Warum nicht den Hemdenpreis amtlich verordnen?

(ANDREAS TÖGEL)  Unter dem Stichwort Zentralbank belehrt uns das Internetlexikon Wikipedia: In vielen Staaten wurden die Zentralbanken auf das Hauptziel festgelegt, die (…) Geldwertstabilität zu wahren.“ Der mit zwar unerschütterlichem, faktisch aber nicht zu rechtfertigendem Vertrauen in staatliche Institutionen geschlagene Otto Normalverbraucher glaubt daher, daß es tatsächlich das Bestreben dieser ebenso wichtigen wie gefährlichen politischen Institution (der vermutlich – noch vor den Armeen und Geheimdiensten – gefährlichsten von allen!) wäre, für die Erhaltung des Geldwertes und die Sicherheit von Ersparnissen zu sorgen. Damit allerdings liegt er leider vollkommen daneben! Denn die „Hüterin“ der dubiosen europiden Esperantowährung, die auf das Ziel des von Wikipedia postulierten Erhalts der Währungsstabilität verpflichtete Europäische Zentralbank (EZB), peilt, und das ist kein Geheimnis, eine Preisinflation von etwa zwei Prozent p. a. an. Keine Rede von einer Bemühung um die Geldwerterhaltung. Die EZB ist, wie ihre vergleichbar agierenden Schwesterorganisationen in den USA, Japan und England, eine auf politischen Zuruf parierende Inflationierungsbehörde. Kaum sinkt der durch den Einsatz zweckmäßig gestalteter Statistiken listig klein gerechnete Preisauftrieb auf unter 1,5 Prozent, ergreift sie Maßnahmen, um den Preisanstieg wieder in die Höhe zu treiben.

 

Begründet wird die angebliche Notwendigkeit einer „milden Inflation“ mit dem kuriosen Argument, damit einer möglichen Deflation entgegenwirken zu wollen. Deflation – nach der Definition des Gouverneurs der garantiert (ganz sicher!) politisch unabhängigen Österreichischen Nationalbank, Ewald Nowotny, ein „allgemeines Sinken des Preisniveaus“, wäre natürlich etwas ganz unausdenkbar Furchtbares. Würde sich dadurch doch der Wert des Geldes erhöhen und damit die Kaufkraft der Konsumenten gestärkt – eine veritable Katastrophe, nicht wahr? Am Beispiel der Preisentwicklung von Mobiltelephonen oder Flachbildfernsehgeräten kann man die verheerende Wirkung einer Preisdeflation gut erkennen: auch Geringverdiener können sich solche Geräte leisten. Die beiden genannten Beispiele zeigen, was von den Geschichten zu halten ist, die von professionellen Inflationsgewinnern unentwegt gestreut werden. Keine Rede von der unermüdlich beschworenen „deflationären Abwärtsspirale“, die sich infolge der Erwartung sinkender Preise ausbilden sollte…

 

Ist es reiner Zufall, daß bei den von diesen Systemlingen so gerne erzählten Gruselgeschichten von den angeblich dräuenden Gefahren einer deflationären Entwicklung regelmäßig ausgeblendet wird, daß eine solche stets – und zwar ausschließlich – im Gefolge einer zuvor herbeigeführten, künstlichen Ausweitung der Geld- und Kreditmenge stattfindet? Wohl kaum! Denn schließlich sind die beherzten Kämpfer wider das Deflationsmonster selbst die ersten und größten Profiteure der von ihnen inszenierten Geldinflation (Stichwort „Cantillon-Effekt“). Der Staat (oder das supranationale Imperium), betreibt mit der neu geschaffenen Liquidität Wählerbestechung im großen Stil und den „Währungshütern“ (eine Bezeichnung, die nur als zynischer Witz durchgehen kann), wächst dadurch erhebliches politisches Gewicht zu. Macht, so wissen wir, korrumpiert allemal…

 

Zu den „konventionellen“ Mitteln der Deflationsverhütung zählt man in Kreisen von Zentralbankstern und Politbüros traditionell die Steuerung des Leitzinssatzes. „Unkonventionelles“ Mittel dagegen ist z. B. der Ankauf von Staatsanleihen – der auf eine direkte Geldmengenausweitung mittels der Notenpresse hinausläuft. Dazu wieder Wikipedia: „Leitzins ist der von einer Zentralbank im Rahmen ihrer Geldpolitik einseitig festgelegte Zinssatz, zu dem sie mit den ihr angeschlossenen Kreditinstituten Geschäfte abschließt.“ „Einseitig festgelegt“ – das sagt schon alles: Es geht um den Einsatz eines lupenrein kommandowirtschaftlichen Instruments, das mit einem Marktsystem soviel zu tun hat wie ein Gewerkschafter mit der Wertschöpfung – nämlich gar nichts. Denn der Zins wird in einem freien Wirtschaftssystem auf dem Markt gebildet – durch Angebot und Nachfrage, wie auch die Preise für Sportwagen und Baumwollleibchen. Der Zins ist der wichtigste Signalgeber eines freien Marktes. Seine Höhe hat entscheidenden Einfluß auf die Sparneigung der Haushalte einerseits und die Investitionstätigkeit der Unternehmen andererseits. Wer den Zins manipuliert, produziert daher Verzerrungen, die stets zu Fehlallokationen und zur langfristigen Wohlstandsminderung führen. Spätestens anno 2008 sollte auch obrigkeitshörigen Narren klar geworden sein, wohin die Reise geht, wenn man dem Staat und den Zentralbanken die Macht über die Währung überlässt…

 

Geld ist (heute muß man leider feststellen: war einmal) eine Ware, wenn auch eine besondere. Der Preis dieser besonderen Ware ist der Zins. Diesen „einseitig festzulegen“ ist, als ob man die Preise für Hemden, Rindschnitzel oder Einfamilienhäuser amtlich verordnete. Wer glaubt ernsthaft, daß das funktionieren könnte? Welche geniale Zentralbürokratie verfügt denn über die ungeheure Fülle an Wissen, das dazu nötig ist, diese Preise „optimal“ festzusetzen? Auch unter Einsatz der modernsten Computertechnik und avancierter mathematischer „Modelle“: keine! Daß solche Versuche, sooft sie unternommen werden, zu nichts Gutem führen, ist theoretisch und empirisch hundertfach bewiesen.

 

Daß die amtlich getürkte „Inflationsrate“, die lediglich eine im Grunde irrelevante Preisänderung eines willkürlich festgelegten Warenkorbes wiedergibt, so eminent wichtige Preise wie jene für Immobilien und Aktien unberücksichtigt läßt, ist allein dem Zweck der Verschleierung des galoppierenden Kaufkraftverfalls unseres Geldes geschuldet. Es geht der hohen Politik und ihren willfährigen Bütteln zuvorderst um die möglichst lange Aufrechterhaltung von Illusionen hinsichtlich der Stabilität unseres Finanzsystems und der Erhaltung der Kaufkraft des Geldes.

 

Zwei Prozent Inflation als Ziel der EZB klingt zwar recht harmlos, hat aber für langfristige Engagements, wie beispielsweise Jahrzehntelang laufende Lebensversicherungen, dennoch verheerende Konsequenzen. Zur Illustration: Der Wert eines für 30 Jahre festgelegten Einmalerlags für eine Lebensversicherung wird bei der so gering erscheinenden Geldentwertung von „nur“ zwei Prozent, um immerhin 46 Prozent gemindert. Bei den derzeit unter Ausschluß von extrem riskanten Anlageformen erzielbaren Renditen, ist ein Vermögensverlust also so gut wie unvermeidbar. Das ist die politisch gewollte Konsequenz der “Finanziellen Repression“. Deren Folge: Kollektiver Kapitalverzehr.

 

Doch es droht noch eine weitere Gefahr: Im IWF denkt man, nachdem aus dieser Ecke bereits vor einigen Monaten, der Gedanke einer direkten Enteignung von Sparern nach dem „Modell Zypern“ ins Spiel gebracht wurde (damals war von einer 10prozentigen „Vermögensabgabe“ die Rede), erneut über deren Beraubung nach. Keine Anlageform – auch einfache Bankguthaben und Lebensversicherungen, ist heute noch sicher. Die „Welt“ schreibt dazu in ihrer Ausgabe von 25. 6. u. a.: “Anleihekäufer werden noch stärker auf die Bonität der Emittenten achten müssen.” Ein gut gemeinter Rat, der in der Praxis für Lebensversicherungssparer allerdings nicht realisierbar ist, da die Versicherungen bei der Art ihrer Veranlagung nicht frei sind. Ihnen wird vielmehr amtlich oktroyiert, wie ihr „mündelsicheres“ Portfolio auszusehen hat. Lebensversicherer sind gezwungen, in nahezu unrentable (Staats-)Papiere zu investieren, die – und das krönt den kriminellen Coup mit blankem Hohn – längst nicht mehr „bombensicher“ sind. Fazit: Wer jetzt noch langfristige Lebensversicherungen abschließt, dem ist nicht mehr zu helfen.

 

Notenbanken und IWF können in Ihrem erbarmungslosen Kampf gegen die Sparer bereits beachtliche Erfolge verbuchen: Die Sparquote sinkt seit Jahren dramatisch – und das nicht nur in Österreich. Klar: Wer für seinen temporären Konsumverzicht nicht – wie früher – durch eine positive Nettoverzinsung seiner Rücklagen belohnt wird, sieht keinen Sinn mehr im Sparen. Zwar liegt auf der Hand, daß mangelnder Konsumverzicht und die damit fehlende Ersparnisbildung bedeutet, daß es keine nicht auf Schulden basierenden Investitionen mehr geben kann. Man kann einen Kuchen eben nicht zugleich aufessen und behalten. Das macht aber überhaupt nichts – zumindest nicht nach Meinung der auf den Spuren des genialen Gauklers J. M. Keynes wandelnden geldpolitischen Masters of the Universe. Der Sparer ist endlich überflüssig geworden. Ersetzt wurde er durch die moderne Schuldgeldalchemie. Gold aus Dreck zaubern zu wollen – das war gestern. Heute entstehen Geld und Kredit auf Knopfdruck aus dem Nichts. Ein Besuch bei der Bank, eine zusätzliche Buchungszeile – und schon ist der gewünschte Kredit – neues Geld – verfügbar. Ganz ohne die spießige Mühsal des Sparens. Genial, nicht wahr? Was für eine schöne neue Welt!

Und wenn sie nicht längst pleite sind, dann glauben sie es noch heute…

Tagebuch

15 comments

  1. Thomas Holzer

    “Spätestens anno 2008 sollte auch obrigkeitshörigen Narren klar geworden sein, wohin die Reise geht, wenn man dem Staat und den Zentralbanken die Macht über die Währung überlässt…”

    Aber nicht doch!
    Schuld waren und sind ja die bösen Kapitalisten, die Märkte, die Spekulanten, die Ostküste, die Banken und Banker und natürlich, wenn auch nicht coram publico ausgesprochen, die Juden.

    Die Politiker und Zentralbanker sind doch nur die armen Unschuldslämmer, die leider, leider, für gar nichts verantwortlich sind 😉

  2. Chrisl

    Danke, Herr Tögel, für Ihre treffende Analyse!

    Zum Thema Lebensversicherung, diese Institute geraten schlicht weg selbst in die (finanzielle) Zwickmühle:
    Wir doch die Differenz zwischen garantiertem Zins der Lebensversicherung und den am Kapitalmarkt erzielbaren Zins immer kleiner! D.h. der Substanzverzehr findet auch schleichend bei den Versicherungsinstituten statt – wie lange geht das wohl gut?

    Es bahnt sich hier eine neue Notwendigkeit für stattliche “Rettungspakete” an – schließlich soll der kleine Häuselbauer nicht um seine Lebensversicherung umfallen….

  3. Smarti

    Hallo,
    mich würde interessieren welche rechtlichen Regelungen Lebensversicherer (oder allgemein Versicherungen im Hinblick auf ihre Rücklagenbildung) formal oder faktisch zwingen in Staatsschulden zu investieren. Hat jemand konkrete Beispiele?

  4. Rennziege

    29. Juni 2014 – 11:23 Smarti
    Siehe dort:
    http://www.wiwo.de/finanzen/geldanlage/vorsorge-wo-lebensversicherer-investieren/6334114-2.html
    Daraus: Dank großzügiger staatlicher Unterstützung können die Lebensversicherer heute knapp 750 Milliarden Euro anlegen, europaweit investieren Versicherer das Zehnfache. Diese Summen wecken wiederum Begehrlichkeiten bei den Staaten, die, so scheint es, demnächst ihre Rechnung präsentieren könnten. Staaten wollen sich möglichst günstig verschulden. Sie haben über die neue Regulierung Solvency II, die frühestens 2014 vollständig angewendet werden soll, einen attraktiven Weg gefunden, diese fette Kuh zu melken.
    Zumal die an Kapitalmärkten erzielbaren Zinsen weit unterhalb der Inflation liegen, Staatsanleihen aber umso mehr Dividende bringen, je wackeliger der betreffende Staat finanziell dasteht, bleibt den Lebensversicherungen kaum was anderes übrig, als sich dort zu engagieren. Sanfter staatlicher Zwang kommt hinzu, steuerliche Belastung von Investments an den Börsen ebenfalls.

  5. Bob

    Ich dachte, hier wären die Kapitalismusversteher unterwegs. Deflation ist Investitionsstop, um es mal auf den Punkt zu bringen. Warum sollte ein Unternehmer einen Kredit aufnehmen, wenn er weiß, dass er die gleichbleibenden Kreditkosten mit sinkenden Preisen bei seinen Produkten erwirtschaften muss. Die Investition wird also nicht getätigt, da die Aussicht auf Erfolg sehr sehr wage ist.

    Wenn nicht investiert wird, ist das der Tod einer Volkswirtschaft.

  6. gms

    “Daß die amtlich getürkte „Inflationsrate“, die lediglich eine im Grunde irrelevante Preisänderung eines willkürlich festgelegten Warenkorbes wiedergibt, so eminent wichtige Preise wie jene für Immobilien und Aktien unberücksichtigt läßt, ist allein dem Zweck der Verschleierung des galoppierenden Kaufkraftverfalls unseres Geldes geschuldet.”

    Ich meine, die Sachverhalte liegen etwas anders. Was man uns als Inflationsrate verkauft, ist der auf besagtem Warenkorb basierende Verbraucherpreisindex VPI — so weit so klar.
    Eine Einbeziehung von Assets (Nicht-Verbrauchsgütern) in den VPI wäre weder konsistent, noch zur Ermittlung der wahren Inflationsrate zwingend notwendig, zumal auch der Verkaufserlös von Aktien und Immobilien in der sprichwörtlichen Kassa an der Ladentheke mündet.

    Assets binden kein Geld, sie bilden daher auch keine ‘Senken’, innerhalb derer für bestimmte Zeit Inflation gebuffert würde. Was der Käufer mit druckfrischem billigen Geld teuer kaufen kann, ermöglicht dem Verkäufer teureren Konsum. Daß jemand mit dem höheren Erlös nun selbst wiederum Assets teurer erwerben könnte, ändert nichts am Prinzip — am Ende der Kette aller Handelsaktionen bleibt ein Geldhalter ohne Asset, dessen Geldbesitz inflationsbedingt höher ausfällt, als dies ohne Zentralbankintervention der Fall wäre.

    Müßten Menschen nicht konsumieren (=verbrauchen), bräuchten sie auch nicht zu arbeiten, womit sich auch jeder Tausch und damit ebenso die Frage nach dem Wert des Geldes erübrigte. Aus diesem Umstand, sowie der Tatsache, wonach alles Geld früher oder später im Konsum umgeschlagen wird, leitet sich die Berechtigung des Verbraucherpreisindex als valider Indikator der Inflation ab. Dieser amtliche VPI aber ist, wie auch an anderer Stelle hier im Blog schon aufgezeigt [1], völliger Unsinn zur Volksverblödung.
    Allein die von EZB in den letzten Jahren außertourlich ins Geldwesen gepumpten Unsummen bewirkten einen Preisauftrieb von an die 8%, der einzig und allein durch eine rückläufige Giralgeldmenge sowie bei der EZB beparkte Euros gedämpft wurde. Die gefühlte Inflation ist daher von der realen sicherlich nicht weit entfernt.

    Laut Ewald Nowotny ist Inflation (O-Ton) “ein Schmiermittel für die Wirtschaft”. Neben dieser bei einer Veranstaltung der Agenda-Austria unlängst getätigten Aussage verkommen alle sonstigen Begründungen von ihm wider Deflation zu billigen Rationalisierungen, die nicht mehr an den Haaren, sondern schon an der Glatze herbeigezogen sind. Genau genommen aber hat er vollkommen recht — und zwar _nur_ mit dem offen thematisierten Wirtschaftsverkurbelungseffekt.

    Inflation bewirkt Umverteilung von Wohlstand nach oben, wider die sich die Masse, so sie nicht irgendwann völlig mittellos sein will, durch intensiviertes Arbeiten zur Wehr setzen muß. Zentralbanken schaffen somit Illusionen und Zwänge mit allen von Sozialisten gewünschten Effekten, und diese wiederum geben ihnen erst recht Aufträge für weitere vorgeblich legitime Eingriffe ins System.

    Linke Politik: Man zerstöre die Gesellschaft nachhaltig und offeriere sich dann als Retter in der Not, indem das Zerstörerische intensiviert wird. Die Lüge ist dabei das ideale Schmiermittel zum eigenen Machterhalt.

    Wohlmeinende Geister mögen nun einwenden, der Begiff ‘Lüge’ sei unangebracht, so man selbst vom behaupteten Falschen überzeugt ist. Nun, dem sei entgegnet: Es macht unterm Strich keinen Unterschied, ob wissende Betrüger oder anmaßende Trottel ein System gegen die Wand fahren. Zugleich bleibt der Vorwurf der Lüge valide, wenn ein echtes Verständnis sich einzig deswegen nicht einstellen kann, weil das dem eigenen selbstgewählten Daseinszweck widerspricht.

    [1] ortneronline.at/?p=28959&cpage=1#comment-33182

  7. gms

    Bob,

    “Warum sollte ein Unternehmer einen Kredit aufnehmen, wenn er weiß, dass er die gleichbleibenden Kreditkosten mit sinkenden Preisen bei seinen Produkten erwirtschaften muss.”

    Wenn der Unternehmer weiß, daß er für seine künftigen Produkte nicht den nötigen Preis erzielen kann, soll er tatsächlich keinen Kredit hierfür aufnehmen. Die bessere Alternative liegt in der Konzeption eines besseren Produktes. Die Erwartung, wonach Geld teurer würde, impliziert ja schlüssig, das absehbare Warenangebot sage den potentiellen Kunden nicht zu.

    Zugleich läßt sich Ihre obige Frage auch genau anders’rum paraphrasieren: Warum sollte ein Geldhalter ein Darlehen gewähren, wenn die späteren Rückzahlungen in Erwartung von Inflation real weniger wert sind? Antizipieren wiederum alle Beteiligten deflationsbedingt hinkünftig niedrigere Preise, können auch Kreditgeber weniger Zinsen verlangen, sprich die Kreditaufnahme erleichtern.

    Zugleich erzeugt Fiatmoney bloß die Illusion von Wohlstand. Die Folge dessen sind ‘stranded costs’, weil Investitionen mit billigen Krediten ein Angebot schaffen, zu dessen Erwerb es käuferseitig keine adäquaten Mittel gibt.

    “Die Investition wird also nicht getätigt, da die Aussicht auf Erfolg sehr sehr wage ist.”

    In einer freien Wirtschaft werden Investitionen auch dann sehr wohl getätigt, und zwar vermehrt in Forschung, Produktentwicklung, sprich in Innovationen inform billigerer oder besserer Produkte. Wenn Erfolgsaussichten vage sind, strengen sich Leute mehr an.
    In der Umkehrung verhindert billiges Zentralbankgeld diese Anstrengung, zumal der Erfolg vermeintlich gewiß ist. Für alle kollektiv hinters Licht geführten Kreditnehmer kann sich der Erfolg niemals einstellen, womit wiederum auch deren Kreditgeber in Mitleidenschaft gezogen werden. Das sind dann die Zusammenbrüche der Wirtschaft in den künstlich per Zentralbank herbeigeführten Boom/Bust-Cycles.

    “Wenn nicht investiert wird, ist das der Tod einer Volkswirtschaft.”

    Ja, das stimmt wohl. Ebenso aber ist es der Tod einer Volkswirtschaft, wenn der Preis des Geldes nicht die Einschätzungen des Marktes (Produzenten und Konsumenten, Geldhalter und möglicher Kreditnehmer) widerspiegelt, sondern willkürlich zentral gesteuert wird. Dann und nur dann, wenn Zinsen sich frei bilden können, sind die Indikatoren valide, entweder mehr in Bestehendes oder mehr in Innovatives zu investieren.

    Für ein nachhaltiges Gedeihen einer Wirtschaft sind korrekte Signale das A und O. Eine reale Veränderung des Geldwertes spiegel reale Einschätzungen wider und erlaubt richtige Entscheidungen. Artifiziell verzerrte Indikatoren bedingen Fehleinschätzungen und damit auch Fehlinvestitionen.

  8. Thomas Holzer

    @Bob
    Sie würden wahrscheinlich für ein “Mobiltelephon”, Jahrgang 1985 mit 15 Kg Batterie noch immer ca. EUR 2.500,– zahlen wollen; oder für z.B. einen SW-Röhrenfernseher mehr als für eine Flachbildschirm Gerät heute………………

  9. Bob

    @gms
    “Die bessere Alternative liegt in der Konzeption eines besseren Produktes.”
    Das Aufsetzen neuer Produkte setzt ja gerade Investitionen in neue Arbeiter und Maschinen voraus, was durch den von mir beschriebenen Effekt ja gerade unterlaufen wird.

    “Warum sollte ein Geldhalter ein Darlehen gewähren, wenn die späteren Rückzahlungen in Erwartung von Inflation real weniger wert sind?”
    Die zu erwartende Inflation wird ja normalerweise im Zins mit berücksichtigt. Dass das sinkende Preisniveau auch zu Probleme führt kann man z. B. auch bei den Versicherungen schön beobachten, die bei ihren lang laufenden Verträgen Schwierigkeiten haben die Renditen zu erwirtschaften.
    Zumal, was soll denn sonst mit gespartem Geld passieren als es zuverleihen.

    “Zugleich erzeugt Fiatmoney bloß die Illusion von Wohlstand.”
    Diese Wohlstandsillusion ist aber schon ganz gut ausgeprägt

    “weil Investitionen mit billigen Krediten ein Angebot schaffen, zu dessen Erwerb es käuferseitig keine adäquaten Mittel gibt”
    Sie stellen doch hier nicht etwas Say’s Law infrage. 😀

    “In einer freien Wirtschaft werden Investitionen auch dann sehr wohl getätigt, und zwar vermehrt in Forschung, Produktentwicklung, sprich in Innovationen inform billigerer oder besserer Produkte.”
    Man würde sich natürlich wünschen, dass es generell so ablaufen würde. Forschung und Entwicklung sind aber wiederum Ausgabenposten, die sich bei Aussicht auf sinkende Einnahmen doch eher nicht lohnen.

    “Wenn Erfolgsaussichten vage sind, strengen sich Leute mehr an.”
    Das mag vielleicht für eine einzelne Person gelten, lässt sich aber nicht auf die ganze Volkswirtschaft übertragen.

    “In der Umkehrung verhindert billiges Zentralbankgeld diese Anstrengung”
    Also, in den zwei Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg lag der Zinssatz generell unter der Wachstumsrate. Wenn ich mich recht entsinne wurde diese Zeit auch Wirtschaftswunder genannt.

    “Für ein nachhaltiges Gedeihen einer Wirtschaft sind korrekte Signale das A und O.”
    Das stimmt vollkommen. Jetzt muss nur noch geklärt werden, was die korrekten Signale sind. Niedrige Zinsen bedeutet ja eigentlich das Signal an die Unternehmen, dass sie investieren sollen. Die wollen aber irgendwie nicht. Also muss es noch andere Signale geben, die die Unternehmen nicht investieren lassen. Das wären aus meiner Sicht die fehlenden Einnahmen, die den Zubau unattraktiv machen.

  10. Thomas Holzer

    “Also muss es noch andere Signale geben, die die Unternehmen nicht investieren lassen.”

    So ist es; diese anderen Signale werden pausenlos von den Politikern gegeben, 365 Tage im Jahr 😉

  11. Bob

    @Thomas Holzer
    Die Preise einzelner Produkte können und sollen steigen bzw. sinken. Mir geht es um das Gesamtniveau.

  12. gms

    Bob,

    “Das Aufsetzen neuer Produkte setzt ja gerade Investitionen in neue Arbeiter und Maschinen voraus, was durch den von mir beschriebenen Effekt ja gerade unterlaufen wird.”

    Wenn das Produkt tatsächlich innovativ ist, so kann über die Erlöse am Markt allenfalls intensiv spekuliert werden. Sofern Sie sich aber darauf versteifen (es ist ja Ihr Szenario), der Unternehmer sähe keine Erfolgsaussicht, dann soll er es lassen.

    “[Inflation, entwertete Rückzahlung] Die zu erwartende Inflation wird ja normalerweise im Zins mit berücksichtigt.”

    Umso weniger sollte sich dann die Investition rechnen, wird dadurch ja auch der Kredit teurer.

    “Dass das sinkende Preisniveau auch zu Probleme führt kann man z. B. auch bei den Versicherungen schön beobachten, die bei ihren lang laufenden Verträgen Schwierigkeiten haben die Renditen zu erwirtschaften.”

    ?! — Das Preisniveau sinkt nicht, im Gegenteil.

    “Diese Wohlstandsillusion ist aber schon ganz gut ausgeprägt.”

    Wenn die EZB exemplarisch mal so 1.000 Milliarden (ein 10tel des jährlichen Euro-BIP!) in die Welt setzt, dann muß wohl irgendwer glauben, er hätte etwas, das diesem Wert entspricht. Analog dazu gibt es Millionen Menschen, die glauben, um ihre aktuellen oder künftigen Guthaben resp. Forderungen könnten sie morgen etwas Adäquates kaufen. Das ist definitiv ein Scheinwohlstand.

    “[Wenn Erfolgsaussichten vage sind, strengen sich Leute mehr an.] Das mag vielleicht für eine einzelne Person gelten, lässt sich aber nicht auf die ganze Volkswirtschaft übertragen.”

    Um aus dem Kreis herauszukommen: Wie begründen Sie Ihre eingangs thematisierte Erwartung sinkender Preise?

    “Also, in den zwei Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg lag der Zinssatz generell unter der Wachstumsrate. Wenn ich mich recht entsinne wurde diese Zeit auch Wirtschaftswunder genannt.”

    In den 50er und 60er Jahren rentierten festverzinsliche Wertpapiere mit 6 bis 7%.

    Der Spiegel vom Sommer 1960: “Londons statiöse “Financial Times” beschwor das Bild einer konsequent inflationsfeindlichen Bundesrepublik inmitten ihrer wesentlich laxeren Umwelt ..”. Hinter dieser Politik stand Karl Blessing, seines Zeichens ein erklärter Feind jedweder Inflationspolitik.

    [1] spiegel.de/spiegel/print/d-43066562.html

  13. gms

    Bob

    “Die Preise einzelner Produkte können und sollen steigen bzw. sinken. Mir geht es um das Gesamtniveau.”

    Können Sie einen Fall nennen, bei dem es eine von Ihnen skizzierte Deflationsspirale gab? Die These von einer Wirtschaft, die kollektiv in Erwartung fallender Preise das Wirken drosselt, ist weder logisch noch empirisch haltbar. Manche aber klatschen auch laut dreimal täglich in die Hände, damit sich keine Elephanten mit roten Augen im Kirschbaum festsetzen. Und findet man tatsächlich keine Dickhäuter dort, behaupten sie, es wäre ihr Verdienst.

  14. Bob

    @gms
    “Können Sie einen Fall nennen, bei dem es eine von Ihnen skizzierte Deflationsspirale gab?”
    Deutschland unter Reichskanzler Brüning, der eine Deflationspolitik betrieb und die sich daraus entwickelnde massiv ansteigende Arbeitslosigkeit auf über 30%.

    “Das Preisniveau sinkt nicht, im Gegenteil.”
    Ok, das stimmt, aber die Reise geht in diese Richtung. Die von mir genannten Probleme der Versicherungen sind aber trotzdem existent.

    “Wie begründen Sie Ihre eingangs thematisierte Erwartung sinkender Preise?”
    Tja, da sind wir am Knackpunkt. Dazu muss man sich natürlich von der monetaristischen Sicht lösen, dass die Preise von einer irgendwie gearteten Geldmenge der Zentralbank abhängen. Dabei wird unterstellt, das bei Ausweitung der Geldmenge dieses Geld auch direkt bei den Konsumenten ankommt, die Produktion aber gleich bleibt, also die Preise steigen. Dafür habe ich noch keinen empirischen Belege gesehen, die auch nur ansatzweise eine Korrelation zeigen. Die Zentralbank kann natürlich eine Inflation durch hohe Zinsen stoppen, was die Investitionstätigkeit abwürgt und somit die Inflation stoppt.
    Wenn man jedoch die Kosten, und hierin die Lohnkosten im Vergleich zur Produktivität (Lohnstückkosten), als Haupbestandteil der Preise anerkennt, was man klar empirisch nachweisen kann, dann erkennt man, dass durch die durch Deutschland forcierte euroweite Lohnsenkung nur Deflation entstehen kann. Dass die Löhne den Hauptbestandteil der Kosten ausmachen, kann man sich auf gesamtwirtschaftlicher Ebene ja ganz gut vorstellen. Für z. B. das einzelne Industrieunternehmen, mag es sich ja so darstellen, dass der Großteil der Kosten durch die riesigen Maschinen entstehen. Bezieht man aber den Entstehungsprozess dieser Maschinen in die Betrachtung mit ein, nehmen die Löhne einen immer größeren Anteil, da die Maschinen ja auch erfunden, konstruiert, zusammengebaut, der Betrieb durch Dienstleistungen gesichert (Sekretärin, Reinigung, Post, Wachdienst, …) werden muss, was alles Lohnkosten sind. Gesamtwirtschaftlich bleiben am Ende Lohnkosten, Rohstoffkosten und Kosten importierter Güter, die durch den Preis abgedeckt werden müssen. Und diese Löhne steigen eben nicht automatisch, wenn igendeine Geldmenge steigt, da es ja das erklärte Politikziel ist, die Löhne zu senken (Süden) bzw. vermindert steigen zu lassen (Lohnzurückhaltung Deutschland).
    Aber an diesem Punkt werden wir sowieso niemals zu einer Übereinkunft kommen.

    “In den 50er und 60er Jahren rentierten festverzinsliche Wertpapiere mit 6 bis 7%.”
    Es ging um die Zentralbankzinsen.

  15. gms

    Bob,

    “[Deflationsspirale?] Deutschland unter Reichskanzler Brüning, der eine Deflationspolitik betrieb und die sich daraus entwickelnde massiv ansteigende Arbeitslosigkeit auf über 30%.”

    Dieser Einwand verwechselt Fiskal- mit Währungspolitik. Doch selbst wenn man drüber hinwegsieht — wie mit einer alternativen Politik die Reparationszahlungen im Kontext einer generellen Wirtschaftskrise hätten geleistet werden, konnte bislang noch niemand stimmig darlegen.

    “[Das Preisniveau sinkt nicht, im Gegenteil.] Ok, das stimmt, aber die Reise geht in diese Richtung.”

    Das sehe ich anders.

    ‘”Die von mir genannten Probleme der Versicherungen sind aber trotzdem existent.”

    Unbestritten, doch liegen die Ursachen hierbei in künstlich niedrigen Zinsen, also dem genauen Gegenteil einer Deflationspolitik.

    “[Erwartung sinkender Preise] Tja, da sind wir am Knackpunkt.”

    Das war auch meine Vermutung.

    “Dazu muss man sich natürlich von der monetaristischen Sicht lösen, dass die Preise von einer irgendwie gearteten Geldmenge der Zentralbank abhängen.”

    Komisch. Einerseits heften sich die Zentralbanken die Geldwertstabilität auf die Fahnen, die meisten Ökonomen inklusive Austrians sehen die Zusammenhänge zwischen Zentralbankgeld und Preisen ebenso, doch Sie wollen das negieren?

    “Dabei wird unterstellt, das bei Ausweitung der Geldmenge dieses Geld auch direkt bei den Konsumenten ankommt, ..”

    Wo sollten die Gelder sonst hingehen? Irgendwer hat das frische Geld und gibt es aus. Selbst wenn er dabei im besten Falle investiert und Maschinen errichtet — die höchsten Kosten sind hierbei, wie Sie selbst ausführlich darlegen, die Lohnkosten.

    “.. die Produktion aber gleich bleibt, also die Preise steigen.”

    Selbst eine Erhöhung der Produktionsleistung bedingte, daß das Geld in Umlauf kommt. Egal nun, ob die Produktion gleichbleibt oder nicht — das Geld ist draußen.

    “Dafür habe ich noch keinen empirischen Belege gesehen, die auch nur ansatzweise eine Korrelation zeigen.”

    Die Korrelation zwischen Geldpolitik und Preisen wollen Sie negieren? (Irgendwo liegt hier ein Mißverständnis vor.)

    “Die Zentralbank kann natürlich eine Inflation durch hohe Zinsen stoppen, was die Investitionstätigkeit abwürgt und somit die Inflation stoppt.”

    Ja. Jene Inflation, die zuvor mit expansiven Maßnahmen herbeigeführt wurde.

    “Wenn man jedoch die Kosten, und hierin die Lohnkosten im Vergleich zur Produktivität (Lohnstückkosten), als Haupbestandteil der Preise anerkennt, was man klar empirisch nachweisen kann, dann erkennt man, dass durch die durch Deutschland forcierte euroweite Lohnsenkung nur Deflation entstehen kann.”

    Auch hier wird (wie oben bei Brüning), Lohn- mit Geldpolitik vermengt und daraus Beliebiges abgeleitet.

    Zugleich bleibt die eigenartige These im Raum stehen, eine Wirtschaft würde sich selbst reich machen, indem sie generell höhere Löhne zahlt. Exemplarisch: Jeder VW-Mitarbeiter bekommt am Freitag zum Wochenlohn noch zusätzlich eine Stoßstange oder einen Blinker aus dem Ersatzteillager oben drauf, wonach danach der Konzern noch besser prosperiert. Nice try!

    “Dass die Löhne den Hauptbestandteil der Kosten ausmachen, kann man sich auf gesamtwirtschaftlicher Ebene ja ganz gut vorstellen. Für z. B. ..”

    Ja, d’accord.

    “Und diese Löhne steigen eben nicht automatisch, wenn igendeine Geldmenge steigt, da es ja das erklärte Politikziel ist, die Löhne zu senken (Süden) bzw. vermindert steigen zu lassen (Lohnzurückhaltung Deutschland).”

    Selbst wenn die Löhne nicht steigen, so sind doch mehr Menschen in Arbeit. Die Produktivität ist also doch gesteigert — siehe Deutschland.

    “Aber an diesem Punkt werden wir sowieso niemals zu einer Übereinkunft kommen.”

    Mir fehlt bislang Ihre These, wo das frische Zentralbankgeld hingeht.

    “[In den 50er und 60er Jahren rentierten festverzinsliche Wertpapiere mit 6 bis 7%.” Es ging um die Zentralbankzinsen.”

    Ich habe aktuell keine damaligen Notenbank-Zinsen zur Hand. Zugleich ist die damalige Geldpolitik (Stichwort Lombard- vs. Leitsatz) inklusive sonstiger geldpolitischer Maßnahmen mit heutigen schwer vergleichbar. Faktum bleibt, wonach die Geldpolitik im sog. Wirtschaftswunder beinhart auf Geldwertstabilität ausgerichtet war.

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