Voyeur-Alarm am FKK-Strand!

Von | 7. August 2013

“…Protest gegen Daten-Schnüffelei ist moderne Maschinenstürmerei. Viele werfen mit ihren Daten nur so um sich – dann regen sich diese Exhibitionisten darüber auf, dass sie beobachtet werden…” (Henryk Broder, “Welt“)

Ein Gedanke zu „Voyeur-Alarm am FKK-Strand!

  1. gms

    Fast hat man den Eindruck, der bei anderen Themen brillierende Broder hätte hier seinen Zenith überschritten und sei sich dessen sogar bewußt, wenn er mit fatalistischem Subtext unter anderem schreibt: ” Und wenn demnächst das Bargeld abgeschafft wird, weil der Druck und der Vertrieb der Banknoten angeblich zu teuer sind, und man jede Tasse Kaffee und jede Kugel Eiscreme mit einer Chipkarte oder dem Handy bezahlen muss, wird das nicht nur den Finanzämtern die Arbeit erleichtern, sondern den letzten Rest an Privatheit vernichten.”

    Plakativ und in der Sprache der Berufsvoyeure gesprochen: “Your’re fucked. Face it!”

    Die Widersprüche in Broders einmal mehr gekonnt formulierter Polemik sind zu offensichtlich, um sie ohne Gefahr der Langeweile auszubreiten. Dennoch: Der einzelne Exhibitionist mag vielleicht seine Vorderseite barfuß bis zum Bauchnabel in HD-Qualität ins Netz stellen oder sich am Publikum beim Vögeln seiner Freundin erfreuen, zugleich aber begründet Abstand davon nehmen, was seine entblößte Rückseite anbelangt oder den Akt mit dem Gummischwein.

    Privatheit bedingt die Herrschaft über den Ein/Ausschalter der Kamera, sie beinhaltet unabdingbar das Recht darauf, dem Großen Bruder den Mittelfinger zu zeigen, aufdaß dessen Monitore schwarz werden.

    Auch irrt Broder gewaltig, wenn er in der zunehmend größer werdenden Datenhalde einen zugleich konstant größer werdenden Vorteil des Individuums in dessen Rolle als Stecknadel behauptet. So mag vielleicht nicht die Zahl der von den Behörden gepiesackten Bürger zunehmen, die sich über die Bombenstimmung beim letzten Zeltfest austauschten, aber denjenigen, die tatsächlich ins Fadenkreuz der Behörden gelangen, lassen sich umso leichter Stricke drehen aus deren im Netz verstreuten und zugleich vermehrt aufgesammelten Brotkrumen.

    Einrichtungen, welche Datenmaterial von berufswegen zu Verdachtsmomenten verdichten, müßen aus ihrer Natur heraus das Gefundene wider den Betroffenen verwenden. Die Folgen dessen sind — als Konsquenz der erodierten Unschuldsvermutung — vermehrter Zwang zur Rechtfertigung, gepaart mit wachsender Paranoia beim Bürger, seinen Überwachern nicht ungewollt den einen oder anderen Köder hinzuwerfen, der einen selbst zum Fisch am Haken der Staatsgewalt werden läßt — mit nachfolgendem Gezerre um entlastende Aspekte, die wiederum der Betroffene aus dem Datenmeer zu fischen hat zur Vermeidung von Indizienprozessen. Überwachung wirkt!

    Die These ist falsch, der Zug sei endgültig und unumkehrbar in Richtung 7x24h-Zwangsbeobachtung abgefahren, nachdem mit IP6 schon jedes Label einer Unterhose nachhause telephonieren kann und der wohlstandsverwöhnte Bürger nicht auf diese omnipräsenten Chips verzichten wird, während der Staat mit derselben Inbrunst über jeden Furz seiner Untertanen im Bilde sein muß, weil andernfalls alles ganz toll beschissen wird.

    Ja — nahzu alles kann(!) getan werden. Zeichen einer mündigen Gesellschaft wiederum ist die tatsächliche Grenzziehung zwischen Können und Dürfen, insbesondere bezogen auf jenes, was der Gewaltmonopolist darf. In der sichersten aller Welten gibt es keine Verbrechen, weil jedes Zucken im Gesicht eines Überwachten rechtzeitig Alarm auslöst. In der sichersten aller Welten paßt der Große Bruder auf seine Pappenheimer auf, und Henryk M. Broder liebt ihn anscheinend schon heute.

    “Your’re fucked.” — Entweder, wir ziehen den Stecker aus dieser Dystopie mit Ansage, oder wir tun es Broder gleich und überantworten uns heute schon dem kältesten aller Ungeheuer, damit dieses morgen gnädig mit uns verfahre.

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