Was sieht Herr Darabos am Morgen im Spiegel?

Von | 14. Juni 2015

(C.O.) Es war, man kann es nicht anders benennen, ein durch und durch erbärmlicher Anblick, den führende sozialdemokratische Politiker in diesen Tagen bei ihren Versuchen boten, zu erklären, was sich nicht erklären lässt: Nämlich, dass die FPÖ so böse ist, dass man keinesfalls mit ihr koalieren kann, und deshalb (im Burgenland) nun mit den Freiheitlichen koaliert wird.

Für sensible Gemüter war glatt mitleiderregend, Herrn Cap, Herrn Hundstorfer oder gar Herrn Darabos dabei zu beobachten, wie sie im Fernsehen ihren Zuschauern mit leichter Verzweiflung zumuteten, ihnen den größten nur denkbaren Bullshit abzunehmen – dabei wissend, dass nicht einmal der allerdümmste Tölpel ihnen diesen Bullshit abkaufen wird. Man möchte gar nicht wissen, wie sich ein noch halbwegs intakter Charakter dabei fühlen muss, wenn er sich eine derartige Selbstverbiegung zumutet. Das wirft schon irgendwie die Frage auf: Warum tut sich jemand eigentlich so etwas an? Warum ist jemand bereit, ein solches Ausmaß an Peinlichkeit zu erdulden?

Damit verbunden: Warum manövrieren sich Spitzenpolitiker regelmäßig in Situationen, deren Peinlichkeitsfaktor astronomische Werte erreicht? Warum wird also etwa ein Norbert Darabos, der sich stets als Speerspitze des antifaschistischen Kampfes gegen die FPÖ gerierte, nun völlig ungeniert deren Koalitionspartner in der Landesregierung, ohne sich vor Scham im tiefsten Keller der Löwelstraße zu verkriechen? Was bringt seine Genossen dazu, diesen unerhörten Vorgang wider besseres Wissen und trotz des empörten Gejohles der davon angewiderten Öffentlichkeit zu verteidigen?

Die Antwort ist simpel: Weil der größere Teil des politischen Personals – und das ist nicht nur in der Sozialdemokratie so – in der Politik wesentlich mehr Geld verdient als im erlernten Beruf, so es überhaupt über einen verfügt. Diesen Leuten ist völlig bewusst, dass sie außerhalb der Politik ein materiell bescheiden dotiertes Leben führen müssten, die Privilegien selbst der ruralen C-Prominenz einbüßten und in der Folge insgesamt auf das ihren tatsächlichen Fähigkeiten nach zustehende Maß reduziert würden. Das ist natürlich für die Betroffenen keine riesig lustige Option. Wer will schon so leben müssen wie seine Wähler. Brrrr.

Deshalb treffen sie eine ganz rationale und vernünftige Abwägung: sich eine Zeit lang jenen demütigenden und entwürdigenden Selbstverbiegungen zu unterwerfen, wie sie in den vergangenen Tagen so hübsch zu besichtigen waren, und dafür bis zum Lebensende die materiellen Früchte dieser Peinlichkeit ernten zu können; oder aber dies zu verweigern, für ungefähr 15 Minuten berühmt zu werden und anschließend Gefahr zu laufen, den Rest seines Lebens mangels erlernten bürgerlichen Berufs Grundsicherungsempfänger zu werden.

Wie angesichts dieser Optionen eine rationale Entscheidung ausfallen wird, ist nicht sehr schwer zu erraten. Vermutlich erklärt dieser Mechanismus auch, wie viele politische Koalitionen – nicht nur jetzt im Burgenland – zustande kommen.

SPÖ wie ÖVP sind bei näherer Betrachtung ja keine Parteien mehr, sondern bloße Interessenvertretungen – nicht zuletzt der Interessen ihrer jeweiligen Führungsschicht und all jener Funktionäre in der zweiten und dritten Ebene, deren bürgerliche Existenz in vielen Fällen vom politischen Überleben der jeweiligen Führungskader abhängt.

Vor diesem Hintergrund wird völlig rational, dass die burgenländische SPÖ mit der dortigen FPÖ koaliert – sie schaltet damit einfach die Gefahr aus, in die Opposition gedrängt zu werden und damit die Versorgung ihrer mittleren und unteren Chargen mit attraktiven Jobs zu gefährden. Dafür in die Verlegenheit zu kommen, erklären zu müssen, warum man mit der FPÖ ins Bett springt, ist ein rein materiell gesehen ausgesprochen günstiger Preis. Und den zu entrichten ist letztlich deutlich bequemer als das mühsame Erlernen eines Berufes, der materiell unabhängig macht und Politikern derartige Erniedrigungen ersparen würde. (“Presse“)

15 Gedanken zu „Was sieht Herr Darabos am Morgen im Spiegel?

  1. Michael Rauscher

    Die Analyse ist mE grundsätzlich richtig. Leider wird die Motivation im rein Pekuniären gesehen- die Nähe zur Macht und die Steigerung des Selbstwertes der eigenen Person sind wohl ebenso relevant.
    Die Talentsuche für die Ämterbesetzung der vorderen aus den hinteren Reihen wird durch den Umstand unklarer Haltungen auf allen Seiten sehr schwierig. Meist sind die dafür in Frage kommenden schon so verbogen, dass bereits Geradesitzen und Gradausschauen als Kriterien herangezogen werden müssen.
    Das ist ein Thema der Gesellschaft in der wir leben und zu der wir unseren Beitrag leisten oder auch nicht. Lässt die Gesellschaft die Verbiegung ihrer Mitglieder bereits ab dem KIGA zu? Möchte sie selbstständig denkende
    und reflektierte Persönlichkeiten, die den Status Quo hinterfragen und Revolutionen auslösen können?
    In A habe ich eher das Gefühl, dass die Selbständigkeit im Denken und Handeln als belanglos erachtet werden. Somit haben wir genau jene VertreterInnen, die wir verdienen.

  2. ostarrichio vecchio

    Lieber Herr Ortner, Sie gehen von falschen Prämissen aus: Zitat: „Man möchte gar nicht wissen, wie sich ein noch halbwegs intakter Charakter dabei fühlen muss, wenn er sich eine derartige Selbstverbiegung zumutet. Das wirft schon irgendwie die Frage auf: Warum tut sich jemand eigentlich so etwas an? Warum ist jemand bereit, ein solches Ausmaß an Peinlichkeit zu erdulden?“

    (Linken) Politikern einen halbwegs intakten Charakter auch nur präsumtiv zu attestieren ist entweder ein rhetorischer Haken an dem wir Leser uns in Kommentaren festhalten können oder zeugt von Ihrem – trotz täglicher Konfrontation mit dem politischen Alltag – in milden Momenten nicht vollständig abzutötendem Glauben an das Gute im Menschen (Einsicht!). An sich ist das ein schöner Zug.

  3. Ehrenmitglied der ÖBB

    @ o v
    Die “Selbstverbiegung” könnte auch darin begründet sein, dass es kaum eine berufliche Perspektive gibt, die einen ähnlich hohen Lebensstandard erlaubt?
    Oder irre ich mich?

  4. Thomas Holzer

    Keinem Politikerdarsteller unserer Zeiten sind Charakter, Anstand, Niveau, Verantwortung, Integrität zu eigen.
    Das einzige, was alle eint, ist der unstillbare Drang, möglichst lange an den Futtertrögen der “Macht”, fremdfinanziert von tumben Steuerknechten, verbleiben zu können

  5. Manuel Leitgeb

    Gerade Darabos ist der Archetyp des rückgratlosen, kadavergehorsamen Parteisoldaten (mit der erwähnten geradezu tödlichen Angst davor, irgendwann in der Privatwirtschaft arbeiten zu müssen). Nach dem erfolgreichen Wahlkampf 2006 hat er jenes Ressort erhalten, daß er partout nicht wollte und wo er seine Untergebenen gehaßt hat, das Verteidigungsminsterium. Aber ablehnen kam natürlich nicht in Frage.
    Dort war dann die Wehrpflicht für ihn “in Stein gemeißelt” (laut alter SPÖ Diktion) aber nur solange, bis der Schwerstalkoholiker im Wiener Rathaus gesagt hat: “Na, jetzt net mehr. Weil Wahlkampf”.

  6. Nimbus59

    Gerade diese Analyse bestärkt mich in meiner Meinung, daß politische Funktionen einer Person auf maximal 2 Legislaturperioden begrenzt werden müßten.

  7. cppacer

    @ T.Holzer:”Keinem Politikerdarsteller unserer Zeiten sind Charakter, Anstand, Niveau, Verantwortung, Integrität zu eigen”.
    Von Redlichkeit ganz zu schweigen

  8. Christian Peter

    Menschenskind, wenn Herz-Jesu-Demokraten (ÖVP) viele Jahre mit der FPÖ koalierten, warum nicht auch Sozialdemokraten ? Auch Die Grünen würden mit der FPÖ koalieren, würde es sich rechnerisch ausgehen.

  9. aneagle

    da hat CP einmal recht. und ich warte schon, egal ob in Deutschland oder wahrscheinlich früher in Österreich, auf die erste Bankomat-Koalition(= Blau-Grün). Hoffentlich noch lange !

  10. sokrates9

    Neben Charakter, Anstand, Niveau, Verantwortung, Integrität sollte ein Politiker noch einen Restbestand Hirn haben und strategisch Denken können! Dann würde er erkennen, dass dem Bürger Asyl / EU / EURO / Kriminalität/Arbeitslosigkeit und dazu Rezepte wichtiger sind als homiosexuellen / Genderdiskussion, Nazikeule und ähnliches!

  11. Thomas Holzer

    @Nimbus59
    Wenn es an die angeführten Charaktereigenschaften und zusätzlich an Redlichkeit und Hirn fehlt, ist schon ein Tag in jeglicher politischen Funktion zu viel.
    Mit einer Beschränkung auf 1,2 oder wie viel Legislaturperioden auch immer lassen sich diese Defizite leider nicht beheben.

  12. Syria Forever

    Shalom Herr Ortner.

    Ich wusste nicht wohin mit dem feed? Ich kann, bei Interesse gerne etwas dazu berichten. Andernfalls löschen Sie einfach meinen Text.

    Das war vor einer Stunde an der Grenze Syrien/Türkei. Die Kinder der EU wollen wieder zurück…

    http://www.dha.com.tr/dhavideogaleri.asp?vid=958237

    Guten Sonntag.

  13. Der Realist

    um die Frage aus meiner Sicht zu beantworten, meistens wahrscheinlich zwei Darabos

  14. Marcel Elsener

    Auf Bundesebene hat die SPÖ bereits einmal unter Sinowatz mit der FPÖ koaliert, ohne dass deswegen Österreich untergegangen wäre. Damals gab es übrigens noch Altnazis in der Partei, was niemanden sonderlich interessierte. Worin besteht eigentlich das Problem für die Genossen?

  15. Alexandra Bader

    Herr Ortner, sprechen Sie sich eigentlich mit Andreas Unterberger (http://www.andreas-unterberger.at/2015/06/mitleid-mit-norbert-darabos/ ) und Konsorten ab? Das Problem mit in den Spiegel schauen sollten die haben, die Propaganda gegen jene Politiker machen, die keine Vasallen der USA sein wollen – und die deswegen, siehe Darabos, unter Druck gesetzt werden. Darauf gehe ich u.a. hier ein: http://www.ceiberweiber.at/index.php?type=review&area=1&p=articles&id=3465
    Übrigens: das zynische “Mitleid”-Gehabe kommt bekannt vor, von der Zeitung, bei der Sie kommentieren und Unterberger früher Chefredakteur war, von der Presse nämlich. Als Thomas Prior dort vor ein paar Monaten auch so einen Kommentar ablieferte, wollte ich mit ihm drüber reden (immerhin war er dazu bereit, eine Ausnahme!). Er sagte, dass es in der SPÖ heisse, “der Darabos werde halt abgeschirmt”, war aber nicht soweit, drüber nachzudenken, wie das möglich ist und was es impliziert. Er befasse sich nur mit Innenpolitik (nicht aber mit Landesverteidigung, denn dort hat der Umgang i.A. USA mit Darabos seinen Ursprung). Allerdings meinte er mit gewisser Häme, dass Darabos seinen Nimbus als “unbesiegbarer Stratege” ja nun verloren habe. Und damit haben wir auch schon den zweiten Grund dafür, wie Darabos unter Druck gesetzt wird – und man stelle sich vor, ein Stratege hätte das Amt eines Verteidigungsministers, des Befehlshabers auch der Geheimdienste, ungehindert und verfassungsgemäss ausüben können! So aber wurde er abgeschottet, überwacht (was alles möglich ist, wissen auch Uneingeweihte seit 2 Jahren), unter Druck gesetzt, und das hörte auch nicht auf, als er in die Löwelstrasse wechselte (warum wohl ist von “Kommunikationsproblemen” die Rede, die sein Nachfolger dort angehen müsse?). Zur Aushebelung der Befehlskette im BMLVS, die mit Klug noch viel besser funktioniert siehe http://www.ceiberweiber.at/index.php?type=review&area=1&p=articles&id=3447 .
    Ich schlage Ihnen vor, dass Sie sich einem persönlichen Gespräch stellen – und nehmen SIe auch Herrn Unterberger mit, dann geht das in einem Aufwaschen. Meine Mailadresse finden Sie ja auf meiner Webseite!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.