Wenn der Kühlschrank schlauer ist als sein Besitzer

(ANDREAS DOLEZAL) Das Internet der Dinge steckt noch in den Kinderschuhen, trotzdem übernehmen mehr und mehr schlaue Dinge – und Computerprogramme – die Kontrolle über unseren Alltag. Intelligente Geräte und Softwarelösungen, die permanent online und untereinander vernetzt sind, entwickeln sich zu einem Multi-Milliarden-Weltmarkt, da sind sich Zukunftsforscher einig. Fluch oder Segen? Sicherheitsrisiko mit ungeahntem Ausmaß, oder Traum jedes Technik-Freaks?    Im Kühlschrank ist nur mehr ein Flasche Weißwein. Bevor der Kühlschrank aber einfach nur nachbestellt, checkt er ihren Kalender und stellt fest, dass sie nächstes Wochenende Gäste eingeladen haben. Deren bevorzugte Weinsorten findet er in deren Social Media-Profil und bestellt diesen Vorlieben entsprechenden Wein. Natürlich vereinbart der Kühlschrank einen Liefertermin, der gut in ihren Terminkalender passt. Ein paar Stunden bevor ihre Gäste eintreffen, senkt er die Temperatur in seinem Inneren um ein paar Grad ab, damit der Wein auch wirklich gut gekühlt ist, denn der Wetterbericht sagt eine heiße Tropennacht vorher.

Utopie? Nein, heutzutage technische Realität.

Sie wollen sich kurzfristig – zwei Stunden vor dem Abflug – gegen eine Flugverspätung versichern. Sie rufen auf ihrem Smartphone ihr Online-Ticket auf, klicken unter „Extras“ auf den Button „Versicherung“ und akzeptieren die angezeigte Prämie, die umgehend von ihrem Konto abgebucht wird. Es kommt wie es kommen muss, ihr Flug hat tatsächlich Verspätung. Die Airline speist diese Info ins Buchungssystem, welches erkennt, dass sie sich dagegen versichert haben. Automatisch erfolgt eine Schadensmeldung an die Versicherung, deren Algorithmus prüft die Daten und gibt ihrer Bank den Auftrag, die vereinbarte Versicherungssumme auf ihr Konto zu überweisen.

Utopie? Auch nicht mehr.

Eines der neuesten Produkte des weltweit größten Online-Händlers ist ein intelligenter Lautsprecher, der mit sensiblen Mikrofonen ständig nach Befehlen lauscht. Musikwünsche, Nachrichten, Steuern von Funktionen im Haus, und – logischer Weise – Bestellungen via Sprachbefehl aufnehmen, all das ist für das schlaue, kleine Ding kein Problem. Neulich in den USA lauschten viele dieser hellhörigen „Spione“ einem Radiobericht über ein Puppenhaus. Nachdem sich dieses Puppenhaus im Angebot des Online-Händlers befand, interpretierten sie das Gehörte als Auftrag zur Bestellung. Kurz danach erhielten dutzende ahnungslose Empfänger ein Puppenhaus im Wert von 149 US-Dollar geliefert.

Utopie? Nein, einem Zeitungsbericht zufolge genau so passiert.

Sie haben einen Autounfall. Ihr Fahrzeug erkennt dies und setzt sofort einen Notruf ab. Dabei meldet ihr Auto nicht nur den Unfallzeitpunkt, die exakten Koordination des Unfallortes und die Fahrtrichtung (wichtig auf Autobahnen und in Tunneln), sondern zum Beispiel auch, ob es auf dem Dach liegt, wie viele Personen sich im Auto befinden und wie viele Airbags sich geöffnet haben. Das macht gegebenenfalls auch das Auto ihres Unfallgegners. Aus diesen Informationen schließen Rettung und Feuerwehr auf die erforderlichen Maßnahmen. Mit den Daten ihres Autos könnten auch andere Fahrzeuge in unmittelbarer Nähe, die sich dem Unfallort nähern, gewarnt werden. Weiter entfernte Fahrzeuge erhalten die Information, damit deren Navigationssystem eine Umfahrung planen kann.

Utopie? Nein. Dieses Notrufsystem heißt eCall und ist bereits ab Ende März 2018 für jeden Neuwagen Pflicht.

Entmündigen uns solche Systeme zusehends? Oder sind sie wertvolle und im Falle von eCall sogar lebensrettende Hilfen im Alltag? Welches Chaos entsteht, wenn wir uns darauf verlassen, aber der Strom oder die WLAN-Verbindung ausfallen? Wie sicher sind die gesammelten Daten? Wer hat Zugriff darauf? Und was errechnen schlaue Algorithmen noch alles aus der Datenvielfalt?

Mit unserer Privatsphäre ist dann jedenfalls restlos vorbei. Jeder von uns wird zum offenen Buch für die ganze Welt des Konsums, des Staates, der Versicherungen, … Wollen wir das wirklich?

13 comments

  1. Fragolin

    Könnte man mal bitte aufhören, bei solchen Geräten von “intelligent” zu reden?
    Ein programmierter Automatismus, der bestimmte Dinge sbcheckt bevor er eine Handlung vollführt, steckt in jeder besseren Maschine, die über Sensorik verfügt, wobei keiner auf die Idee kommt, die Kiste als “intelligent” zu bezeichnen. Und solange der Kühlschrank Wein bestellt ohne vorher meinen Kontostand zu checken und mich zu fragen, ob ich genug Kohle habe oder auszugeben bereit bin, nur weil auf den Fratzenbuchprofilen meiner geladenen Gäste exotische Wünsche vermerkt sind, ist dieses Teil nichts als das Werkzeug eines Versandhändlers zur Gewinnmaximierung, weil es keine Gewissensfragen mehr kennt sondern stumpfsinnig bestellt, was es für notwendig erachtet. Nein, dieser kühlrippenbewehrte Konsumautomat ist nicht intelligent, und jeder, der sich sowas in die Küche stellt, auch nicht.

  2. Thomas Holzer

    “Mit unserer Privatsphäre ist dann jedenfalls restlos vorbei”

    Solange niemand gezwungen wird, derlei Geräte zu verwenden, habe ich mit derlei Geräten keine Probleme. So sich jemand vor der gesamten online-Welt prostituieren möchte, wie es derzeit zuhauf auf facebook etc. stattfindet, soll er/sie/es die Möglichkeit natürlich haben.

    Ich fürchte halt “nur”, daß “unsere” Politikerdarsteller (siehe e-call) der Anordnung von Zwang nicht widerstehen werden können, ja gar nicht wollen.

  3. Dieuetmondroit

    Wer Kinder hat, kennt vielleicht den Amimationsfilm Wall-E.

    Ich weiß ja nicht, ob das so beabsichtigt war, aber der Film zeigt die Menschen der Zukunft als fette, strohdumme Konsumvollidioten, die nicht einmal mehr gehen können und zu 100 % von Robotern abhängig sind.

    In dieser Hinsicht finde ich den Film visionär.

  4. stiller Mitleser

    @ Thomas Holzer
    Auf facebook posten auch ganz nette Leute, die mit Bekannten und Freunden Kontakt halten wollen. Und wie immer im gesellschaftlichen Leben gibt’s dabei die Möglichkeit ein bißchen anzugeben.
    Aber man kann auch Reichweiten für wichtige Inhalte u.U. mit Provokation erzielen. Wie auch immer, junge Leute können dieses Medium nicht vermeiden, sie müssen damit umgehen und sich darin behaupten. Luke Lametta, der im Grund politisch auch Ihre Position vertritt, wurde schon mehrmals wegen dieser polit. Position von fb gesperrt. Sein besonderer Schreibstil, eine Art innerer Monolog mit Zitaten und rap – Elementen, bringt ihm und damit auch der von Ihnen vertretenen Position Reichweite. Ein Held, halt ein moderner.

  5. Thomas Holzer

    @stiller Mitleser
    Möge jeder nach seiner Facon glücklich werden, seine Ansichten vertreten, dies stellt für mich grundsätzlich kein Problem dar. Ich erlaube mir nur Art und Weise gewisser Auftritte auch zu kritisieren; eh nur, wenn diese hier auf ortneronline stattfinden.
    Um mit Verwandten, Freunden, Bekannten in Kontakt zu bleiben, bedarf es meiner bescheidenen Meinung nach aber keinen öffentlichen! Austausch 😉
    P.s.: Danke für Ihren link zur “Trump’schen Bildkomposition” 😉

  6. stiller Mitleser

    @ Thomas Holzer
    “Um mit Verwandten, Freunden, Bekannten in Kontakt zu bleiben, bedarf es meiner bescheidenen Meinung nach aber keinen öffentlichen! Austausch ”
    das seh ich eigentlich auch so, aber Selbstindiskretionen gab´s ja immer schon….

  7. raindancer

    als ich bin seit knapp zwei Jahrzehnten in der IT Branche tätig und ich liebe die Technik.
    man wird mich jetzt wieder verdammen in einem neoliberalen Forum, aber die Menschheit wäre noch sehr weit zurück ohne die Technik, man denke nur an die Medizin oder das Bauwesen…
    Was sie so verwerflich macht ist eher der Raubbau an der Natur und der Missbrauch der Daten für Grosskonzerne und Ausforschung von Nutzerverhalten….
    was aber an und für sich die Technik nicht schlecht macht.
    Ich sehe eine wundervolle Zukunft für die Menschheit so a la Star Trek, wenn wir das “Böse” erkennen.
    Den Missbrauch der Technik für andere Zwecke: Datenausforschung und vor allem Raubbau an der Natur.
    Wenn man diese Punkte beheben würde, wäre es schon ganz ganz toll….Es geht wie immer um Konsum.
    Vielleicht kommt einmal ein System, wo Konsum nicht mehr Geld verdienen bedeutet, sondern einfach nur Bedarf. Ich weiss es nicht.
    Ob Kinder nun Sport machen und der Natur nahe sind, hat eher mit Erziehung zu tun, wenn Fernseher und Computer als Ersatz für Kommunikation und Beschäftigung dienen..dann ist nicht der Computer schlecht…sondern die Erziehung. Was selbständiges Autofahren betrifft ….das System bedarf noch fine tuning , aber prinzipiell was spricht dagegen..wenn es ein Auto Navigationssystem gibt…
    Das einzige wo ich kritisch bin ist Atomenergie , weil einfach ein Fehler einen halben Planeten zunichte macht.
    Hier sind wir einfach nicht soweit…nicht im Betrieb selber ..das funktioniert ja ..aber der Notfallplan funktioniert nicht.

  8. stiller Mitleser

    @ raindancer
    hier werden Sie bestimmt nicht verdammt, hier ist man sehr technikaffin

  9. Thomas Holzer

    @raindancer
    Warten Sie auf die Kernfusion!
    Natürlich ist die Technik, sind die technischen Errungenschaften per se weder negativ noch positiv; es hängt schlicht und einfach davon ab, was die Menschen daraus machen. “Unsere” Politikerdarsteller meistens leider nur Blödsinn.
    Jeder soll sich selbst aussuchen dürfen, ob er z.B. ein Kfz selbst steuert oder diese Aktivität einem Computer überlässt. Leider neigen “unsere” Politikerdarsteller dazu, alles! vorzuschreiben, was wiederum sehr oft zu Fehlallokationen führt (Elektroautomobilität wird sich in Bälde als eine Solche erweisen)
    Welch ein Fortschritt war der TI-30 gegenüber dem Rechenschieber (die Alten unter uns wissen wohl, was ich meine) 😀

  10. Thomas Holzer

    @raindancer
    Nachtrag: es gibt anscheinend auch schon ziemlich erfolgversprechende Versuche, den Atommüll nachhaltig! (und ich mag dieses dumme Wort überhaupt nicht) zu beseitigen, nur leider natürlich noch nicht massentauglich, da sich “unsere” Politikerdarsteller wieder einmal einbilden, zu wissen, wohin die Reise gehen soll.
    Hätten die ach so bösen Monarchen vor 100 und mehr Jahren so gehandelt, entschieden wie “unsere” Politikerdarsteller, wäre z.B. wahrscheinlich eine Pferde- und nicht eine Eisenbahnstrecke über den Semmering gebaut worden.

  11. Rennziege

    21. Januar 2017 – 14:17 — Thomas Holzer
    @raindancer
    Servus! Herr Holzer hat völlig recht. Es ist ja nicht nur die (a wengerl ferne) Kernfusion, es sind die Reaktoren der 3. Generation, die den bislang angefallenen Atommüll zu 97% verwerten. Und seit jeher sind deutsche Kernkraftwerke, kontinuierlich mit der neuesten Sicherheitstechnik ausgerüstet, störfallfrei. (Aber in Norddeutschland, wo ich eine Zeitlang wohnte, riefen die überwiegend linksdrehenden Medien den GAU schon aus, wenn in einem KKW ein Lichtschalter oder eine Klospülung den Geist aufgab.
    So wurde eine Zukunftstechnik, zu 100% CO2-frei, in den Exodus getrieben. Weil Mutti Merkel ein japanisches Naturereignis missbrauchte, um die Landtagswahlen im grünlastigen Ba-Wü noch herumzureißen, was in die Hose ging. Dafür ham’s jetzt die sogenannte Energiewende, die sündteuer ist und zum Umweltschutz absolut null beiträgt, im Gegenteil: Die zur Ausbügelung der Zufallsenergie von Solar- und Windkraft erforderlichen Gas- und Braunkohle-Kraftwerke verpesten die Atmosphäre geradezu unverschämt.
    Aber die heiligen Kühe der Kanzlerin sind sakrosankt, so kostspielig und sinnlos sie auch sind.

  12. raindancer

    @Thomas Holzer
    das war aber ein schlechtes Beispiel 🙂 genau deswegen bin ich heute schlecht in Kopfrechnen! aber wer braucht das noch …manchmal wenn ich zuviel rauche hab ich sogar das Gefühl ich schaffe die einfachsten plus und minus Rechnungen im 10er Bereich nimmer ..aber das ist wohl eher ein Ateriosklerose Problem

  13. astuga

    @stiller Mitleser
    Unter Jugendlichen ist facebook mittlerweile sowas von out.
    Afaik nutzt man dort vor allem Dienste wie Snapchat und natürlich Whatsapp.

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .