Wer sich selbst verachtet kann keinen Krieg gewinnen

Von | 4. September 2021

(CHRISTIAN ORTNER / “Presse”) In gut einer Woche, am 11. September, wird es genau 20 Jahre her sein, dass islamistische Terroristen das World Trade Center und das Pentagon mit entführten Linienflugzeugen angriffen und dabei 2996 Menschen töteten. Dass der schmachvolle und irgendwie zutiefst unzivilisierte Abzug des Westens aus Afghanistan, von wo aus die Attacken gesteuert worden sind, just rund um diesen Jahrestag geschieht, ist nicht nur auf der Symbolebene bemerkenswert.

Denn jene zwei Jahrzehnte definieren eine Phase, die man nicht anders beschreiben kann als eine des sich beschleunigenden Niedergangs auf nahezu allen relevanten Feldern, von der militärischen Macht über die ökonomische Potenz bis hin, und das wiegt viel schwerer, zur Zukunftstauglichkeit der westlichen Nationen. Man muss kein trübsinniger Kulturpessimist sein, um zu diesem Befund zu kommen, die Fähigkeit, Statistiken zu lesen, reicht.

Da ist etwa die immer weiter aufgehende Schere in den meisten Staaten des Westens zwischen dem Willen und den Möglichkeiten, durch harte Arbeit entsprechende Leistung zu erbringen einerseits und den ausufernden Ansprüchen an den Sozialstaat andererseits. Die daraus resultierende Differenz kann man eine Zeit lang durch Kredit und staatlich organisierte Geldfälschung verschleiern, aber nicht unbegrenzt. Die weltweit einmalige Hilflosigkeit gegenüber der Massenzuwanderung aus Kulturen, die mit der unsrigen nicht kompatibel sind, die mit (auch) ökonomischen Kosten verbunden ist, beschleunigt den Prozess noch.

Dahinter stehen freilich fundamentalere Umwälzungen. Denn im „Kampf der Kulturen“, wie der Historiker Samuel Huntington das bereits 1996 in seinem gleichnamigen Buch nannte, scheint der Westen immer mehr zu vergessen, was seine Kultur eigentlich ist, warum es wert ist, sie zu verteidigen, und welche Opfer er dafür allenfalls zu entrichten bereit ist.

Wenn ein gebildeter Angehöriger der Taliban, ein iranischer Mullah oder ein Anführer der Boko Haram die westlichen Medien verfolgt, wird er zwangsläufig zum Schluss kommen, es hier mit einem desorientierten, dekadenten und selbstbehauptungsunfähigen Haufen zu tun zu haben, der kein Interesse hat, außer sich zu Tode zu amüsieren (Neil Postman), seine Komfortzone nicht zu verlassen und sich mit „Problemen“ wie dem Gendermainstreaming in Afghanistan zu beschäftigen, die für die Spätzeit großer Kulturen charakteristisch sind. Der gebildete Taliban-Kämpfer schaut auf Nationen, die sich immer mehr für sich selbst und ihre Geschichte schämen, die von „Wokeness“ durchseucht und daher nicht mehr wirklich imstande sind, Krieg zu führen, nicht einmal einen, in dem es um ihre langfristige Existenz geht. Dass fast alle westlichen Unis den Unterbau für diese Entwicklung schaffen, anstatt jungen Menschen Spitzenausbildungen zu ermöglichen, verschärft das Problem.

„Dies ist vielleicht der wichtigste Faktor . . . die Tatsache, dass die USA und der Westen im Allgemeinen eindeutig nicht über die kulturellen Ressourcen verfügen, die für einen Kampf der Kulturen erforderlich sind. Dies war nicht nur eine territoriale Schlacht, ein Kampf um das Land Afghanistan. Es war auch ein kultureller Kampf“, schreibt der US-Publizist Brendan O’Neill im Magazin „Spiked“. „Es war ein Krieg zwischen einer Seite, die sehr starke Überzeugungen hat und mehr als bereit ist, dafür zu sterben, und einer anderen Seite, die nicht mehr weiß, wofür sie steht, und die Risken und Selbstaufopferung, wann immer möglich, vermeiden möchte.“ Und folgert: „Wer sich selbst verabscheut, verliert.“

Dafür werden wir langfristig einen erheblichen Preis entrichten, auch bei Wohlstand und Lebensstandard. Denn die hohe westliche Lebensqualität war in der Vergangenheit mit Fähigkeit verbunden, Macht zu projizieren und Interessen durchzusetzen. Ohne Letzteres wird es Ersteres à la longue nicht geben können. China und seine immer zahlreicher werdenden Verbündeten wird es freuen.

11 Gedanken zu „Wer sich selbst verachtet kann keinen Krieg gewinnen

  1. Selbstdenker

    “The barbarians are not at the gates. They are inside the gates – and have academic tenure, judicial appointments, government grants, and control of the movies, television and other Media.”
    (Thomas Sowell)

  2. Selbstdenker

    Ergänzend zum treffenden Artikel von Christian Ortner sollte damit das Meiste darüber gesagt sein, wie die westlichen Nationen an dem Punkt angekommen sind, an dem sie sich heute befinden.

    Die Niederlage in Afghanistan ist die größte in der Geschichte der USA. Sie haben nicht nur einen 20-ährigen Krieg verloren, sondern auch die Glaubwürdigkeit eigene Interessen effektiv durchzusetzen.

    Trump hätte ich zugetraut, dass er die USA noch halbwegs ohne Gesichtsverlust aus Afghanistan rausgezogen hätte, aber die Biden-Harris Administration hat den notwendigen Abzug der Amis in einen Supergau für westlichen Interessen verwandelt.

    Gerade sind die USA auch dabei via Social Media den Propaganda Krieg gegen die Taliban zu verlieren.

    Bemerkenswert ist, das die radikalen Islamisten ohne das jahrzehntelange “Mitwirken” der Amis nie so weit gekommen wären.

    Die radikalen Islamisten haben offenbar nicht nur den Koran, sondern auch Sun Tzu gelesen. Sie kennen ihren Feind besser als dieser sich selbst.

    Zurück zu Yuri Bezmenov: um einen Gegner von innen heraus zu zerstören, braucht es nur in der Anfangsphase eine Einwirkung von außen.

    Den Rest erledigt eine “Elite”, deren Weltbild in relevanten Bereichen auf falschen Prämissen beruht.

  3. Franz Meier

    Ende der 70er Jahre war es ähnlich – wenn auch nicht ganz so schlimm wie heute. Blenden wir zurück: Die Amerikaner waren aus Vietnam schmachvoll abgezogen. Die Kommunisten hatten Saigon erobert und begannen ihr sozialistisches Paradies zu etablieren, indem sie gleich hunderttausende zum Brainwashing in die Umerziehungslager schickten und die Boat People flohen. In Kambodscha errichteten die Roten Khmer ihr steinzeitlich-kommunistisches Paradies und ermordeten zwei Millionen Menschen – Jürgen Trittin erzählte unlängst im TV wie sehr er sich darüber gefreut hat, dass die revolutionären Kräfte so gut vorankamen. In Angola und Mozambik siegten ebenfalls die revolutionären Kräfte und etablierten mit Hilfe ihrer edlen, sozialistischen Brüder und Kämpfer aus Kuba ebenfalls ein sozialistisches Nirwana – allen Menschen ging es plötzlich gleich gut (oder gleich schlecht). In Äthiopien putschte sich der nette Diktator Mengistu Haile Mariam an die Macht, er hatte versprochen alles besser zu machen als der ermordete, frühere Kaiser Haile Selassie. Man spricht von 400’000 Ermordeten/Opfern. Überall edle Kommunisten und Sozialisten, Russen und die Genossen aus dem Ostblock. Dann wollten die Russen Westeuropa mit ihren neuen SS-20 Raketen in die Knie zwingen. Im Iran führten die netten Mullahs 1979 ihre islamische Revolution durch und liessen zehntausende hinrichten. Nebenbei zwangen die Frauen in die Unfreiheit unter den Tschador und seitdem fliessen im Iran Milch und Honig und alle Iraner sind glücklich. Der Iran beglückt heute zusätzlich viele Menschen im Libanon, in Syrien, im Irak, im Jemen mit ihrer glorreichen Revolution. Einfach wunderbar.

    Der sympathische, linke Demokrat Jimmy Carter versagte auf der ganzen Linie. Er liess Rockkonzerte auf dem Rasen des Weissen Hauses abhalten. Die linken “Liberals” liebten ihn heiss und verehrten ihn. Doch dann kam Ronald Reagan – er hatte eine ganz böse Agenda – er machte Schluss mit den linken Spielchen und förderte wieder die Marktwirtschaft – dieser böse Kerl. Er trat die Kommunisten in den Allerwertesten. Papst Johannes Paul II. und Reagan erreichten schliesslich den Fall der Berliner Mauer, das Ende des kommunistischen Paradieses und die Befreiung von vielen Millionen Menschen.

    Heute würden die tollen Linken/Liberals einen Ronald Reagan oder einen Johannes Paul II. mit allen Mitteln verhindern. Ein starker westlicher Messias mit bürgerlichen Werten wird nicht mehr kommen. Das würde auch Frau Merkel niemals zulassen und heute haben halt ganz andere Leute ihre schmutzigen Finger mit im Spiel – da reden die Oligarchen-Milliardäre, die sich vom World Economic Forum her kennen und Klaus Schwab mit und träumen von der neuen Weltordnung. Und natürlich sind die neuen, revolutionären Kampfthemen viel raffinierter und ausgeklügelter geworden: Migration, Klima, Rassismus, Corona und die Impfungen, die Pflichten/die Verantwortung/die Schuld des Westens und schlussendlich die Errettung der ganzen Welt. Das sind die neuen Totschlag-Argumente. Gegen die kommt niemand mehr an Die wurden auch über Jahrzehnte in den Schulen, im Fernsehen, in der Presse in die Köpfe der Wähler sehr effizient eingetrichtert. So schaut es aus.

  4. Erwin Tripes

    Die westlichen Nationen werden erst dann zukunftstauglich, wenn sie
    a) ihre links-grün geprägte Gefühlsduselei und Besserwisserei, was Demokratieverständnis betrifft, ablegen,
    b) sich einmal gründlich mit der islamisch geprägten Menschenrechtskonvention (eine 1990 beschlossene Erklärung der Mitgliedsstaaten der Organisation der Islamischen Konferenz, welche die Scharīʿa als alleinige Grundlage von Menschenrechten definiert. Die Erklärung wird als islamisches Gegenstück zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte gesehen.
    ( https://de.wikipedia.org/wiki/Kairoer_Erkl%C3%A4rung_der_Menschenrechte_im_Islam )

    Diese Länder, überwiegende vom Westen finanziell und durch sogenannte NGO´s unterstützt, haben die Erklärung 1990 unterzeichnet:
    Ägypten, Albanien, Algerien, Aserbaidschan, Bahrain, Bangladesch, Benin, Brunei, Burkina Faso, Dschibuti, Elfenbeinküste, Gabun, Gambia, Guinea, Guinea-Bissau, Guyana, Indonesien, Iran, Irak, Jemen, Jordanien, Kamerun, Kasachstan, Katar, Kuwait, Kirgisien, Komoren, Libanon, Libyen, Malaysia, Malediven, Mali, Marokko, Malawi, Mosambik, Niger, Nigeria, Oman, Pakistan, Palästinensische Autonomiegebiete, Senegal, Sierra Leone, Somalia, Sudan, Surinam, Syrien, Tadschikistan, Togo, Tschad, Tunesien, Türkei, Turkmenistan, Uganda, Usbekistan und die Vereinigten Arabischen Emirate.3
    Auch die Arabische Charta der Menschenrechte, verabschiedet vom Rat der Liga der arabischen Staaten am 15. September 1994 sieht in ihrer Präambel die Scharia als Grundlage.

  5. Selbstdenker

    @Franz Meier:
    Ich stimme Ihrer Analyse zu, sehe aber nicht eine Zwangsläufigkeit, dass man den radikalen Utopisten (genauer: den Spinnern) alternativlos ausgeliefert wäre.

    Man muss den Dingen ins Auge sehen, auch wenn es kein schöner Anblick ist. Und man muss das was passiert ist ohne Denk-Tabus aufarbeiten.

    In unserem Sitzkreis der anonymen Bürgerlichen möchte ich auch eine Beichte ablegen: meine falschen Prämissen waren, das es die Gegner des Westens nie in die höchsten Ränge der US Geheimdienste und Militärs schaffen würden. Dieser Prozess wurde aber spätestens unter Obama eingeleitet.

    Das der Blutrausch der Amis nach 9/11 plötzlich so in einen Selbstzerstörungsrausch umschlagen könnte, hätte ich mir nie erträumt.

    Ultimativ kann sich nur jeder selbst helfen. Das wissen die geflohen Kubaner, Südvetnamesen, Iraner und die winzige Minderheit von Afghanen, die tatsächlich was vom Westen hielten.

    Wenn es hart auf hart kommt, kann man auf die Amis nicht vertrauen.

    Die europäischen Nationen sind (noch) nicht ganz so “woke” wie die Amis, das gibt noch etwas Hoffnung.

    Unseren Was of Life zu verteidigen wird nicht einfach werden, aber es ist keinesfalls so hoffnungslos wie mache, die sich im bequemen Fatalismus wälzen, es darstellen.

  6. Wolfgang Hödl Dr. med

    Gratulation zu diesem Artikel über die Dekadenz des Westens.
    Wenn ich an unsere Kinder und Enkelkinder denke, schaudert mich!
    Als tiefgläubiger Katholik mit Vortragstätigkeit, beruhigt Jesus confiteor in te; dies sollte jedoch Ansporn sein, im Sinne des Evangeliums aktiv zu sein, denn die wahre Tragödie sind Apostasie und Blasphemie. Misere nobis.

  7. Johannes

    Der Untergang des oströmischen Reiches hat meiner Meinung nach unglaublich verblüffende Parallelen.
    Die Türken waren zu Beginn verbündete,, als kampferbrobte Volksgruppen dienten sie Konstantinopel bei der Abwehr verschiedenster Angreifer und wurden zum Dank mit Ländereien in Kleinasien bedacht.
    Irgendwann war alles Land vergeben und die verschiedenen Stämme der Turkmenen vereinigten sich und löschten das christliche Konstantinopel aus.

    Das brennt bis heute in vielen Menschen denen wir Aufnahme geboten haben.
    Ich denke der Westen ist sich gar nicht bewußt das diese “Erfogsgeschichte” ein wesentlicher Antrieb für Erdogan und seine fanatischen Anhänger ist, weil sie wissen das die Vorraussetzungen besser sind als je zuvor.

  8. Thomas Brandtner

    Ich stimme Ihnen grundsätzlich zu. Darum sollten wir aufhören, uns selbst zu verachten, und dort eine Niederlage des Westens sehen, wo bloß eine nicht mehr sinnvolle und zu kostspielige Militärintervention beendet wurde. Keinesfalls sollten wir jetzt hunderttausende Afghanen nach Europa holen, die beim Aufbau ihres kriegszerstörten Landes dringend gebraucht werden. Mit der Talibanregierung wird der Westen zusammenarbeiten, das zeichnet sich schon jetzt ab. Schon aus wirtschaftlichem Interesse.

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