Werden die britischen Inseln nach dem 29. 3. im Atlantik versinken?

(ANDREAS TÖGEL) Artikel 50 des Vertrages über die Europäische Union regelt den Austritt aus der Gemeinschaft. (Gäbe es keine Option für einen Rückzug, handelte es sich bei der Union ja  um ein Völkergefängnis.)  Wie dem auch sei: sollte es nicht im letzten Moment zu einer Einigung im Hinblick auf die Austrittsmodalitäten kommen, würde der Vertrag zwischen der EU und dem UK Ende März ohne weitere Förmlichkeiten auslaufen und somit jener Zustand wieder eintreten, der vor dem Beitritt der Briten zur Union bestanden hat. Auch wenn manche es nicht glauben wollen: schon damals gab es zivilisiertes Leben auf den britischen Inseln.

Verträge und politische Konstrukte fallen nicht als Resultat göttlicher Ratschlüsse vom Himmel, sondern werden von Menschen gemacht. Sie können daher auch jederzeit und in jeder Richtung abgeändert und auch gekündigt werden. Wer aus einem Verein – welcher auch immer es sein mag – austritt, ist danach an dessen Regeln nicht mehr gebunden. Das gilt auch für eine politische Union. Ende der Durchsage.

Kurzer Rückblick Seit dem Moment, da die Briten sich – völlig unerwartet und zum Entsetzen der Brüsseler Nomenklatura – demokratisch zum Austritt entschlossen hatten, mangelte es nicht an düsteren Prognosen und apokalyptischen Zukunftsbildern. Serienweise Firmenpleiten, Exodus der verbliebenen Betriebe, Massenarbeitslosigkeit, Verfall der Währung, Bürgerkriege und der Ausbruch von Seuchen wären unvermeidlich und am Ende würden die britischen Inseln im Atlantik versinken. Bislang allerdings ist nichts davon eingetreten, obwohl sich die Wirtschaft auf den Austritt längst eingestellt und in ihre Planungen eingepreist hat.

Dass der durch den Brexit eintretende wirtschaftliche Schaden für die Briten weitaus schwerer wiegen würde als für die verbleibenden Mitglieder, galt und gilt unter unkritischen EU-Enthusiasten als ausgemacht. Im Lichte dieser Tatsache ist es umso erstaunlicher, dass ausgerechnet Jean-Claude Juncker –, der monatelang Stein und Bein geschworen hatte, kein Jota von seiner harten Position gegenüber dem Vereinigten Königreich abweichen zu wollen, eine Minute vor zwölf doch noch zu substantiellen Zugeständnissen an Theresa May bereit war.

Zu wenig und zu spät. Dass das britische Unterhaus den abgeänderten Vertrag am 12. März dennoch mit großer Mehrheit abschmettern würde, war nicht unbedingt absehbar. Von einer Verschiebung bis zu einem zweiten Referendum über den Austritt – nichts ist jetzt unmöglich.

Eines jedenfalls ist unübersehbar: dem Brüsseler Apparat geht – salopp formuliert – der Arsch auf Grundeis. Was, wenn nach einem Austritt der unbotsamen Briten die Lichter auf den Inseln doch nicht ausgehen, wie seit langem angekündigt? Was, wenn Großbritannien sich zu einer Art Europäischem Hong Kong mausert, einseitig sämtliche Zölle abschafft und nach drastischen Steuersenkungen zu einer „Steueroase“ und zur attraktiven Alternative zur  Steuerwüste Kontinentaleuropas entwickelt?

Welches Signal würde davon wohl für jene ungeliebten Mitglieder der Gemeinschaft ausgehen, die sich von anmaßenden Brüsseler Bürokraten  Defizite im Verständnis von Demokratie und „Europäischen Werten“ (welche auch immer das sein mögen) vorwerfen lassen müssen? Ein nach dem Austritt erfolgreiches UK könnte am Anfang vom Ende der EU stehen. Und das gilt es – aus Sicht der zentralistischen Kollektivisten in allen Ländern und Parteien Eurolands – um jeden Preis zu verhindern. Denn es ist offensichtlich, dass Juncker, Macron, Merkel & Genossen, angesichts der vielen ungelösten (und in Wahrheit wohl auch unlösbaren) Probleme der Union, nichts ungelegener käme, als dieses Szenario. Das erklärt die Hysterie, mit der die Eurozentralisten den Tabubruch eines Austritts Großbritanniens kommentieren und zugleich alles versuchen, das Land in der EU zu halten.

Abwarten und Tee trinken! Wer weiß, welche Ideen für einen „Smart Brexit“ die Briten schon in petto haben? Von einer transatlantischen Union mit den USA bis zu einem engen Bündnis mit den BRICS-Staaten steht jede Option offen.

Dass ein Abschied der Briten für die verbleibenden Nettozahler der Union (primär die Deutschen und die Niederländer) verheerende Konsequenzen hätte, liegt auf der Hand. Die dadurch entstehende Übermacht der „Südländer“ würde die letzten Hindernisse auf dem Weg in die totale materielle Umverteilung einreißen. Am Ende dieser Entwicklung stünde – falls der böse Spuk nicht zuvor ein Ende nimmt – die im Namen der „Europäischen Werte“ durch eine außer Rand und Band geratene Bürokratie ins Werk gesetzte Entrechtung aller Leistungsträger.

 

14 comments

  1. GeBa

    Mein Gott, Herr Tögel, sie bestätigen aber sowas von meine Meinung!
    Ich hoffe auf Vorbildwirkung und einen Massenaustritt, denn ich habe mich von einer 100%ige EU-Befürworterin zu einer 100%igen Gegnerin gewandelt. Wären wir nicht in diesem Verein, würden wir nicht in den Abgrund mitgerissen werden, den ich durch die ziel- und planlose Migration und somit Werteumkehr auf Europa zukommen sehe. Die offenen Grenzen innerhalb der Union wären ja noch zu verkraften, aber dass man den Schutz der Außengrenzen total an diese Außenländer deligiert hatte und hat, statt einen gemeinsamen Grenzschutz (und bitte nicht Frontex nennen), einen an dem ALLE Mietgliedsländer beteiligt sind, zu installieren, hat man sich in Brüssel vor der eigenen Macht gefürchtet und sich zusammengekuschelt. WIR sind ja so stark, UNS kann nichts passieren.
    Patsch ….
    Ich werde es vermutlich nicht mehr erleben, dass wir wieder ein selbstbestimmendes Land sein dürfen, das nicht für die Schulden der anderen mitzahlen muss, aber vielleicht wird es in diesem Jahrhundert wieder Realität. Nur, ob die, die heute jung sind, überhaupt noch mit Verantwortung umgehen können, nachdem ihnen ja alles medial wie ein Breichen vorgesetzt und auch brav gelöffelt wird, ist fraglich – wird aber nicht mehr meine Sorge sein müssen.

  2. Rado

    Ja, die “düsteren Prognosen” für Grossbritannien mit denen man derzeit zugemüllt wird, kommen mir sehr bekannt vor.
    Eine ebensolche Prognosewelle gab es beim EU-Beitritt Österreichs, als der Schweiz attestiert wurde, jetzt eine verarmte Hinterweltlerzone zu werden, die von Österreich mit dem EU-Turbo in jeder Hinsicht überholt werden würde. Noch einmal gab es dieses Schauspiel anlässlich der Einführung des Euros. Wieder waren vor allem die Schweizer diejenigen, welche sich jetzt völlig abgehängt in der großen weiten Welt wiederfinden würden.
    Die kolportierten Expertentöne zum Brexit sind haargenau 1:1 dasselbe.

  3. Falke

    @GeBa
    Wie “die, die heute jung sind” bereits jetzt mit der Verantwortung umgehen, sieht man auch daran, dass offenbar der peinliche Auftritt einer instrumentalisierten, geistig beschränkten Autistin mittels ein paar primitiver Worte genügt, um die Jugend von fast ganz Europa in einen Taumel trunkener Begeistrung für ein Ziel zu versetzen, dessen wissenschaftliche Grundsätze und Konsequenzen sie weder verstehen noch intellektuell nachvollzeihen kann. Wie du schon einigemal richtig sagst: man ist froh, schon so “alt” zu sein. Hat man aber Kinder oder gar Enkel, wird einem diese Freude allerdings wesentlich vergällt.

  4. Falke

    @Gerald Steinbach
    Soll man bei sich bei Ischiasanfällen mit dem Obstler äußerlich einreiben oder ihn dem Körper innerlich zuführen? Wie macht das der so schlimm davon Betroffene? 😉

  5. astuga

    May und Konsorten werden den “Betriebsunfall” Brexit schon so gezielt in den Sand setzen, dass er entweder auf den St. Nimmerleinstag hinausgeschoben wird, oder er in einer Form stattfindet die faktisch einem Verbleib in der EU gleichkommt, oder dass ein neues Referundum angesetzt wird.
    Eventuell auch alles hintereinander…

  6. Mona Rieboldt

    Als es in der EU noch um Wirtschaft ging, gab es keine derartige Abwehr gegen die EU. Als man die EU auf die politische Ebene hob, fingen die Probleme an. Mit dem Euro begann eine “Feindschaft” zwischen Nord- und Südländern, zwischen zahlenden Nordländern und immer mehr Geld haben wollen der Südländer. Den Rest gab dann die von Merkel in Scharen herein gelassenen Moslems. Über die EU wurde versucht, die Asylanten mit Gewalt anderen Ländern der EU aufzuzwingen, in dem man sagte, wer nicht will, der bekommt weniger Geld aus Brüssel.

    Und was GB anbelangt, da las ich doch, dass die englische Wirtschaft besser geworden ist, als man gedacht hat.

  7. sokrates9

    Wurde die EU nicht gegründet um den Wohlstand der Bewohner zu mehren und den anderen big Playern contra zu geben und wirtschaftliche und wissenschaftliche Spitzenleistungen zu erzielen? Prognose 2020
    wird die EU in vielen Bereichen führend sein! Von den 50 leading companies sind 2 europäisch! Superleistung! Vor lauter Streit und anlegen mit der ganzen Welt – Sanktionen gegen Russland, Streit mit USA, China, mittlerer Osten, Brexit ,Energiewende , Islamisierung , Euro, alles Themen die Europa immer weiter Richtung 3. Welt absinken lassen! Und diese Versager werden weiter gewählt! Speziell Merkel hat immer darauf hingewiesen dass die EU / der Euro ein politisches Projekt seien!

  8. aneagle

    Dass sich die Europäer vor dem Brexit fürchten ist gut verständlich. Warum aber die Briten sich dieser einmaligen Chance so zögerlich nähern, bleibt unverständlich. Was spricht für die Insulaner dagegen, den Austritt etwas zu überzahlen, bringt er doch die Freiheit von allen die restlichen Europäern belastenden Fesseln. Zu verstehen ist lediglich Jeremy Corbyn. Der bringt nach einem erfolgreichen Brexit keinen Fuß mehr auf die britische Erde.
    Wie einfach können die Tories mit einer einseitigen Abschaffung aller Zölle, massiven Steuererleichterungen, bilateralen Handelsabkommen mit den USA und China, sowie dem Nützen des Commonwealth, zur europäischen Heimat von Google bis Coca Cola (you name it) werden. Haben die Tories Angst vor der eigenen Courage? Oder ist der kleinkarierte persönliche Streit wichtiger. Fast hat es den Anschein. Gerade England sollte den Wert der Freiheit nicht unterbewerten.
    Muss für so eine Binsenweisheit wirklich ein Churchill auferstehen?

  9. aneagle

    Dass sich die Europäer vor dem Brexit fürchten ist gut verständlich. Warum aber die Briten sich dieser einmaligen Chance so zögerlich nähern, bleibt unverständlich. Was spricht für die Insulaner dagegen, den Austritt etwas zu überzahlen, bringt er doch die Freiheit von allen die restlichen Europäern belastenden Fesseln. Zu verstehen ist lediglich Jeremy Corbyn. Der bringt nach einem erfolgreichen Brexit keinen Fuß mehr auf die britische Erde.
    Wie einfach können die Tories mit einer einseitigen Abschaffung aller Zölle, massiven Steuererleichterungen, bilateralen Handelsabkommen mit den USA und China, sowie dem Nützen des Commonwealth, zur europäischen Heimat von Google bis Coca Cola (you name it) werden. Haben die Tories Angst vor der eigenen Courage? Oder ist der kleinkarierte persönliche Streit wichtiger. Fast hat es den Anschein. Gerade England sollte den Wert der Freiheit nicht unterbewerten.
    Muss für so eine Binsenweisheit wirklich erst ein Churchill auferstehen?

  10. astuga

    @aneagle
    Der elitäre, neofeudalistische Globalismus unter einem wirtschaftlichen aber eben auch politischen Vorzeichen verdankt sich doch wesentlich gerade dem angloamerikanischen Raum.
    Er verstand sich ursprünglich als Weiterführung des britischen Empire und wurder später erfolgreich bereits vor dem 1. Weltkrieg von einem Personenkreis rund um Cecil Rhodes in den USA implementiert.

    Die Personen an der Spitze denken doch alle transnational und treffen sich hierbei mit den Linken und deren Internationalismus.
    Denen ist doch bereits die eigene Bevölkerung egal, sonst gäbe es auch keine Masseneinwanderung und keine Multikulti-Ideologie.
    Warum sollten die sich dann mehr Sorgen um den Nationalstaat selbst und dessen Souveränität machen.

  11. aneagle

    @astuga
    Da ist möglicherweise etwas dran. Jedoch ist hier der Zeitpunkt günstig für England. Der Brexit trifft die derzeitige EU in ihrer bisher vulnerabelsten Zeit. Die EU hat eine Fülle von Problemen und keine Lösungskompetenz. Ihre Mühlsteine sind unüberschaubar und mit dem derzeitigen politischen Personal, auch unlösbar.Durch eine Mitbewerberstrategie wäre England z.B. für die Visegrad-Staaten, denen Eigenständigkeit und stabile Handelsbeziehungen wichtiger sind, als die Abgabe souveräner Rechte an Brüssel, deutlich attraktiver, als der Verbleib in der EU. Andere EU-Staaten könnten folgen. z.B. die baltischen Staaten, die sich in ihrem Russlandkomplex an der Seite Englands deutlich wohler fühlen könnten, als sich von M & M (Merkel/Macron) nur windelweich vertreten zu fühlen. Der Einfluss Englands wird größer, der um die EU schwindet. England würde von einer Schwächung der Deutsch-französischen Beziehung mittelfristig profitieren. Dann wären die Interessen Englands und die des elitären, neofeudalistischen Globalismus unter einem wirtschaftlichen Aspekt für eine kurze Zeitspanne gleich. So etwas Ungeplantes kann immer passieren. Auch die USA, denen der Euro ein Dorn im Auge ist, würde eine solche Entwicklung wohl lieber unterstützen, als auf Herrn Soros bauen zu müssen.

    Ich sage ja nicht, dass es für die Engländer leicht wird, an den Polen zu kiefeln und vice versa. Aber der Lohn fällt zu Ungunsten der EU aus und ist ungleich höher für die Initiatoren, sofern sich zwischen Moskau und London ein kalter Frieden arrangieren lässt.. Divide et impera. Bei aller Vorsicht und Abneigung weiß sogar Putin: nichts ist nerviger als eine unberechenbare, strategisch doofe und letztlich ohnehin in beide Richtungen abhängige EU. Stimmt schon, der Ball ist rund, wohin er fliegt ist fraglich. Wer aber zögerlich den Fuß vom Ball nimmt, hat nicht verdient seine Richtung mitzubestimmen. Macht kommt von machen.

  12. astuga

    Na hoffen wir es.
    Ich fürchte bloß der Brexit wird am Ende doch nicht stattfinden. Und das ganze bleibt eine Diskussion über ungelegte Eier.

  13. aneagle

    Hier teile ich Ihre werte Ansicht voll und ganz. Leider. Die Chance, die kosmopolitische Illusion der EU noch rechtzeitig aufzublatteln, wird ungenützt verstreichen.

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