Wenn der Maulkorb Mode wird

“….Amerikanische Studierende scheuen zunehmend die Konfrontation mit anderen Meinungen: 2016 wurde eine Rekordzahl von gestörten oder abgesagten Vorträgen verzeichnet. Ist die freie Lehre bedroht? ” (hier)

15 comments

  1. sokrates9

    Die freie Lehre schafft sich ab! Wir sind wieder zurück auf dem Weg in das Mittelalter! Ob in solchem Klima wissenschaftliche Forschung und Innovationen möglich sind, die ja in der Regel duirch Brechen von Tabus erreicht werden sei dahingestellt!

  2. Selbstdenker

    @sokrates9:
    Sie bringen es auf den Punkt. Hinzufügen möchte ich, dass die radikalen Konstruktivisten die wissenschaftliche Methode an sich explizit angreifen. Ich empfehle dazu die Video-Serie “The Science Wars”, die ich in meinem Blog verlinkt habe.

    [abc]thelandofthefreeblog.wordpress.com/2017/05/14/the-science-wars-episode-1-1/
    [abc]thelandofthefreeblog.wordpress.com/2017/05/01/the-science-wars-introduction/

    [abc] = https://

  3. Selbstdenker

    Der NZZ-Artikel spricht ein Thema an, das man offenbar auch vor der Leserschaft der Printmedien nicht mehr verbergen kann. Allerdings ist dieser mit vielen Behauptungen gespickt, die entweder halbherziger Recherche oder gezielter Manipulation geschuldet sind.

    Eine derartige Technik wird häufig eingesetzt, wenn man das Offensichtliche nicht mehr abstreiten kann, jedoch der ganzen Story einen derartigen Spin verpasst, dass der Narrativ, der sonst vom Einsturz bedroht ist, mit allen unredlichen Mitteln abgesichert wird.

    Wenn sich einmal tatsächlich Empörung breit macht, reagiert der polit-mediale Komplex in etwa so: Ja, wir haben verstanden und werden mehr zuhören. Nach ein oder zwei Diskussionsrunden mit Token-Conservatives, bei denen die Kritik durch eine Überzahl sogenannter “Experten” in ein vermeintlich subjektives Gefühl des Kritikers umgedichtet wird, beginnt wieder der alte Trott.

  4. stiller Mitleser

    Guter Artikel, den ich weiterempfohlen habe.
    Aber: das befreiende Potential des Strukturalismus&Poststrukturalismus sollte anerkannt werden, denn,
    wie im Artikel ganz richtig gesagt, er ermöglicht die “legitime Infragestellung der unreflektierten Machtmechanismen”. Und wahrscheinlich ist auch nicht unerheblich, an welche Traditionen (Puritanismus!)
    Poststrukturalismus und Dekonstruktivismus in den USA andocken konnten; die französische Rezeption war da viel, viel entspannter, Radikalismen fanden erst durch die Re-Rezeption amerikanischer Debatten Eingang in den Diskurs über den Kolonialismus und den Algerienkrieg.

    Andre politische Positionen im Umfeld zu ertragen fällt nie ganz leicht, in der Adoleszenz (Geborgenheit in der peer group ist während der Ablösung von den Eltern besonders wichtig) schon gar nicht. Aber auch später – seien wir ehrlich – agglomerieren Leutchen nach Meinungen, sogar solche, die andrerseits auch wieder eigentlich diverse, evtl. sozialisationsbedingte, Aversionen gegeneinander haben, was Gruppen dann auch wieder sprengt.

  5. Selbstdenker

    Aus Zeitgründen greife ich folgende Teile vom NZZ-Artikel exemplarisch heraus:

    “Es ist mittlerweile ein beliebtes Spiel, die Political Correctness zu kritisieren – oder dieselbe mit grotesken Fällen vom amerikanischen Campus zu karikieren.”

    Soso, es ist also nur ein “beliebtes Spiel”. Damit erspart man sich die nähere Auseinandersetzung mit den Kritikern der PC, kann sich auf deren Person konzentrieren und sich selbst als vermeintlich neutraler Erklärbär positionieren.

    “Diese Entwicklung, die mit der – wohlgemerkt wichtigen – Etablierung postkolonialistischer und feministischer Studiengänge in den 1990er Jahren begann, ist freilich weit mehr als nur ein universitäres Problem.”

    Wer bestimmt, dass diese “Studiengänge” wichtig wären? Die “Entwicklung” begann übrigens nicht in den 1990iger Jahren, sondern bereits in den 1920iger Jahren.

    “Auf Erfahrung basierendes Wissen wurde gegen den abstrakten rationalen Diskurs in Stellung gebracht und das subjektive Argument nicht mehr automatisch diskreditiert.”

    Wie praktisch!

    “Doch was als eine legitime Infragestellung der unreflektierten Machtmechanismen begann, ist in den letzten Jahren offenbar zunehmend aus dem Ruder gelaufen. Die Aggressionsbereitschaft an den Colleges spiegelt dabei nur die Stimmung im ganzen Land. Die Erfolge der Frauenbewegung, die Erstarkung der LGBT-Gemeinde und neuerdings auch die «Black Lives Matter»-Proteste haben zu einem konservativen Backlash geführt, der in der Inthronisierung von Donald Trump seinen bisher radikalsten Ausdruck fand.”

    Auf der einen Seite die “legitime Infragestellung der unreflektierten Machtmechanismen” (die Autorin lässt keinen Zweifel offen welcher “Denkschule” sie entstammt) und auf der anderen Seite der “konservative Backlash”. Die Möglichkeit, dass auch Konservativen das Recht zusteht, bestimmte Verhältnisse infrage zu stellen, kommt der Autorin nicht in den Sinn.

    “Mit dem demografischen Wandel und dem wachsenden Einfluss von Minoritäten sehen viele Konservative das bisher vorherrschende männlich dominierte und christlich-weisse Selbstverständnis bedroht, derweil ihre demokratisch gesinnten Landsleute dem Wandel positiv gegenüberstehen.”

    Da ist er ja, der phöse Popanz in Gestalt christlicher, weisser Männer, der sich gegen die “demokratisch gesinnten Landsleute” stellt. Dummerweise akzeptieren die “demokratisch gesinnten Landsleute” die Regeln der Demokratie nur dann, wenn sie selbst an die Macht kommen. Sonst wird geschrien, geschlagen und angezündet – so wie sich das für “demokratisch gesinnte Landsleute” eben gehört.

    “Nicht zuletzt die Gewaltstimulierung auf Trumps Wahlkampfveranstaltungen hat den Graben vertieft.”

    Seitens der Konservativen wurde nirgends Gewalt “stimuliert”. Es sei denn, die Autorin begreift ein Gegenargument bereits als “Gewaltstimulus”.

    “Trumps abfällige Bemerkungen über Frauen und Schwarze und seine Kampfansage an Immigranten und andere Minderheiten […]”

    Originalzitate bitte.

    Zugleich hat die Gewaltbereitschaft auch an der linksliberalen Front deutlich zugenommen.”

    Die Autorin tut so als wären die Gewaltbereitschaft der links-“liberalen” Front eine Reaktion auf die “Gewaltbereitschaft” der Konservativen. Hier werden Tatsachen völlig auf den Kopf gestellt. Es war die links-“liberale” Front in Gesalt hysterisch schreiender bis gewaltbereiter “Social” “Justice” “Warriors”, die Verantstaltungen von Konservativen massiv gestört und sie an der Ausübung bürgerlicher Grundrechte gehindert hat. Nennenswerte Störaktionen von Konservativen bei links-“liberalen” Veranstaltungen sind nicht bekannt.

    “Anlass war der geplante Auftritt des schwulen rechtspopulistischen Bloggers und Trump-Posterboys Milo Yiannopoulos, dessen Twitter-Account im vergangenen Jahr lebenslang gesperrt worden ist, weil er seine Fans dort zu einer rassistischen Hetzkampagne gegen die schwarze «Ghostbuster»-Darstellerin Leslie Jones aufgefordert hatte.”

    Man beachte die gezielte Verwendung einschlägiger Adjektive als Stilmittel: “rechtspopulitisch” und “rassistisch”. Wenn Argumente ausgehen, sind derartige Zuschreibungen immer praktisch. Der Film “Ghostbusters” war schlichtweg unerträglich und floppte deshalb grandios. Kritiker wurden dann als “rassistisch” und “sexistisch” gebrandmarkt.

    “Auch ist nicht jeder Geladene, der am Reden gehindert wird, ein Hassprediger wie Yiannopoulos.”

    Wo hat Yiannopoulos zum Hass aufgerufen? Beispiele bitte. Hier überschreitet die Autorin selbst die Grenze der “bloßen” intellektuellen Unredlichkeit und begibt sich in möglicherweise strafrechtlich relevantes Terrain.

    “[…] Charles Murray, dessen umstrittene Ansichten zum negativen Einfluss der Sozialhilfe gewiss diskussionswürdig sind, am Middlebury College der Weg versperrt, so dass sein Vortrag aus einem geschlossenen Raum live übertragen werden musste.”

    Damit die einschlägige Geschmacksnote nicht abklingt: “umstrittene Ansichten”. So als ob die Ansichten “postkolonialistischer” und “feministischer” nicht umstritten und diskussionswürdig sind.

    Murray ist kein rechtsradikaler Provokateur, doch hatte das Southern Poverty Law Center ihn aufgrund seiner Befunde als «white supremacist» eingestuft, was als hinreichend dafür galt, ihn nicht sprechen zu lassen.

    So wie Yiannopoulos etwa, der binnen weniger Absätze eine Karriere vom rechtspolulistischen Trump-Posterboy zum “Hassprediger” machte. Merke: rechts = rechtspopulistisch = rechtsextrem = Nazi. Wenn die Autorin derartige Zuschreibungen situativ vornimmt, warum sollte es dann nicht auch die amerikanische Variante der Amadeu Antonio Stiftung vornehmen.

    Fakten? Rechtstaatliche Verfahren? Bahh! Es reicht doch, dass das “Southern Poverty Law Center” jemanden als “white supremacist” einstuft. Die sind garantiert “ganz unabhängig” und ihre Methoden sind “garantiert” über jeden Zweifel erhoben.

    “Aufgrund ihrer simplistischen, faktisch jedoch richtigen These […]”

    Geile Formulierung. “Hate-Facts” sozusagen. Offenbar muss man so wie die Autorin zigfach beteuern auf der “richtigen” Seite zu stehen, damit die leicht reizbaren “Demokraten” aufgrund unangenehmer Fakten nicht sofort ausrasten. Das hätte Heather Mac Donald “natürlich” wissen müssen.

    “«Es herrscht die Auffassung, dass die ‹Gewalt›, die einem durch eine fremde Meinung angetan wird, mit physischer Gewalt beantwortet werden darf.» Der vermeintliche Opferstatus, der zum Selbstbild der jüngsten College-Studenten gehöre, rechtfertige alle Mittel.”

    Antifa in a nutshell.

    “Konformismus und Einschüchterung sind die Folge davon. Es geht also vielleicht gar nicht so sehr um empfindsame Seelen und erlittene Traumata als um eine Aufkündigung der Hierarchien – und sei es um den Preis neuer autoritärer Strukturen.”

    Guten Morgen! The issue is never the issue.

  6. waldsee

    “””Konformismus und Einschüchterung sind die Folge davon. “””
    Werden SO Glaubensgemeinschaften -(ich meine religiöse ,nicht sozialistische)- zum Zusammenhalt gebracht?

  7. stiller Mitleser

    @ Selbstdenker

    Ich bewundere ehrlich Ihren analytischen Blick und Ihr bravado!

    Und ich anerkenne, daß in der gegenwärtigen Situation eigentlich nur die Libertären Begriffe (free speech)
    an der Hand haben, die man dem pc Meinungsterror entgegenhalten kann. Das ist eben der Nutzen und Verdienst solch latent, grob unterschätzt und beinah verborgen weitergetragener Denktraditionen, daß sie Instrumente zum Aufsprengen von Fronten bewahren und bieten können. Das ist auch der Grund, der mich hier attrahiert und bereits ein Jahr verbleiben hat lassen. Und aus dem gleichen Grund meine ich auch, daß die Austrians wieder gelesen und manche (ich bin kein Ökonom) ihrer Positionen medial stark eingebracht werden sollten.

    Aber dennoch: auch Konservative können Macht, repressive Strukturen und deren Historizität und Genese erkennen und reflektieren., eigentlich seh ich da wenig Unverträglichkeit zum Libertarismus, der halt mehr hands on und weniger intellektualistisch ist. Unterschiedlichen Denktraditionen begegnet man zwar mit Mißtrauen, klar, aber es kann sich auch als eigentlich unnötig erweisen.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Michel_Foucault

  8. Selbstdenker

    @stiller Mitleser:
    Vielen Dank!

    “auch Konservative können Macht, repressive Strukturen und deren Historizität und Genese erkennen und reflektieren”

    Da gebe ich Ihnen durchwegs recht. Das Problem besteht meiner Meinung nach aber in der Asymetrie: man schießt auf alles was klassisch! liberal oder konservativ ist mit der postmodernen Schrotflinte und versteckt sich dann feige hinter “Microagressions”, “Hatespeech”, etc. oder bringt missliebige Kritiker gleich mit Rufmordkampagnen zum Schweigen.

    Diese Ungleichheit der Waffen führt zu den gegenwärtigen Exzessen. Wenn man damit rechnen muss, dass dem Gegner grundsätzlich die gleichen Mittel zur Verfügung stehen, wird man sich mehr Gedanken darüber machen, wie tief man selbst gehen kann („Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu“).

    Meines Erachtens kann und soll jede Person, jede Insitution und jedes Prinzip kritisierbar sein. Auch Linke.

    Der Wettbewerb der Ideen verhindert, dass man träge wird, sich von der Realität völlig entfernt oder dass sich ein mächtiges Krebsgeschwür aus den eignen Widersprüchen herausbildet, von dem man nur mehr mit autoritären Mitteln ablenken kann.

    Der Islam hat sich zu dem “entwickelt”, was er heute ist, indem jede innere (und nunmehr auch: äußere) Kritik abgetötet wurde. Langfristig wird er genau aus diesem Grund an seinen eigenen, sehr zahlreichen Krebsgeschwüren zugrunde gehen. Die Frage, die sich mir stellt, ist, ob die westliche Zivilisation diesen Zeitpunkt noch miterlebt.

    Wenn die Rückkopplung zur Realität gekappt ist, passiert genau das was Thomas Sowell in The Vision of the Anointed beschreibt:
    https://thelandofthefreeblog.wordpress.com/2017/04/16/thomas-sowell-virtue-signalling-as-policy/

    Gender, Multikulturalismus und insbesondere die sogenannte “Flüchtlinkgskrise” sind recht anschauliche Beispiele dafür. Den Preis der Lüge von 2015 (genauer: schon der Jahre davor) bezahlt man heute mit der schrittweisen Abschaffung sämtlicher Prinzipien, die das Leben in Europa bislang so lebenswert gemacht haben.

    An dieser Stelle einmal mehr ein Hinweis auf den Lyssenkoismus. Drei Videos, die auf meinem Blog verlinkt sin, befassen sich damit.

  9. astuga

    Gut, das betrifft ja wohl vor allem die unwichtigen Studienrichtungen.

    In den Fakultäten für Islamwissenschaft oder Arabistik die oftmals Lehrstühle haben die sich Stiftungen aus den Golfstaaten oder Saudi Arabien verdanken kommt das sicher nicht vor.
    Auch ganz nett:

  10. stiller Mitleser

    @ astuga
    Danke, hab den Schlußteil gehört und sehr genossen, vor allem “agrarian societies privileging the aging of women” – die Zuhörer scheinens nicht gar so genossen zu haben und ich wollte fragen, ob das in einem libertären Ambiente (Club o.ä.) stattfand oder an einer Uni – das wissen Sie sicherlich, nicht wahr?

    PS: der aspiriert sich äußernde bourgeoise Typus ist nicht schwach,

  11. stiller Mitleser

    @ astuga
    Fortsetzung:
    PS.: der aspiriert sich äußernde, bourgeoise Typus ist nicht schwach, nur eben Paglias lebenslange Kränkung, und eben anders, aber ihre Beobachtungen und das Temperament sind toll, —
    aber wird das den Lesern hier auch gefallen? Womit ich mich wieder in die Position des “stillen Mitlesers”
    zurückziehe.

  12. Oliver H.

    @stiller Mitleser

    “.. ob das in einem libertären Ambiente (Club o.ä.) stattfand oder an einer Uni – das wissen Sie sicherlich, nicht wahr?”

    Rahmen war die Veranstaltung “Battle of Ideas 2016” siehe [1][2]. Universitär war der Rahmen also nicht, aber alles zur Einschätzung Nötige sollte dort zu finden sein. Hoffe, das hilft.
    [1] battleofideas.org.uk/
    [2] battleofideas.org.uk/2016/about/why_the_battle_of_ideas_2016

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