Wie man ohne Staat auskommt

Von | 15. April 2016

(ANDREAS TÖGEL)  Buchtip: “Frei statt Staat- Selbsteigentum, Ethik und die Verfassung der Privatrechtsgesellschaft” von Peter J.Preusse. Der Autor legt mit diesem Büchlein eine „…systematische Hinführung zur Logik der Privatrechtsgesellschaft“ vor und setzt dabei die Kenntnis der libertären Denkweise voraus. Ausgehend vom historisch belegten Befund, dass das klassisch-liberale Ideal vom Minimalstaat keinen dauerhaften Bestand hat (da auch der “Nachtwächterstaat” die Tendenz aufweist, unaufhörlich zu wachsen und sich zum allsorgenden Gouvernantenstataat aufzuschwingen), präsentiert er, nach einer nicht einfach zu lesenden theoretischen Deduktion, seine praktischen Vorstellungen davon, wie eine staatsfreie Privatrechtsgesellschaft organisiert sein könnte.

Eingangs erfolgt eine präzise und ausführliche Definition jener Begriffe, die zum Verständnis der folgenden Abhandlung notwendig sind. Preusse legt dabei größten Wert auf die strikte Anwendung der „österreichischen Methode“ – eine stringente Ableitung jedes hinzutretenden Elements, die vom aprioristischen Axiom des menschlichen Handelns ihren Ausgang nimmt. Wer Ludwig Mises’ „Human Action”, Murray Rothbards „Man Economy and State“ und Hans-Hermann Hoppes „The Economics and Ethics of Private Property“ gelesen hat, ist klar im Vorteil.

In der „Vermachtung des Rechts“ zur Zeit des monarchischen Absolutismus, erkennt der Autor die „Geburtsstunde des unheilvollen Zwillingspaars Staat und positives Recht“. Das Monopol auf Rechtsprechung wird in der politischen Wirklichkeit zur machtbasierten Rechtssetzung.

Der einer Beschreibung der friedlichen Privatrechtsgesellschaft gewidmete letzte Teil des Büchleins, beginnt mit der Feststellung, dass diese „normativ herrschaftsfrei möglich“ ist. Ihre Basis bilden die Eigentumsnorm und das Aggressionsverbot. Ein Katalog ausgeschlossener Phänomene, wie öffentliche Güter, Gemeineigentum oder Steuerprivileg folgen.

Unumgängliche Wahlvorgänge stützen sich in der Privatrechtsgesellschaft nicht allein auf das Zählen der Stimmen, sondern auch auf das Abwägen der Beiträge der Bürger für die Gesellschaft (analog zum im 19. Jahrhundert gebräuchlichen Zensuswahlrecht).

Daran, dass die vorgestellten Gedanken nicht auf empirischen Erfahrungen basieren (können), sondern stringent aus dem deduziert werden, was er in einer früheren Arbeit „Logik der Freiheit“ nennt, lässt Preusse keinen Zweifel.

Fazit: anspruchsvolle Lektüre für ideengeschichtlich Interessierte und libertäre Connaisseurs.

 

Frei statt Staat

Peter J. Preusse

Lichtschlag-Verlag 2016

101 Seiten, broschiert

ISBN 978-3-939562-37-5

15,90 Euro

6 Gedanken zu „Wie man ohne Staat auskommt

  1. gms

    “Privatrechtsgesellschaft – Ihre Basis bilden die Eigentumsnorm und das Aggressionsverbot.”

    Es handelt sich mangels verbindlicher Definition von Aggression weniger um ein explizites Verbot, denn thematisch um ein unabdingbares Naturrecht auf Verteidigung, ist Gewalt doch zwangsweise subjektiv. Ein Verbot ohne Abwehr respektive Pönalisierung im Übergriffsfall ist witzlos, doch anders als im herkömlichen System erfolgen diese nicht durch ein ortsansässiges Gewaltmonopol, welches selbst den idealen Aggressor darstellt.

    Extrem überspitzt formuliert ist in einer Privatrechtsgesellschaft garnichts verboten, es manifestieren sich einzig und allein über die Zeit hinweg bekannte Sachverhalte und Konstellationen, die von potentiell Betroffenen nicht geduldet werden und zu deren Unterbindung frei wählbare Sicherheitsagenturen gegen Entgelt tätig sind.
    Plausibel ist die Annahme, die Mehrheit aktueller Straftatbestände fände sich als gemeinsamer Nenner dessen, wovor der zahlende Kunde dann ein verbrieftes Recht auf Schutz hätte, er andernfalls von diesem Anbieter keine Leistungen beziehen würde. Statt wie jetzt auswandern zu müssen zur Neuauswahl eines anderen Rechtssystems beziehungsweise Finanzamts, wird die Agentur gewechselt. Wer überhaupt keinen Schutz durch Dritte will, unterwirft sich folgerichtig auch keinem Anbieter.

    Dreh- und Angelpunkt einer Privatrechtsgesellschaft ist oben genannte Eigentumsnorm, basierend auf der unabdingbaren Feststellung, niemand anderer als man selbst hätte ein Verfügungsrecht über seinen Körper. Damit ist auch, anders als beim ominösen Begriff der ‘Menschenwürde’, alles Entscheidende festgehalten respektive folgt logisch daraus.
    Was man zur Wahrung seiner Interessen für angemessen hält, organisiert man durch Verträge mit Dritten oder erledigt es selbst, wobei in der Umkehrung nichts bezogen werden muß, von dem ein Monopolist behauptet, es wäre für ein gutes Leben unandingbar und daher auch gegen den Willen des betroffenen Individuums von diesem zu unterstützen.

    Die Folge dessen wäre eine wahrhaft natürliche Ordnung in allen Belangen. Auf Freiwilligkeit basiert dann nicht nur das Gewollte, sondern auch das Ungewollte, womit auch der aktuell pervertierte Toleranzbegriff vom Kopf auf die Füße gestellt wird. Wer etwas um die Burg nicht tolerieren will, braucht dafür in einem freien Spiel der Kräfte verdammt gute Argumente, die bei unstrittigen Missetaten wie Mord, Totschlag, Diebstahl und Analogem leicht zu erbringen sind, bei opferlosen Verbrechen oder Sitten- und Gedankenvergehen aber mutmaßlich ins Leere laufen.

    Ob die aktuelle Ordnung mit seinen territorialen Machtansprüchen natürlich ist, sei dahingestellt, auf einer Skala bewertet firmiert sie aber erkennbar unter einer reinen Privatrechtsgesellschaft. Wäre hypothetisch der Globus oder auch nur das Territorium des heutigen Österreichs dergestalt organisiert, so ist nicht ausgeschlossen, wonach daraus wieder etwas entstünde, was wir aktuell schon vorfinden.
    Freilich kann es passieren, daß Leute sich hier oder weltweit wieder freiwillig einer Ordnung unterwerfen, die wie keine andere die Basis gegen den Strich bürstet und von Mitsprache und Mitbestimmung fernhält, sei es nun mit einer einzigen Erd-Regierung, einer pro Kontinent oder flächendeckend deren hunderte. Dann wäre die aktuelle Ordnung tatsächlich eine von der Spezies Mensch gewollte, bloß diese Vermutung steht auf verdammt dünnem Eis.

  2. wbeier

    Die Crux am libertären Modell ist halt Zweierlei. a) Es verträgt keinerlei Evolution was bedeutet es müsste allumfassend zu einem beliebigen Zeitpunkt in Kraft treten weil „ein bisschen schwanger“ funktioniert gerade hier eben nicht und b) es braucht den „neuen Menschen“ der in einem privatrechtlichen Lebensraum auch nur ansatzweise orientierungs- und (über)lebensfähig wäre.
    Der Zynismus an der Notwendigkeit eines „neuen Menschen“ ist der Umstand, dass punktgenau der ideologische Antagonist auch genau diesen bedarf. Wobei man dem Liberalismus zu Gute halten muss, dass seine Blutspur wesentlich undeutlicher als die des Sozialismus ist.

  3. gms

    wbeier,

    Die Notwendigkeit zu einem “neuen Menschen” erschließt sich nicht. An den Prinzipien eines geordneten Miteinanders ändert sich nichts, einzig und allein die Frage der Frage der territorialen Dominanz wird grundlegend anders beantwortet. Ein Völkerrechtssubjekt ohne eigenes Gebiet gibt es bereits, der Malteser-Orden hat zum Beispiel eigenes Geld, Nummernschilder, diplomatische Vertretungen und Pässe. Böte er auch Rechtsprechung an, wie etwa der Vatikan, spräche wenig dagegen, wonach er weltweit Millionen Kunden haben könnte, die sich für einen solchen full-fletched Provider entscheiden.

    Betreffend Übergang sind vielerlei Szenarien denkbar. Aktuell hält man für Gottgegeben, einzig eine bestimmte politische Einheit, wie eine Gemeinde oder ein Landesteil, hätte das Recht auf Sezession und deren Bewohner müßten nach einem bestimmten Abstimmungsmodus für die Abspaltung stimmen. Was aber soll Individuen daran hindern, ihr eigenes Grundstück aus dem Staatsverbund herauszulösen und dabei mit anderen, die gleiches tun, privatrechtlich zu kooperieren? Die einzige Crux dabei ist implizit schon angesprochen: Das aktuelle Gewaltmonopol wird spezielle Pläne haben, so sich auf seinem Territorium Gebilde ausformen, die unter anderem Rechtsprechung und Schutz als Dienstleistung anbieten.

    Die Alternative ist ein geordnetes Abdanken des Staates mit entsprechend langer Vorlaufzeit, während dessen neue Anbieter den Laden übernehmen, sich Preismodelle ausdenken und um künftige Kunden werben. Privatize everything. Die erkennbare Crux hierbei: Der aktuell von der Wiege bis zur Bahre umsorgte Bürger sollte eine Wahl zu treffen. Ob das aber einen “neuen Menschen” erfordert, sei dahingestellt.

  4. Thomas Holzer

    @gms
    Der Malteserorden hat sehr wohl eigene “Gebiete”, wenn auch nur sehr kleine; eben die diplomatischen Vertretungen und die Kirchen, Klöster und Grundstücke, welche sich in seinem Besitz befinden. (z.B. die Kirche des Hl. Johannes des Täufers in der Kärntnerstraße in Wien)

  5. gms

    Thomas Holzer,

    Danke für die zutreffende Ergänzung. Einen Widerspruch stellt besagter Besitz von Land allerdings nicht dar, ist doch entscheidend, ob Kunden im ‘Haus des Rechtssprechers’ wohnen müssen oder nicht.

  6. Thomas Holzer

    @gms
    Da haben Sie natürlich recht!
    Interessant auch, daß z.B. gerade der Malteserorden auch keinerlei Auslieferungsabkommen mit irgendeinem Staat auf dieser Welt hat 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.