Wie wird die Welt in fünf Jahren aussehen?

Von | 21. August 2014

(A. UNTERBERGER) Die Mehrfachkriege in der Ukraine und im Nahen Osten lassen komplett neue Allianzen entstehen. Nur: Niemand weiß, wie diese Allianzen aussehen werden und wie lange neue Freunde Freunde bleiben werden. Primär ist Blauäugigkeit und Zynismus im Spiel. Niemand weiß auf die beiden hinter den Kriegen stehenden Bedrohungen unseres Friedens eine brauchbare Antwort.

Die eine Bedrohung ist der Islam. Er stellt heute als einzige Religion nicht nur einen totalitären Anspruch, sondern ist auch enorm aggressiv. Er nimmt keine Trennung zwischen Staat und Glauben vor. Hinter dem Gerede von Barmherzigkeit verstehen immer mehr jungen Menschen den Islam nicht nur als Legitimation, sondern sogar als Aufruf zur Gewalt.

Die andere Bedrohung ist Putins Versuch, die alte Sowjetunion wiederherzustellen. Wenn es auch Unterschiede zur kommunistischen Periode gibt, wie etwa Putins engen Schulterschluss mit der Russisch-Orthodoxen Kirche, so ist doch der Versuch des russischen Staatschefs in zahllosen Reden dokumentiert, den einstigen Einflussbereich wiederherzustellen. Im Westen haben dennoch viele Putins Ziel, die Wiederherstellung des sowjetischen Einflusses, noch nicht verstanden. Sie begreifen nicht, dass Putin total anderes im Sinn hat als Medwedew, Jelzin oder Gorbatschow.

Auch Österreich (Freilich: Wer?) sollte sich daran erinnern, wie sehr das sowjetische Moskau jahrzehntelang die Alpenrepublik eingeengt hat. Bis in die 80er Jahre war eine Reduktion der sowjetischen Vormundschaft noch Konsens unter allen Parteien. Heute weiß man nicht einmal mehr davon.

Die Umrisse der neuen Partnerschaften und Allianzen sind noch in totalem Nebel. Einige Elemente dieser Suche:

Amerika hat sich ohne Lösung des Atomkonflikts dem iranischen Präsidenten angenähert (oder umgekehrt?).
Ägyptens Machthaber kooperieren plötzlich intensiv mit Moskau, weil Amerika über das wenig demokratische Agieren der Armee und die harte Verfolgung der Moslembrüder mit Kairo unzufrieden ist.
Iran und die Türkei kommen einander näher.
Europa setzt in seiner Ahnungslosigkeit auf eine Front der islamischen Länder gegen die IS-Fundamentalisten, begreift aber offensichtlich nicht, dass Ägypten und die Türkei heute total verfeindet sind, dass es nirgendwo ein Bündnis zwischen Schiiten und Sunniten gibt.
Europa will nicht wahrhaben, dass der Terror der Fundamentalisten nur möglich wurde, weil Katar (weiterhin Veranstalter der Fußball-WM!), aber einst auch die Türkei (weiterhin EU-Beitrittskandidat!) die Fundamentalisten stark unterstützt haben und unterstützen.
Europa hat jahrzehntelang in seiner Blauäugigkeit Millionen Moslems hereingeholt.
Zwischen Israel und Ägypten, zwischen Spanien und Marokko sind enge Bande geknüpft worden, aber man redet möglichst wenig darüber.
Die unmittelbar neben dem Kriegsgebiet lebenden Regierungen in Jordanien und im Libanon machen sich trotz (oder wegen?) der Millionen Flüchtlinge so klein wie möglich.
Die Facebook- und Twitter-Generation, die von den Medien und dann den europäischen Regierungen so hofiert worden war, hat sich überall als letztlich unbedeutende Minderheit erwiesen.
Noch mehr haben das die syrischen Oppositionellen getan, die angeblich demokratisch sind.
Der von Moskau unterstützte Diktator Assad in Syrien hat keine Chance, sein Territorium außerhalb des alewitischen Bereiches wieder zu konsolidieren.
Der von den USA lange gestützte Schiit Maliki im Irak hat sich als total unfähig erwiesen.
Es ist völlig unklar, wie im Iran der Machtkampf zwischen dem Volk und den herrschenden Klerikern ausgeht.
Der Westen meidet noch immer die Selbstbestimmung und hat daher keine Antwort auf die Ukraine und viele andere Konflikte.
Russland verändert wie in Georgien oder Armenien nun auch in der Ukraine mit Waffengewalt Grenzen. Besonders blutrünstig ist es in Tschetschenien vorgegangen.
Russland ist unter Putin wieder extrem undemokratisch geworden und tritt intern das Recht mit Füßen.
Polen und die baltischen Staaten sind energisch antirussisch. Ungarns Rechte und die slowakische Linke sind hingegen sehr prorussisch.
Und so weiter.

Als Ergebnis stürzen der Nahe Osten und der einstige sowjetische Einflussbereich immer mehr ins Chaos. Meinungsverschiedenheiten werden derzeit fast nur noch mit Waffengewalt ausgetragen. Und man weiß gar nicht, ob die Ahnungslosigkeit und Blauäugigkeit dieses amerikanischen Präsidenten, das Zurück-zum-sowjetischen-Einflussbereich-Denken des russischen Präsidenten oder die Hilfslosigkeit des EU-Europas die größeren Sorgen macht.

Aus all diesen Gründen liegt wohl jeder falsch, der zu wissen vorgibt, welche Allianzen in fünf Jahren herrschen werden. Denn die Hauptfrage ist nicht beantwortbar: Wird es eine der Vernunft und des Friedens sein oder gibt es auch in den nächsten Jahren eine weitere Zunahme des Chaos und des Faustrechts, die irgendwann zu einem Krieg führen muss? Wir wissen es nicht. (TB)

6 Gedanken zu „Wie wird die Welt in fünf Jahren aussehen?

  1. FDominicus

    Ach so einfach ist die Welt. Putin = Islam = böse. Stringent argumentiert und sogar für einen Deppen wie mich verständlich. Also los Erdenbürger, auf in den Kampf gegen das Böse…

  2. freeman

    @FDominicus:
    Lassen wir doch den Scheinmoralismus und die “gut/böse” Wertungen und überlegen wir ganz utilitaristisch, welches System der von uns bevorzugten Lebensform am ehesten nützt oder (eher) am wenigsten schadet.

    Und da sehe ich – zumindest bei der von mir präferierten Art zu leben – enorme Nachteile sowohl des Putinismus als auch des Islam.

    Also sind diese Ideologien für mich letztendlich als Feinde zu betrachten. Über gut oder böse mögen die Religiösen urteilen.

  3. FDominicus

    @freeman. Wie wollen Sie das machen? Es geht doch nur noch um den Anschein von Moral. Ich kann auch Ihre Verengung auf Putin und Islam nicht verstehen. Das ist sind doch nur Anhängsel. Es geht um Macht und Machtausübung. Man kann das hinter Ideologien versuchen zu verstecken oder aber auch hinter Scheinargumenten aber das ist doch der Kern. Wem kann wer wann auf die F… hauen ohne dafür belangt zu werden…

  4. gms

    freeman,

    “Und da sehe ich – zumindest bei der von mir präferierten Art zu leben – enorme Nachteile sowohl des Putinismus als auch des Islam.”

    Soso. Können Sie besagten “Putinismus” handfest belegen, etwa durch Putins eigene Aussagen oder das, was an diplomatischen Noten per Wikileaks an die Öffentlichkeit gelangte?

    Was Putin die letzten Jahre sagte und anstrebte, wird von diplomatischen Noten der USA bestätigt. Weder wird ihm in diesen Noten ein Wortbruch vorgeworfen noch mangelnde Bereitschaft zur Kooperation. Im Gegenteil war es eher Medvedev, der vor Jahren schon die BRICS-Beziehungen vertiefen wollte, während Putin explizit die Beziehungen zu Europa /und/ den USA im Auge hatte (“Ozeane trennen, aber sie verbinden auch”). Diese unterschiedlichen Lager (im US-Chargon “disengager vs. engager”) existieren im Kreml immer noch.

    Wenn Unterberger schreibt “Die andere Bedrohung ist Putins Versuch, die alte Sowjetunion wiederherzustellen”, so ist das abgrundtiefer Blödsinn. Das einzige, was Putin niemals wollte, waren NATO-Staaten unmittelbar an der russischen Grenze. Davon zeugen auch jene Wikileaks-Noten, in denen die Rede ist, man würde seitens Rußland sogar auf Georgien als Einflußbereich verzichten, aber bei der Ukraine sei definitiv kein Kompromiss möglich.

    Bleibt noch Putins Sager von wegen der Zusammenbruch der UdSSR war eine Katastrophe. Das war er auch! Der Systemwechsel erfolgte völlig chaotisch, Oligarchen bemächtigten sich der Produktionsmittel, Geschäftsbanken gingen pleite, die Leute verloren ihre Ersparnisse und Russland war bankrott. 1999, ein Jahr vor Putins Wahl zum Präsidenten, war der Scherbenhaufen perfekt. Man mag nun trefflich darüber disputieren, wie sich Rußland unter einem Mahatma Gandhi entwickelt hätte oder unter einer vergleichbaren Lichtgestalt. Korruption, mangelnde Demokratie und sonstige Fehler hat Putin wiederholt eingeräumt, doch er hatte immer wieder betont, mit einem wirtschaftlichem Aufschwung durch Kooperation mit dem Westen wären diese Defizite mittel- und langfristig überwindbar.

    Es bedarf schon eines gerüttelten Maßes an Gehirnwäsche, um angesichts der Tatsachen hierbei eine verklärte oder offene UdSSR-Nostalgie erblicken zu wollen.

  5. Rennziege

    21. August 2014 – 16:27 gms
    D’accord mit Ihnen, wieder einmal. Nur: Was oder wer hat Putins wiederholt betonte West-Affinität sabotiert, ausgeschaltet oder was immer? Diese Frage stelle ich mir oft, kann sie aber nicht beantworten.
    Herzliche Grüße!

  6. gms

    Rennziege,

    “Was oder wer hat Putins wiederholt betonte West-Affinität sabotiert, ausgeschaltet oder was immer?”

    Jene Kräfte, die in Brzezinskis bekanntestem Hauptwerk “The Grand Chessboard” [1] ein brauchbares geopolitisches Drehbuch zur Wahrung US-amerikanischer Interessen sehen. Entscheidend zur Wahrung einer globalen Vormachtstellung ist demgemäß ‘Eurasien’, und hier wiederum spielt die Ukraine eine zentrale Rolle (‘geopolitical pivot’).

    Dieses Drehbuch entstand lange vor Putins Antritt in Russland, d.h. es richtet sich nicht speziell gegen ihn als Person. Einem in den USA akzeptierten und geschätzten russischen Präsidenten aber hätte man nie dessen Hinterhof (Schwarzmeerflotte, Energietransferland und Technologiepartner insbesondere in Rüstungsangelegenheiten) entziehen können.

    [1] amazon.co.uk/The-Grand-Chessboard-Geostrategic-Imperatives/dp/0465027261

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