Wenn Banken ihre Kunden pflanzen

(Georg VETTER) Dieser Tage erhielten Kunden einer österreichischen Großbank Aufforderungsschreiben, Jahresabschlüsse/Bilanzen bzw. Einnahme-Ausgaben-Rechnungen oder EST-Erklärungen/.Bescheide für die Jahre 2012 und 2013 vorzulegen. Begründet wurden diese Aufforderungen mit einer Verpflichtung gegenüber „der Bankenaufsicht“. Im Betreff war von „wichtige(n) Unterlagen für Ihre laufende Finanzierung“ die Rede.

Wer meint, dass hier Bonitätsnachweise im Rahmen einer Kreditgewährung abgefragt wurden, irrt gewaltig. Solche Schreiben erhielten auch Bankkunden, die ausschließlich Geld bei der Bank veranlagten – also auch Kunden, die nicht laufend von der Bank finanziert werden, sondern die diese Bank laufend finanzieren. Pikant erscheint auch, dass diese Bank vor kurzem einen hohen Verlust für die ersten drei Quartale 2014 zu verbuchen hatte. Mit anderen Worten: Die Schuldnerin verlangt vom Gläubiger – übrigens ohne Bezug auf eine Rechtsgrundlage – Bonitätsnachweise in einer laufenden Vertragsbeziehung. In meiner Welt ist nur der umgekehrte Fall nachvollziehbar.

Soweit sich die Bank auf die Bankenaufsicht beruft, ist einerseits darauf zu verweisen, dass deren Aufgabe die Bankenaufsicht und nicht die Bankkundenaufsicht darstellt und andererseits darauf, dass diese Teil einer Körperschaft öffentlichen Rechts (Republik Österreich) ist, die selbst jedes Jahr mehrere Milliarden Euro Verlust („Budgetdefizit“) zu verzeichnen hat.

Viele Kunden werden der sachlich nicht zu rechtfertigenden Aufforderung vermutlich nachkommen – unwillig aber doch. Tatsächlich handelt es sich allerdings um einen gar nicht unbedeutenden Eingriff in eine laufende Geschäftsbeziehung, die einen Schritt weiter in Richtung gläserner Bürger darstellt. Es geht nicht an, dass sich der Gläubiger gegenüber seinem Schuldner bonitätsmäßig erklären muss. Beginnen wir mit solchen Offenlegungspflichten im Bankenbereich, werden wir bald in allen anderen Kunden- und Geschäftsbeziehungen zur Offenlegung unserer Einkommensverhältnisse verhalten sein. Auch finanzielle Intimität ist ein Teil unserer Freiheit, auf die wir nicht aus Gedankenlosigkeit auf’s Spiel setzen sollten.

2 comments

  1. Manfred Moschner

    Ich denke, viele von uns könnten weitere Beispiele beitragen.
    Dabei handelt es sich aber nur um die Spitze des Eisberges.
    Banken-Bashing hilft nicht weiter, denn “die Banken” sind selbst Opfer eines auferzwungenen Transformationsprozesses. Zumindest soweit sie sich als Diener der Realwirtschaft verstehen.
    Ziel der herrschenden Oligarchie ist es, Banken mithilfe diverser Regularien (insbesondere Basel III) zu Kapitalsammelstellen mutieren zu lassen, deren einzige (wichtige) Funktion die Finanzierung staatlicher Strukturen ist. Dafür wird jeder Hausverstand außer Kraft gesetzt – z.B. durch die Regel: “souvereign risk is zero risk”, die historisch hundertfach widerlegt ist!
    Jeder vernünftige Investor, der mehr als einen einlagengesicherten Betrag bei einer Bank hinterlegt, beschäftigt sich übrigens schon seit Jahren mit der Bilanz der betreffenden Bank! Und sucht verzweifelt nach Alternativen – einer der Gründe, warum Vermögenswerte so extrem gestiegen sind!

  2. Gustav2.0

    Bei dieser Vorgehensweise hoffe ich, dass die Kunden auch zur Bewertung, ob man sein Geld bei dem Institut lässt, auch entsprechende Unterlagen anfordert. Sollte diese nicht gut sein, dann wird das Geld einfach abgezogen und wo anders veranlagt.

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