Wie eine religion reformieren, die das seit 1400 Jahren verweigert?

(C.O.) st der Islam mit dem Leben in einer westlichen, liberalen Demokratie des 21. Jahrhunderts eigentlich kompatibel? Können Muslime gleichzeitig ihrem Glauben anhängen und sich in die Moderne integrieren? Nur, wenn sich der Islam grundlegend verändert und einer Reformation im Stile Luthers unterwirft, behauptet die Politologin und Bestsellerautorin Ayaan Hirsi Ali, in Somalia geboren und selbst Muslima, in ihrem neuen Buch „Reformiert Euch!“.

Rotzfrech schlägt sie fünf Pflöcke ein, die den Islam vereinbar mit der Jetztzeit machen sollen: eine Abkehr von der wortwörtlichen Koran-Exegese; Verzicht auf die Scharia als oberste Rechtsquelle; das Abschütteln der Vorstellung, wonach das Leben im Jenseits Vorrang vor dem Diesseits habe; Abschaffung der Rechte spiritueller islamischer Führer, Fatwas auszusprechen; schließlich Abkehr vom Prinzip des Heiligen Krieges.

Bei der Gelegenheit demontiert sie auch gleich ein paar jener Dogmen, mit deren Hilfe sich die meisten westlichen Intellektuellen den Islam schönreden. Der sei, so Ayaan Hirsi Ali, erstens keine „Religion des Friedens“ und zweitens hätten deshalb Terroristen wie jene des Islamischen Staates keineswegs eine Religion „gekapert“, wie das im Westen gern entschuldigend argumentiert wird, um sich nicht dem Vorwurf der Islamophobie auszusetzen. Allein deshalb sei eine den Islam von seiner latenten Neigung zur Gewalt reinigende Reformation nötig.

Klingt alles sehr vernünftig, hat aber einen kleinen Haken: Dass nämlich nicht wenige Muslime einen Islam, wie ihn Hirsi Ali gern hätte, nicht als Islam verstehen könnten, sondern als Häresie, als Abfall vom wahren Glauben, was in diesem Milieu als todeswürdig gilt. Wie zur Untermauerung dieser These wurde die Autorin, kaum war das Buch erschienen, umgehend mit der zwangsweisen Beendigung ihrer irdischen Existenz durch Verteidiger des wahren Glaubens bedroht. Sie selbst fragt deshalb: „Welche Hoffnung kann es geben, eine Religion zu reformieren, die sich seit 1400 Jahren einem Wandel widersetzt?“

Jeder auch nur kursorische Blick auf die Lage der islamischen Welt legt den Schluss nahe, dass derartige Hoffnungen ein hohes Maß an Realitätsverweigerung erfordern. Der sogenannte Arabische Frühling hat sich als Irrweg der Geschichte erwiesen und radikalen Muslimen aller Schattierungen in die Hände gespielt. Die von westlichen Illusionisten lang gepflegte Hoffnung, die Türkei könne eine Synthese aus liberaler Demokratie und maßvollem Islam werden, erweist sich immer mehr als das, was sie immer schon war: eine blauäugige Hoffnung bar jeder Geschäftsgrundlage. „Es gibt keinen Islamismus, es gibt nur einen Islam“, lässt uns der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan wissen.

Auch in Europa, wo schon seit Jahren die Idee eines kuschelweichen Euro-Islam herumgeistert, ist von einer muslimischen Reformation nichts zu merken. Die paar liberalen Muslime, die es etwa in Wien gibt, haben in dieser Community nichts zu sagen. Sie haben keinen Einfluss und werden regelmäßig mit dem Tod bedroht. Was stark darauf hindeutet, dass Hirsi Ali recht hat, aber bedauerlicherweise nicht darauf, dass sie auch Recht bekommt.

Hirsi Alis Hoffnung, „dass eine muslimische Reformation bevorsteht“, gleicht daher leider vermutlich den realitätsfernen Illusionen von einem „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, von dem einst Michael Gorbatschow oder die Reformkommunisten in Mittelosteuropa vor der Wende geträumt haben. Natürlich kann man sich einen Kommunismus mit freier Marktwirtschaft, kapitalistischen Unternehmern und freien Wahlen vorstellen. Nur, mit Kommunismus hätte ein solcher Kommunismus nichts mehr zu tun. Deshalb ist er letztlich auch für niemanden attraktiv und löst sich flugs in Luft auf. (“Presse”)

Zu befürchten ist, dass ein Islam, dem zentrale Wesensmerkmale des Islam genommen würden, ein ähnliches Schicksal erleiden würde.

9 comments

  1. LePenseur

    Warum, verehrter Herr Ortner, wäre das »zu befürchten«??? Der Welt könnte wenig besseres passieren, als daß sich der Islam im Luft auflöste! Ich befürchte vielmehr, daß dieser »Luftauflösung« (so sie je stattfindet) jede Menge Blut — und zwar: nichtislamisches Blut unschuldiger Opfer! — vorausgehen wird …

  2. wbeier

    Wenn die Frau von einer fehlenden Reformation des Islam nach dem Beispiel Luthers spricht, blendet sie dabei Wesentliches aus: Auch das reformierte Christentum war von Anfang an politisch höchst aktiv. Auch in der liberalen westlichen Demokratie gilt daher die Frage, ob und wieweit Religion gestalterisches Mitspracherecht eingeräumt wird. Auch und besonders in den vorgeblich säkularen Staaten wird den politisierenden Pfaffen und Helfern aller Glaubensgemeinschaften viel zu viel und immer mehr Raum gegeben. Ultima Ratio einer modernen Gesellschaft: Weg mit ihnen aus der öffentlichen Aufmerksamkeit und Reduktion der Religionen auf das Reservat das ihnen zusteht. Als höchstpersönliche und private Angelegenheit des Individiums.

  3. waldsee

    an wbeier.
    stimmt ja, nur vor politisierenden imamen werden sie nicht lange dagegen reden. da gibts gleich eine auf die fresse und schnell ist ruhe.so wie hier auch ,nur etwas früher war das und die nachfolger ,führer und vorsitzende genannt ,waren auch nicht immer zimperlich , wann und warum zugeschlagen wurde.

  4. Fragolin

    Dank dem Hausherr für diesen Artikel!
    Er verdeutlicht genau das, was schon lange meine Meinung ist: Vergesst, was euch Nichtmuslime über den Islam beibringen wollen und hört auf das, was Muslime zum Islam sagen! Insiderwissen ist tausendmal mehr Wert als das wunschträumende Gefasel irgendwelcher selbsternannter Experten.
    „Es gibt keinen Islamismus, es gibt nur einen Islam!“ – Erdogan sagt es! Und DER muss es wissen! Ich glaube nicht, dass man Erdogan deswegen “Islamophobie” (noch so ein Verdummungsvokabel, keiner hat Angst vor dem Islam, aber genügend Leute lehnen seine praktische Anwendung an sich ab) vorwerfen kann.

  5. sokrates9

    Unser Problem ist, dass wir schon alle vor dem Islam kapituliert haben! Gibt es irgendwo in Europa noch Mohammedkarikaturen? Wenn wir bei dieser Lapalie schon kapitiulieren, wie mehr erst bei echten Werten? Da glauben wir lieber an Kurz und seinem Kuschelislam, den sich vor allem Frauen wünschen würden! Realiter ist eine Frau in einer Nicht- Europäischen Moschee maximal für 1 Minute im Predigteil der Moschee zu finden!

  6. Ahmet Kerimoglu

    Das Problem ist nicht an sich der Islam, sondern Menschen die den Islam für ihre Zwecke missbrauchen. In Österreich gibt es die UETD, wo lauter Fanatiker drinsitzen. Einige haben in ihrem Leben nichts erreicht, sind frustriert und missbrauchen den Islam und poltern gegen Juden und Europa, sind Soldaten des türkischen PM.

  7. Herbert Manninger

    Warum sollte sich eine Bewegung reformieren, die stetig so erfolgreich die Weltherrschaft übernimmt?

  8. Wolf

    Es stimmt zwar alles, was in dem Artikel steht, doch sollte man sich ebenso fragen, wie reformfreudig eigentlich das Christentum nach 1400 Jahren war. Im 15. Jahrhundert hat der Terror der (katholischen) Kirche ja erst richtig begonnen, mit Inquisition, Ketzer- und Hexenverbrennungen, Bedrohung un Einkerkerung von Wissenschaftern (Galileo Galilei), entscheidendem Einfluss auf die Politik (Richelieu) usw. Vielleicht muss man ja auch dem Islam noch 5-600 Jahre Zeit geben, bis er in der Moderne ankommt.

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