Wie das mit der Eigenverantwortung doch funktioniert

Von | 16. Januar 2021

(Christoph Augner) Verantwortlichliches Handeln lässt sich nicht auf Knopfdruck aktivieren. Vor allem dann nicht, wenn man ansonsten alles dafür tut, dass Selbstverantwortung überflüssig wird. “Es gibt ja auch noch die Eigenverantwortung” – wenn eine Führungskraft das sagt, heißt das meist so etwas wie “das lässt sich nicht so genau regeln, überlegt euch selber was”. Grundsätzlich eine gute Sache, wenn Selbstständigkeit und Verantwortung im eigenen Bereich forciert wird. Speziell gesamtgesellschaftlich sollte man meinen, das selbstverantwortliche Individuen die Grundlage eines demokratisch verfassten Rechtsstaats darstellen.

Leider hört es sich im konkreten Kontext nicht selten so an wie das Bismarcksche Bonmot “macht euch euren Dreck alleine”. Eigenverantwortung ist in einer Welt der Regeln, Richtlinien und kleinlichster Handlungsanweisungen eine Art Restmüll-Container, wo man halt alles reinschmeißt, was noch so übrigbleibt.

Warum ist das so?
Verantwortliches Handeln ist in einer komplexen Welt schwierig, weil Konsequenzen und ihre Eintrittswahrscheinlichkeiten aufgrund mangelnder Informationen kaum einschätzbar sind. Lieber auf die Experten vertrauen. Die wissen besser was richtig und was falsch ist. Die entsprechenden Ratschläge werden dann schnell obligatorisch. Es wäre schließlich irrational nicht auf jene zu vertrauen, die sich auskennen.

Oft ist Eigenverantwortung einfach auch unerwünscht. Verantwortliches Handeln setzt ein eigenes Urteilsvermögen voraus. Es ist ja nicht gerade so, dass es mit Menschen, die eigene Gedanken entwickeln, immer ganz einfach ist. Das Schablonenhafte ist da leichter zu kontrollieren. Politik erhöht ihre Bedeutung durch Versprechungen, die häufig ein “wir machen das für euch, darum braucht ihr euch nicht zu kümmern” implizieren. Auch die Wirtschaft lässt sich ungern durch zuviel Variabilität überraschen. Unternehmen bevorzugen immer gleiche Bewerber von der Stange, die immer ähnlichere Ausbildungswege absolviert haben. Eigene Urteilskraft entwickeln steht da kaum am Programm. In der Forschung gibt es eigene Kommissionen an die man ethische Überlegungen einfach delegiert.

Verantwortung – was ist das überhaupt?

Schließlich drängt sich das Hauptproblem auf: keiner weiß mehr so genau, was Verantwortung eigentlich ist.
Das liegt auch daran, dass sich geteilte Werte jenseits ökonomischer Notwendigkeiten defacto ins Nichts aufgelöst haben.
Die alten Griechen hatten noch ihre Tugenden, die handlungsleitend sein sollten. Als verantwortungsvolle Person war es wichtig, es möglichst weit in diesen Tugenden zu bringen.
Das Christentum hatte seine moralischen Leitplanken, deren Auslegung aber heute schwer in der Defensive ist.  Wir bewundern zwar die Scholls und Stauffenbergs – doch die verantwortungsvolle und selbstlose Grundhaltung ihre Widerstandshandlungen in der NS Zeit ist unter heutigen Maßstäben völlig aus der Zeit gefallen. Verantwortung kommt so ernst und bedeutungsschwer daher, dass sie sich nicht als ein luftig-lockeres Lifestyle Accessoire eignet.

Psychologische Begriffsbestimmungen der Eigen- bzw. Selbstverantwortung helfen hier insofern weiter als dass sie auf die möglichst exakte Beschreibung von Phänomenen abzielen. Sie dienen üblicherweise der Untersuchung und Analyse von mehr oder weniger verantwortungsvollen Handlungen. Aus den zahlreichen Definitionen lassen sich im Kern drei konstituierende Elemente ableiten:

Verantwortung impliziert Freiheit. Das heißt ich bin insofern autonom, als dass ich mich ja für eine nicht so verantwortliche Alternative entscheiden könnte. Im Sinne expertengesteuerter Diskurse ist das schon einmal sehr ungut, weil es jemanden freisteht “irrational”, also “schlecht” zu handeln.

Verantwortung bedeutet kurzfristige positive Folgen von Handlungen mit mittel- und langfristig negativen Konsequenzen abzuwägen. Widerspricht leider dem Lifestyle des “Alles-sofort-haben-Wollens”.

Und schließlich: Bei der Verantwortung geht es gerade nicht nur um einen selbst, insofern sind Selbst- und Eigenverantwortung eigentlich irreführende Begriffe. Man steht für jemand anderen ein, verzichtet womöglich auf persönliche Vorteile. Verantwortung ist der Gegenpol zu Egoismus. In einer Welt, in der Erfolg bedeutet sich als Individuum gegen andere durchzusetzen und möglichst viele Sachen anzuhäufen gerät verantwortungsvolles Handeln in die Rolle anachronistischer Folklore, die man dann und wann wohlwollend zur Kenntnis nimmt – wie etwa die alljährliche Weihnachtsansprache. Wenn es aber wirklich um etwas geht, gelten klare Regeln. Und zwar jene, die andere für uns aufstellen.

Ist die Eigenverantwortung also gescheitert, wie uns gerade derzeit mit erhobenem Zeigefinger aus dem moralischen Penthouse gedeutet wird? Schließlich verhalten sich Menschen zu oft nicht im Sinne des Narrativs der Expertensysteme. Folgt daraus mehr Autorität und wieder mehr Regeln?

Das muss nicht sein. Verantwortung bedeutet auch, sich einmal andere Brillen aufzusetzen. In einer heterogenen, mehrdeutigen Welt ist es sehr wahrscheinlich,  dass wir Bedeutungssysteme und Handlungsspielräume von Menschen in völlig anderen Kontext-Situationen schlicht nicht verstehen. Es ist denkbar, dass die so klaren rationalen Handlungen für andere gar keinen Sinn machen oder überhaupt nicht realistisch durchführbar sind. Das ist vor allem in Krisen mitzudenken. Quarantäne- Auflagen beispielsweise sind für ein kinderloses Ehepaar ohne weitere Verpflichtungen im großen Haus mit Garten leichter zu erfüllen als für eine Familie mit fünf Kindern und beengten Wohnbedingungen. Aus der Organisationspsychologie ist bekannt, dass Stress und Zeitdruck die Wahrscheinlichkeit für ethisches Handeln von Führungskräften reduziert. Umgebungsfaktoren sind also hochrelevant für verantwortliches Handeln. Zudem geht es natürlich auch um das Bezugssystem meiner Eigenverantwortung. Die Sorge um die Familie, wie beispielsweise negative Auswirkungen auf den Bildungserfolg der schulpflichtigen Kinder könnten kontrastieren mit gesamtgesellschaftlichen Perspektiven hinsichtlich Gesundheit.

Verantwortliches Denken und Handeln braucht Übung

Das Gewissen lässt sich nicht zwingen, Verantwortung kann man nicht verordnen. Ein moralisches Verständnis über richtig und falsch ist nicht auf Knopfdruck vorhanden. Wir machen uns zum Opfer einer angstbesetzten und zutiefst misstrauischer Weltsicht, die eine Sich-selbst-erfüllende-Prophezeiung in Gang setzt. Weil wir glauben, dass keiner verantwortungsvoll ist, fordern wir all die Regeln – und schaffen damit die Verantwortlichkeit selbst ab.

Abhilfe gibt es nur, indem wir uns eine positivere Weltsicht verordnen und gelassener zur Kenntnis nehmen, dass sich Menschen leider eben auch manchmal verantwortungslos verhalten. Gleichzeitig können wir an unserer eigenen Verantwortungsfähigkeit arbeiten. Dazu muss uns klar sein, was konkretes Verhalten im sozialen Bezugssystem bewirkt. Wir müssen uns bewusst machen, was verantwortungsvolles Handeln im Einzelfall bedeutet. Und wir kommen nicht umhin eine Grundsatzfrage zu stellen: was ist uns heilig?

Nein, Eigenverantwortung ist nicht gescheitert, sie braucht nur deutlich mehr Übung.

Dr. Christoph Augner ist Arbeits- und Organisationspsychologie sowie Autor des Buchs „Selbstoptimierung ist auch keine Lösung“.

3 Gedanken zu „Wie das mit der Eigenverantwortung doch funktioniert

  1. sokrates9

    In dem jetzigen kommunistischen Nannystaat der den Menschen schon von Beginn auf das Denken abnimmt und akademisch ausgebildete Kindergärtnerinnen schon die Kinder über (Homo) Sexualität und dass es kein Christkind gibt aufklären wollen ist es in der Tat schwer Verantwortung zu lernen.
    Was noch dazukommt und in dem Beitrag nicht berücksichtigt wird ist das berühmte “Bauchgefühl”. Viele Entscheidungen beruhen auf trial and error ,das Delegieren von Entscheidungen bringt den erwünschten intelligenzbefreiten manipulierbaren Untertanen.

  2. Nightbird

    Die Eigenverantwortung wurde dem Bürger seit Jahrzehnten nicht nur abgenommen, Nein, sondern ihm faktisch weggenommen. Mittlerweile hat sich der Bürger daran gewöhnt und schiebt die Verantwortung gänzlich auf die jeweiligen Entscheidungsdträger.

    Einerseits aus einem Gewohnheitseffekt heraus, andererseits aus einer Unkenntnis, eines Unwissens heraus, was, wie, wann, wo notwendig wäre um einen Entscheidungserfolg für sich selbst aber auch für die Allgemeinheit zu erzielen.

    Die Entscheidungsträger leben mittlerweile aber in ihrer eigenen Realität, in ihrer eigenen Blase ohne eigentlichen Kontakt zum Bürger. Sie haben keine Ahnung, was der Bürger eigentlich braucht oder will. Man gewinnt zunehmend den Eindruck, es interessiert sie auch nicht. Besonders betrifft das Fachleute wie Politiker, Wirtschaftsexperten, medizinisches Fachpersonal oder ähnliches. Aber auch der Bürger ist nicht gänzlich frei von dieser Eigenschaft.

    Durch die nicht mehr stattfindende, korrekte, notwendige Kommunikation zwischen den einzelnen Gruppen zugunsten von von oft sinnlosen, realitätsfernen Anordnungen, Vorschriften einer vom Bürger entkoppelten Gruppe funktioniert diese Interaktion nicht mehr. Es wird entschieden. Der Bürger hat dies auszuführen. PUNKT!

    Besonders in einer Zeit wie dieser, einer Pandemie, wäre es wichtig, aufeinander zuzugehen, um zu erfahren, was der andere will bzw. braucht, wie er mithelfen kann, um einen gemeinsamen Erfolg zu erzielen.

    Daher wäre es an der Zeit, den Bürger in die Entscheidungen miteinzubeziehen, angesichts der Tatsache, daß es beim Bürger sehr wohl Einige gibt, die aufgrund von Berufserfahrung, Intellekt, Wissen konstruktive Vorschläge machen können, anstatt in einer Manier von “Das Volk ist eh zu dumm für solche Entscheidungen” jeglicher Erfolg von Haus aus zu torpedieren. Aber dazu man muß zuhören wollen!

    Selbst ich hätte Lösungen bezüglich Tests und die FFP2-Masken anzubieten um zu beweisen, daß das Volk sehr wohl mitreden kann und will, wenn’s drauf ankommt, einen gemeinsamen Erfolg zu erzielen.

    Es geht nur Miteinander. Denn wenn jeder nur für sich alleine entscheidet, kommen wir keinen einzigen Schritt weiter! Letzendlich kann das nur in einem Chaos enden und das Volk verärgern.

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