Wenn Russland den Gashahn zudreht, dann….

Von | 19. Juni 2014

(ANDREAS UNTERBERGER) Jetzt hat Russland seine Drohungen wahr gemacht und die Gaslieferungen an die Ukraine gestoppt. Die nach Westeuropa gehenden jedoch nicht, auch wenn sie via Ukraine gehen. Was vorerst problemlos geschieht. Im warmen Juni ist zwar die Relevanz dieses Stopps noch gering. Aber vom Zeitpunkt unabhängig ist es dringend notwendig, alle Fakten zu kennen. Was im Westen nur selten der Fall ist.

Diese Fakten sind auf den ersten Blick widersprüchlich. Und jede Seite nennt nur die ihre günstigen.

Die Ukraine ist eindeutig die Bezahlung des russischen Gases schuldig.
Russland hat ebenso eindeutig den Preis für Lieferungen an die Ukraine aus politischen Gründen signifikant erhöht, seit die Bevölkerung des Landes mit großer Mehrheit klargemacht hat, dass sie zu Europa, nicht Russland gehören will.
Wenn es nicht zu einer Einigung kommt, werden sich mit Sicherheit spätestens an kalten Tagen wieder ukrainische Gemeinden an dem Richtung EU auf die Reise geschickten Gas bedienen. Denn selbst wenn dieses eindeutig wem anderen gehört, wird kein Bürgermeister, kein Provinz-Chef die Menschen erfrieren lassen, wenn gleichzeitig durch sein Gebiet das potentiell wärmende Gas fließt. Damit hat auch Europa ein Problem.
Der Ersatz des russischen Gases durch andere Lieferanten ist möglich – aber nur langfristig. Denn vorher müssen die Terminals und Leitungen dafür gebaut werden. Kurzfristig ist also Moskaus Erpressungspotential groß.
Je härter Russland den Gaskrieg weitführt, umso mehr und umso rascher werden an Russland vorbeigehende Importe an Bedeutung gewinnen. Denn als Folge steigen ja Gas-, Öl- und Strompreis, was jede Investition interessanter macht. Was langfristig die Bedeutung Russlands abnehmen lassen wird.
Wenn die EU und die Ukraine geschlossen auftreten, hat Russlands mittelfristig angesichts seiner massiven Abhängigkeit vom Gasgeschäft keine echten Alternativen. Alle, die da anderes sagen, sind entweder kurzsichtig oder Agenten Russlands.
Es ist ein Kompromiss im Interesse aller Beteiligten zwar absolut logisch, aber angesichts des zunehmenden Stellenwerts des russischen wie des ukrainischen Nationalismus eher fraglich.
Die von beiden Ländern erfolgende Anrufung eines westlichen Schiedsgerichts macht zumindest Hoffnung. Man will also die Lösung zumindest in diesem Fall letztlich doch rechtlich erreichen.
Die Ukraine hat durch die russische Besetzung der Krim und der teilweisen Besetzung zweier Ostprovinzen eindeutig schweren wirtschaftlichen Schaden erlitten. Dieser steht den russischen Forderungen nach Bezahlung seines Gases entgegen. Zwar macht Kiew den Schaden durch die widerrechtliche Besetzung nicht geltend, weil es ja auf Rückgabe statt Entschädigung beharrt. Aber gerade jene, welche die Okkupation der Krim für richtig halten, müssten dann auch unbedingt der Ukraine einen gewaltigen – wenn auch schwer objektiv zu beziffernden – Ersatzanspruch zubilligen. Für Immobilien, für Meereszugang, für Häfen, usw. Und ganz besonders für die vermuteten reichen Energievorkommen vor der Küste der Krim. Wer das ignoriert, aber die Okkuption der Krim für rechtens erklärt, ist total einseitig oder ein reiner Agent Moskaus. Er macht den Russen jedenfalls Hoffnungen, dass der Westen doch noch einknicken wird.
Es kann daher keine Lösung des Gas-Problems geben, wenn nicht auch die militärischen Grenzveränderungen mit bei den Verhandlungen gelöst werden. (TB)

3 Gedanken zu „Wenn Russland den Gashahn zudreht, dann….

  1. Graf Berge von Grips

    Ich habe es ja eh schon vor Wochen gesagt.
    Gebt den Russen was sie wollen (2 Provinzen – eh voller Russen – und die Krim) und rechnet alle Schulden dagegen…. und als give away noch Tschernobyl…

  2. Miji

    Vergessen Sie bitte nicht! Russland ist autark und nicht vergrünt. Die Ukraine ist ein Kunststaat des 20. Jahrhundert. Und außerdem seit Jahrzehnten der vertragstreuesete Handelpartner (im Gegensatz zu den USA).
    Dies auch in der kommunisischen Zeit. Ich habe es selber erlebt und in den russischen (sowjetischen) Gremien eine Höflichkeit, Kultut und Eloquenz erlebt, welche ich bei den Amis nicht einmal ansatzweise gesehen habe. Für die Russen glit immer “Pacta sunt verdanda”.
    Kultur kann man halt nicht kaufen.

    Hochachtungsvoll

  3. Reinhard

    @A.U.

    Oh, in Zukunft werden also besorgte ukrainische Politiker Gas abzweigen, um die arme darbende Bevölkerung nicht erfrieren zu lassen?
    Das ist aber mal eine moralisch hochwertige Entwicklung. Bisher taten sie dies nämlich, um sich durch Diebstahl fremden Eigentums und Hehelerei zu hohen Preisen üppig die eigenen Taschen zu füllen.
    Die ganzen Energie-Oligarchen in der Ukraine sind nicht durch Mildtätigkeit und aus Sorge um die kleinen Leute von einfachen örtlichen kommunistischen Parteisekretären zu Milliardären geworden.
    Das Einzige, was sich wirklich ändert: Jetzt pumpt Russland das geklaute Gas nicht billig nach und lässt die Ukraine als Staat all das mit Preisnachlass bezahlen, was deren gierige Verbrecher zur privaten Bereicherung abgezwackt haben, sondern lässt es die Europäer spüren, die sich demonstrativ vor die ukrainischen Mafiosi gestellt und sich zu deren Schutzmacht aufgeschwungen haben.

    In jedem zweiten Satz alle, die nicht die eigene Meinung vertreten, als “Agenten Moskaus” zu betiteln, ist einer Diskussion nicht förderlich. Man kann die Kriecherei der EU in den Enddärmen milliardenschwerer ukrainischer Mafiosi auch ablehnen, ohne ein “Agent Moskaus” zu sein.
    Für einen ehemals sehenden Journalisten finde ich es traurig, dass er gegenüber der (ehemals öffentlich bekannten aber plötzlich nirgends mehr thematisierten) mafiosen Struktur der ukrainischen Wirtschaft und der gigantischen Korruption der Eliten total erblindet.
    Glauben Sie wirklich, Herr Unterberger, die ukrainischen Oligarchen haben ihre Liebe zu Demokratie und Vaterland entdeckt? Entweder haben die nur Angst, dass ihnen russische mafiose Oligarchen ihre Pfründe beschneiden, oder sie wollen Russland erpressen (wobei sie da an die Falschen kommen, denn die Russen sind ebenso kaltschnäuzig) und kriechen deshalb unter die Decke von EU und NATO, weil sie genau wissen, bei den Brüsseler Idioten muss man nur das Bild einer frierenden Oma ohne Zähne zeigen, die weinend Putin die Schuld an ihrem Dilemma gibt, und die europäische Empörungsmaschinerie läuft an wie geschmiert.

    Was war denn die entlarvendste Aussage des Ringelzöpfchens bei ihrem Telefonat? Dass sie Russland atomar vernichtet sehen will? Das zeigte nur, wie weit bereits die geistige Störung dieser hasserfüllten Fuchtel geht. Nein, es war der Teil, in dem sie offen zugab “Wir müssen unsere Verbündeten und die NATO dazu bringen…” – EU und NATO lassen sich gerade von der Spitze der ukrainischen Mafia, die das Land und das Volk seit zwei Jahrzehnten ausbluten, am Nasenring vorführen.
    Und wer dann nicht auf Seiten dieser Ausbeuter und Kriminellen steht, ist automatisch ein “Agent Moskaus”?
    Herr Unterberger, auf Ihrem Niveau gekontert heißt das, dass Sie entweder absolut keine Ahnung haben, was Sie da schreiben, oder Sie sind ein Agent der ukrainischen Oligarchen. Was zahlen die so, lohnt sich das?

    Und was die irrige Ansicht betrifft, Russland wäre wirtschaftlich nur vom Westen abhängig, der ignoriert vollkommen die Annäherung zwischen Moskau und Peking. Der Boommarkt für Energie liegt nicht im wirtschaftlich untergehenden Europa, sondern im aufschwingenden Asien. Putin mag ein Arschloch sein, aber er ist nicht halb so dumm, wie von der westlichen Kriegspropaganda verseuchte Schreibtischhengste und -stuten, die permanent alle Teilaspekte ausblenden, die nicht in das eigene Weltbild passen, gerne dargestellt.
    Am Idiotischsten die letztens im TV verbreitete Aussage, Moskau brauche Dollar und Euro um sich die schönen westlichen Waren zu kaufen. Nein, denn 99% dieser schönen westlichen Waren werden inzwischen in China und Indien hergestellt – also genau dort, wohin Putin gerade neue Pipelines bauen lässt. Der kriegt was er will im Tausch von denen gegen die Energieträger, die sie dringend benötigen und die der Russe im Überfluss besitzt. Wir sitzen hier bald mit ein paar hochsubventionierten Windrädern und Solarparks, während im Fernen Osten russisches Gas die chinesische Industrie anheizt.
    Russland braucht uns nicht.
    Weil hier einfach nichts mehr zu holen ist.

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