und nationalistische Kräfte” würden den “Traum von Europa” gefährden. Na klar, und der revanchistische US-Imperialismus war schuld am DDR-Untergang.

José Manuel Barrosos Einlassung ist Unfug. Denn die Diskreditierung und damit verbundene Delegitimierung der Union ist nicht irgendwelchen Mächten der politischen Finsternis geschuldet, sondern schwerem multiplen Versagen der EU und, last not least, ihrer Mitglieder. Nationalisten und Populisten können ihr Geschäft nur auf der Grundlage dieses politischen Versagens betreiben.

Dass die EU heute von der Bevölkerung mehr als Teil des Problems denn der Lösung empfunden wird, liegt in den Gläubigerstaaten vor allem an der legitimen Abneigung, für die Schuldnerstaaten zu zahlen, dort hingegen an den als Zumutung empfundenen Austeritätsappellen der Gläubiger. Die erzwungene Solidarität hat Gebern wie Nehmern die Laune verdorben. Weitgehend einig sind sie sich hingegen darin, dass die nationalen Demokratien durch das Handling der Eurokrise teils massiv ausgehöhlt wurden und man den demokratischen Prozess mit der Keule “alternativlos” erschlagen hat.

Dazu kommt, als wäre all das noch nicht genug, dass die europäischen Institutionen trotz dieses multiplen Versagens noch immer jede Menge Zeit und Kraft aufbringen, den Bürger dort zu bedrängen und zu behelligen, wo sie absolut nichts verloren haben. Solange die europäischen Institutionen und ihre Master in den nationalen Regierungen nicht begreifen, dass nicht primär Populisten und Nationalisten das Problem sind, sondern sie selbst – solange wird Europa nicht zu heilen sein. (WZ)

23 Gedanken zu „Vom Aussterben der Europäer

  1. world-citizen

    Klare Logik!
    Wenn es brennt, dann ist die Feuerwehr schuld; wer denn sonst?
    Und wenn die Feuerwehr nicht kommt, dann sind natürlich die Feuerwehrleute schuld und nicht die Falschparker, die der Feuerwehr den Weg versperren.

  2. joksch

    @world-citizen Wie immer, haben Sie absolut nichts verstanden ! Tut Ihnen Ihr Unverständnis nicht langsam selber weh ?

  3. Thomas Holzer

    @world-citizen
    Und die EU-Kommission ist dann Ihrer Meinung nach die Feuerwehr?
    Sorry, aber diese Ansicht ist leider einfach nur lachhaft 🙁
    Etwas weniger Naivität hätte ich Ihnen schon zugetraut

  4. Reinhard

    Die EU ist mit dringenderen Problemen beschäftigt. Da ist es nur eine lästige Nebensache, jedesmal mit der Merkel verhandeln zun müssen, bevor sie sowieso wireder umfällt. Sollen die Deutschen doch einfach hakeln, zahlen und Fresse halten.
    So muss jetzt eine neue Saatgutverordnung ausgearbeitet werden, die einerseits die Interessen der Großhersteller floralen fortpflanzungsunfähigen Einheitsgulaschs wahrt, andererseits aber jeden Besitz und auch die private Weitergabe nicht zugelassener Pflanzen unter schwere Strafe stellen möchte. Wer also glaubt, in ein paar Jahren noch am Wochenmarkt ein paar nicht EU-konformer Bio-Äpfel kaufen zu können, wird sich bald in der Realität des europäischen Einheitsapfels wiederfinden. Da darf uns keine krumme Gurke mehr auf den Tisch kommen!
    Die Prioritäten liegen eindeutig bei den Interessen der sogenannten “Lobbyisten”, eine schöne Umschreibung für Korruptionisten, und nicht bei so unwichtigen Dingen wie dem drohenden Untergang der Institution EU durch Zusammenbruch der nationalen Volkswirtschaften.
    Sie haben den Eisberg nicht nur gerammt, sind nicht nur umgekehrt um noch ein paarmal draufzuklatschen, nein, sie stehen an der zerfetzten Reling und erlassen Regeln, von welcher Seite ein Champagnerglas einzugießen sei und welchen Fettanteil die Butter für die Mechaniker nicht unterschreiten darf, die derweil im Unterdeck jämmerlich ersaufen.
    Lassen wir sie noch eine Weile regulieren, die Brüsseler Spitzenbeamten mit ihren Ärmelschonergehirnen, und auf eine von Monsanto, Dupont oder Syngenta gesponserte Saatgut-Bildungsveranstaltung auf den Malediven fliegen; bald werden ihre Richtlinien ebensoviel Wert sein wie ihre Verträge jetzt schon sind – nämlich das Papier nicht, auf dem sie dreifach übersetzt, erläutert und gegendert stehen.

  5. world-citizen

    Thomas Holzer :
    @world-citizen
    Und die EU-Kommission ist dann Ihrer Meinung nach die Feuerwehr?

    Kommission und Parlament sind die Feuerwehr und die Falschparker sind die Regierungen in den zahlreichen Hauptstädten.

    Man stelle sich nur vor, die USA würden von 50 Gouverneuren regiert, die sich 2x jährlich an einem verlängerten Wochenende treffen. Würde dann noch irgendwer die USA ernst nehmen?

  6. world-citizen

    @Reinhard

    Die Saatgutverordnung wird sicher nicht durch das Parlament kommen. Aber ein Staat wird bestimmt vor Monsanto in die Knie gehen und die Entscheidung des Parlamentes zunichte machen.
    Teile und herrsche – dieses Prinzip haben die großen Konzerne gut verinnerlicht und die Kleingärtner erkennen einfach nicht, daß sie nur nützliche Idioten sind.
    Gut gemeint ist nicht selten das Gegenteil von gut.

  7. world-citizen

    Thomas Holzer :
    @world-citizen
    Kommission und Parlament sind NICHT die Feuerwehr, sondern die Brandbeschleuniger!

    Benzin im Tank ist nützlich, Benzin in den Händen von Zündlern ist eine Gefahr.
    Auch Brandbeschleuniger brennen nicht, wenn sie nicht von irgendwem angezündet werden.
    Die Zündler sind immer noch die nationalen Regierungen.

  8. Mercutio

    “andererseits aber jeden Besitz und auch die private Weitergabe nicht zugelassener Pflanzen unter schwere Strafe stellen möchte”

    das ist — bei aller von mir geteilten EU-Kritik, gerade wegen der Bevorzugung der Konzerne — nichts anderes als Latrinenpropaganda und Panikmache.

  9. Suwarin

    world-citizen :
    Klare Logik!

    Könnten Sie mal mit anfangen.
    Kommission und Brüsseler Debattierclub gut, nationale Politiker böse?
    Also war Öttinger böse, solange er Ministerpräsident von Baden-Württemberg war und ist schlagartig gut geworden, als er in die Kommission wechselte? Genau, wie van Rompuy und Barrosso?
    Und Holger Krahmer ist zurzeit gut, weil er in Brüssel sitzt, mutiert nach September dann aber zum Bösen, wenn er (so die Sachsen wollen) nach Berlin wechselt?

    Ihre Trennung Brüssel Nationalstaaten ist verdammt naiv.

  10. gms

    world-citizen :
    Die Zündler sind immer noch die nationalen Regierungen.

    Nehmen wir als Arbeitshypothese mal an, diese Aussage sei zutreffend, und es wären in der psychiatrischen Anstalt mit dem blaugoldenen Sternenbanner tatsächlich die Irren diejenigen, welche die Rolle der Wärter ausüben.

    Die Alternative dazu besteht nach Ihrer Vorstellung darin (korrigieren Sie mich bitte, falls ich irre), daß besagte Pyromanen fürderhin vermehrt von denjenigen im Zaum gehalten werden, die wiederum von denselben zündelnden Unholden ins Feuerwehr-Hauptquartier entsandt wurden.

    Den Glauben, die nationalen Wirrköpfe würden ausgerechnet ihre lokalen, vor Redlichkeit strotzenden Ausbünde globaler Weisheit in die Fremde zum dortigen Wirken und Rückwirken schicken, halte ich empirisch unterfüttert für naiv. Besonders Spitzfindige mögen anmerken, das ganze Gedöns von wegen Zündeln und so sei irrelevant, falls man das eigene Kartenhaus, wie anno dazumal, wieder ausserhalb der Reichweite flammenaffiner Nachbarn rückt.

    Bleibt Plan C, wonach Europa vorsorglich und flächendeckend zwanzig Meter unter Wasser zu setzen ist, was jede Brandgefahr ein für allemal konsequent unterbindet. Ist auch irgendwie logisch: Wen man umbringt, der kann auch nicht so dumm sein, Selbstmord zu begehen. Auch streiten Tote nicht untereinander, sie mucken nicht auf, zünden kein Nachbarhaus an, und alles ist irgendwie angenehm friedhofsstill.

  11. Thomas Holzer

    @world-citizen
    Kommission und EU-Parlament sind Zündler, die zusätzlich noch Brandbeschleuniger verwenden, um politisch absolut korrekt zu formulieren 😉

  12. world-citizen

    Thomas Holzer :
    @world-citizen
    Kommission und EU-Parlament sind Zündler, die zusätzlich noch Brandbeschleuniger verwenden, um politisch absolut korrekt zu formulieren

    Wenn das so wäre, dann wären wohl auch alle Wähler, die die Mandatare des Parlamentes gewählt haben Zündler.
    Aber bekanntlich gibt es im Parlament unterschiedliche Fraktionen, weil deren Wähler ja auch unterschiedliche Bedürfnisse und Meinungen haben.

  13. Mourawetz

    Lasst uns einfach klar stellen, dass wc von einer Weltregierung beseelt ist, die für alle, also für die ganze Welt alles und jedes klar regelt. Und das obwohl schon 60 % der Bevölkerung nichts von einer Zentralregierung nur für den europäischen Kontinent hält.

  14. gms

    world-citizen :
    Wenn das so wäre, dann wären wohl auch alle Wähler, die die Mandatare des Parlamentes gewählt haben Zündler.

    Das kann sein. Die Beteiligung bei EU-Wahlen ist denkbar gering, das EU-Parlament würde wohl auch dann gefüllt werden, wenn in Summe gerademal eine Schulklasse handverlesener Klosterschülerinnen zur Wahlurne schreitet, und auf den Listen der Parteien einzig Psychopathen stünden.

    Ob und wie sich der Wähler mitschuldig macht, ist in einem ansich falschen System eine nachrangige Fragestellung.

    > Aber bekanntlich gibt es im Parlament unterschiedliche Fraktionen, weil
    > deren Wähler ja auch unterschiedliche Bedürfnisse und Meinungen haben.

    Aus dem selben Grund gibt es a) Niederlassungsfreiheit und b) lokale Parlamente. Wozu sollte ein Mensch mit Verstand 500km weit übersiedeln, wenn er dort auf dieselben Obertanen trifft, die er zuhause wegen unterschiedlicher Bedürfnisse und Meinungen mit den Füßen abwählen würde?

  15. world-citizen

    Mourawetz :
    Lasst uns einfach klar stellen, dass wc von einer Weltregierung beseelt ist, die für alle, also für die ganze Welt alles und jedes klar regelt. Und das obwohl schon 60 % der Bevölkerung nichts von einer Zentralregierung nur für den europäischen Kontinent hält.

    Und genau diese 60% sind es, die die Lebensgrundlagen der Menschheit zugrunde richten. Aber die Erde wird’s überleben. Sie hat ja nur Läuse.

  16. world-citizen

    @gms

    >>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>> Aus dem selben Grund gibt es a) Niederlassungsfreiheit und b) lokale Parlamente. Wozu sollte ein Mensch mit Verstand 500km weit übersiedeln, wenn er dort auf dieselben Obertanen trifft, die er zuhause wegen unterschiedlicher Bedürfnisse und Meinungen mit den Füßen abwählen würde? <<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<

    Ja, und diese Niederlassungsfreiheit ist wenig wert, so lange sie nicht mit der Wohnsitzbürgerschaft gekoppelt wird.
    Was nützt es mir, wenn ich anderswo hin ziehen kann, mit dort aber dann das Recht verwehrt ist, das politische Geschehen mitzugestalten.

    http://www.wohnsitzbuergerschaft.blogspot.com

  17. rubens

    @world-citizen
    Na sonst noch was, da können dann Kosmopoliten wie Sie immer von sich behaupten, Brände legen und dann an den nächsten Wohnsitz ziehen, um dort wieder verbrannte Erde zu hinterlassen.

  18. gms

    world-citizen :
    Ja, und diese Niederlassungsfreiheit ist wenig wert, so lange sie nicht mit der Wohnsitzbürgerschaft gekoppelt wird.
    Was nützt es mir, wenn ich anderswo hin ziehen kann, mit dort aber dann das Recht verwehrt ist, das politische Geschehen mitzugestalten.

    Jetzt rotieren wir heftig im Kreis: Woran soll der Witz am Auswandern bestehen, weil einem die hiesigen Obertanen nicht zusagen, wenn man doch, wie Sie implizieren, zuhause dank umfassender Bürgerrechte sowieso ~mitgestalten~ kann?!

    Anders’rum: Welches Land soll insbesondere für Liberale ein reizvolles Ziel sein, das der Mitgestaltung des freiheitsliebenden Zuwanderers bedarf? Das Ansinnen, sein Leben frei von der Willkür Dritter gestalten zu können, ist mit dem eigenen Wunsch nach Eingriffsmöglichkeiten ins Leben seiner Mitmenschen schlichtweg inkompatibel.

    Liberal verfaßte Gesellschaften sind daher zwecks Wahrung besagter Liberalität gut beraten, keine Rechte zu vergeben, welche eben diese liberale Ordnung gefährden. Klingt komisch, ist aber so.

  19. world-citizen

    rubens :
    @world-citizen
    Na sonst noch was, da können dann Kosmopoliten wie Sie immer von sich behaupten, Brände legen und dann an den nächsten Wohnsitz ziehen, um dort wieder verbrannte Erde zu hinterlassen.

    Bitte um ein konkretes Beispiel. Wo hat jemals ein Kosmopolit einen Brand gelegt. Die meisten von ihnen waren, wenn es brannte im Exil und die, die es nicht rechtzeitig schafften landeten häufig im KZ.

  20. world-citizen

    >>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>> Anders’rum: Welches Land soll insbesondere für Liberale ein reizvolles Ziel sein, das der Mitgestaltung des freiheitsliebenden Zuwanderers bedarf? Das Ansinnen, sein Leben frei von der Willkür Dritter gestalten zu können, ist mit dem eigenen Wunsch nach Eingriffsmöglichkeiten ins Leben seiner Mitmenschen schlichtweg inkompatibel. <<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<

    Demnach müssten nach Ihrer Diktion Wahlen gänzlich abgeschafft werden.

    Und die Gründe, die einen Menschen zum auswandern bewegen können sehr vielgestaltig sein. Es muß nicht immer ein besserer Verdienst sein oder die Flucht vor Repressalien.

    Ich kann Ihnen hier einen Menschen vorstellen, der schon sehr frühzeitig seiner Heimat den Rücken kehrte und dies bis zum letzten Tage seines Lebens nicht bereute:
    http://www.der-eremit.blogspot.com

  21. Suwarin

    @world-citizen
    Och bitte, jetzt setzen Sie sich doch nicht auch noch in die Nachfolge von NS-Opfern.

    Konkrete Beispiele gibt es zuahuf: Im Grunde den gesamten herrschenden Adel bis 1789, der ja häufig besser französisch konnte, als die Sprache der beherrschten Landsleute. Und die Franzosen nach 1789 waren auch beseelt, ihr System nicht für sich zu behalten, sondern es kosmopolitisch mit allen Nachbarn zu teilen, ob die wollten, oder nicht.

  22. Mercutio

    @Suwarin
    “aren auch beseelt, ihr System nicht für sich zu behalten”

    Ebenso wie die Nazis, Sowjet-Kommunisten und nicht zuletzt plutokratischen US-Amerikaner, so what??

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.