Wie man gesund bleiben kann

(MARCUS FRANZ) Vorsorge, Prävention und Krankheitsverhütung sind gängige Schlagworte, die dem Einzelnen täglich von der Politik, den Medien und den medizinischen Akteuren als der Königsweg zur ewigen Gesundheit präsentiert werden. Im Überschwang der Vorsorgeempfehlungen wird es aber oft verabsäumt, dem Publikum auch zu sagen, was konkret mit diesen Parolen gemeint ist.

Die Bejahung der Vorsorgemedizin lässt neben der für jeden zu empfehlenden Standard-Vorsorgeuntersuchung (VU) der Sozialversicherung einige Kardinalfragen unbeantwortet: Wer genau soll wann und warum welche Vorsorge betreiben? Und wie sehen die objektiven Kriterien einer sinnvollen und nutzbringenden medizinischen erweiterten Vorsorge aus, wenn man über den Basis-Check der VU hinaus noch etwas für sich tun will?

Grundsätzlich gilt: Zweckmäßige Vorsorgemethoden sollen sowohl für die Budgets der Gesundheitssysteme wie auch für den Einzelnen leistbar und möglichst ungefährlich sein, sie sollen in breitem Umfang durchführbar und durch wissenschaftliche Erkenntnisse in ihrem präventiven, krankheitsverhindernden Nutzen gesichert sein.

Kennzeichen seriöser Vorsorgemethoden ist, dass sie sich auf große Studien begründen. Das Präventionsvermögen der verschiedenen Methoden muss auf größere Bevölkerungsgruppen bezogen sein, denn nur bei ausreichenden Probandenzahlen kann eine Vorsorgemethode überhaupt auf ihre Wertigkeit überprüft werden bzw. bei ihrer Anwendung auch nützliche Effekte erzeugen. Die Entscheidung zur Durchführung von Vorsorge muss frei und persönlich gefällt werden, es darf aber natürlich Anreize geben, es zu tun.

Das Individualrisiko des Einzelnen ist durch Präventionsmaßnahmen jeder Art allerdings nur bedingt abschätz- und beeinflussbar und eine Garantie für zukünftige Krankheitsfreiheit kann selbst die beste Vorsorgestrategie nicht liefern, das wird oft nicht beachtet. Gerne unerwähnt bleibt bei politischen Bekenntnissen zur Vorsorge auch, dass Vorsorge-Kampagnen unter Umständen recht teuer sein können und der Nutzen derselben meist erst Jahre später spürbar wird.

Ein weiteres Merkmal von brauchbaren Vorsorgemaßnahmen ist, dass am Ende einer Präventionskampagne genug (finanzielle) Kapazitäten vorhanden sind, die neu entdeckten Kranken bzw. Risikofälle auch richtig zu versorgen. Es ist nämlich bei jeder größeren Vorsorge-Initiative zu erwarten, dass durch die Kriterien plötzlich eine bisher als gesund eingestufte Population zum „Krankengut“ bzw. zur Risikogruppe wird.

Dies ist beispielsweise durch das ständige Senken der empfohlenen Cholesteringrenzwerte und den oft getätigten Aufruf, die Blutfette messen zu lassen, geschehen: Hunderttausende Österreicher laufen heute wissentlich mit zu hohen Blutfettwerten herum. Viele von ihnen sind deswegen verunsichert, viele werden behandelt, viele andere nicht oder wollen das auch nicht. Die Meinungen, ob eine Therapie des zu hohen Cholesterinspiegels immer notwendig ist, wird auch in der Medizin kontroversiell diskutiert und ist letztlich eine Einzelfallentscheidung. Sie ist nämlich nicht nur von der Höhe des Cholesterins, abhängig, sondern definitiv von der Gesamtrisikosituation des jeweiligen Individuums.

Die Medizin bietet gegenwärtig eine Unzahl von Untersuchungsarten, die bei den verschiedensten Krankheiten mehr oder weniger gut eingesetzt werden können. Viele dieser Methoden werden gerne auch in der Vorsorge angewendet – hier aber meist ohne rationale Grundlage bzw. ohne Gedanken an die Konsequenzen.

Wendet man die Kriterien Freiwilligkeit, Leistbarkeit, Zumutbarkeit, Präventionsvermögen und wissenschaftliche Absicherung auf die gängigen Vorsorgemethoden an, bleiben nur recht wenige medizinische Handlungen, die man guten Gewissens für die Vorsorge empfehlen kann.

Beispielsweise ist die Routine-Mammographie zwar in vielen Fällen sinnvoll, aber insgesamt ist es nicht ganz eindeutig, ob sie generell als Vorsorgemethode zur Verhütung des Brustkrebses ideal geeignet ist: zu kontroversiell sind die bisherige internationale Datenlage und die Meinungen der Experten. Man hat sich in Österreich erst nach langen und intensiven Debatten dafür entschieden, die Mammographie großflächig als Früherkennungsprogramm einzusetzen. Als Leitgedanke kann für die Frauen jedenfalls gelten: Mammographie am besten erst nach Rücksprache mit dem Gynäkologen des Vertrauens.

Ebenso ist der oft eingesetzte sogenannte PSA-Test keine sichere Methode, um bei allen Männern das Prostatakarzinomrisiko zu reduzieren, wie vielfach geglaubt wird. Laut aktueller Studien senkt der Test zwar die Gesamtsterblichkeit, sein Nutzen ist aber von der Individualisierung abhängig – das heißt, der persönliche Arztkontakt und das Gespräch sind hier (wie immer in der Medizin) im Grunde ausschlaggebend. Ein spezielles Programm dazu wurde übrigens 2015 an der urologischen Uni-Klinik im AKH Wien entwickelt.

In der öffentlichen und politischen Diskussion um Vorsorge-Programme wird deren Nutzen gerne als gegeben vorausgesetzt, die Nachteile bzw. Schädigungspotentiale der Vorsorgemedizin werden hingegen kaum wahrgenommen. Vorsorge birgt definitiv ein Manko: Manchmal “gelingt” es mit ungeeigneten Präventionsmaßnahmen, entweder die Verunsicherung der betreffenden Patienten zu steigern oder bei mangelhafter Durchführung auch trügerische Sicherheiten zu erzeugen.

Natürlich gibt es auch eindeutig empfehlenswerte Vorsorgeuntersuchungen für alle: Als Beispiel sei die präventive Darmspiegelung zur Verhütung des Darmkrebses erwähnt: die sogenannte Vorsorge-Coloskopie. Die Datenlage ist hier so klar, dass die aus finanziellen Gründen immer sehr restriktiv agierenden amerikanischen Krankenversicherungen diese Methode als überlegene Präventionsmaßnahme schon vor Jahren in ihre Vorsorge-Empfehlungen aufgenommen haben. In Österreich ist diese Empfehlung natürlich auch gültig, die Kosten werden allerdings erst ab dem 50. Lebensjahr von der Sozialversicherung übernommen. Internationale Daten weisen darauf hin, dass es günstiger ist, schon mit 45 den Gang zur heutzutage völlig schmerzfreien Spiegelung anzutreten.

Trotz vieler Widersprüchlichkeiten und vieler offener Fragen werden heute alle nur möglichen Vorsorgemethoden, egal ob wissenschaftlich fundiert oder nicht, von verschiedenen Lobbies propagiert und der Einzelne nimmt fast jede ihm vorgeschlagene Präventionsmethode dankbar an, wenn er sich einmal zur Vorsorge entschlossen hat. Persönliche Heilserwartungen und verständliche vorhandene Krankheitsängste sind die Motive dazu. Ebenso gibt es auch die nüchterne Haltung, seinen Körper einfach regelmäßig warten zu wollen. Diese Wünsche sind alle legitim und zu unterstützen. Grundsätzlich ist die Motivation des Einzelnen nämlich egal, Hauptsache er tut es. Denn Vorsorge, sinnvoll, gezielt und individuell durchgeführt, ist jedem Menschen anzuraten.

Für eine solche sinnvolle Prävention und Krankheitsverhütung sind allerdings nicht nur fundierte Empfehlungen von der Gesundheitspolitik respektive den Krankenversicherern und den medizinischen Fachgesellschaften notwendig und nicht nur finanzielle Anreize hilfreich, so wie dies gerade von der SVA der gewerblichen Wirtschaft getan wird, sondern es sind vor allem das ärztliche Gespräch und die persönliche medizinische Beratung, die den Erfolg von Vorsorge ausmachen.

Allgemeine und teils uralte einfache Empfehlungen zum gesunden Leben haben übrigens mittlerweile auch ihre wissenschaftliche Untermauerung gefunden. Es gibt reichlich Studien, dass Sport, richtige Ernährung, nicht rauchen, wenig trinken und auf das Gewicht schauen den Menschen gesund erhalten. Wer sich daran hält und auch ohne Beschwerden fallweise seinen Hausarzt oder Internisten aufsucht, um sich über medizinische Präventionsmethoden beraten zu lassen, dem kann dann fast nichts mehr passieren.

5 comments

  1. Gerhard

    Ich sehe dabei zwei Problemkreise:
    1. die in der Bevölkerung weit verbreitete Meinung, dass bei Krankheiten ohnehin der Staat für alles aufkommen wird (= Vollkaskomentalität), somit “Gesund leben und ernähren” keine hohe Priorität hat und
    2. die geringe Bereitschaft der Krankenkassen, für ein ausführliches Beratungsgespräch mit dem Arzt diesen gerecht zu bezahlen bzw. dass der Patient auch bereit ist, dafür auch einen eigenen Beitrag direkt an den Arzt zu leisten.

  2. mariuslupus

    Eine Vorsorgeuntersuchung dient der Beschreibung des Zustandes des Patienten im Querschnitt. Die Ergebnisse erlauben Rückschlüsse auf die bisherige Lebensführung des untersuchten Individuums. In diesen Sinne ist sie wertfrei. Die Frage ist, welche Erkenntnisse gewinnt der untersuchte Mensch aus den Resultaten. Meistens, sollten die Ergebnisse nicht unmittelbar lebensbedrohlich ausfallen, bleibt es bei guten Ratschlägen und Vorsätzen, und der Mensch lebt weiter wie bis dato.
    Konkret, keine Vorsorgeuntersuchung eines adipösen Mannes kann ihn davon abhalten sich ein Diabetes2,
    zuzulegen

  3. Thomas Holzer

    Daß ein Test die “Gesamtsterblichkeit” senken kann, erachte ich als ein übles Gerücht!
    Was sowohl von Medizinern als auch Politikerdarstellern wissentlich und willentlich übersehen wird ist die Tatsache, daß “das Leben eine Krankheit ist, welche immer tödlich endet” 😉

  4. Lisa

    @Thomas Holzer. Die “Krankheit zum Tode” wird eben gern verdrängt – und an einem toten Patienten hat noch kein Arzt etwas verdient…

  5. Rennziege

    Was bringt den Doktor um sein Brot?
    a) die Gesundheit, b) der Tod.
    Drum hält der Arzt, auf daß er lebe,
    uns zwischen beidem in der Schwebe.
    (Eugen Roth, 1895 – 1976)

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