Wie gefährlich ist stabiler Geldwert?

(C.O.) Dass die Preise in den Staaten der Eurozone im Dezember 2014 erstmals seit fünf Jahren nicht gestiegen, sondern ganz geringfügig (um durchschnittlich 0,2 %) gesunken sind, wird von den allermeisten Menschen nicht wirklich als schreckliche Katastrophe empfunden werden. Zu vermuten ist vielmehr, dass der durchschnittliche Angestellte oder Pensionist, die Studentin oder Selbstständige sogar ganz erfreulich finden werden, wenn sie sich – vor allem dank des dramatisch sinkenden Ölpreises – für ihr ohnehin meist schmales Einkommen einen kleinen Tick mehr leisten können. Und auch die Sparer werden nicht unverzüglich in Tränen ausbrechen, wenn ihr Erspartes nach langer Zeit der Entwertung ausnahmsweise einmal nicht weniger wert wird.

Es bleibt der Europäischen Zentralbank (EZB), deren italienischem Chef Mario Draghi und den zahllosen, den europäischen Diskurs dominierenden links-keynesianischen Voodoo-Ökonomen vorbehalten, sinkende Preise als besonders gefährliches Problem zu verstehen, gegen das jetzt schleunigst angegangen werden muss, um zumindest jene zwei Prozent Inflation zu erzwingen, die der EZB als „Preisstabilität“ gelten. (Wobei nicht erklärlich ist, warum 50 % Geldentwertung innerhalb von 20 Jahren etwas mit „Stabilität“ zu tun haben soll.)

Begründet wird die Angst vor der Deflation üblicherweise damit, dass die Konsumenten in Erwartung weiter sinkender Preise ihre Einkäufe aufschieben und damit das Wirtschaftswachstum behindern. Deflation, so die Anhänger dieser Theorie, führt zu schrumpfender Wirtschaft und damit steigender Arbeitslosigkeit und sinkenden Staatseinnahmen.

Mit der Lebenswirklichkeit deckt sich diese Annahme freilich nicht wirklich. Die breite Masse der unteren und mittleren Einkommen kann den Supermarkteinkauf, das Betanken des Autos und die neuen Sachen für die Kinder nämlich nicht aufs nächste Jahr verschieben, bloß weil dann die Preise eventuell etwas sinken. Und wenn die Kühltruhe kaputt ist, wird der Erwerb einer neuen wohl auch nicht um zwölf Monate aufgeschoben, weil sie dann um zehn Euro weniger kostet. Stimmte die Theorie der Deflations-zitterer, müssten die Hersteller von Flachbildfernsehern, Smartphones oder Computern schon längst pleite sein, weil dort die Preise ja auch von Jahr zu Jahr sinken – was die Kunden freilich überhaupt nicht hindert, sich regelmäßig den neuesten Schnickschnack zu kaufen.

Dass stabile oder sogar ganz leicht sinkende Preise schädlich sind, ist daher mehr dem Reich der ökonomischen Legenden zuzuordnen denn der Realität. Mit einer, freilich sehr bedeutenden Ausnahme: Für Staaten, die in der Vergangenheit deutlich über ihre Verhältnisse gelebt haben und deshalb heute bis über beide Ohren verschuldet sind, ist Deflation tatsächlich bedrohlich. Denn für Schuldner bedeutet Deflation natürlich, dass ihre Schuldenlast um so größer wird, je weiter der Wertzuwachs des Geldes voranschreitet. Der Staat als Großschuldner ist deshalb in aller Regel besonders daran interessiert, dass der Geldwert – und damit seine Schulden – laufend entwertet werden. Damit werden zwar jene Deppen, die ihm gutgläubig Geld geborgt haben, über den Tisch gezogen, die Schuldenpolitik der meisten Staaten wird aber natürlich enorm erleichtert.

Das dürfte auch ein nicht ganz unerheblicher Grund dafür sein, dass sich die EZB so massiv darum müht, Inflation zu erzeugen und Deflation zu verhindern: Weil sonst die Lage der überschuldeten EU-Staaten noch brenzliger würde, als sie eh schon ist. Deshalb wird die EZB wohl noch mehr Geld drucken, um die Preise wieder irgendwie zum Steigen zu bringen.

Konsumenten und Sparer werden, wenn ihr das gelingt, abermals die Zeche zahlen dürfen. Denn was sie sich jetzt dank sinkender Ölpreise beim Tanken und Heizen ersparen, würde ihnen in diesem Fall dank steigender Inflation wieder weggenommen. Die Ersparnisse, die bei niedriger oder gar ausbleibender Inflation leidlich ihren Wert erhalten, werden dann munter entwertet. „Geldwertstabilität“ haben wir uns nicht ganz so vorgestellt. (“Presse”)

4 comments

  1. Franz Steinparz

    Also von Defaltion sehe ich hier absolut nichts, ganz im Gegenteil: Wie man bei jedem zweiten Gasthausbesuch merkt, ist wieder irgend was teurer geworden.
    Mein privates Inflationsmaß, der Preis einer Halben Bier im Gasthaus wesit ganz eindeutig eine Inflation aus.

  2. sokrates9

    Nur völlig irre realitätsferne Volkswirte glauben an dieses Deflationsgespenst! Ich wird jetzt ein halbes Jahtr keinen neuen Fernseher kaufen, weil ich damit rechne dass er dann um 20.-€ billioger ist!Nur realitätsferne Theoretiker, unfähig sich selbst zu erhalten, sprich: nicht im Staatsdienst – glauben solche Geschichten!

  3. Thomas Holzer

    Man höre sich dazu den Beitrag im heutigen Ö1-Mittagsjournal an; Volksverblödung pur, dem Bildungsauftrag vollkommen gerecht werdend 😉

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