Wenn die Schule zudringlich wird

(STEFANIE HOLZER) Ein manchmal schmerzlicher Aspekt des Homeschooling ist, dass man die Gefühlsregungen, die Lehrstoff und Hausaufgaben in den Sprösslingen hervorruft, so unmittelbar miterlebt, dass man sich plötzlich mit Schmerzen an sein lang zurückliegendes schulisches Selbst erinnert. Plötzlich weiß man wieder, wie es sich anfühlt, sich innerlich unter dem Zugriff der Allmächtigen zu winden, weil die Übergriffigkeit zwischen Schule und Schüler systemimmanent ist.

Mein 15jähriger Sohn war diese Woche etwa dazu aufgefordert, einen Text über die krebskranke Hazel zu lesen, die sich in einer Selbsthilfegruppe in den ebenfalls auf den Tod kranken Gus verliebt. Und er verliebt sich auch in sie. Eine Arbeitsanleitung zu dem Text lautete: »Hazel und Gus wissen nicht,
was der nächste Tag bringen wird. Sie kosten die knisternde Spannung, die sich bei ihnen wie zwischen allen Verliebten breit macht, voll aus.« Und dann kam der Hammer: »Kannst Du Dir vorstellen, warum?« Mein Sohn atmete nur flach. Er war offensichtlich nicht gewillt, sich Gedanken dazu zu machen. Und falls er doch unwillkürlich einen Gedanken dazu gefasst haben sollte, hatte er gewiss nicht die Absicht, ihn seinem Deutschlehrer mitzuteilen. Das hat nichts mit der Person des Deutsch-Lehrers zu tun. Er würde auch mir nicht sagen, was ihm dazu einfällt. Denn er findet solche Fragen ungehörig. Und ich finde sie regelrecht obszön. Die Schulbuchmacher erlauben sich ein überraschendes Maß an Zu- und Aufdringlichkeit. Mein Sohn schrieb als Antwort: »Ich kann mir leider nicht vorstellen, warum«. Da überredete ich ihn noch, doch einen Satz zu schreiben,
weil der Lehrer seine Antwort wahrscheinlich nicht gelten lassen würde. Und manchmal müsse man halt für schulische Zecke Sachen machen, die man im normalen Leben lieber nicht täte. Blablabla.

Das mir gegebene Maß an Gutwilligkeit wurde alsbald von der Religionslehrerin überfordert. Denn sie schickte ein Foto von einer mich trübsinnig stimmenden, untermittellustigen Erwin-Wurm-Skulptur, nämlich einer Wärmflasche mit Schuhen, die man irgendwo in der Nähe des Stephansdoms aufgestellt hat. Dazu wollte die Lehrerin, erstens, in fünf Sätzen von ihren Schülern erfahren, was Erwin Wurm sich dabei gedacht hat, genau diese Skulptur in der Nähe einer Kirche aufzustellen. Zweitens forderte sie die Klasse auf, selbst ein Kunstwerk zu »zeichnen« oder zu »basteln«, das man vor dem Dom platzieren könnte.

Ich schrieb der Lehrerin nicht, dass ich fürchte, Erwin Wurm hätte die Wärmflasche auch anderswo hingestellt, wenn er damit genug Geld verdient hätte. Ich schrieb auch nicht, dass Wurm der Kirche mit diesem kindischen Ding vielleicht Gefühlskälte attestieren wollte. Ich schrieb höflich, dass uns diese Aufgabe überfordere,
und bat sie, uns doch ihrerseits mitzuteilen, was Erwin Wurm sich gedacht haben könnte. Bis dato habe ich noch keine Antwort erhalten.

3 comments

  1. Manuel Leitgeb

    Es hat schon zu meiner Schulzeit angefangen, da damals (90er) die ersten Lehrer aus den von 68ern übernommenen Pädaks (heute Pädag weil “Hochschule) gekommen sind. Inwischen ist es eben schlimmer geworden.

    Das Verhalten dieser Lehrer paßt da genau rein:
    “Das Private ist politisch”, also ist nichts dabei den Schülern Aufgaben(!) zu stellen, mit Fragen bis ins Intimste (da kam der Lehrer auch schon “prüfen” ob ein Schüler eh die “richtige” Einstellung hat).
    Und auf der anderen Seite die Schüler (und ihre Arbeitszeit) für die eigene Ideologie einspannen. Kennen wir ja auch von verschiedenen Demos mit Schülern.

  2. sokrates9

    Mir wären Schüler lieber die Pandemiezahlen mathematisch hinterfragen können und kritisch den eingesetzten Berechnungsfaktoren gegenüberstehen als Leite die soziale Kompetenz entwiockeln und den Armen erklären die Wirtschaft wird auf Knopfdruck wieder zum Laufen gebracht.Koste es was es wolle..

  3. Wanderer

    Frau Holzer, sie haben richtig geantwortet, wahrscheinlich zu höflich. Um den entsprechenden Lehrplan zu ändern, müssten wohl zigtausende Eltern so reagieren.

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