Wie Meinungszwang entsteht

(Von Peter STIEGNITZ) Die einstige Grand Dame der Meinungsforschung, Elisabeth Noelle-Neumann, hat die „Theorie der Schweigespirale“ erarbeitet. Diese Theorie besagt, dass Menschen in jeder Gruppe, in jeder Gemeinschaft, ja in jedem Land einem „Konformitätsdruck“ ausgesetzt sind. Aus diesem „Konformitätsdruck“ erwächst eine „Isolierungsangst“:  Die Menschen in der Gruppe fühlen sich verpflichtet, nichts anderes als die vorherrschende Meinung zu vertreten. Diese, vom Zwang geformte Meinung ist eine gruppendynamische Macht, die eine soziale Kontrolle ausübt und zur Anpassung zwingt. Der einzige politische Freiraum der Menschen, die sich gerne vom Meinungszwang befreien wollen, ist in demokratischen Ländern die Wahlzelle.

In der soziologischen Meinungsforschung wird vor jeder Meinungsäußerung empfohlen, für sich selber vier Fragen zu beantworten:

  • Was halte ich davon?
  • Stimme ich dem zu?
  • Glaube ich das?
  • Wie oder was empfinde ich dabei?

Die wesentliche Aufgabe einer Meinung liegt in der Bewertung oder in der Beurteilung einer Aussage. Eine Meinung entsteht auf dem Grund von Erziehung und Erfahrung und bezieht sich auf das eigene Wissen.

Jeder Meinungszwang entsteht als Produkt der so genannten „veröffentlichten Meinung“. Damit wird in der Soziologie das Diktat einer offiziellen oder offiziösen Meinung verstanden. Dabei spielen in der modernen Demokratie die Medien eine bedeutende Rolle. In welche partei-politische Richtung in den meisten österreichischen Print- und elektronischen Medien die „Meinungsschiene“ läuft, das zeigt eine Befragung des  Fachblattes „Der österreichische Journalist“. Drei Viertel der Journalisten haben sich als „Linke“ bezeichnet. Dementsprechend werden auch unsere elektronischen und Printmedien gestaltet.

Der eigentliche Schritt von der Meinung zur Meinungsbildung ist nicht groß. Unter „Meinungsbildung“ versteht man in der Soziologie „Instrumente der von ihren Trägern gewünschten gezielten Beeinflussung in bestimmte Richtungen.“

Die soziologische Definition der „veröffentlichten Meinung“ bezieht sich auf die „vorherrschenden Urteile in der jeweils aktuellen öffentlichen, meist politischen Kommunikation“ (Noelle-Neumann). Genau hier, in der, durch die Medien verbreiteten partei-politischen Kommunikation  liegt der Gradmesser der liberal-demokratischen Einstellung. Die liberale Einstellung verlangt vor allem von den Medien einen breiten Raum der Meinungstoleranz.

Vielschichtig sind die Manipulationsmöglichkeiten der Medien:

  • Einseitige Vorauswahl eines bestimmten Themas
  • die Art der Berichterstattung
  • die Bearbeitung des Themas
  • Inszinierung von TV-Aufnahmen (gestellte Szenen als Dokumentation verfälscht; bzw. die Konstruktion von Realitäten
  • Negierung der Objektivität
  • Nur die so genannte „Hofberichterstattung“ liegt außerhalb des journalistischen Willens. Das ist eine Manipulationsmöglichkeit der „Spindoctors“.

Der beste Schutz gegen den Meinungszwang ist eine echte Vielfalt der Medien und die Überzeugung der Journalisten, dass sie – so schwer es auch manchen fällt – eine klare Trennungslinie zwischen der eigene ideologischen Einstellung und der notwendigem Medienvielfalt ziehen.

In der Medienpraxis gibt es nicht nur eine partei-politisch-ideologische, sondern auch eine wirtschaftliche Manipulation. Obwohl der Gesetzgeber es eindeutig vorschreibt, wird kaum die gebotene Grenze zwischen PR- und redaktionellen Beiträgen eingehalten. Das beste Beispiel dieser „Grenzüberschreitung“ sind die so genannten „Produktplatzierungen“ in TV-Sendungen. Dass in manchen TV-Filmen das Bier in Strömen fließt und nur durch Kaffee-to-go-Behälter unterbrochen wird, das ist sicherlich kein Zufall.

10 comments

  1. elfenzauberin

    Wesentliche Elemente dieses Konformitätsdruckes sind auch die Richtlinien zur Berichterstattung, die vom Presserat vorgegeben sind. Der Presserat ist sozusagen der verlängerte Arm der political correctness, dem sich sich meisten Printmedien freiwillig unterworfen haben.

    Wenn beispielsweise zu einer Straftat die Herkunft und das soziale Umfeld des Täters verschwiegen wird, so folgt dies nur den Richtlinien des Presserates. Dahinter steckt die ungeprüfte Annahme, dass die Erwähnung der Herkunft des Täters Rassismus und Fremdenfeindlichkeit befördere. Abgesehen davon, dass der Presserat keine demokratische Legitimation hat, unterstellt dieser pauschal der österreichischen Bevölkerung, intellektuell nicht in der Lage zu sein, derartige Vorkommnisse wie von Ausländern/Migranten verübte Straftaten in ihrer Bedeutung korrekt einzuordnen, was eine unglaublich präpotente Haltung ist.

    Es ist nämlich dem Leser von Qualitätszeitungen durchaus zuzutrauen, dass er derartige Informationen zur Kenntnis nimmt, ohne den fehlerhaften Schluss zu ziehen, dass “alle Ausländer” kriminell seien. Der mündige Leser wird sich vielleicht dafür interessieren, warum und weswegen es eine höhere Kriminalitätsrate unter den Zugewanderten gibt, die (fast immer) höher ist als die durchschnittliche Kriminalitätsrate in den Ursprungsländern der Migranten. Mit der letzten Information ist zunächst einmal das Argument vom Tisch, dass Ausländer durchwegs krimineller als Inländer seinen. Weitere Nachforschungen seitens des Lesers würden vielleicht ergeben, dass Kriminalität ein schichtspezifisches Problem ist, das eben bei bestimmten ethnischen Gruppen vorherrschend ist. Wenn man der Frage nachgeht, warum das so ist, kommt man vielleicht zu der Erkenntnis, dass wir uns über Jahrzehnte her eine Unterschicht importiert haben, die keineswegs repräsentativ für eine bestimmte ethnische Gruppe ist.

    Damit wären wir abseits von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit inmitten einer brisanten und wichtigen gesellschaftlichen Diskussion, die viel fruchtbarer ist als das konsequente Ignorieren von Problemen.

  2. Fragolin

    @elfenzauberin
    Aus der von Ihnen richtig erkannten oberlehrerhaften Präpotenz, Meldungen nicht auf die Fakten zu beschränken sondern diese zu verbiegen und zu vermeiden, resultiert sogar eine Hebelung der angeblich zu vermeidenden Ressentiments: Wann immer von einem Verbrechen berichtet wird und dabei krampfhaft vermieden wird, auch nur einen winzigen Hinweis auf die wirkliche ethnische Herkunft des Täters zu geben, vermutet der Leser (oft genug richtigerweise), dass es sich eben nicht um einen Einheimischen handelt. Selbst Angaben wie “der Niederösterreicher F.P.” werden als Indiz gesehen, es nicht mit einem Fritz oder Franz zu tun zu haben – in diesen Fällen wäre der Vorname nämlich ausgeschrieben worden.
    Erst wenn über die sozialen Netzwerke (deren Beschneidung genau aus diesen Gründen dem politisch-medialen Komplex sehr am Herzen liegt; auch hier wurde schon über die “mangelnde Qualität und Sicherheit” von facebook- oder twitter-Meldungen diskutiert) die Wahrheit immer mehr verbreitet wird, legen die Medien verschämt nach und aus so manchem Wiener, Linzer oder Grazer wurde plötzlich ein Nigerianer, Albaner oder Tschetschene.

    Wenn man den Menschen keinen reinen Wein einschenkt, lernen sie eben aus dem Bodensatz zu lesen.
    Und ihren geradezu orgiastischen Höhepunkt erreicht die Präpotenz der medialen Volkserzieher, wenn sie sich auch noch hinstellen und behaupten, jemand anderer als sie selbst könne sich gar kein Urteil bilden, weil er nicht genug informiert dafür wäre. Ja bitte, wessen eigentliche Aufgabe wäre jetzt aber die objektive Information???
    Ein Koch, der seinen Gästen nur zermatschten Dreck serviert und ihnen dann die Fähigkeit abspricht, zu wissen, was guter Geschmack ist, sollte eigentlich eine ordentliche Portion Waterboarding in seinem eigenen Kessel erleben…

  3. elfenzauberin

    @fragolin

    Manchmal ist es nicht nur selektive Berichterstattung, mitunter gibt es auch gezielte Falschinformationen.

    Hier ein Beispiel, wie aus Ali. S (30) ein Josef T. (30) wird. Es handelt sich um ein und diesselbe Tat.

    http://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.prozess-versuchte-vergewaltigung-sex-taeter-muss-lange-in-haft.89331248-f395-4d28-9168-b8fb490a9820.html

    http://www.bild.de/regional/muenchen/vergewaltigung/disko-gast-faellt-frau-auf-klo-an-41187308.bild.html

    Was soll man dazu noch sagen? Ich frage mich nur, wie sich der Journalist der Münchner Abendzeitung morgens in den Spiegel sehen kann ohne Abscheu zu entwickeln.

  4. AD

    die “veröffentlichte Meinung” bringt es in Vorarlberg sogar so weit, dass ein Hinweis auf den Artikel von Karin Kneissl in der Presse vom 3.10.

    http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/4835187/Fluchtlinge_Der-lange-Marsch-der-jungen-Maenner?_vl_backlink=/home/index.do

    im Forum von vol.at der Russ Media im Zusammenhang mit Artikeln über Flüchtlinge zensuriert und nicht veröffentlicht wird. Dies alleine der (Teil)Abhängigkeit von Presseförderung zuzuschreiben wäre sicher falsch

  5. Fragolin

    Übrigens ein immer mehr auftauchendes Phänomen ist die mangelnde Übereinstimmung von Wort und Bild.
    Ich weiß nicht, ob es der verzweifelte Versuch einzelner Journalisten ist, durch die Hintertür den Medienkonsumenten die Wahrheit zu zeigen ohne sich die Zunge zu verbrennen oder einfach nur Ungeschick bei der Produktion billiger Propaganda. Aber da erzählt eine Stimme im Off von frierenden Frauen und Kindern und die Bilder zeigen hunderte in Decken gehüllte junge Männer, dann wird ein beschwerlicher Marsch über den Balkan suggeriert und man sieht eine Horde junger Männer aus einem Zug quellen, oder es wird über den Tränengasangriff ungarischer Grenzsoldaten auf arme Flüchtlinge erzählt und man sieht tobende Massen mit brennenden Reifen, steinewerfend und eine Handvoll Kinder als Schutzschilde vor sich haltend gegen eine Handvoll Polizisten rennen, die sich hilflos mit Pfefferspraydosen zu wehren versuchen.
    Wort und Bild passen nicht mehr zusammen. Wahrheit und Lüge lassen sich nicht mehr trennen, sie gehen Arm in Arm, und jeden Tag der Entrückung der Obertanenkaste von den Niederungen des Pöbels entfernt sich auch die Wahrheit immer mehr von den Meldungen aus Wolkenkuckucksheim.
    In einer kleinen steirischen Bezirksstadt: 5 junge Männer stoppen ein Taxi, “He, fahr uns zu Bürga-Meista-Amt!”, der Taxifahrer verwehrt ihnen das Einsteigen und verlangt (aus Erfahrung) Vorkasse. Antwort: “Rechnung kannstu schicken Bürga-Meista!”. Daraufhin verweigert der Taxler den fünfen die Fahrt – und darf nach einigen zerstörerischen Fußtritten und Schlägen gegen sein Fahrzeug flüchten. Anzeige erstattet, die Polizei eher gelangweilt: “Wir werden uns kümmern, aber machen Sie sich keine allzu großen Hoffungen.” Jetzt sitzt er mit den Reparaturkosten da und ist natürlich begeistert ob der Jubelmeldungen über die hochmotivierten, fleißigen und uns geradezu als Retter präsentierten “Räfjutschies”. Und abends im Stammcafe redet er mit seinen Kollegen und ALLE haben in letzten Tagen gleiche Erfahrungen gemacht, sind angepöbelt worden oder angespuckt, wurden ohne Geld sitzenlassen aber dafür mit verdrecktem Auto, mussten ihr Fahrzeug gewaltsam okkupieren und sich während der Fahrt beschimpfen lassen – und jetzt soll dieser Mensch noch ein Wort glauben? Alles nur “Einzelfälle”? Oder ist nicht doch der syrische Unfallchirurg mit seiner goldbehängten Gattin und den aufgeweckten Kindern der mühsam herbeigesuchte “Einzelfall” und die uns präsentierte “Realität” nichts anderes als ein Mikrouniversum, das mit dem Gros nichts zu tun hat?
    Die Normalität im Lotto ist nicht der Sechser, sondern die Niete.

  6. PflügenImMeer

    Etwas finde ich sehr herausragend:

    In den Stellungnahmen ist die Rede vom Verlust der Vertrauenswürdigkeit der Medien und der öffentlichen Ordnung.

    In diesem Zusammenhang ist es doch paradox, wenn Staaten ihre Bürger erziehen wollen (nudging) jedoch das exakte Gegenteil, nämlich Mißtrauen und Abkehr von der bisherigen Autorität erschaffen.

    Der einzig logische Schluß besteht darin, es überhaupt gar nicht mehr auf Autorität anzulegen. Die Autorität hat nämlich eine Zwillingsschwester: die Macht.

    Ohne lange um Horkheimer zu kreisen liegt der Unterschied praktisch darin: Macht interessiert sich nicht für ihre Anerkennung so wie es bei der Autorität wäre (=Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit). Es gibt eine Tendenz alles schleifen zu lassen, um bei vollendeter Misere nach einer Ausweitung staatlicher Befugnisse zu schreien: Die viel zitierte “europäische Löung” ist nichts anderes als das Pendant zur Datenschutzdebatte oder der Ausweitung der Überwachung bei Terror. Dort heißt es: “Wer nichts zu verbergen hat HÄTTE nichts zu befürchten”. -Was natürlich völliger Schwachsinn ist, da jedes neu geschaffene Instrument zur Refedudalisierung auch irgendwann zum einsatz kommt.

  7. fsg

    Es war auch Elisabeth Noelle-Neumann, die die Folgen dieses Meinungszwanges -ich glaube sogar im gleichen Buch benannte: Die Vetreter der unterdrückten Meinung werden weniger, die verbleibenden jedoch radikaler. Insofern stellt sich auch die Frage, ob nicht im Falle der Migrationsdebatte auuch die in den Medien angesiedelten Unterdrücker asylantenkritischer Meinungen Mitschuld an jener Radikalisierung tragen, die sich durch Angriffe auf Asyleinrichtungen äussert.

  8. Christian Weiss

    In der Schweiz ist es bisher in Zeitungen übliche Praxis, die Nationalität der Täter zu nennen. In der Stadt Zürich versucht allerdings gerade eine rot-grüne Mehrheit, diese Praxis zu untergraben und Polizeimeldungen von ethnischen Hinweisen zu befreien (auf die Zeitungen haben sie, Pressefreiheit sei Dank, keinen Einfluss).
    Die im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern offenere Debatte im Themenbereich Ausländerkriminalität und Probleme der Zuwanderung führt zwar dazu, dass in europäischen Medien regelmässig Artikel mit Titeln wie dieser hier http://www.belfasttelegraph.co.uk/news/world-news/switzerland-europes-heart-of-darkness-28062699.html erscheinen, die implizieren, dass die Schweiz ein Land von Fremdenfeinden und Rassisten ist, aber die Realität sieht völlig gegenteilig aus: Der Rechtsextremismus in der Schweiz ist verschwindend klein. Übergriffe auf andere Ethnien finden sowohl physisch wie psychisch kaum statt. (Und wenn sind die Täter selber Ausländer).
    Insofern stützt es die These, dass offene Berichterstattung über reale Probleme, die die Migration verursacht, die Radikalisierung eher abschwächt als befördert. Spinner gibt es wenige, dafür herrscht Realitätssinn.

  9. Pingback: Wie Meinungszwang entsteht | Kreidfeuer

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