Wie viel Sicherheit wollen wir uns leisten?

Von | 20. März 2021

(CHRISTIAN ORTNER) Als in Texas kürzlich ein längerer Blackout den ganzen Bundesstaat lahmlegte, mit teils desaströsen Folgen für die Bevölkerung, war für die meisten Medien in Europa schnell klar: typische Entgleisung einer ungezügelten Marktwirtschaft. Tatsächlich ist der Strommarkt in Texas extrem liberalisiert und nur wenig reguliert. Um das zu erreichen, hat sich der Südstaat sogar fast völlig vom restlichen US-Netz abgekoppelt, weil ansonsten höhere regulatorische Standards hätten akzeptiert werden müssen.

Das hat auf der einen Seite dazu geführt, dass die Versorgungssicherheit stark zurückgegangen ist, wie der Blackout ja drastisch gezeigt hat; und die am Markt gebildeten Strompreise sind – aufgrund einer extrem seltenen Kältewelle – kurzfristig astronomisch explodiert. Gleichzeitig müssen aber private Haushalte in Texas in normalen Zeiten drastisch weniger für Strom bezahlen als europäische: Der durchschnittliche deutsche Haushalt muss für eine Kilowattstunde dreimal so viel berappen wie der texanische, der österreichische noch immer doppelt so viel. Ähnlich, wenn auch nicht so extrem, ist es in großen Teilen der USA:

Deutlich niedrigeren Preisen steht deutlich geringere Versorgungssicherheit gegenüber. In Europa ist es meist genau umgekehrt: hohe Preise, hohe Sicherheit. Hier spiegeln sich letztlich unterschiedliche Präferenzen der Verbraucher wider: Während die meisten Amerikaner es nicht sonderlich tragisch finden, ab und an einmal für eine Stunde keinen Strom zu haben, löst dergleichen in der Alten Welt gleich Panikattacken aus. Eine Rekalibrierung in der spannenden Frage, wie viel Risiko zu akzeptieren ist, um die Kosten möglichst niedrig zu halten, wird nach Corona auch in Europa und auch in ganz anderen Bereichen notwendig oder jedenfalls wünschenswert sein. Dass Europa in vielen systemrelevanten Bereichen, wie der Produktion von Medikamenten oder medizinischer Schutzausrüstung, aber auch in vielen anderen Segmenten der Güterproduktion nicht mehr autonom ist, weil nahezu alles nach China oder Indien ausgelagert wurde, dürfte sich ja mittlerweile herumgesprochen haben. Noch nicht klar ist freilich, welche Schlüsse wir daraus ziehen. Denn natürlich kann der Staat erzwingen, dass bestimmte strategisch wichtige Produktionen in Europa bleiben, um die Versorgungssicherheit zu erhöhen oder überhaupt erst herzustellen. Gleiches gilt natürlich sinngemäß auch für die Frage, wie viele Intensivbetten vorgehalten werden.

Das ist aber zwingend mit teils erheblichen Zusatzkosten verbunden. Wenn ein brauchbares Hemd aus Vietnam hier für 10 Euro zu haben ist, ein im Waldviertel gefertigtes aber leicht das Zehnfache oder mehr kostet, dann zeigt sich, was das bedeutet. Es ist wie bei einem Schiff: Je mehr Schotten im Rumpf sind, um sicherer, aber umso weniger Fracht kann transportiert werden, umso teurer wird die Passage. Wer als Politiker mehr Autonomie und Versorgungssicherheit für Europa fordert, muss klar dazusagen, dass dies den Wohlstand in Europa senkt. Das ist gerade in Zeiten Corona-bedingt enormer Arbeitslosigkeit keine triviale Entscheidung. Aber das eine ist ohne das andere nicht möglich.

3 Gedanken zu „Wie viel Sicherheit wollen wir uns leisten?

  1. CE___

    Zum Strommarkt kann man sagen dass die Versorgungssicherheit auch in Europa nur relativ ist.

    D schrammt regelmäßig knapp an Blackouts vorbei, die alle Nachbarstaaten ebenso betreffen können, wenn die Systeme nicht schnell genug unterbrechen, so wie ich das verstehe.

    D ist aber, im Gegensatz zu Texas, ein Moocher, der sich, wenn die eigenen Windmühlen und Solarpaneele nichts hergeben, von links auf Atomstrom (F) und von rechts auf Kohlestrom (PL) verlassen kann. Das konnte Texas halt nicht, weil wie geschrieben, von den beiden übrigen US-Stromnetzverbunden recht autonom.

    ” mehr Autonomie und Versorgungssicherheit für Europa fordert, muss klar dazusagen, dass dies den Wohlstand in Europa senkt”

    Jein, eher aber auf nein.

    Und man steht damit voll auf dem Boden der österr. Schule der Nationalökonomie.

    Dieser weltweite schiefe Welthandel in vielen Gütern, egal ob Hemden, Öl, etc. kann nur durch ein sozialistisches inflationäres Fiatgeldsystem mit Teilreserve aufrecht erhalten werden.

    Mit einem in der österr. Schule gefordertem stabilen Geldsystem mit Edelmetallen als Anker ist so eine Situation wie heute undenkbar, da keine Nation jahrzehntelange Handelsdefizite fahren könnte, da sonst tatsächliche alle Edelmetallreserven einmal abgeflossen wären, der Tresor leer, und dadurch auch der Import eines “10 Euro Hemdes aus Vietnam” nicht mehr möglich wäre, und dadurch, auch aufgrund der Edelmetallabflüsse sich anpassender Wechselkurse, die einheimische Produktion konkurrenzmäßig wieder im Spiel wäre oder sogar nie aus dem Spiel gebracht worde wäre.

    Wohlstandsverluste im Westen haben wir durch das jahrzehntelange sozialistische Inflations-Fiatgeld, welches größere Schneisen der Verwüstungen durch unsere Wertschöpfungsketten gezogen hat durch Ermöglichung jahrzehtelange Auslagerungen in alle Herren Länder, so wie es unter einem Edelmetallsystem nie hätte sein können.

    Und mittlerweile beißt uns dies auch geostrategisch, da wir im Westen einen Systemrivalen wie zB. eine VR China mit Auslagerungen und freien Zugang auf die eigenen Märkte erst industriell vorkatapultiert haben, damit die jetzt den Westen in aller Welt mit “unserem” (!) eigenen Geld untermininieren und absägen.

    Und wenn man sich die Biden-Admin und deren gleiche Politik wie Trump gegenüber VR China ansieht, das gneissen jetzt offenbar auch schon die Wall–Street-Bänkster.

  2. Mme. Haram

    Der wahre Grund für die Probleme in Texas waren der tagelange Ausfall der massiv gepushten Wind- und Sonnenenergie. Texas geht seit Jahren genau den falschen Weg.

    “Right now TX’s plans include
    * 0 new nuclear plants
    * 0 new coal plants
    * 9.4 GW wind (the existing 32 GW went to 1 GW during crucial times this week)
    * 11.9 GW solar (solar was useless much of the week)
    * 5.0 GW gas (to handle the unreliables)
    These plans should change.”

    https://www.youtube.com/watch?v=iIzE_6wDvh8&feature=youtu.be

    https://judithcurry.com/2021/02/18/assigning-blame-for-the-blackouts-in-texas/

  3. sokrates9

    Hohe Preise – hohe Sicherheit ? : Wenn wichtige Energiequellen aus politischen (angeblich Umweltschutzgründen) nicht genutzt werden dürfen, Atomkraftwerle Tabu sind dafür Vogelschredderanlagen und Landschaftszerstörung akzeptiert wird stimmt diese Aussage nicht wenn die Politik irrationale Ziele vorgibt. Dazu kommt noch dass das Volk nicht befragt wird ob man doppelt so hohe Preise möchte damit die Erde nicht verbrennt und das Klima gerettet wird!

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