Wie gemeingefährlich sind Sparer?

(ANDREAS TÖGEL) Je mehr Geld es gibt und je schneller es umläuft, desto besser. Dann brummt der Konsum und wir alle werden dadurch reich. Deshalb ist es auch gut, daß die Zinsen von weisen Notenbankern nach unten, möglichst auf Null Prozent, manipuliert werden, um auf diese Weise dem groben Unfug des Sparens entschlossen entgegenzuwirken. Denn Wohltäter ist, wer sich verschuldet; Der Sparer dagegen, ist ein Parasit am Volkskörper! Schließlich entzieht er der Wirtschaft durch seinen schändlichen Verrat heimtückisch das wichtigste Treibmittel. Außerdem kann natürlich nur eine weiche Währung eine gute Währung sein, da ein niedriger Wechselkurs bekanntlich die Exporte begünstigt und Importe verteuert. Fest steht: Exporte sind eine tolle Sache, und Importe grundsätzlich Werke des Teufels.

So oder so ähnlich lässt sich jenes Amalgam merkantilistisch-keynesianischer Voodoo-Ökonomie zusammenfassen, das uns von der großen Mehrheit der politischen Eliten und Finanzgurus pausenlos serviert wird. Dementsprechend sieht auch die Politik des ganz und gar unter politischer Kuratel stehenden Bankensektors aus: Geld ist derzeit so billig noch nie. Doch langsam aber sicher mehren sich die Stimmen der Mahner, die vor den verheerenden Folgen der immer weiter zunehmenden Geldschwemme warnen. Die beiden Ökonomen Hans-Werner Sinn, Chef des Münchener ifo-Instituts und Jürgen Stark, unter Protest von seinem Vorstandsmandat der EZB zurückgetretener Ex-Notenbanker, zählen dazu. In seinem soeben erschienenen Buch „Gefangen im Euro“ geht Sinn mit der EZB-Politik hart ins Gericht. Die allein auf das Ziel der Wahrung der Währungsstabilität verpflichtete EZB habe gleich gegen mehrere Prinzipien verstoßen: Die Rettung von Staaten und die monetäre Staatsfinanzierung stünden dabei an erster Stelle. Banken um jeden Preis zu retten, anstatt sie, wie jedes andere insolvente Unternehmen, in Konkurs gehen zu lassen, gehöre ebenfalls nicht zu ihren Aufgaben.

Was indes keiner dieser Ökonomen und Kritiker der lockeren Geldpolitik bisher offen ausgesprochen hat: Hinter all dem Übel steckt die (unheilbare?) „demokratische Krankheit“ (© Christoph Braunschweig): Die Zurückdrängung und Ausschaltung individueller Haftung für Fehlentscheidungen aller Art und die Kollektivierung der daraus resultierenden Kosten. Wenn alle mitzureden haben, ist am Ende keiner verantwortlich. Das demokratische Dogma lautet nun einmal, daß die Mehrheit immer recht hat. Und die Mehrheit bestimmt die Marschrichtung – ohne Rücksicht auf noch so hohe Verluste der marginalisierten Minderheit. Die Mehrheit der Staaten Europas aber hängt an der Nadel namens lockere Geldpolitik. Was das für die (wenigen) verbliebenen Nettozahler der Union bedeutet, liegt auf der Hand: Sie werden von den über die Mehrheit gebietenden Transferempfängern gnadenlos über den Tisch gezogen. Damit allerdings hat der aufrechte Demokrat ja jede Menge Erfahrung. Wie im Kleinen – im modernen demokratischen Wohlfahrtsstaat – so im Großen – in der supranationalen Transferunion: Die Zahler haben bei allgemeinem, gleichem Stimmrecht nichts zu melden…

Was auffällt: Kein bei klarem Verstand befindlicher Mensch wird die kollektive Haftung der Hausgemeinschaft eines Mietshauses für die Verbindlichkeiten eines moralisch minderwertigen Mitbewohners gutheißen. Jedermann wird instinktiv begreifen, daß dies geradezu einer Einladung zur Sorglosigkeit und zur Bestrafung solider Haushaltsführung gleichkommt. Welches Motiv hat denn der Einzelne, ordentlich zu gebaren, wenn doch stets andere für ihn geradestehen müssen? Niemand kommt auf die Idee, von „Solidarität“ zu schwadronieren, wenn eine Gruppe arbeitsamer und sparsamer Menschen gegen ihren Willen dazu genötigt wird, dauerhaft einen spielsüchtigen Trunkenbold in ihrer Nachbarschaft zu finanzieren. Jeder wird das als Ungerechtigkeit begreifen.

Bedauerlicherweise aber ändern sich die Voraussetzungen völlig, wenn die Kollektive größer – und damit unüberschaubar – werden. Daß die demokratische Wahl einer (private Eigentumsrechte mit Füßen tretenden) sozialistischen Partei keinen Akt der Solidarität mit Unterprivilegierten und Minderbemittelten, sondern vielmehr einen indirekten Raubüberfall auf hart arbeitende Leistungsträger darstellt, die in der Folge – ungefragt – zur Finanzierung von Müßiggängern, Minderleistern und (Sozial-)Bürokraten verurteilt werden, wird der Mehrheit entweder nicht bewußt oder – schlimmer noch – wird von ihr sogar gutgeheißen, weil ihr die potentiellen Raubopfer nicht persönlich bekannt sind!

An dieser Stelle stellt sich für Hans-Werner Sinn die Gretchenfrage: Die Euro-Zone muß sich die Frage stellen, „wie man mit schwarzen Schafen umgeht, wenn die schwarzen Schafe in der Mehrheit sind”. Es kann indes kein Zweifel daran bestehen, daß die schwarzen Schafe ihre Interessen auf Kosten ihrer weißen Artgenossen ungeniert durchsetzen werden. Die Frage des „Umgangs mit den schwarzen Schafen“ stellt sich in der Demokratie nicht. Die tun nämlich einfach, was sie wollen, weil sie über die Mehrheit verfügen. Die ernüchternde Wahrheit ist: So und nicht anders funktioniert die zeitgenössische Ochlokratie. Als beinharte Diktatur der Mehrheit! Nachdem die seit Jahren von der EZB betriebene Zinsmanipulation – zum namenlosen Verdruß des Brüsseler Politbüros – die erhoffte Wirkung nicht gezeigt hat, sowohl Investitions- als auch Konsumboom also ausgeblieben sind, steht uns in der nächsten Eskalationsstufe mutmaßlich der großzügige Ankauf dubioser Staatsanleihen durch diese famose Organisation ins Haus. Damit sollte der Weg zu von jeder Fessel befreiten, uneingeschränkten Eingriffen der Politik in die Wirtschaft und ins Leben jedes einzelnen Bürgers endgültig geebnet sein.

Gottlob machen unsere weisen Obertanen nie etwas falsch und handeln keinesfalls je im eigenen Interesse. Sie werden diesen ungeheuren Machtzuwachs also nur absolut selbstlos und zum Besten ihrer unmündigen Untertanen einsetzen – ganz bestimmt. Die „Südländer“ der Eurozone, fordern lautstark und unermüdlich die Produktion immer mehr neuen Geldes. Fatalerweise ist der Chef der EZB, Mario Draghi, ein archetypischer Freund der italienischen Oper, einer ihrer zuverlässigsten Sachwalter. Außerdem wurde ja auch der EZB-Rat der Segnungen der Demokratie teilhaftig – Entscheidungen im Sinne der Transferempfänger sind daher jederzeit sichergestellt. Das ist insofern wunderbar, weil Griechenland, Spanien, Italien, Portugal und Frankreich bekanntlich entschieden zu teuer produzieren und deshalb nicht mehr wettbewerbsfähig sind. Quantitative easing, Weichwährungspolitik und Wechselkursverschlechterung, werden diese Länder also der Notwendigkeit entheben, schmerzhafte, strukturelle Maßnahmen auf nationaler Ebene zu ergreifen. Alles wird gut – dank der genialen Politik der Geldsozialisten von der EZB. Einige klitzekleine Schönheitsfehler bleiben freilich: Den Außenwert der europäischen Währung zu verschlechtern, führt einerseits zur Konservierung ineffizienter Strukturen in den maroden Staaten, und andererseits beschert es den Bürgern – europaweit – massive Kaufkraftverluste.

Hans-Werner Sinn sieht „zwei verlorene Jahrzehnte“ auf Europa zukommen. Am Beispiel Japans kann man bewundern, was wohl auch der EU bevorsteht: Eine Jahrzehnte lange Zeit anhaltende Stagnation, der mit einer noch so lockeren Geldpolitik (der von den Wettbewerbern in Übersee selbstverständlich mit einem Abwertungswettlauf gekontert wird) einfach nicht beizukommen ist. Was würde uns Lord Keynes – vor den rauchenden Trümmern seiner grandiosen „General Theory“ stehend – heute wohl erzählen…? (TB)

10 comments

  1. Thomas Holzer

    Ein Beitrag wider die Demokratiegläubigen………………das ist fast schon Verhetzung 😉
    Chapeau, Herr Tögel!
    Wir sind nicht(sic!) das Volk, wir sind die Minderheit, darauf sollten wir Stolz sein

  2. FDominicus

    Grundsätzlich muß man Herrn Tögel die vernünftigsten und stichhaltigsten Einträge in diesem Blog zugestehen. Leider treffen Sie außer bei einigen auf taube Ohren oder auf gar kein Gehör. Wie sagte mal jemand: Man kann die Realität verleugnen nicht aber die Folgen dieser Leugnung…

    Herr Tögel schreibt soweit mir bekannt seit Jahren gegen diesen Wahnsinn an, nichts ist dabei für die Minderheit herumgekommen. Es geht ganz im Gegenteil mit noch mehr Druck und noch stärker auf die Minderheit. Diese wird dazu noch immer kleiner. Und gerade diese Sparen ist wirklich geradezu eine Zumutung. Wenn man die Werbung anschaut: Keine Schufa – macht nichts. Die Banken lassen die Hosen runter und nur so ein Mist. Und so werden die Billionen neuer Schulden verkonsumiert und dann wird sich gewundert weil alles zerfällt.

    Das man das was man verbraucht ersetzen muß ist für Staaten offensichtlich völlig unverständlich. Das schaufelt D die Milliarden an Steuereinnahmen und ist nicht mal mehr in der Lage grundlegende Dienste versehen zu können. Solange eben die Straßen noch der “Allgemeinheit” gehört, muß man sie pflegen. Dafür stünden rein prinzipiell über 60 Mrd and Mineralölsteuer bereit, aber nur 4-6 Mrd werden in den Straßenbau gesteckt. Unsere Armee ist nicht mal in der Lage ein paar Hanseln und Güter mit eigenen Maschinen über mehr als 5000 km zu verbringen. Und die “angebliche” Armut ist auch nicht “besser” geworden.

    Es gibt nur eine Gewißheit. Wo der Staat und seine Handlanger hinlangen, gedeiht auf Dauer gar nichts mehr….

  3. Marcel Elsener

    Auch ich anerkenne Herrn Tögels Engagement und lese seine Texte seit Jahren mit grossem Genuss. Natürlich wissen wir alle, dass seine Texte nur von einer Minderheit verstanden und ernstgenommen werden. Trotzdem: Sie sind nicht allein, Herr Tögel! Bitte machen Sie weiter so!

  4. sokrates9

    Toller Artikel ! Ich bin der Meinung dass diese derzeitige “Demokratur” wesentlich schlimmer als der Kommunismus ist! Der hat nämlich nicht lange funktioniert, während die Bürokraten das herrschende System perfektionieren und brutal exekutieren!

  5. Franz Bauer

    Die Deutschen werden weiterzahlen und es gibt eine ganz einfache Erklärung dafür. Zerbricht nämlich der Euro können sie wohl einen Großteil ihrer Target 2 Salden in Höhe von € 443,5 Mrd. sofort abschreiben. Das heißt es wurden deutsche Wertprodukte massenhaft auf “Anschreiben” in die Eurozone geliefert. Ins straucheln geratene Schuldner hegt man und pflegt um sich noch soviel Geld als möglich zurückzuholen zu können bevor es dem Ende zugeht.

    Die Worte von Ron Paul in seiner Abschiedsrede 2012 vorm Repräsentantenhaus sind auch sicherlich für die Eurozone ganz passend:

    „Ohne geistiges Erwachen wird der Wendepunkt von der Wirtschaft diktiert. Eine Dollarkrise wird das heutige, aus der Kontrolle geratene System in die Knie zwingen.
    Die heutige Vorgehensweise ist dieselbe wie die in 2008 während der Finanzkrise. Das Repräsentantenhaus verabschiedete zuerst mit Unterstützung beider Parteien Rettungspakete für die Reichen. Dann greift die Federal Reserve mit ihrer endlosen quantitativen Lockerung (QE) ein. Gelingt dies nicht, versucht man es erneut; QE1, QE2 und QE3…und wenn das nichts nützt, QE auf unbestimmte Zeit – bis es knallt. Alles hat seinen Preis – und seien Sie sicher: die Wechselreiterei wird ein Ende haben, der Markt wird seinen Blutzoll einfordern und ein großes Wehgeschrei wird sich erheben.“

  6. PP

    Was Christoph Braunschweig als „Die demokratische Krankheit“ bezeichnet, ist Sozialdemokratie. Sozialismus ist die Krankheit.

    Vgl. F.A. v. Hayek:
    „Wir verdanken den Amerikanern eine große Bereicherung der Sprache durch den bezeichnenden Ausdruck weasel-word. So wie das kleine Raubtier, das auch wir Wiesel nennen, angeblich aus einem Ei allen Inhalt heraussaugen kann, ohne daß man dies nachher der leeren Schale anmerkt, so sind die Wiesel-Wörter jene, die, wenn man sie einem Wort hinzufügt, dieses Wort jedes Inhalts und jeder Bedeutung berauben. Ich glaube, das Wiesel-Wort par excellence ist das Wort sozial. Was es eigentlich heißt, weiß niemand. Wahr ist nur, daß eine soziale Marktwirtschaft keine Marktwirtschaft, ein sozialer Rechtsstaat kein Rechtsstaat, ein soziales Gewissen kein Gewissen, soziale Gerechtigkeit keine Gerechtigkeit – und ich fürchte auch, soziale Demokratie keine Demokratie ist.“

    (Quelle: Wikipedia)

  7. Thomas Holzer

    @PP
    Sozialismus könnte sich ohne Demokratie gar nicht durchsetzen, außer er greift auf “revolutionäre” Werkzeuge, sprich AK-47 zurück.
    Das Wesentliche, was die vereinigten Sozialisten gelernt haben ist: er, der Sozialismus, lässt sich einfacher und bequemer für das vulgus populus durchsetzen, wenn er ganz demokratisch legitimiert per Gesetz daher kommt.

  8. PP

    @Thomas Holzer
    Demokratie ist freilich auch nicht Wille von “Demos” und was das einmal war und so weiter und so fort können wir uns nur ewig beschaulich die Eier schaukeln und einander tröstend auf die Schultern klopfen. Hoffend, dass bloß keiner mit der nächsten Endlösung daherkommt.

  9. Manfred Moschner

    Der Angriff auf die Sparer ist aus der Sicht der zentralistischen Bürokratur völlig verständlich.
    Die dahinter stehende Logik:
    Argument Nr 1:
    Nur wer spart und sich damit einen gewissen Wohlstand schafft, ist unabhängig von den “Wohltaten der Umverteilungs-Bürokratur”. Diese wünscht aber keine mündigen und unabhängigen Bürger. Am liebsten ist es ihr, wenn jeder Bürger empfangender Teil der Umverteilungsmaschinerie und damit von ihr abhängig ist.
    Der Idealbürger aus Sicht der Bürokratur ist jener, der von der Hand in den Mund lebt und damit schön “brav spurt”, weil ihm sonst die Existenz entzogen werden könnte.
    Argument Nr 2:
    Das ständige Hetzen gegen den Sparer bereitet politisch den Boden für die zukünftigen (Teil-)Enteignungen.
    Argument Nr 3:
    Gibt es keine Sparer mehr, gibt es keine unabhängigen Banken mehr – und kein privates Kapital mehr für Investitionen. Dies wäre der ultimative Sieg des Eurokommunismus. Gibt es keine privaten Produktionsmittel mehr, gibt es keine Unternehmer mehr. Alles (i.S.v: die gesamten Produktionsmittel einer Gesellschaft) müsste dann zentral von Bürokraten zugeteilt werden – die totale Lenkung der Gesellschaft durch die Bürokratur wäre die Folge.

    Schöne neue Welt !!!
    Und willfährige Pseudo-Experten heulen im Chor, um diese Welt möglichst rasch Wirklichkeit werden zu lassen …

  10. FDominicus

    Sehr geehrter Herr Moschner bei 1 und 2 bin ich ganz bei Ihnen. Bei 3 denke ich etwas anders. Für Staaten ist es viel bequemer große Unternehmen zu haben. Diese kann man durchaus leichter überwachen und den Wettbewerb behindern große Firmen natürlich ganz gerne. Oligopole sind durchaus ähnlich lukrativ wie etwaige Monopole die Mitglieder der Oligopole können aber immer behaupten: Es gäbe doch Konkurrenz.

    Weiterhin zu bedenken größere Firmen kann man viel besser auch mit Gesetzen und Auflagen zupflastern, was wiederum dem Kontrollwahn und vor allen den Räubern (Steuereintreibern) sehr entgegen kommt.

    Die EUkraten wollen nicht den nackten Sozialismus sondern immer noch Spurenlemente von Markt , die man dann für alles Übel der Welt verantwortlich machen kann. Große Staaten und große Firmen heißt: Riesenrobleme für JEDEN Bürger.

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