Was ist eigentlich aus der Inflation geworden?

Von | 8. Dezember 2013

(C.O.)  Faktum ist: seit Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 2007 drucken die wichtigsten Notenbanken der Welt Geld in mal mehr (USA), mal weniger (Europa) Schwindel erregenden Mengen. Faktum ist aber auch: trotz dieser irren Mengen aus dem nichts geschöpften Geldes stiegen die Konsumentenpreise (landläufig unpräzise als „Inflation“ bezeichnet) nicht eben dramatisch an. Von jener Hyperinflation, die vor allem die Deutschen und die Österreicher mit sich rasend schnell drehenden Banknotenpressen assoziieren, sind die etwa in Österreich mit derzeit 1.4 Prozent steigenden Preise doch Lichtjahre weit entfernt; manche Ökonomen warnen gar bereits vor den Gefahren einer angeblich drohenden Deflation.

Kein Wunder also, dass etwa der Publizist Peter Michael Lingens im Magazin „profil“ unlängst über „die krisengebeutelte Inflation“ spottete: „Karl Popper zöge nach so viel realer Falsifikation eine weitere Möglichkeit in Betracht: dass der behauptete Zusammenhang zwischen Gelddrucken und Inflation in dieser Form einfach falsch ist.

Nun wird jeder, der gelegentlich im Supermarkt einkauft, der offiziellen Preissteigerungsrate von 1.4 Prozent mit einem gewissen Misstrauen begegnen – aber darum geht es in diesem Kontext nicht. Auch eine etwas realistischer angenommene Inflation von 4-5% belegt nicht einmal annähernd, dass die jahrelange massive Gelddruckerei zu einer dramatischen Entwertung des Geldes führt.

Falsifiziert ist der Zusammenhang zwischen Gelddrucken und Inflation dadurch  freilich nicht wirklich.

Denn zwar hat sich das Niveau der Verbraucherpreise nicht dramatisch  erhöht, dafür aber – als Folge der aufgeblähten Geldmenge – der Preis nahezu aller „Assets“, mit deren Hilfe Menschen ihre Ersparnisse werterhaltend aufbewahren können: Unternehmensanteile wie Aktien, Immobilien, Edelmetalle, sogar Schuldverschreibungen einigermaßen solider Schuldner. Sie alle sind, seit die Banknotenpresse zu rotieren begonnen hat, deutlich teurer geworden, zu Teil sogar massiv. So konnte man für 1000 Euro im Jahr 2007 rund 2 Unzen Gold kaufen, derzeit ist es gerade noch eine Unze und ein bisschen Wechselgeld, trotz eines massiven Kurssturz in den letzten Monaten. Konnten man für 250.000 Euro damals in mittlerer Wiener Lage noch 125 Quadratmeter Wohnungseigentum erwerben, sind es heute gerade noch 80 Quadratmeter. Und wer 2007 für eine Million Euro noch etwa 500.000 Aktien der Post AG bekam, kann sich darum heute bloß eine viertel Million Stück des Wertpapieres kaufen.

Ziemlich deutlicher kann man eigentlich kaum zeigen, dass der Zusammenhang zwischen Aufblähung der Geldmenge und Entwertung des Geldes leider nicht im geringsten falsifiziert ist, ganz im Gegenteil. Sie äußert sich derzeit bloß nicht ein einem rasenden Anstieg der Konsumentenpreise, sondern in einem rasenden Anstieg der Preise von Sachwerten aller Art.

Für die Menschen ist das nur scheinbar die weniger üble Variante. Denn wer etwa als junger Mensch heute eine Eigentumswohnung für sich und seine Familie erwerben will und feststellen muß, dass das mit normalen Einkommen kaum noch möglich ist, wird unsanft feststellen, welche Auswirkungen das Gelddrucken auf seine Kaufkraft hat. (WZ)

 

8 Gedanken zu „Was ist eigentlich aus der Inflation geworden?

  1. oeconomicus

    Zweifellos haben die Zentralbanken in den letzten Jahren Geld gedruckt wie verrückt, nur ist das Geld nicht in den Konsum und Investitionen gegangen sondern in Staatsanleihen, andere Vermögenswerte und Immobilien. Wenn heute die Medien über “unleistbare Wohnungsmieten und -preise klagen, ist das ein direkter Beweis für geldmengen-induzierte Preissteigerungen. Lingens schreibt solchen Unsinn (Eine Frage der Gesinnung vom 30.11.2013), dass man ihn einfach ignorieren sollte.

  2. Christian Peter

    Gerade der Umstand, dass sich die Ausweitung der Geldmenge nicht immer unmittelbar auf die Verbraucherpreise niederschlägt, beweist, dass die Berechnung der Inflation nach (einem willkürlich zusammengestellten) Warenkorb völliger Humbug ist und über die tatsächliche Geldentwertung wenig aussagt.

    Die aus volkswirtschaftlicher Sicht korrekte Methode der Inflationsberechnung lautet : Geldmengenwachstum – Wirtschaftswachstum = Inflation.

  3. gms

    Man kann entweder raten, wo das druckfeuchte Fiatgeld hinfließt, oder man liest bei jener Stelle nach, die es wissen muß, nämlich bei der Europäischen Zentralbank [1]. Die triviale Antwort: Das neue Geld ist nun Eigentum der Banken, die es wiederum bei der EZB anlegen. Laut Tabelle 4 auf Seite 22 des November-Bulletins [2] der EZB finden sich aktuell 45% der als M3 bezeichneten Geldmenge im sog. “Overnight deposit”, was ein täglich fälliges Guthaben bezeichnet. Als “Currency in Circulation” und an der Ladentheke sichtbar sind anteilig zu M3 dagegen nur 9%.

    “Geld im Umlauf” und “Guthaben der Geschäftsbanken bei der EZB” bilden gemeinsam das sog. M1 ( = Geld im engen Sinne). Bei einem Verhältnis von 1:5 sollten sich die meisten Fragen erübrigen. Die Veranlagungen der Geschäftsbanken bei der Zentralbank wachsen seit langem mit rund 7% jährlich, das Geld im Umlauf jedoch nur mit rund 2,5%.

    Exakt das — die Rekapitalisierung der Banken — wurde mit der dicken Bertha und ihren Schwestern angestrebt und auch erreicht. Während der private (Nichtbanken)Kreditbereich jährlich mit rund 2,7% schrumpft und damit zugleich die Geldmenge sinken müßte, saugen sich die Geschäftsbanken voll und horten Geld im wahrsten Sinne des Wortes. Im Bulletin der EZB liest sich das lapidar als: “Since the summer of 2012 substantial progress has been made in improving the funding situation of banks.”

    Alles in allem ist die ganze Gelddruckerei *noch* eine Inzuchtveranstaltung der EZB mit dem Bankwesen. Da nun aber einem gewissen Herrn Draghi diese Entwicklung selbst schon unheimlich wird, sinniert er öffentlich über Negativzinsen für EZB-Einlagen resp. über Auflagen zur Bereitsstellung neuer Gelder. Sprichwörtlich aus der Tube sind die Unsummen schon, bis sie sich über die Ladentheken ergießen ist einzig eine Frage der Zeit.

    [1] ecb.europa.eu/pub/mb/html/index.en.html
    [2] ecb.europa.eu/pub/pdf/mobu/mb201311en.pdf

  4. DailyMirror

    @Christian Peter
    Das ist zwar im Prinzip nicht falsch, aber das Problem ist halt, dass man das reale Wirtschaftswachstum nur berechnen kann, indem man die Inflation bereits abzieht. Damit würde Ihre Formel lauten: Geldmengenwachstum – (Nominelles Wirtschaftswachstum – Inflation) = Inflation. Was keinen Sinn ergibt.

    Mein Rat: man möge sich einmal die diversen Theorien der endogenen Geldmenge ansehen. Damit kommt man der Frage, wieso die Hyperinflation nicht und nicht auftauchen will, deutlich näher.

  5. gms

    Spiegelfechter,

    Ihr diffuser und beipacktextloser Ratschlag, was man sich denn ansehen möge, geht hinsichlich Inflation ins Leere. Warum? — Die rein endogen induzierte Geldmenge sinkt bereits, in den letzten Jahren mit rund 2,5% im Schnitt, und dennoch steigt die Gesamtgeldmenge. Komisch, nicht wahr? Die Quellen zum Nachhüpfen sind oben noch gelistet.
    Wären daher ausschließlich die von Geschäftsbanken getriggerten Summen maßgeblich, hätten wir im Gleichklang mit einer Rezession und konstant rückläufigen Aussenständen der sog. Nichtbanken eine Teuerungsrate von Null oder sogar darunter. Diese Null-Inflation oder sogar Deflation haben wir aber nicht, und die Herren in Frankfurt wissen warum. Obwohl ein großer Teil der druckfrischen Lappen bei der EZB wieder gelagert wurde, sickert dennoch ausreichend viel hinaus, um /trotz/ der wirtschaftlich miesen Lage einen Preisauftrieb zu generieren.

    Zugleich könnte in einem rein endogen funktionierenden System die Teuerung über die Zeit hinweg niemals konstant größer Null sein, weil die in diesem System verpfändeten Werte selbst entweder werthaltig sind oder mittelfristig bereinigt werden, was wiederum zwangsweise die Geldmenge senkt.
    Einzig und allein wertloses Zentralbankgeld wird niemals vollständig bereinigt, und einzig aus diesem resultiert das, was die EZB als vorgebliche Wertstabilität unters künstlich verdummte Volk bringt — eine gezielte und konstant anhaltendende Enteignung der Geldhalter von 2% per anno. Nachhaltige Preisauftriebe kann ein /rein/ endogenes System niemals hervorbringen, weil Münchhausens Sumpf-und-Selbst-am-Schopf-Nummer eine Zeitungsente war. Da unser Geldwesen aber nunmal nicht rein endogen ist, gab es in Europa ebenso schon mal Hyperinflation, wie zeitnahe in Afrika.

    Sowohl die Vernunft, die nackten Zahlen und die geschichtliche Erfahrung lassen also Ihren kumpelhaften Rat, sich dies und jenes mal anzusehen, verdammt blutleer darstehen.

    Zum Abrunden, weil ich die Daten noch im Excel habe: 2009 waren 775 Mrd Euro an Bargeld im Umlauf, Stand heute sind es 920 Mrd, was eine flockige Steigerung von 4,4% per anno ausmacht. Zugleich stieg das, was die EZB als “Base money” ausweist, sprich Bargeld und Buchgeld der EZB, von 1.002 Mrd. auf heute 1.217 Mrd., sprich es gab hierbei einen jährlichen Zuwachs von 5,8%. Einzig und allein diesem exogenen (sic!) Trigger ist die gewollte und tatsächlich eingetretene Ausweitung der Geldmenge zu verdanken, nachdem der endogene Anteil konstant rückläufig war.

  6. Christian Peter

    @tagesspiegel

    Sie sprechen einen weiteren wichtigen Punkt an. Durch Schönen der Inflationsrate (nach Verbraucherpreisindex) werden gleichzeitig Konjunkturdaten verfälscht (z.B. bei Angabe des BIP auf realer Basis).

  7. Thomas F.

    Das Argument klingt so, als ob jemand mit dem Scheckbuch herumläuft, nach belieben Schecks ausstellt und meint: Seht doch! Es passiert nichts.
    Es gibt eben eine nicht absehbare zeitliche Verzögerung zwischen Verursachung und Wirkung. Die Wirkung kann dann allerdings ziemlich plötzlich einsetzen. Und dann wird sich nichts mehr machen lassen. – Auch wenn die Arbeiterkammer herumlaufen wird um Preise zu kontrollieren und Faymann ein Gesetz gegen steigende Preise verspricht…

  8. gms

    Thomas F.,

    > als ob jemand mit dem Scheckbuch herumläuft, nach belieben Schecks ausstellt und meint: Seht doch! Es passiert nichts.

    Draghi tat mit Bertha und deren Cousinen so, als hätte er in einer Abstellkammer der EZB zufällig ein zweites Deutschland gefunden, und diese zusätzliche BRD hätte in Windeseile seine Wirtschaftsleistung von vier Monaten erbracht und den Output an Gütern und Dienstleisungen vollständig zur Verteilung anheimgestellt.
    Der dabei ausgestellte Scheck über ein Billion Euro (eine Eins mit 12 Nullen) hat beim aktuellen Kurs von 30.000 Euro/Kilo den Gegenwert von 30.000 Tonnen Gold, und das wiederum macht soviel aus, wie in Summe alle derzeit von den Staaten gehaltenen Reserven in Gold.

    Aus einem andere Blickwinkel: Bei rund 300 Mio. Einwohnern der Eurozone, bekam jeder von ihnen aus dem Nichts heraus schlappe 3.300 Euro, was bei einem durchschnittlichen BIP/Kopf von knapp unter 30.000 mehr als einem Zehntel der eigenen Jahresleistung entspricht.

    Diese Teuerung von 10% haben wir nicht, weil a) die Giralgeldmenge dank rückläufiger Außenstände der Nichtbanken gesunken ist und b) das Geld teilweise wieder bei der EZB veranlagt wurde. Wären die Summen tatsächlich mit dem sprichwörtlichen Hubschrauber abgeworfen worden, gäbe es über Nacht eine Teuerung in oben genannter Größenordnung.

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