Warum die Ärzte wirklich streiken

(Dr. med Marcus FRANZ) Die Wiener Spitalsärzte stehen vor dem Großen Streik. Am 12.9.2016 soll es losgehen. Über 90% der Mediziner sind für den Streik, das hat eine kürzlich erfolgte interne Umfrage ergeben. Dieses Ergebnis ist ein Misstrauensvotum der Extra-Klasse. Das Management des Wiener Gesundheitswesens ist dadurch massiv unter Druck geraten und selbst der Bürgermeister hat nun Erklärungs- und (Ver-)Handlungsbedarf.

Warum der Bürgermeister: Ein Riesenproblem des gemeindeeigenen Wr. Krankenanstaltenverbundes (KAV) ist seine totale Durchdringung mit Parteipolitik. Alles dort ist rot und der KAV wird als sozialistische Erbpacht betrachtet, die letztlich mit absolutistischer Hand aus dem Rathaus heraus regiert wird. Die meisten Schlüsselpositionen im KAV sind daher mit Sozialisten besetzt, die in Abhängigkeit zum Rathaus je nach Situation in Ehrfurcht verharren oder auf Zuruf agieren müssen. Die Stimmung beim roten Dienstgeber “Gemeinde Wien” ist nun angesichts der aufmüpfig gewordenen Ärzteschaft höchst angespannt und der Bürgermeister als oberster Boss schon ziemlich grantig. Die Fronten sind entsprechend verhärtet und es wurde den Ärzten samt und sonders bereits mit dienstrechtlichen Konsequenzen gedroht.

Um was es den Ärzten geht: Die neuen (und unsinnigen) EU-Arbeitszeitrichtlinien für Mediziner sind nun umzusetzen. Eine Reduktion der ärztlichen Arbeitszeit wurde per Brüsseler Weisung zur Pflicht: Mn darf nur mehr 48 Wochenstunden arbeiten. Wien weiß von dieser EU-Verordnung seit vielen Jahren, doch es wurden keinerlei brauchbaren Übergangslösungen eingeführt, sondern man handelte seitens des Dienstgebers erst, als man das musste – also jetzt. Wird das EU-Diktat nicht umgesetzt, werden nämlich Pönalen fällig. Diese Pönalen werden nun quasi in einem übertragenen Sinne an die Ärzte weitergegeben.

Was wollen die Ärzte: Sie lehnen die geplanten neuen 12,5-Stunden-Schichtdienste ab, weil es dadurch zu einer Verschlechterung der Patientenbetreuung kommt. Medizin kann man nicht in Schichtarbeitermodellen abhandeln. Unsinnige Portionierungen von ärztlichen Aufgaben ist in den meisten Bereichen schädlich. Die Schichtdienste stören die Kontinuität der Versorgung, ständige Dienstwechsel führen zu Informationsverlusten, die Patienten sehen alle paar Stunden andere Ärzte, die Fehlerquellen nehmen zu. Der Arbeitsrhythmus der Ärzteschaft wird zudem unnötig zergliedert.
Zum Vergleich die USA: Dort sind Arbeitszeiten bis zu 80 Stunden pro Woche erlaubt – einfach, weil Zeit der wichtigste Faktor in der Medizin ist. Die weltweit führenden medizinischen Errungenschaften kommen nicht von ungefähr aus den USA. Aber auch dort wurden vor kurzem Schichtdienste eingeführt und laut Studien sind diese schlecht für Ärzte und Patienten.

Weiters wollen die Ärzte keine Einschränkung der Nachtdienst-“Radeln”, weil dies zu massiven Engpässen in der Behandlung der Patienten und zu exzessiven Mehrbelastungen für die Nachtdienst-Ärzte führen wird. Es ist nicht im Sinne der Patienten, wenn in der Nacht plötzlich nur mehr ein Arzt für 100 Bettlägerige zuständig ist. Hier sind von Grund auf neue Überlegungen anzustellen.

Die Ärzte wollen überdies nicht, dass sture Kostenreduktionen, die nur zum Kaputtsparen des Systems führen, weiter zu einem erklärten Ziel des Managements gemacht werden. Sie fordern auch ein klares Bekenntnis zur gesicherten Jungärzte-Ausbildung in den Gemeindespitälern und die Entlastung der Spitalsärzte durch tiefgreifende Strukturmaßnahmen (Bürokratieentlastung, Stationssekretäre etc.). Und natürlich wollen sie eine Veränderung im offenbar inkompetenten, weil diskursiv nur auf der harten Linie agierenden KAV Management. Man kann mit Leuten in hoch verantwortungsvollen Berufen nicht so umspringen, hier wurde das notwendige Vertrauen zwischen Führung und Mannschaft bereits zerstört.

All diese Forderungen sind legitim: Sie sind im Sinne der Patientenversorgung und natürlich auch im Interesse der bestausgebildeten und am höchsten qualifizierten Berufsgruppe innerhalb des KAV. Warum der KAV derartig auf stur schaltet und den Streik durch verächtliche Stellungnahmen der Generaldirektion eigentlich noch provoziert, kann nur vermutet werden: Schlussendlich geht es natürlich ums Geld, aber vor allem geht es darum, dass die wichtigste Berufsgruppe im Gesundheitswesen offenbar in die Knie gezwungen werden soll.

16 comments

  1. Christian

    Und schaut Euch einmal den Kopf des KAV aN:::::und hört ihn an……Er hat von der Arbeit der Ärzte an der Front keinerlei Ahnung, und Patienten sind ihm sowieso egal, daher können Nachtdienste ja auf den Tag verlegt werden..
    Wo die Ursozis (= mildere Kommunisten) regieren und auch noch personelle Anleihen im Ausland suchen (Verkehr, KAV usw.):, gehts steil bergab bis zur kompletten Gleichmacherei und Zentralismus. Individuelle, kreative Lösungen waren noch nie Sache der Zentrale, das hat der Kommunismus deutlich gezeigt.-Aber Gebühren (Häupl) und Steuern(Kern) erhöhen, das ist die Lösung. Dazu die sklavische Gefolgschaft nach Brüssels alkoholkranken , machtbesessenen Ahnungslosen…Gute Nacht.
    Streik der Steuerzahler, das wäre die Lösung.

  2. Christian Peter

    Interessant – ehemals regten sich viele Ärzte über unzumutbare Arbeitszeiten in Spitälern auf (bis zu 24 Stunden am Stück) und nun herrscht helle Aufregung, weil die Arbeitszeiten reduziert werden.

  3. Hausfrau

    Sehr geehrter Herr Dr. Franz,
    was Sie nicht erwähnt haben: es geht aber auch um mögliche Einkommensverluste, wenn Nachtdienste (= bezahlte Überstunden) reduziert wurden. Zu erwähnen wäre aber auch, dass die Grundgehälter der angestellten Ärzte kürzlich angehoben wurden.
    Mit dieser Aussage will ich aber nicht die Politik vom Rathaus oder des KAV verteidigen.

  4. Selbstdenker

    Bin schon gespannt wie lange es dauern wird, bis die Hobby-Drohnen Piloten das “Recht auf Drohnen-Überflug” sowie das Betreten privater Grundstücke für Drohnen-Landungen einfordern werden.

    Ähnlich ging es mit den Mountainbikern auch los: die ersten Mountainbiker waren durchwegs freundliche und in der Zahl überschaubare Zeitgenossen, die sich keine Rechte an fremden Grundstücken sowie ein “Recht auf Downhill-Rennen” mitten durch den Wald anmaßten. Es galt der Grundsatz “Leben und Leben lassen”.

    Schon zwanzig Jahre später war die Situation eine völlig neue: den ehemals freundlichen Zeitgenossen sind grimmige und anmaßende Egoisten, Rechthaber, Schreihälse und Kotzbrocken auf zwei Rädern gewichen.

    Ähnlich wird es mit den Drohnen in spätestens 10 Jahren kommen: den harmlosen Bastlern, die sich mit Spaß an der Sache eine Drohne aus dem Bausatz von Conrad-Electronic zusammenbauen, werden die Psychopathen folgen, die sich ihr fertig zusammengebautes Spielzeug im Sonderangebot vom Hofer kaufen
    a) um ihre Nachbarn auf Schritt und Tritt mit Tageslicht- und Infrarot-Kameras zu überwachen,
    b) die Drohne vor dem Zimmerfenster der Tochter in der Luft zu “parken”,
    c) die Drohne zum Ausspähen potentieller Diebesbeute und Fluchtmöglichkeiten zu verwenden
    d) und politischen Gegnern explosive Pakete in die Gärten abwerfen.

    Ich bin mir ziemlich sicher, dass die “Anti”-Faschisten bereits an Strategien zum Drohnenangriff auf politische Gegner arbeiten.

    Meines Erachtens sollten alle niedrigfliegende Drohnen über ein Funksignal identifizierbar sein. Und falls solche Drohnen nicht identifizierbar sind, sollte jeder – auch Privatpersonen – das Recht haben solche Drohnen mit Waffengewalt runter zu holen.

  5. bürger2013

    @hausfrau.die gehälter in deutschland sind wesentlich höher. daher sind schon viele dort. viele werden folgen.
    die roten ruinieren jeden bereich. die macht ist das wichtigste. alles andere ist egal. abgesehen vom eigenen börsel.

  6. Hanna

    Was mir in der ganzen Diskussion fehlt ist die Tatsache, dass die “Zuwanderer” eine enorme Masse an zusätzlichen PatientInnen darstellt … und gerade in dieser Zeit wird mit den Ärzten herumgespielt? Diese Arbeitszeitverkürzung wurde ja vor der Flüchtlingswelle besprochen … die EU-Reglementierungsidioten sind ja noch viel unflexibler als irgendwer vermuten konnte.

  7. Hanna

    … bis halt wieder einmal irgendein Moslem einen Arzt bedroht oder umbringt, weil er seiner Meinung nach nicht richtig und nicht schnell und bevorzugt genug behandelt wurde. Mich wundert eh, dass nicht mehr Ärzte auswandern. Ich kenne allerdings eine Zahnklinik, da ist von vielen ÄrztInnen vom Vorjahr keine Spur mehr.

  8. Christian Peter

    @bürger

    ‘Gehälter sind in Deutschland wesentlich höher’

    Lassen Sie sich von der Ärzte – Lobby nicht zum Narren halten, in kaum einem Land Europas geht es Ärzten besser als in Österreich. Es gibt keine Berufsgruppe, die mehr jammert als Ärzte, obwohl Ärztegehälter im Vergleich zu anderen Berufsgruppen die höchsten des Landes sind.

  9. Christian Peter

    Nur in den USA verdienen Ärzte mehr als in Österreich. Die Sache hat allerdings einen Haken – Medizinstudenten haben in den USA Studiengebühren von $ 25.000 – 43.000 zu entrichten – pro Semester.

  10. Hausfrau

    Ach, der alte Jammer:
    Da kämpfen Landärzte um die Zusatzeinnahmen der sog. Hausapotheke. Die Apotheker wiederum sagen, mit solchen im Ort befindlichen Praxen können sie nicht existieren.
    Na ja, da bekommt ein praktischer Arzt am Land bei Streichung der Hausapothe eben nur mehr € 10.000 pro Monat bar auf die Hand – ist ja wirklich wenig.
    Die “Götter in weiß” müssen auch auf den Boden der Realität zurückgeholt werden. Wer schert sich, wenn ein neuer Supermarkt aufmacht und in der Umgebung viele Greißler zusperren müssen? Niemand.

  11. Christian Peter

    @Hausfrau

    Sie sagen es. Ärzte haben einer der einflussreichsten Lobbys des Landes, seit Jahrzehnten wird von einem ‘Ärztemangel’ und weiterer Unsinn geschwafelt. In Wirklichkeit gibt es wenige Länder auf der Erde, in denen Ärzte bessere Bedingungen vorfinden als in Österreich. Wem es dennoch nicht passt, steht es jederzeit frei, im niedergelassenen Bereich tätig zu werden oder ins Ausland zu gehen.

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