Wie Putin wirklich funktioniert

“….Während der zwei langen postsowjetischen Jahrzehnte hatte Russland eine sehr gute Chance, sich als europäisches Land neu zu erfinden – etwas, das für die Menschen in Russland, Europa und auf der Welt eine Wohltat gewesen wäre. Dass es nicht so weit kam, hat nichts mit urrussischer Tradition oder Trägheit zu tun. Wenn Russland heute noch postsowjetisch ist, dann aufgrund der konzertierten Aktion einer kleinen politischen Gruppe…..” (Guter Essay in der NZZ)

13 comments

  1. Reinhard

    Pseudopsychologische Blabla-Artikel, die dem Volke klarmachen wollen, wie wir über Putin, das neue Feindbild zur Einigung Europas jenseits einer zerfallenden Gemeinschaftswährung (oder um es mit Volker Pispers Vergleich zu Hussein zu sagen: “Das Arschloch im Wandschrank”) denken sollen, gibt es ja nun zuhauf.

    Aber:
    Reden wir wirklich nur über Russland?
    Ich möchte den Inhalt ja nicht bezweifeln (auch wenn einige Aussagen sehr diskussionswürdig sind), aber da stehen Sätze im Text, die kommen mir so bekannt vor:

    “Wenn eine Bevölkerung keine Möglichkeit hat, die Entscheidungen ihrer Regierung zu beeinflussen, kann sie dafür auch nicht verantwortlich gemacht werden.”

    Wieso muss ich jetzt an Österreich und jede andere westliche “Stellvertreterdemokratie” denken? Einmal im Amt, geht da nix mehr. Bei uns entscheidet die Regierung sogar darüber, ob sie von einem parlamentarischen U-Ausschuss geprüft werden möchte…
    Putinesk, oder?

    “Selber in Geld schwimmend, spart es an Krankenhäusern, Schulen, Strassen, städtischer Infrastruktur und vielem anderem.”

    Na, das kann unseren Politikern aber nicht passieren! Wir sperren Spitäler und Stationen, lassen Schulen verfallen (investieren nur in Aufputz und neue Namensschilder), lassen Straßen verlöchern und dünnen den ÖPNV aus. Macht nix, da unsere mit jährlicher fetter Bezügesteigerung wohlversorgten Obertanen sich in Privatkliniken behandeln lassen, ihre Sprösslinge in Privatschulen schicken und mit dem fetten Dienstwagen über die vignettenfinanzierten Schnellstraßenanbindungen kutschiert werden.
    Putinesk, oder?

    “Die beispiellose Anmassung einer sich über alle zivilen Regeln erhebenden und durch nichts zu bestrafenden Clique hat zur tiefsten politischen Krise geführt, die Europa seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt.”

    Trifft dieser Satz nicht volltreffend auf die EU-Bonzen zu? Hat nicht die abgehobene Riege in Brüssel durch direkte und versteckte Intervention in der Ukraine das dortige (legitimierte) System zum Zusammensturz gebracht und durch ein (unlegitimiertes) ersetzt? Hat sie nicht durch Arroganz oder Dummheit (oder beides?) erst die Situation so weit verschärtf, dass sich Putin, der keinen Spielraum hat um Schwäche zu zeigen, genötigt sah, zu handeln?
    Die Unsicherheit oder gar der Verlust der Schwarzmeerflote hätten ihn im eigenen Volk zum Hochverräter gemacht. Wussten die hochnäsigen Parteiadeligen im Brüsseler Palast dies nicht (dann sind sie unfähig, hohe Politik zu betreiben) oder war es ihnen egal, weil kein Preis zur Durchsetzung der eigenen Interessen zu hoch ist (dann sind sie Putin seelenverwandt, pudern sich nur das feine Näschen sorgfältiger).
    Also:
    Reden wir wirklich nur über Russland?

  2. Riso

    Eins ist jedenfalls richtig, Putin ist die Reaktion auf die chaotischen 90er, in denen Russland abverkauft worden ist.

  3. Erich Bauer

    OgottOgottOgott…

    ASTRO-TYPOLOGISCHE Betrachtungen könnte man auch “spannender” gestalten. Als ehemaliger (in sehr jungen Jahren) Schreiber für deutsche Astro-Magazine kann ich diesem Kollegen nur anraten, sich um den “Aszendenten” von Putin kundig zu machen… Nur wenn man den Aszendenten kennt, lasst sich wirklich ganz genau ein URTEIL über die Person abgeben!

    Ich gebe zu, ich hab es nicht geschafft diesen Aufsatz vollständig… Es kann daher sein, dass mir da Wichtiges entgangen ist. Für Hinweise wäre ich jedenfalls dankbar…

  4. gms

    Erich Bauer,

    “Für Hinweise wäre ich jedenfalls dankbar…”

    Es tut mir leid, Ihnen hinsichtlich der Nennung des Aszendenten Putins im NZZ-Artikel keine zweckdienliche Angaben machen zu können, denn ebenso wie Sie schaffte auch ich es nicht, lesend bis zum finalen Schlußpunkt durchzuhalten. Genaugenommen war für mich schon nach dem dritten Satz Schluß.

    Vermutlich geht es mir dabei wie allen Medienkonsumenten, die auf Elaborate pfeifen, bei denen der Autor davon ausgeht, es beim adressierten Gegenüber mit einem retardierten Dreijährigen zutun zu haben, dem das Gedöns der Grinsekatze in Alices Wunderland wie einen Sternstunde der Philosophie anmutet.

    Wenn ich den dritten Satz besagten Artikels korrekt rekapituliere, so behauptet der Autor sinngemäß, Putin säße im eigenen Land schwach im Sattel. Scrollt man runter zum Kommentarbereich, läßt der Tenor im Großen und Ganzen wenige Fragen offen. Zum Beispiel:

    Zitat — Wieder einmal ein Psychogramm, das nicht auf der Realität, sondern auf der Gedankenwelt des Autors beruht. Liebe Redaktion, von Hitler bis zu Tiervergleichen in der FAZ hatten wir in den letzten Wochen alles in diesem Sinne was es nicht gibt. Hört endlich auf mit dem Unsinn. — Ende

    Ein bemerkenswertes Indiz dafür, wonach den Medien mitterdings ihr eigenes Spiel schon zu stinken scheint, findet sich in der heutigen “Presse”, wo in der Online-Ausgabe eines Artikels rund um die Festnahme Firtaschs in Österreich zwei Sätze _entfernt_ wurden, die in der Printausgabe jeden Leser das Morgengetränkt ausprusten lassen mußten ob deren dummdreister Infamie. [1]

    Ob die Medien mit dem Unsinn aufhören werden? Vermutlich ja, denn daß dieser Testballon mit dem Versuch der flächendeckend inszenierten Massenverdummung gewaltig in die Hosen ging, kann mitterdings nicht mal mehr dem ambitioniertesten Auftragslügner entgangen sein.

    [1] http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/1586229/Kiews-Opposition-pilgert-nach-Wien-zu-Firtasch

  5. Mourawetz

     Thilo Sarrazin empfiehlt, wie in der aktuellen Ausgabe der Weltwoche zu lesen ist, vor Putin auf der Hut zu sein. Wir befänden uns ganz in der Hand von Putins Intelligenz. Klingt nicht sehr vertrauenserweckend. Deshalb ist es wichtig, genau zu verstehen, wie Putin tickt, wozu dieser NZZ-Autor einen interessanten Beitrag geliefert hat. 

  6. Reinhard

    @Christian Peter
    Sehen Sie, hier treffen wir uns wieder!

    Der Oberste Sowjet beschließt in einem willkürlichen Akt Sanktionen gegen eine selbsterstellte Wunschliste unbescholtener Privatpersonen aus dem Ausland, und alle Bruderstaaten setzen das begeistert um. Ein solches Vorgehen in Moskau würde die kläffenden Empörungsköter aus allen Löchern des Brüsseler Reiches kriechen lassen.
    Die EU ist der alten stalinistischen Sowjetunion näher verwandt als Putins Russische Föderation.

    Die EU geht ohne jegliche rechtsstaatliche Basis gezielt gegen Einzelpersonen vor; schafft sich praktisch eine persönliche Rache-Liste auf Basis der Sippenhaftung. Die EU braucht auch keine rechtsstaatlichen Verfahren, sie ist ja kein Rechtsstaat. Sie ist gar kein Staat, sondern ein über den Staaten und damit über dem Recht stehendes Verwaltungskonstrukt, das permanent die zwischenstaatlichen Verträge, auf denen es aufgebaut ist, biegt und bricht, und ständig seine Kompetenzen weit überschreitet, ohne von irgend jemandem zurückgepfiffen zu werden.

    Eine Art Hausverwaltung, die Regeln für das Zusammenleben im Bau erstellt, ohne die Eigentümer zu fragen und Betretungsverbote gegen die Kegelfreunde des Klempners ausspricht, weil sie mit diesem gerade im Clinch liegt. Was die Eigentümer in ihrer abgehobenen Selbstherrlichkeit nicht begreifen, ist, dass am Ende des Tages nicht die Hausverwaltung zahlt sondern die Eigner selbst. Die EU mag Zoff mit Russland haben, ausbaden müssen ihn die Nationalstaaten und deren Völker.

  7. Reinhard

    @Mourawetz
    Die abgehobene selbstgefühlte Elite am intriganten Brüsseler Kaiserhof ist Putin von der Machtintelligenz her weit unterlegen. Das machte bisher nichts, weil Putin keine Expansionsbestrebungen besitzt und das Brüsseler Reich auf Basis der auch für die dortigen geistig blassen Parteiadelsvertreter verständlichen einfachen Regel “Lässt du mich in Ruhe, lass ich dich in Ruhe!” einfach ignoriert hat.
    Aber die Deppen mussten ja zündeln und Putin auf seinem eigenen Fachgebiet herausfordern. Wie eine Gruppe großkotziger Pubertierender, die einen Schachweltmeister in ausgerechnet diesem Speil schlagen wollen. Und jetzt greinen die Dummköpfe nach WIssen, mit wem sie sich da eigentlich angelegt haben, anstatt sich vorher zu informieren, und rufen jetzt alle möglichen selbsternannten psycholgischen Experten, Quacksalber und Wahrsager auf den Plan.
    Wenn Sarrazin sagt, dass der Westen in der Hand von Putins Intelligenz ist, dann wäre es einmal interessant, sich nicht nur dessen Machtintelligenz anszuschauen (die strikte und geradlinige Machtausübung gegen alle Störfaktoren, egal ob “Umweltaktivisten” oder “Punk-Tussis” waren Anzeichen genug, die Finger von seinem direkten Einflussgebiet zu lassen) sondern die offenbar himmelschreiende Blödheit der Neuen Brüsseler Herrscherkaste, die gerade über ihre eigenen Intrigen stolpert und jetzt trotzig greinend am Boden liegt und ebenso hilf- wie wahllos um sich tritt.
    Nicht Putins (bekannte) Intelligenz ist unser Problem, sondern die Ignoranz und Dummheit unserer eigenen neuen Herrscherkaste!

  8. Mourawetz

    @Reinhard

    Mag sein, dass der Westen, nicht nur die EU, aus Sicht Putins “gezündelt” haben. Das allein aber ist kein Grund, sich die Krim anzueignen. Nach dieser Logik könnte jeder Vergewaltiger davon kommen, der sich provoziert fühlt und über sein Opfer herfällt wie Putin über die Krim. 

    Die Krim hat aber für Russland eine wichtige geostrategische Position, seine Schwarzmeerflotte liegt dort vor Anker, im Gegenzug erhielt die Ukraine einen Rabatt auf Gas, mit dem es nun vorbei ist. Gazprom erhöhte mittlerweile den Gaspreis schon zweimal. Da geht offenbar wieder der Gaskrieg los,  wie schon in der Vergangenheit, das Säbelrasseln Russlands gibts nicht erst seit Gestern. Neu ist allerdings, dass daraus eine handfeste Annexion durch den lupenreinen Demokraten geworden ist.

    Auch Frank Schäffler, den ich sehr schätze, hält offenkundig nichts von Putins Machtambitionen. Er verortet Putins Imperialismus in den Phantomschmerzen einer zerfallenen Supermacht.

    Für Russlands Präsidenten Putin ist dagegen der Zusammenbruch der Sowjetunion die größte Tragödie des 20. Jahrhunderts.

    http://ef-magazin.de/2014/04/04/5160-liberalismus-und-konservatismus-warum-die-afd-keine-klassisch-liberale-partei-ist

  9. gms

    Mourawetz,

    “Nach dieser Logik könnte jeder Vergewaltiger davon kommen, der sich provoziert fühlt und über sein Opfer herfällt wie Putin über die Krim.”

    Es bedarf schon eines schwedischen Vergewaltigungsbegriffes (Stichwort “Julian Assange”), damit man sich unfallfrei von einem affirmativen Beinebreitmachen zur Vergewaltigung vorturnt. Putin hat der Krim in den Ausschnitt geglotzt und deren Knie betatscht, und sowas tut man in unseren Breitengraden nicht. Geschenkt.

    Nach der heute modernen Pippi-Langstrumpf-Hermeneutik, der zufolge eh alles irgendwie auch etwas anderes ist, bleibt bestenfalls die Frage offen, weswegen die auf Empörung gebürstete politisch korrekte Beurteilung sich diesbezüglich mit “Vergewaltigung” gegnügt, wo doch die Skala mit “Mord im Sexrausch” und “Massenvergewaltigung mit Todefolgen” noch Steigerungen bietet. Nachdem in dieser medialen Farce kein Superlativ aufgelassen wurde und das Lizitieren um immer absurdere Beurteilungen ebensolche Blüten zeitigt, wirkt Ihre Diktion schon wieder wie ein Ausbund nobler Zurückhaltung. Danke.

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