Was schert es Afrika, wenn Afrikaner im Meer absaufen….

(C.O.) Gute Politik erkennt man nicht an ihren Absichten, sondern an ihren Ergebnissen. Deshalb ist jene meinungsindustrielle Massenproduktion an Betroffenheit, die Europas politische und mediale Eliten angesichts der hunderten jüngst im Mittelmeer ertrunkenen Boatpeople angeworfen hat, zwar angenehm für das seelische Gleichgewicht der sich öffentlich betroffen Gebenden, hilft nur leider vorerst niemandem von denen, die Hilfe brauchen. Hilfreich wäre hingegen, einmal ein paar wenig populäre Fakten außer Streit zu stellen.

Erstens – und nur der guten Ordnung halber: Dass Millionen Afrikaner nach Europa drängen, ist entgegen einer leicht selbstquälerischen Überzeugung vieler Europäer nicht Schuld Europas, sondern einem Versagen Afrikas und weiter Teile seiner Regierungen geschuldet. Dieser Kontinent ist kein von der Natur benachteiligtes Armutsloch, sondern Opfer der dort herrschenden Klassen.

Lösen aber können die Probleme der Afrikaner letztlich nur die Afrikaner selbst. Der wirtschaftliche Boom, der Teile des Kontinents schon jetzt zu erfolgreichen Epigonen der asiatischen Tigerstaaten macht, zeigt, dass dies möglich ist. Wenn aber derzeit in Afrika weder Regierungen noch Medien das Massensterben im Mittelmeer auch nur zur Kenntnis nehmen, dann laden sie Schuld auf sich – und nicht die Europäer.

Zweitens: Nun die Seerettungskapazitäten der EU im Mittelmeer drastisch zu erhöhen kann viele Menschenleben retten, keine Frage. Und das ist gut so. Die EU wird damit freilich Teil jener maritimen Logistikkette der Schleuser, indem sie deren Menschenfracht gleichsam auf offener See in Empfang nimmt und für deren sichere Anlandung sorgt. Damit können die Schleuser ein deutlich besseres Produkt mit geringeren Risken anbieten, was die Nachfrage und damit à la longue wiederum die Anzahl der Todesopfer eher steigen lassen wird.

Konsequent zu Ende gedacht, müsste die EU eigentlich die Migranten direkt an der libyschen oder ägyptischen Küste auf sichere Schiffe bringen. Merkwürdigerweise reicht aber dafür die Empathie Europas auch wieder nicht aus. Offensichtlich sind kleinere Opferzahlen durchaus akzeptabel, nur allzu große wie beim jüngsten tragischen Ereignis halt nicht; Empathie mit beschränkter Haftung sozusagen. (Eigenartige Medienmechanik spielt da mit: Dass in der EU alle 14 Tage rund 1000 Menschen bei Autounfällen umkommen, bewirkt keine Schlagzeilen und Sondersitzungen in Brüssel.)

Drittens: Die Vorstellung, an der afrikanischen Mittelmeerküste irgendwelche EU-Lager errichten zu können, in denen Asylwerber der Segnungen der europäischen Einreisebürokratie teilhaftig werden, ist angesichts der Lage etwa in Libyen eine eher kühne. Mit den dort marodierenden Terrorbanden des Islamischen Staates über Fragen der Bauordnung und arbeitsrechtliche Bedingungen in derartigen Lagern zu verhandeln wird sehr vergnüglich.

Viertens: In Großbritannien arbeiten schon jetzt mehr Ärzte aus Ghana als in Ghana selbst. Nach Europa drängen tendenziell die stärksten und mutigsten jungen Afrikaner, nicht die Alten und Schwachen. Wer die Einwanderung aus Afrika erleichtert, schwächt damit die Herkunftsländer der Migranten und reduziert deren Chancen, sich selbst aus dem Morast zu ziehen.

Fünftens: Wer einfach die Visumpflicht aufheben möchte für jene, die aus Nordafrika nach Europa wollen, wie dies jüngst etwa Heribert Prantl („Süddeutsche“) in einer TV-Diskussion gefordert hat, der plädiert damit für einen blutigen Bürgerkrieg in Europa. Wenn auch nur ein kleiner Bruchteil der 1,1 Milliarden Afrikaner die Vorteile der visumfreien Übersiedlung in die EU nutzte, brächen die Sozialsysteme und damit die öffentliche Ordnung schnell zusammen.

Sechstens: Emotionsbasierte Pathos-Politik („Nie wieder!“) mag gut ankommen, ist aber gerade in dieser Causa Teil des Problems und nicht der Lösung. (hier)

7 comments

  1. Dag Zimen

    Empathie- und lösungsbefreiter Zynismus bringt aber auch nicht mehr als ein paar gefüllte Blogzeilen.

    Europa ist nicht schuld, dass sich die Menschen auf den Weg machen. Kann, muss man wahrscheinlich so sehen. Europa ist nicht schuld, dass sich die Menschen Seelenverkäufern anvertrauen. Kann man so sehen, muss man bestimmt nicht. Europa ist schuld, dass zu wenig ertrinkende Menschen gerettet werden. Kann man das anders sehen?

    Und was eine gute Politik in Ghana oder im Senegal Somaliern oder Syrern helfen soll, das sollte man zumindest erklären, wenn man schon dieses blame game aka floskelbingo spielt.

  2. Christian Peter

    ‘Nur Afrikaner können die Problem Afrikas beheben’

    Man sollte nicht vergessen : Durch Migration wird das Problem der Armut niemals gelöst, sondern ganz im Gegenteil sogar noch verschärft. Arme Ländern müssen wirtschaftlich und politisch aufholen, daran führt kein Weg vorbei. Der Londoner Ökonom und Armutsforscher Paul Collier empfiehlt : Der einzige Weg nach Europa muss der legale sein, man darf illegale Flüchtlinge nicht durch Gewähren eines privilegierten rechtlichen Asylantenstatus belohnen, sondern muss diese zurück in ihre Heimatländer schicken, um die illegalen Routen nach Europa so unattraktiv wie möglich zu gestalten.

  3. aneagle

    Australien beweist zumindest, dass das EU Problem geographisch überschaubar ist. Aber unter den Maßnahmen Europas ist eine Lösung der Flüchtlingsproblematik nicht in Sicht.

    Auch unter der ev. realen Annahme, fast alle EU Politiker wären cerebral schwer defizitär, ist es kaum vorstellbar dass eine Hundertschaft politerfahrener Kompetenzler und sogenannter Experten der Europa-Regierung nicht mal dieses Problem lösen kann. Die Vermutung, jemand will das Problem, verdichtet sich. Wem also nützt es, wenn Zigtausende in unsere Sozialsysteme einwandern? Cui bono?

    Zuletzt, die unvermeidliche Frage:
    wie stehen die reichen Staaten der Friedensreligion zur Flüchtlingsaufnahme ? Ausnahme:Türkei und Jordanien als Kriegsgebiet-Anrainerstaaten. Aber auch dort: wie viele Afrikaner “retten” sich dorthin ?
    Oder hat das, wie die Menschenrechte und vieles andere, nichts mit dem Islam zu tun ?

  4. gms

    Dag Zimen,

    “Europa ist schuld, dass zu wenig ertrinkende Menschen gerettet werden. Kann man das anders sehen?”

    Nein, das kann man mit einem ausreichend überdehnten Schuldbegriff nicht anders sehen, denn solange die EU selbst nicht mit ausreichend vielen und allen technischen Standards genügenden Fähren die Überfahrten zu sozial verträglichen Tarifen organisiert, besteht für alle mit skrupelloseren Anbietern seereisenden Migranten ein unvermeidbares Restrisiko.

    Statt aber das eigene Gutmenschentum (“jeder einzelne Tote ist einer zuviel”) konsequent umzusetzen und per Forderung den marktbeherrschenden, weniger human eingestellten Menschen-Spediteuren die Geschäftsgrundlage abzugraben, dient man sich selbigen mit qualitätssichernden Maßnahmen an, wonach der eine hernach eifrig aus dem Meer fischt, was der andere zuvor dort kostensparend versinken ließ.
    Angesichts derart unverblümter Kooperationsabsichten verwundert auch nicht, wenn Moraltrompeten diverser NGOs entrüstet die Zuschreibung “mafiöse Schlepperbanden” inkriminieren.

    Die Kenntnis basaler Zusammenhänge erlaubt diesen Trompeten zwar die korrekte Prognose, eine jahreszeitlich bedingte Besserung der Überfahrtskonditionen im Frühjahr würde mehr Seelenverkäufer in Richtung Norden und damit auch zum Meeresgrund schicken, andererseits kann und muß der analoge Effekt durch eine arbeitsteilige Aufwertung der Transportleistung mittels flankierender Rettungsmaßnahmen nicht nur negiert, sondern dessen bloßes Aufzeigen mit der Standardphrase “menschenverachtend und zynisch” bedacht werden.

    Apropos “lösungsbefreiter Zynismus” — Unfallfreies Nachhüpfen einer Kette aus Ursachen und Wirkungen erfordern Nüchternheit und Verstand. Angewandt auf die aktuelle Fragestellung läßt sich den versammelten Empörungsartisten leicht eine Lösung aufzeigen:

    Die Rettungsmaßnahmen werden zwar intensiviert, aber absolut geheim durchgeführt. Kommuniziert wird sogar das strikte Gegenteil, wonach Flüchtlingsboote konsequent an der Weiterfahrt gehindert würden mit dem Risiko, diese könnten daraufhin erst recht untergehen. Als Folge dieses wahrgenommenen aber faktisch falschen adriatische Bermuda-Dreiecks gibt es zwei handfeste und einander wechselwirkend begünstigende Gründe für weniger Tote: Es würden nahezu alle, die dessen bedürfen, gerettet, während zugleich entschieden weniger Menschen mangels Erfolgsaussicht das Unterfangen überhaupt wagen.

    Jeder ernsthaft an einer Lösung interessierte Gutmensch müßte sich sofort für oben skizziertes Vorgehen einsetzen, dabei aber die in der aktuellen Debatte immer wieder gespielte gezinkte Karte verwerfen, jene aktuell von Schleppern organisierte Zuwanderung diene eigentlich — von wegen Überalterung und Bereicherung — den Zielländern dieser Wanderbewegung. Zugleich sähe er sich in der vertrackten Situation, daß er das kommunizierte Bild der fest geschlossenen Festungstore zwar kritisieren müßte, dies aber aufgrund des Wissens um die Falschheit dieses Bildes moralisch nicht dürfte.

    Würden NGOs tatsächlich lösungsorientiert im Sinne der Selbstdeklaration agieren, wären sie morgen arbeitslos. Wer soll ihnen ein Vermeiden dessen verübeln wollen? Und so dümpeln sie (pardon the pun) auch morgen noch in einer Suppe aus halbgaren Versatzstücken, aus denen vorhersagbar wie hohe Wellen bei einem Sturm regelmäßig die Blase des Zynismus-Vorwurfs hochblubbert.

  5. Mourawetz

    Schon klar, dass man die Leute vorm Ertrinken retten muss. Es ist auch klar, dass es kein europäisches Problem ist, sondern ein afrikanisches. Aber leider müssen wir uns um dieses Problem kümmern. Die Tschernobyl-Wolke wurde auch nicht von Westeuropa verursacht, trotzdem wurde sie zu unserer Haustür getragen und war somit unser Problem. Vor Jahrzehnten hätte man noch sagen können, dass Entwicklungshilfe in Afrika den Wunsch der Afrikaner, ihr Land zu verlassen, verschwinden lassen würde. Viel mehr Afrikaner sehen seitdem noch weniger Chancen, sich ein Leben in ihrer Heimat aufbauen zu können. Nach Milliarden Dollars Entwicklungshilfe muss man sich fragen, ob nicht etwas ganz Grundsätzliches bei der Entwicklungshilfe schief läuft, dass sie so dermaßen nach hinten losgeht. Die unermessliche Sehnsucht dieser Boatpeople, die das größte Risiko nicht scheuen, nur um einfach wegzukommen, scheint mir ein bedeutender Indikator für das totale Versagen der westlichen Entwicklungshilfe in Afrika zu sein.

  6. Christian Peter

    @Mourawetz

    Selbstverständlich sind die Problem hausgemacht : Solange man illegale Einwanderer durch einen privilegierten Asylantenstatus besser stellt, als Menschen, die zuhause bleiben, werden weiterhin Millionen Menschen ihr Leben riskieren und vor den Toren Europas ertrinken.

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