War Sigmund Freud ein betrügerischer Scharlatan?

Von | 1. September 2017

“…..Der 85 jährige Frederick Crews, emeritierter Professor für Englische Literatur der University of California, Berkely, Autor dutzender Essays und Fachbücher über anglo-amerikanische Autoren, hatte sein Leben lang eigentlich nur ein einziges Hobby: Wie weise ich nach, dass Sigmund Freud ein Betrüger war!

Vor wenigen Tagen erschien sein Lebenswerk: Freud – The Making of an Illusion (Macmillian, USA, August 2017). Ein Buch mit 762 Seiten, in dem der Autor kaum etwas auslässt, um Freud vom Sockel zu stürzen.

Für Crews war Sigmund Freud ein Scharlatan, der mit erfundenen Erkrankungen und absurden, nichtssagenden Diagnosen wohlhabenden Patienten das Geld aus den Taschen holte und in vielen Fällen durch seine langwierigen, sinnlosen Therapien eine Heilung verhinderte und die Situation der Behandelten oft noch verschlechterte.” (weiter hier)

26 Gedanken zu „War Sigmund Freud ein betrügerischer Scharlatan?

  1. Der Realist

    Vielleicht hat dieser weise Mann doch nicht ganz unrecht.

  2. Marianne

    Vor vielen Jahren hörte ich einen österreichischen Professor der Psychiatrie im Zuge einer Diskussion sagen: Freuds Psychotherapie? Die gehört in den Bereich der Belletristik. Medizinisch wertlos, außer vielleicht in Amerika.

  3. stiller Mitleser

    Freud war sicherlich eine eher unangenehme Person, ehrgeizig, eifernd und nicht ohne eine gehörige Portion Selbstmitleid und Herrschsucht. Die Fallstudien zu lesen ist ernüchternd, wie vor und nach Freud sind seine Casuistiken gerafft bis geschönt. Freud fand ein soziales Segment, das wohlhabende und gesellschaftlich aufstrebende Wiener jüdische Bürgertum, in dem er Unterstützung fand und das mit ihm seine intern familiären Konflikte bearbeiten und sich auch kulturell profilieren konnte (so wie etwa auch mit der Förderung der Wiener Werkstätte).
    Durchaus übliche Medikationen seiner Zeit (z.B. Laudanum bei Geburten) waren in Konsequenz schädlich, im Rückblick werden wir dann wissen, welche aktuellen Medikationsmoden es ebenfalls sind.
    Daß Freud Kokain nahm, zeigt wie angestrengt sein sozialer Aufstieg verlief, all die Rituale in der kleinen Freundesgruppe (die Vergabe von Ringen, die bekannten Zerwürfnisse und Spaltungen) zeigen uns, wie sehr er sich nach Anerkennung, Unterstützung und Sicherheit sehnte.
    Es gäbe noch sehr viel zu sagen, die Psychoanalyse und ihre verschiedenen groupuscules und Devianzen, aber auch ihre strengen Bewahrer des Erbes, sind durchaus diskussionswürdig und Demystifikation ist ein
    unendliches Unterfangen, wodurch und wie motiviert sie auch unternommen wird, dennoch: im therapeutischen Kanon sind Freuds Einsichten, wenn auch fragmentiert, fest verankert.

  4. mariuslupus

    Schon wieder eine der mit Kriterien des 21. Jahrhunderts die Situation in der Medizin Ende des 19.Jahrhunderts, verbissen versucht zu verurteilen.
    Freud war ein grosser Schriftsteller, Schnitzler der grössere Psychoanalytiker.

  5. Thomas F.

    Freud hat mit seiner Methode Heilungserfolg erziehlt. Und nur eine erfolgreiche Therapie beweist die Richtigkeit der Diagnose. Die heutige Generation der Psycho-Irgendwas (die typischerweise Freud nie gelesen hat, aber abschätzig darüber urteilt) brüstet sich bereits mit einer Diagnose um den Patienten dann mit Psychopharmaka ruhig zu stellen. Die schlimmsten Scharlatane sind diese GerichtspsychiaterInnen mit ihrem Müll, den sie absondern.

  6. namor

    Interessant dazu Freidrich Weinberger: Sigmund Freud (und Wilhelm Reich) wurden im deutschsprachigen Raum kaum gewürdigt, die linke Kulturszene New Yorks nahm sie gierig auf und bereitete dem Erfolg so den Weg. Die aktuelle Frühsexualisierung und der Angriff auf die Identitätsbildung kann direkt von Freud abgeleitet werden.

    https://m.youtube.com/watch?v=xeFlKMOvuC8

    Das Interview ist zwei Stunden lang, ideal für Autofahrten. Freud wird mehrmals Thema.

  7. raindancer

    ich finde Freud ganz wichtig …nicht wegen seiner Therapien und Denkansätze, sondern weil er überhaupt die Erkankung der Psyche thematisiert hat.
    Ein Freud ist mir allemal lieber als die weissen Monster heutzutage, die glauben alles mit Psychopharmaka niederbügeln zu müssen und echte Kriminelle und Wahnsinnige wieder auf die Bürger loslassen wie zb Vergewaltiger, Kinderschänder oder zb Typen wie dem vom Brunnenmarkt.
    oder umgekehrt den islamischen Terroristen und islamischen Frauenverachtern Fluchtwege aus der Jusitz offen lassen indem Drogen, Alkohol und psychische Instablität als Milderungsgründe zugelassen werden.

  8. Der Realist

    @raindancer
    die Erkrankung der Psyche wurde schon Jahrhunderte vor Freud thematisiert, und trotz aller Bedenken, in vielen Fällen ist das eben die einzige wirksame Behandlungsmethode

  9. Historiker

    Wendelin Schmidt-Dengler, der 2008 verstorbene Literatur-Professor. erklärte schon vor Jahrzehnten, “als Arzt wird er nicht überleben, aber ganz sicher als Literat”. – Ich war in mehreren seiner Literatur-Vorträge und in diesen sagte er auch: “In Wien glaubt kein Mensch an die Theorien von Freud, aber der Rest der Welt, besonders New York, ist ganz verrückt nach diesem Unsinn”.

  10. caruso

    @raindancer – danke! Sie schrieben den einzigen vernünftigen Kommentar. Leider verstehen die Wenigsten Freud, Psychoanalytiker inbegriffen. /Sage ich als großer Sachverständiger:-)))/
    Oft hat man versucht ihn herunterzumachen, bis jetzt ist das niemandem gelungen. Und es wird niemandem gelingen. Freud war ein Großer, wie ein jeder Kind seiner Zeit, zugleich überschritt er in einigen Hinsichten die Grenzen seiner Zeit. Er war sicher kein makelloser Charakter, aber wer ist das schon? Keiner. Weder damals noch heute. Noch etwas. Vieles wird ihm persönlich zugeschrieben, was in der Psychotherapie schief geht, das eine oder andere stimmt möglicherweise, doch das meiste haben seine tatsächlichen oder angeblichen Nachfolger verbrochen. Ich bin kein Freud-Anbeter, war es auch nie, aber das hindert mich nicht daran, seine Größe (auch seine Fehler) zu sehen.
    lg
    caruso

  11. Reini

    Genie und Wahnsinn liegt eben sehr knapp beieinander! … wer nichts riskiert wird nie einen Durchbruch haben, und so manch verrücke Professor hatte eine bahnbrechende Erfindung,… und hinterher ist man immer gscheiter!

  12. Mona Rieboldt

    Freud hat vor allem der Kirche die Psyche entrissen und gezeigt, dass sie krank sein kann. Für die katholische Kirche gab es ja noch in der Neuzeit Teufelsaustreibungen, vom Hexenwahn ganz abgesehen. Das ist das eigentliche Verdienst von Freud zu zeigen, dass man seelisch erkranken kann und nicht vom Teufel besessen ist.
    Einzelheiten, die von Freud damals gesagt wurden, sind heute veraltet durch neuere Erkenntnisse. Freud war ein Pionier der Psychoanalyse.

  13. mariuslupus

    @Mona Rieboldt
    Entschuldigung, vielleicht ist einiges an seiner Methodik veraltet. Aber sein Werk, die Beschreibung des Unbewussten bleibt bestehen. Das grösste Sakrileg das Freud begangen hat, und dass man ihm bis heute nicht verziehen hat, war seine Entdeckung, dass der Mensch von Trieben und nicht von der Ratio geleitet wird.
    Jede Handlung ist zuerst vom Trieb initiiert, die Ratio liefert nachträglich die Rechtfertigung.

  14. aneagle

    Wie jeder außergewöhnliche Forscher hatte Freud Erfolge, Misserfolge, menschliche Schwächen und geniale Erkenntnisse. Für den Fortschritt der Psychiatrie war Freud wichtig. Was seine wohl- und mindergutmeinenden Erben aus seinem Werk machen, liegt bei ihnen. Eine psychische Erkrankung konnte weder Freud heilen, noch können es die heutigen Psychiater: den Neid der nachgeborenen Besserwisser.

  15. Rennziege

    Auch ich habe mich als Studentin viel mit Sigmund Freud befasst. Viele seiner Maximen, stellte ich fest, sind bei näherer Betrachtung nur Zirkelschlüsse. Einige Jahre später stellte ich in den USA fest — nicht als Patientin, sondern in Kneipengesprächen mit studierenden und “fertigen” Psychiatern —, dass der gute alte Karl Kraus vor bald 100 Jahren recht hatte mit seiner Diagnose:

    “Kinder psychoanalytischer Eltern welken früh. Als Säugling muß es zugeben, daß es beim Stuhlgang Wollustempfindungen habe. Später wird es gefragt, was ihm dazu einfällt, wenn es auf dem Weg zur Schule der Defäkation eines Pferdes beigewohnt hat. Man kann von Glück sagen, wenn so eins noch das Alter erreicht, wo der Jüngling einen Traum beichten kann, in dem er seine Mutter geschändet hat.”
    (Orthographie des Originals, 1924).

    Die Bezeichnung headshrink für Seelenkutscher hat im angloamerikanischen Sprachraum vor vielen Jahren eingesetzt; manche Psychiater nennen sich selber so, augenzwinkernd. Sie billigen sogar, sofern kein Patient anwesend ist, Karl Kraus’ Diagnose: “Psychoanalyse ist jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält.”

    Aber es ist halt eine Wachstumsbranche, das wortreiche Rumfummeln an der Psyche, auch in Europa. Ihre Erfolge sind empirisch ebensowenig nachweisbar wie die der Homöopathie. Ein altmodischer Beichtstuhl, sofern man dort noch einen echten Priester antrifft, ist wesentlich heilsamer.

  16. Rennziege

    1. September 2017 – 16:29 — Hausfrau
    “De mortuis nil nisi bene.” Ich teile generell diesen antiken Spruch, nehme mir aber die Freiheit, Massenmörder à la Lenin, Stalin, Hitler, Pol Pot, Che Guevara, Yassir Arafat et mult. al. diese Nachsicht entschlossen zu verweigern.

  17. stiller Mitleser

    @ mariuslupus
    Trieb und Rationalisierung, der nucleus der Sache, ja – ich nehme an, Sie kommen aus dem medizinischen Bereich (weil Sie einmal “nefast” verwendeten ) und möchte mich auch von Ihnen, Kenner Freuds und der
    antiken Mythologie, verabschieden, Sie waren sehr amüsant (auch die Lügen mit den schönen Beinen sind mir in Erinnerung geblieben).

  18. raindancer

    Ich glaube die Befassung mit der eigenen Psyche (speziell der Kindheit) ist extrem wichtig für jeden Einzelnen, egal ob krank oder gesund. Die Grenzen sind ohnehin oft schwer abzugrenzen. Ich glaube aber, dass vieles ohne Medikamente therapierbar wäre und wenn schon mit Medikamenten, dann nicht unbedingt in den weissen Krankenhauswänden und auch nicht für immer und natürlich gibt es viele Fälle wo nur Medikamente geben, ich glaube aber bei weitem nicht so viele wie verschrieben wird.
    Umgekehrt wird der Psychoanalyse insofern zu viel zugeschanzt, denn wer in seinem Leben viele Probleme hat, der wird vielleicht so auch nicht gesund (Arbeitslosigkeit, Tod, Armut, schlechtes familiäres Umfeld)
    Das wird man mit Haldol, Xanax und Antidepressiva auch nicht wegbekommen.
    Hier spielt auch das Krankenhaussystem eine Rolle, ein zwei Schwestern, eine Arzt-Visite am Tag wird wohl einen Selbstmordgefährdeten nicht gesund machen.Psychotherapie ist auch zu teuer im NL Bereich.
    Natürlich war Freud nicht fehlerlos und natürlich wird es moderne Methoden geben, aber selbst Einstein konnte nicht alles erforschen und wir entwickeln uns weiter( teilweise auch wieder zurück)
    Hinzu kommt, dass es natürlich unter Luxus fällt, wenn schon normale medizinische Behandlungen eingespart werden.

  19. Hausfrau

    Rennziege:
    Genau übersetzt, heißt es “… wenn, dann nur Gutes ..”. Damit wird indirekt auch ausgedrückt, dass es viel Schlechtes im Leben dieser Leute gegeben hatte, aber dies kann man ohnehin nicht mehr ändern. Ich glaube an ein Weltgericht nach dem irdischen Tod, wo alles genau beurteilt wird. Allerdings gibt es eine Ausnahme, wenn noch bei Leebzeiten eine Reue und Vergebung stattgefunden hat (was bei Lenin, Stalin, Hilter usw. sicher nicht stattgefunden hatte).

  20. stiller Mitleser

    nochmals @mariuslupus
    nein, Sie schrieben nicht “nefast” sondern “infaust” (und inzwischen weiß ich auch, warum ich es verwechselt hab, nicht nur wegen des negierenden Präfix, aber es hat nicht mit Ihnen zu tun, Sie waren charmant!)

  21. Lumen

    Am nachhaltigsten hat Freud wohl auf das Menschenbild gewirkt. Während die traditionelle Psychologie, aus jahrhundertealter Erfahrung kommend, Vernunft, Willen und Gefühl unterschied und damit einen Menschen sah, der diese sogenannten Seelenkräfte beeinflussen kann und soll, postulierte Freud ein Wesen, das willenloses Opfer seiner eigenen Geschichte, besonders der (echten oder phantasmierten) Leiden seiner Kindheit war. So verbrachten und verbringen Menschen nutzlose Jahre damit, ihre Eltern und andere Autoritätspersonen ihrer Jugend zu beschuldigen, statt daranzugehen, ihre jetzigen Probleme im Heute und Jetzt zu lösen. Der Freudianismus besonders in seiner Vulgärvariante trug indes dazu bei, dass das Bild des Menschen, der im Hintergrund von angrblich unbewussten (und daher nicht beeinfluss- und beherrschbaren) Kräften angetrieben wird, Allgemeingut wurde und bald als Entschuldigung für jegliches asoziales Verhalten herhalten musste…

  22. mariuslupus

    @stiller Mitleser
    Abschied von was ? Von hier ? Würde ich bedauern.

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