Wie rassistisch ist es, Weisswein zu trinken?

Von | 17. Juli 2021

(C.O.) Die Wahnidee, die deutsche Sprache moralisch zu desinfizieren, ist nicht nur ein ästhetisches Problem, sondern wird auch ein immens politisches werden. Die gute Nachricht: Die Wiener Linien haben das Schwarzfahren abgeschafft, so wie die U-Bahn-Betreiber in München und Berlin. Die schlechte Nachricht: Das heißt nicht, dass wir keine Tickets mehr brauchen, sondern bloß, dass der Begriff „Schwarzfahrer“ abgeschafft wird; ein „Fahrgast ohne gültiges Ticket“ blecht aber trotzdem eine happige Strafe.

Dass der Begriff „Schwarzfahrer“ getilgt werden soll, dürfte auf eine Kampagne einer „Initiative Schwarze Menschen“ zurückzuführen sein. Die hatte bereits 2019 gefordert: „Wir lehnen die Verwendung des Begriffs ‘Schwarzfahren’ ab. Ungeachtet der Frage, ob der Begriff schon ursprünglich für die Herabwürdigung von schwarzen Menschen durch die Assoziation mit Illegalität, strafbarem Verhalten, Betrug, dem verdächtig- und Fehl-am-Platz-Sein verwendet wurde, entfaltet er in der rassistischen Gegenwart in Deutschland seit Jahrzehnten eben diese Wirkung.“

Nun haben wir ja bisher eher vermutet, „schwarze Menschen“ würden aufgrund ihrer Hautfarbe manchmal am Wohnungs- oder am Arbeitsmarkt benachteiligt, wo es also reale Probleme gibt, die zu lösen sind. Dass hingegen der Begriff des „Schwarzfahrers“ irgendjemanden kränkt, erschließt sich auch hoch empathischen Zeitgenossen nicht wirklich. Ganz offenbar hecheln hier personell überbesetzte städtische Betriebe einem leicht verblödeten Zeitgeist nach; anstelle endlich dafür zu sorgen, dass in Wien im Hochsommer nicht noch immer zahllose nicht klimatisierte Straßenbahnen unterwegs sind.

Verständigen wir uns aber wider jede Vernunft, derartige Begriffe zu tilgen, haben wir einen Berg Arbeit vor uns: Dann können wir künftig beim Italiener nicht mehr eine Flasche „Bianco“ bestellen, weil das non-bianco-Menschen ausschließt; wird die Finanz nicht mehr gegen Schwarzgeld vorgehen können, müssen wir den Schwarzenbergplatz umbenennen (PoCbergplatz würde sich anbieten, obwohl das wegen „uralter weißer Mann“ auch nicht geht). Und was macht eigentlich der geschätzte Kollege Karl-Peter Schwarz?

Man würde einiges an schwarzem Humor brauchen, um das psychisch unbeschadet zu überstehen, doch der wird ja auch den Sprach-Taliban geopfert werden müssen – man muss kein Schwarzseher sein, um das zu behirnen. Ups, Schwarzseher geht natürlich auch nicht (Danke an Leser J. für den Hinweis!).

Heitere Charaktere werden die bizarr anmutenden Kulturkämpfe als Teil der intellektuellen Folklore des frühen 21. Jahrhunderts belächeln, leicht irre, aber auch irrelevant. Dass Schach rassistisch ist, weil weiß den ersten Zug macht; der Browser „Firefox“ sein „Master-Passwort“ in „Hauptpasswort“ ändert, weil „Master“ an Sklaverei erinnert und zum „Wachhalten von Rassismus“ beitrage und im woken Milieu die harmlose Frage „Woher kommst du?“ als Übergriff verstanden wird, klingt ja eher nach Klapsmühle denn nach Relevanz.

Doch es wäre ein Fehler, diese an Terrain gewinnende Bewegung zur Regulierung der Sprache durch selbst ernannte Tugendwächter als bloßes Zeitgeistphänomen abzutun. Denn der Kampf um die vermeintlich richtige Sprache ist immer auch ein politischer Kampf. Wer bestimmen kann, wie wir sprechen und schreiben dürfen und wie nicht, wird früher oder später auch darüber bestimmen können, wie wir leben dürfen – und vor allem wie nicht.

Jenes Milieu, das uns vorschreiben will, Begriffe wie „Schwarzfahrer“ nicht mehr zu verwenden, ist ja personell und von den politischen Plattformen her weitgehend ident mit denen, die uns das Fliegen weitgehend untersagen wollen, den Fleischkonsum kriminalisieren und ganz insgesamt eine Welt der Kargheit, des Verzichts und der habituell schlechten Laune errichten wollen.

Sich gegen die Taliban des Gutmenschentums zu wehren, ist daher nicht nur eine ästhetische Notwendigkeit, sondern vor allem eine politische. Venceremos!

E-Mails an:debatte@diepresse.com

3 Gedanken zu „Wie rassistisch ist es, Weisswein zu trinken?

  1. Johannes

    Niemand darf mich fragen was LGB….???! bedeutet, ich weiß es nicht, ich kenne weder die vollständigen Buchstaben der Abkürzung, geschweige denn was sie bedeuten sollen.

    Diese Bewegungen leben und sterben mit dem Grad der Aufmerksamkeit welche Politik und Medien ihnen schenken.
    Vor allem sozialistische und linke Parteien haben, scheinbar mangels anderer brennender Probleme, sich auf diese Themen gesetzt und versuchen sie auszubrüten.
    Gerade die Sozialisten bemerken gar nicht wie sehr ihre Glaubwürdigkeit in Fragen der Kompetenzfähigkeit bei der Sicherung von Arbeitsplätzen leidet wenn sie Randthemen scheinbar wichtiger nehmen und enthusiastische dafür kämpfen als für die Schaffung und Sicherung von Arbeitsplätzen.

    Man braucht nicht große Massen um die Gesellschaft in Geisehaft zu nehmen. Das Beschmieren von Denkmälern deren Umkippung und physische Zerstörung geht ganz leicht mit ein paar Radikalinskis.
    Bedenklich dabei ist nur, dass die Politik vor allem in der EU Zentralregierung solche Entwicklungen kräftig unterstützt so wie sie alles unterstützt das souveräne Staaten destabilisiert.

    Man ist in Brüssel scheinbar bereit bei der Disziplinierung und Gleichschaltung jedes Mittel in Kauf zu nehmen.
    Man sollte die finanzielle Unterstützung der EU Zentrale für destabilisierende Maßnahmen in den einzelnen Mitgliedstaaten durch die Förderung von NGO’s nicht unterschätzen.
    Alles was dem europäischen Einheitsstaat nützt wird gefördert.
    Ich glaube daher kommt diese Dynamik die auf dem ersten Blick diesen Zusammenhang gar nicht erkennen läßt.

  2. Scherrer Walter

    “Wie rassistisch ist es, Weisswein zu trinken?” Ist es nicht, wenn ich dazu Schwarzbrot esse.

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