Wenn Politiker heiliggesprochen werden

(C.O.) Es war ein bemerkenswerter Augenblick, als die 631 deutschen Bundestagsabgeordneten und die Regierung vor der Kanzlerwahl Anfang der Woche einige Schweigeminuten für Nelson Mandela einlegten. Dass Europas mächtigstes Parlament just in diesem Moment einen ausländischen Staatsmann so ehrt, ist selten. An Emotionalität noch übertroffen wurde das von Barack Obamas Trauerrede in Südafrika – der erste schwarze US-Präsident erwies Südafrikas erstem schwarzen Präsidenten seinen Respekt, die Gefühle wogten da mächtig hoch.

Doch die weltweite Berichterstattung über diese emotionalen Tage zeigte auch, wie sehr die medialen und politischen Meinungsführer Politik immer mehr nach den Regeln des Showgeschäftes inszenieren. Mandela wurde posthum als globaler Mega-Popstar abgehandelt und zur Projektionsfläche aller möglichen Sehnsüchte und Wünsche stilisiert, wie eine Mischung aus Papst, Mutter Teresa und Mahatma Gandhi.

Darin dürfte sich nicht zuletzt auch eine fast weltweit zu diagnostizierende Unzufriedenheit und Verärgerung der Bürger über die Mediokrität, Fantasie- und Mutlosigkeit ihrer jeweiligen Politiker widerspiegeln. Jemand, der wie Mandela aus einer fast ausweglosen Lage heraus das für richtig Erkannte mit ungeheurer Konsequenz so lange und gegen allerhärteste Widerstände betreibt, bis er sein Ziel erreicht, muss einem heutigen Politikkonsumenten zwangsläufig wie eine überlebensgroße Figur erscheinen. In ähnlichem Kontext dürfte auch die gerade wieder feststellbare nostalgische Verklärung John F. Kennedys oder Willy Brandts zu erklären sein.

Nun wird zwar die emotional höchst aufgeladene Inszenierung rund um Mandelas Tod weltweite emotionale Sehnsüchte befriedigen – sie steht freilich seiner realistischen Einordnung im historischen Kontext entgegen. Einen Heiligen kann man nur verehren, nicht beurteilen, auch wenn die Heiligsprechung nicht durch den Vatikan, sondern den politisch-medialen Komplex erfolgte.

Deshalb wird vielen jüngeren Menschen zum Beispiel nicht geläufig sein, dass die duldende Distanz der westlichen Demokratien gegenüber dem widerwärtigen Apartheid-Regime in Südafrika vor dessen wohlverdientem Untergang 1990 hauptsächlich der Tatsache geschuldet war, dass Mandela und seine Freiheitsbewegung ANC offen mit dem Kommunismus sympathisierten. Und man wollte nicht das Risiko eines atomar bewaffneten Verbündeten der UdSSR im Süden Afrikas eingehen.

Verstellt wird durch Mandelas Überhöhung auch der Blick auf die Wirklichkeit in Südafrika, die leider wenig erfreulich ist: Korruption blüht, Gewalt ist alltäglich, die Kriminalitätsrate enorm und das Leben der meisten Schwarzen noch immer prekär. Selbst die linksliberale “Zeit” berichtete von “3000 Opfern, die auf Südafrikas Bauernhöfen ermordet wurden seit dem Beginn der demokratischen Reformen, vor allem weiße Farmer”.

Mandelas gewaltige historische Verdienste, Südafrikas Apartheid friedlich beendet zu haben, schmälert dies nicht im Geringsten; sie im historischen Kontext realistisch zu bewerten, ist trotzdem notwendig. (WZ)

7 comments

  1. w.maurer

    Warum ist der amerikanische Präsident ein Schwarzer? Wann ist man ein Schwarzer, wann ein Weisser?Obamas Vater, Barack Hussein Obama, stammte aus Nyang’oma Kogelo in Kenia und gehörte der Volksgruppe der Luo an.Obamas Mutter, Stanley Ann Dunham , stammte aus Wichita, Kansas (USA) und hatte irische, britische und deutsche Vorfahren. Außerdem ist Obama auch schweizerischer Abstammung. Obama ist daher genausoviel Schwarzer wie Weißer. Wenn er in unerer westlichen Welt ein Schwarzer sein soll, wäre er in Afrika nach derselben Logik ein Weißer. Also, was nun?

  2. nometa

    @menschmaschine: “rechtsliberal” gibt es nicht. Oder was haben Leute wie HC Strache oder Unterberger mit Liberalismus zu tun? Homos am liebsten einsperren, Haschisch-Konsumenten gleich mit, Kirchensubventionen ausweiten etc. Das einzig “Liberale” an Rechten ist, dass sie den Sozialstaat abschaffen wollen. Und dieser Wunsch entspringt meist nicht einem Freiheitswunsch, sondern einem (teils ganz offenen) Hass auf Arme.
    Wenn es einen Liberalismus gibt, dann ist er links. Wie übrigens schon Frédéric Bastiat, nur so nebenbei.

  3. Rennziege

    Wenn es einen linken Liberalismus gibt, dann einzig in den Vereinigten Staaten. Und auch dort nur sprachlich, weil das Wort einen Bedeutungswandel erfahren hat, indem die Sozen es usurpierten.
    Und Frédéric Bastiat ging als unerbittlicher Feind des Sozialismus in die Geschichte ein, wie Sie eigentlich wissen sollten.

  4. Turing

    Links- und rechtsliberalismus gibt es nichts. Bislang war alles, was sich linksliberal schimpfte, sozialdemokratisch, und rechtsliberal konservativ. Es gibt nur einen Liberalismus.

  5. Thomas Holzer

    Linksliberal ist genauso schwachsinnig wie rechtskollektivistisch;
    immer eine Widerspruch in sich

  6. gms

    nometa,

    “Und dieser Wunsch entspringt meist nicht einem Freiheitswunsch, sondern einem (teils ganz offenen) Hass auf Arme.”

    Sie wären kein waschechter Linker, würden Sie sich nicht in der erbärmlichsten aller Übungen versuchen, nämlich dem Gegenüber ein unredliches Motiv anzudichten, das sich weder beweisen noch falsifzieren läßt.
    Hellseher mußte Orwell nicht sein, um aus dieser Niedertracht seiner roten Pappenheimer deren Ruf nach Sanktionierung von Gedankenverbrechen abzuleiten. Eingedenk Ihrer kindlichen Naivität, Strache rechts der Mitte erkennen zu wollen, werden Sie aber auch mit Orwell nichts anfangen können.

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