Wer bitte ist “umstritten”?

Von | 5. August 2015

(JÜRGEN BRAUN) Es gibt die altmodische Ansicht, Nachrichten sollten von Meinungen der Medienmacher möglichst getrennt sein. Der relevante Kern der Information sollte verständlich und sachlich an den Nutzer übermittelt werden, Wertungen sollten in Nachrichten weitgehend unterbleiben. Soweit die altmodische Sichtweise, die nach 1945 aus angelsächsischen Traditionen des Journalismus nach Deutschland schwappte. In den USA gibt es auch heute Redaktionen, wo das sogar zu einer strengen personellen Trennung führt: Die einen dürfen nur berichten, die anderen nur kommentieren.

Doch diese verstockte Ansicht hat im ach so fortschrittlichen deutschen Umerziehungsfernsehen keine Chance. Wenn Marietta Slomka oder Claus Kleber irgendwas mit Bildern moderieren, das vor einigen Jahren noch als Nachrichtenmagazin galt, dann bedarf es keines Kommentars mehr: Aus der Anmoderation trieft die eigene Meinung, gerne mit arroganter Mimik und Tonalität untermalt. Die beiden vom ZDF fallen inzwischen aber nicht mehr besonders auf, parteiische Moderation gehört zum Alltag diverser vorgeblich informierender Sendungen.

 

Kein medialer Aufschrei zu Sigmar Gabriels Totalunfug über Ludwig Erhard

Auch im Kernbereich der sachlichen Information, den puren Nachrichten, wimmelt es von einseitigen und überflüssigen Bewertungen. Das zieht sich durch Radio und TV, Zeitungen und Online-Medien. Besonders beliebt ist das Etikettieren von ungeliebten Meinungen. Unter der schreibenden Zunft gibt es derzeit drei permanent verklebte Etiketten: „krude“, „populistisch“ und „neoliberal“. Sobald die Argumente ausgehen, sollen diese Totschlagwörter den Leser beeindrucken.

„Neoliberal“ wird seit einigen Jahren häufig, aber falsch benutzt. „Ludwig Erhard war kein Neoliberaler“, behauptete jüngst Wirtschaftsminister Gabriel. Neoliberal seien hingegen junge FDPler gewesen, die 1971 ein Freiburger Programm gemacht hätten. Viel mehr peinliche Fehler in wenigen Sekunden gehen kaum: Erhard war neoliberal, mit den Ordoliberalen der „Freiburger Schule“ lange eng verbunden, und das wahrhaft flache FDP-Programm trug sozialdemokratische Züge. Einzig Philip Plickert beklagte Gabriels Totalunfug öffentlich.

„Populistisch“ sind täglich diverse Politiker, sofern sie nicht zur grünen Ersatzreligion gehören. Das Aussprechen korrekter, aber politisch unkorrekter Fakten sorgt für Populismusverdacht. Merke: Wer anzweifelt, dass ein Industrieland komplett mit Zufallsenergie aus Wind und Sonne betrieben werden kann, ist Populist. Wer hingegen den Glauben an kostenlose Öko-Energie auch nachts und bei Windstille bedient, ist kein Populist.

 

 

Bernd Lucke ist plötzlich nicht mehr „umstritten“, Claudia Roth war es noch nie

Manch ein Populist kann auch erfolgreich Abbitte leisten. Der vormalige „Rechtspopulist“, „Euro-Hasser“ und „Rechtsaußen“ Bernd Lucke wandelte sich innerhalb weniger Tage zum „Gemäßigten“ und „Wirtschaftsliberalen“, weil er im Mai begonnen hatte, die AfD von oben zu spalten. Dieselben Journalisten, die Lucke jahrelang rüde attackierten, wie der FAZ-Autor Justus Bender, hofieren ihn nun mit netten Artikeln.

Auch der absolute Longseller unter den abwertenden Adjektiven droht Lucke nunmehr kaum noch: „Umstritten“ ist er nur noch bei wenigen. Dabei fragt sich, wer überhaupt entscheidet, ob ein Politiker oder Unternehmer umstritten sein soll. Wie entscheidet ein politkorrekter Mainstream-Redakteur diese zwei Fälle zum Thema „umstritten“: Ein CDU-Abgeordneter, der gegen unbegrenzte Zuwanderung ist oder Claudia Roth, die die Tausenden von Toten durch Erdbeben und Tsunami menschenverachtend zu Opfern eines Reaktorunfalls umdichtet? Roth kann per se nicht umstritten sein, weil Obergrüne eben die besseren Menschen sind. Von dieser Grundannahme des politmedialen Komplexes mal abgesehen: In einer freiheitlichen Demokratie müsste eigentlich entweder jeder oder keiner der Politiker umstritten sein. Weil freie Wahlen nun einmal selten Zustimmungsraten nahe 100 Prozent ergeben, bleiben stets genügend Gegner übrig, um umstritten zu sein.

 

Willkürlich wechselnde Etiketten: Kommunisten und Khomeini als „Konservative“

Während es die deutsche Linke seit 1989 historisch schwer hat, lenken diese gerne davon ab, indem sie den Konservativen sprachlich Diverses anhängen. Die Linke siegt nicht in der Realität, aber durch mediales Umetikettieren. Alles Böse dieser Welt ist in den Großmedien entweder „irgendwie rechts“, „neoliberal“ oder einfach „konservativ“. Derzeit gilt der Altkommunist und ehemalige KGB-Resident Putin als irgendwie rechts, nachdem vor zehn Jahren nur missgünstige rechtskonservative Kreise Zweifel an Schröders Gasprom-Job von Putins Gnaden laut äußerten. Ähnliche Umkehrungen der Weltsicht gelangen deutschen Linken schon ab 1990: Als Boris Jelzin gegen die kommunistische Partei vorging, tönte es jahrelang aus diversen Großmedien, Jelzin sei „links“ und seine kommunistischen Gegner „konservativ“. Linke wechseln flink die Seite, wenn die große Masse sich nicht mehr für dumm verkaufen lässt, versuchen aber weiter die Hoheit über die Begriffe zu behalten: Links ist stets gut, konservativ böse.

Eine der verheerendsten Revolutionen gelang Khomeini 1979 im Iran, zunächst unter lautem Jubel der deutschen linken Szene wie dem Dutschke-Kumpel Bahman Nirumand. Als dann nicht nur Bürgerliche umgebracht wurden, sondern irgendwann auch Sozialisten, wandelten sich die medialen Begriffe. Seitdem ist die Mullah-Diktatur nicht mehr revolutionär, sondern angeblich konservativ. Die grünlinke Verwirrung hält allerdings an: Das neue fragwürdige Iran-Abkommen wird von der Grünen-Führung begrüßt, Atomkraft inklusive. Eigentlich ein schönes Thema für schwächelnde Großmedien. Eigentlich.

Zuerst erschienen in der August-Ausgabe des Medienmagazins „Rundy“ (Nr. 8/2015)

Jürgen Braun lehrt TV-Journalismus am EC Europa-Campus  

6 Gedanken zu „Wer bitte ist “umstritten”?

  1. Fragolin

    Wer bitte ist “links”?
    Es gibt doch nur jene, die die Freiheit des Einzelnen heilig halten und jene, die sie beschränken wollen bis zur Abschaffung. Und jeder der zweiten Gruppe tut so, als würde er zur ersten gehören und nur sein Gegner (meist nicht ideologisch, sondern machtpolitisch) wäre in der zweiten zu finden. Stimmt aber nicht. Parteiapparate sind entweder gefüllt mit Kollektivisten, die sich in trauter Rangelei um die Futtertröge drängeln, die sie den Unfreien abgepresst haben, oder sie sind eine Ansammlung von Individualisten, dann zersetzen sie sich schnell bis in die molekulare Ebene. Mischformen erkennt man daran, dass vor ihrem Untergang die Futtertrögler schnell zu einer anderen Versorgungseinheit wechseln. Dauerhaft bestehen können nur kollektivistische Kollektive, das dürfte logisch sein.
    Deshalb passt im Denken und Handeln zwischen den Obertanen der EU und Putins Oligarchentruppe kein Blatt Papier. Alles, was der eine dem anderen vorwirft, tut er selbst auch.
    Um zu den Medien zurückzuschwenken, als beim Warschauer Gipfel Obama ins Fitnesscenter ging, jubelten die Gazetten, der Präsident stähle sich für die harten Verhandlungen mit dem finsteren Diktator Putin, dessen Fitnesscenterbesuch in den gleichen Blättern als ein Beweis dafür diente, dass der finstere Kriegstreiber einem krankhaften Körperkult fröne. Zwei Präsidenten tun haargenau das Gleiche, aber unsere “objektive” (und deshalb mit Fördergeld gestopften) Medienlandschaft bringt es nicht übers Herz, einfach die Tatsache festzustellen, sondern macht aus der Handlung des Einen eine Heldentat und aus der des anderen eine fiese Schurkerei.
    Goebbels hätte seine Freude daran, wie die Enkel heute so tun…

  2. Christian Weiss

    “Das neue fragwürdige Iran-Abkommen wird von der Grünen-Führung begrüßt, Atomkraft inklusive.”

    Ein schöneres Beispiel für die psychopathologische Umnachtung linker Gehirne gibt es kaum. Eben noch hat man unter völliger Verdrehung der Tatsachen erzählt, dass da in Japan 17’000 Menschen an einem Atomunfall gestorben seien und damit den Ausstieg der westlichen Welt aus der friedlichen Nutzung der Kernkraft zu erpressen versucht, schon will man einem Regime von Verrückten und religiösen Fanatikern (Bei uns sind die Linken ja üblicherweise auch gegen Religion. Katholiken sind ganz böse.) doch tatsächlich nicht nur die friedliche, sondern gleich die militärische Nutzung der Kernenergie erlauben.
    Für Leute mit dieser Geisteshaltung bedeutet eigentlich alles andere als fürsorgerischer Freiheitsentzug in einer geschlossenen psychiatrischen Abteilung eine Gefährdung ihrer selbst und Dritter.

  3. Fragolin

    @Christian Weiss
    Noch viel schlimmer als die offensichtliche pathologische Schizophrenie dieser Politikerdilletanten ist aber, dass die erdrückende Mehrheit des wahlberechtigten Pöbels schlicht und ergreifend nicht in der Lage zu sein scheint zu erkennen, dass sie mit sich selbst widersprechenden Worthülsen eingelullt werden. Wer einmal in seinem Leben ansatzweise einen logischen Gedanken gedacht oder in einsamer Minute das Ursache-Wirkungs-Prinzip genossen, dem ist es doch auf Lebenszeit unmöglich, einen solchen Schwurbelhaufen wie die Grünen zu wählen, deren einziger Daseinszweck doch in verbotsorientierter Empörung besteht. Sie mögen ihre Konkurrenz aktuell mit Sonnenbrand darstellen, aber selbst kann man ihnen höchstens einen Sonnenstich attestieren.

  4. cppacer

    @Fragolin
    Gut gebrüllt Löwe, gut geschienen Mond…..

  5. Thomas Holzer

    “……….deren einziger Daseinszweck doch in verbotsorientierter Empörung besteht”

    Wenn es nur bei der Empörung bliebe!
    Leider treiben sie aber die anderen vereinigten sozialistischen, kollektivistischen und etatistischen Parteien vor sich um, um die “verbotsorientierte Empörung” in Verbots- und Gebotsgesetze zu gießen!

  6. Astuga

    Alles richtig.
    Aber um mit dem großen deutschen Denker Dieter Bohlen zu sprechen:
    Erklär mal einem Bekloppten, dass er bekloppt ist.

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