Wenn der “Standard” Rechtsextremisten aufspürt

(ANDREAS TÖGEL) Den Namen Murray Rothbard muss nicht jeder kennen. Jedenfalls jene Zeitgenossen nicht, die sich weder für ökonomische Theorien noch für die Ideengeschichte insgesamt interessierten. Allerdings wäre es kein Fehler, wenn sich eine Redakteurin der Wiener Tageszeitung „Der Standard“, nach eigenem Verständnis ein „linksliberal“ positioniertes Blatt, ein paar Hintergrundinformationen beschaffte, ehe sie Rothbards Namen in die Nähe des Rechtsextremismus rückt.

So geschehen im Zusammenhang mit der Ankündigung einer im Herbst im Kassensaal der Österreichischen Nationalbank geplanten Konferenz, in deren Rahmen dem US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Thomas Woods („The Church and the Market“) der Hayek Lifetime Achievement Award verliehen werden soll.

Dass im gesamten Artikel der Begriff libertär durchgängig in Anführungszeichen gesetzt wird, ist einigermaßen befremdlich. Hier ist es der Autorin ganz offenkundig darum zu tun, den Libertarismus als etwas Fragwürdiges zu brandmarken und mit dem Odium des obskuren zu umgeben. Sozialdemokraten würde sie wohl zitieren, ohne dabei Anführungszeichen zu verwenden.

Sei´s drum.  Murray Rothbard war ein Schüler des auf der Flucht vor den Nationalsozialisten in die USA emigrierten Ludwig von Mises, den sein Biograph als den „Letzten Ritter des Liberalismus“ bezeichnet. Mises war einer der bedeutendsten und in wissenschaftlicher Hinsicht produktivsten Vertreter der „Österreichischen Schule der Nationalökonomie“, deren Protagonisten sowohl in ökonomischen als auch in gesellschaftspolitischen Fragen zumeist klassisch-liberale Positionen einnehmen. Im Klartext: sie treten für die größtmögliche Zurückhaltung des Staates hinsichtlich der Regulierung zwischenmenschlicher Interaktionen und für einen maximalen Entscheidungsspielraum für den einzelnen Bürger ein.

Kein Wunder, dass ihre europäischen Vertreter sich in den 1930er-Jahren vor den nationalsozialistischen Kollektivisten in Sicherheit bringen mussten, deren überzeugte Gegner sie allesamt waren.

Murray Rothbard ergänzte die strikt utilitaristische Lehre Mises´ durch den normativen Imperativ des Nichtaggressionsprinzips (non-aggression-principle, kurz NAP), was ihn in der Konsequenz zu einem radikalen Staatskritiker machte. Immerhin nimmt der Staat für sich in Anspruch, initiierte Gewalt üben zu dürfen, die nicht durch eine zuvor erfolgte Aggression seiner Insassen gerechtfertigt ist. Stichworte dazu: Besteuerung und Wehrpflicht. Man kann die Position Rothbards, der sich stets als Gegner militärischer Interventionen der USA hervorgetan hat, getrost als pazifistisch bezeichnen.

Wer, wie die zitierte Redakteurin, auf der Verwendung des linearen links-rechts-Schemas besteht, muss Rothbard daher konsequenterweise links der Mitte einordnen.

Wenn der “Standard” im Zusammenhang mit der Preisverleihung von einem „extrem rechten Rothbard-Ökonomen“ schreibt, ist das daher mehr Dichtung als Wahrheit. Genauso wie „Der umstrittene Ökonom Woods“.

Doch wie so oft, so auch in diesem Fall: man prügelt den Sack (hier Thomas Woods), meint in Wahrheit aber den Esel, dessen Rolle die Redakteurin für die Vizepräsidentin der OeNB, Barbara Kolm, zugleich Chefin des Wiener Hayek-Instituts und den designierten Gouverneur der OeNB, Robert Holzmann, ebenfalls ein Liberaler, reserviert.

Holzmann wird im Herbst dem braven Genossen Ewald Nowotny ins Amt nachfolgen. Der Abgang des letzteren wird insofern vielfach als schmerzlich empfunden werden, als man sich auf seine geldtheoretischen Einlassungen immer zu 100 Prozent verlassen konnte: der Mann ist ein verläßlicher Kontraindikator gewesen.

(Link zum „Standard“-Artikel: https://derstandard.at/2000104896893/Saalschlacht-in-der-Notenbank)

13 comments

  1. Mourawetz

    Gleich ob Videos, E-Mails oder Artikel: der Linken ist jedes Mittel billig, eine von ihr abweichende Position zu diffamieren.

  2. Kluftinger

    @Daniel B.
    Kampfblatt mit begrenzter Wirksamkeit und kommunizierendes Gefäß.
    Die Redaktion bietet das was die Poster gerne lesen und vice versa.
    Einfach gesagt, eine linke Echokammer.

  3. Dieuetmondroit

    Überschätzen Sie bitte die Redakteure des Standard nicht. Vielleicht ging ja nur etwas beim investigativen Journalismus schief (d. h. es wurde bei Google nicht ganz nach unten gescrollt) und der Standard verwechselt Rothbard mit Breitbart.

  4. sokrates9

    Wie ticken die Standardredakteure? Geht es darum hier wissenschaftlich fundierte Analyse zu betreiben? Geht nicht dazu fehlt die intellektuelle Potenz! Was bleibt somit übrig? Links / Rechtsanalyse und dann mit Hassdreckpatzen durch die Gegend zu werfen !

  5. Otto Mosk

    ich möchte den standard link nichtmal anklicken, um ihnen traffic zu schenken…

  6. Weninger

    Mit Verstand lesen ist von Vorteil. Im Artikel steht nirgends, dass Rothbard ein extrem Rechter war, nur dass Woods seiner libertären Denk-Schule angehört. Der Ökonom Woods ist lt. Standard ein extrem Rechter, weil er einen rassistischen Verein unterstützt.

    Woods gilt als Murray-Rothbard-Anhänger; der US-Ökonom war Vordenker der anarchokapitalistischen Bewegung und der Libertarian Party. Harvard- und Columbia-Absolvent Wood \ war zudem bei der Gründung der rassistischen, weißen und nationalistischen League of the South dabei, die er auch unterstützte. Man könnte ihn also getrost einen extrem Rechten nennen.

  7. Selbstdenker

    @Weninger:
    Rothbarth ist also “rechtsextrem” weil einer seiner Anhänger Gründungsmitglied bei einer Organisation war, die das Southern Poverty Law Center (die amerikanische Ausgabe der Amadeu Antonio Stiftung) später als “rechtsextrem” eingestuft hat.

    Preisfrage: angenommen ich bringe die Amadeu Antonio Stiftung dazu die rot-blaue Querfront aus dem Burgenland als “rechtsextrem” einzustufen, sind dann automatisch Sie, ihre Bekannten und Ihre Familie auch “rechtsextrem”?

  8. Weninger

    Nein! Sie haben eindeutig wieder falsch gelesen. Da steht nirgends im ganzen Standard-Artikel was davon, dass Rothbard rechtsextrem sei, nur davon dass sein Schüler Woods stark in diese Richtung schlägt. Und darum geht es ja, weil der die Auszeichnung verliehen kriegt, nicht um Rothbard.
    Übrigens: jemand (Woods!), der sich am liebsten zudem hinter das zweite Vatikanum zurückbegeben will und am gerne hätte, dass man die kath. Messen wieder in Latein hält ist für mich weder liberal nocht libertär.

  9. Andreas Tögel

    Verehrter Weninger, Sie sollten linke Desinformanten nicht für harmloser halten als sie sind. “Ob Preisträger Woods nicht ein extrem rechter Rothbard-Ökonom sei?” Damit ist Rothbard – und das war offensichtlich genau so beabsichtigt – gebrandmarkt. Wenn einer von extremen Rechten adoriert wird, war er selbst einer. Genau diese Überlegung steht hinter den Einlassungen der Redakteurin.Dass die jemals ein Buch von Rothbard oder Woods in der Hand gehalten hat, wage ich übrigens stark zu bezweifeln.

  10. Selbstdenker

    @Andreas Tögel:
    Exakt so ist es! Diese Form Propaganda zielt darauf ab, dass die meisten Menschen nicht genau lesen und nachrecherchieren. Es bleibt dann – wie beabsichtigt – was hängen.

  11. Luke Lametta

    In dieser völlig verstrahlten Wiener Redaktionsstube gilt einfach alles als “rechtsextrem”, was nicht links und irgendwie unkorrekter als der Kurz ist. Zahlreiche Pointen: Die Schlagzeile sprach von “Saalschlacht”, wtf? Thomas Woods ist überhaupt kein Ökonom, sondern Historiker. “Libertär” setzt sie wohl deshalb unter Anführungszeichen, weil sie noch der klassischen Bedeutung im Deutschen anhängt: http://www.libertaere.de.

  12. Weninger

    Was war an dem letzten Kommentar jetzt wieder unliebsam?

    Diese Standard-Bolschewisten werden wirtklich immer schlimmer …

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