Wieviel Religion verträgt die Demokratie?

(ARNULF JURSA)  Heinrich Heine schrieb dereinst in einer Denkschrift für Ludwig Börne:„Heil einer Religion, die dem leidenden Menschengeschlecht in den bitter´n Kelch einige süße, einschläfernde Tropfen goß, geistiges Opium, einige Tropfen Liebe, Hoffnung und Glauben !“Daraus wurde später die Aussage von Karl Marx, die Religion sei das Opium des Volkes.
Auch unser Sprichwort. „Kriege und schlechte Zeiten füllen die Kirchen !“ paßt in dieselbe Kategorie, wenn man den Zusatz „und die Moscheen“ gestattet.
Das, was wir westlich orientierte Europäer heutzutage Demokratie, mit allen dazugehörigen Freiheiten, nennen, begann auch dereinst mit einer blutigen Revolution. Auch wir hatten über einen sehr langen Zeitraum, das schwere Joch der Herrschaft einer Religion zu tragen, das der katholischen Kirche. In der damaligen Zeit wurde man schon verhaftet, gefoltert und getötet, wenn ein Nachbar behauptete, man glaube nicht an Gott, an Jesus und die Heilige Jungfrau Maria, und man ginge nicht zur Kirche.
Unsere Eroberung des Westens hat eine Spur des Todes hinterlassen, Historiker sprechen von rund 100 Millionen Menschen, die ihr Leben lassen mußten, weil sie, nach Auffassung der katholischen Kirche, Heiden waren. Die vielen Toten, verschuldet durch die Inquisition und die Kreuzzüge, sind noch hinzuzuzählen.
Die Frage, ob diese damalige katholische Kirche demokratiefähig war, stellt sich natürlich niemand mehr, ist doch schon viel zu lange her und die Toten sollte man gefälligst ruhen lassen.

Inzwischen sind wir Europäer in der glücklichen Lage, in einem säkular orientierten Zeitalter zu leben, in dem Religion reine Privatsache ist. Auch wenn die Vertreter des Christentums, genau genommen des Katholizismus, ihren lieben Gott sehr gerne in unserer Verfassung verankert sehen würden, was wir ja erfolgreich zu verhindern wußten.
Was wir leider nicht zu verhindern wußten, daß waren die Religionskriege im Europa der Neuzeit, die zwar zwischenzeitlich alle beendet sind, aber unter der Oberfläche noch weiter schwelen und nur eines kleinen Funkens bedürfen, um wiederum auszubrechen.
Die Gründe für diese Kriege, kleineren und größeren Ausmaßes, liegen wohl bei den jeweiligen Führern, die uns lauthals kundtun, daß das Seelenheil nur unter dem Mantel ihrer Kirche zu finden sei.
Unser Glück, also das der Europäer, besteht mittlerweile darin, daß in unseren Breiten, solcherart Streitigkeiten, nur noch recht selten mit Waffengewalt bereinigt werden (müssen).
Im Wesentlichen gilt für die Kirchen bei uns inzwischen auch Jesu Wort, das da lautete: „Gib Gott, was Gottes ist und dem Kaiser, was des Kaisers ist !“

Daß es mit den Menschenrechten in Kirchenkreisen nicht gar so gut bestellt ist, weiß jeder. Schon weniger bekannt ist die Tatsache, daß der Vatikan der einzige europäische Staat ist, der die Europäische Menschrechtskonvention nicht unterzeichnet hat.
Es herrscht aber trotzdem in allen christlichen Religionen, zumindest im europäischen Raum, Konsens darüber, daß die weltlichen Gesetze über denen der göttlichen gestellt und auch in dieser Reihenfolge zu beachten und zu befolgen sind.
In Amerika beispielsweise bekämpfen christliche Sekten, zum Teil recht erfolgreich, den Darwinismus und versuchen die frommen biblischen Geschichten, unter anderem, die von Adam und Eva, im Biologieunterricht zu verankern.
In Summe betrachtet, hat sich in Europa also das Christentum, in allen seinen derzeitigen Schattierungen, mit unseren klar säkular orientierten Staaten arrangiert und fährt auch ganz gut damit. Die Gründe für die schwindenden Mitgliederzahlen sind wohl anderweitig zu suchen.

Daß der Islam für uns Europäer kein absolutes Novum ist, lernt man auch schon in der Schule. Der Islam ist seit dem Jahre 1912 eine anerkannte Religionsgemeinschaft in Österreich.
Die gesetzliche Anerkennung von Religionen und Religionsgemeinschaften geht auf das Religionsgrundgesetz vom Dezember 1867 zurück, worin es heißt:

– Die Voraussetzung für die staatliche Anerkennung ist, daß die jeweilige Lehre nichts Gesetzwidriges oder sittlich Anstößiges enthält.

Nun, ganz offensichtlich haben die damaligen Gesetzesvertreter weder den Koran gelesen, noch sich sonstwie mit den heiligen Schriften dieser Religion beschäftigt. Hätten sie das getan, wäre es wohl nicht ganz so einfach zu einer Anerkennung gekommen. Andrerseits spielte auch die Politik eine nicht ganz unwichtige Rolle. Man benötigte Soldaten für das Heer des Kaisers und rekrutierte dazu auch Bosnier, die ja durch die Bank Moslems waren.
Nun gibt es gewiß auch in der Bibel recht grausliche Texte, die zum Töten, oder Steinigen auffordern, nur, darum kümmert sich heutzutage niemand mehr, wir haben uns der weltlichen Gesetzgebung verschrieben und stehen auch dazu.

Völlig anders sieht es im Islam aus, wo göttliche Gesetze, vor den weltlichen, den Vorrang haben. Und genau hier spießt sich diese Religion mit der Demokratie, egal wie immer islamische Theologen sich da herauszuwinden versuchen, es bleibt ein Faktum, daß an den Heiligen Schriften nichts geändert werden darf.
Mustafa Kemal Atatürk hatte die Türkei seinerzeit zu einer säkular orientierten Republik gemacht, womit bewiesen wurde, daß solches auch in einem Staat mit vorwiegend islamischer Bevölkerung möglich ist.
Die derzeitige Regierung hat den Spieß umgedreht und der Religion wieder die alte Macht beschert, mit der Scharia als alleinige Rechtsgrundlage.
Es liegt also wohl in den Händen der Theologen der Islamischen Fakultät in Kairo, der Al-Azhar Universität, sich eine etwas modernere Form der Religionsauffassung, angepaßt an das 21. Jahrhundert, zu überlegen und ihren Gläubigen zu präsentieren.

27 comments

  1. Fragolin

    Antwort: KEINE.
    Religion ist Privatsache; sowie eine Religion den Anspruch erhebt, die Regeln der Gesellschft zu erstellen und das Wort des Menschen als wertlose gegenüber dem erklärten Gotteswort stellt, ist sie offen Demokratie-, Freiheits- und Menschenfeindlich.

  2. Lisa

    Man kann “Gott” als Schöpfer des Universums, des Lebens, als numinose Allmacht, gern in Verfassungen aufnehmen, solange nicht definiert wird, ob der katholisch, evangelisch , jüdisch, mohammedanisch oder maorisch, buddhistisch, schamanisch oder was immer ist. Sich unter den Schutz einer höheren als der menschlichen Macht zu begeben, ist zutiefst menschlich. Aber keine Menschnmacht darf die “Wahrheit über Gott” für sich pachten, um damit irdische Ansprüche durchzusetzen.

  3. cmh

    Wie kann man nur so herumschwadronieren, dass Religion Privatsache wäre und die katholische Kirche ja auch jahrhundertelang eine anscheinend faschistoide Herrschaft über die armen unterdrückten Kryptoatheisten ausübte.

    Ist nicht der Islam der schlagende Beweis dafür, dass Religion etwas mit dem Menschenbild und dieses wiederum etwas mit dem Staat zu tun hat, dass also jeder Staat auf einer Religion gründet.

    Es ist nicht die Frage, ob irgendeine Religion Privatsache ist, sondern vielmehr die, welche Religion dem STaat seine Grundlage gibt. Dazu die drei Beispiele:

    Die atheistische Religion ist eine Nichtreligion der Beliebigkeit, die entweder nicht ist und dafür anderem Platz macht, oder die keinen Referenzrahmen für das Zusammenleben bieten kann/will/darf und daher ethischer Krücken bedarf, mittelfristig aber so wiederum Platz machen muss.

    Der Islam kommt nur als Religion daher, ist aber die Verfassung des Sultants, in dem nur einer herrscht und alle anderen Sklaven sind. Zuerst müssen die Frauen sich zur Unkenntlichkeit verhüllen, dann die anderes Gläubigen ihrem Glauben abschwören und zuletzt kämpfen alle untereinander schonungslos anarchisch um das Sultanat. Hierbei von Religion zu reden ist Frevel an den Worten.

    Zuletzt denke man sich alles christlich Fundierte in unserer Gesellschaft weg und projeziere dies auf eine nahe Zukunft (das ist wichtig) in der die Erinnerung an dieses Fundament verloren gegangen ist. Diesen Endzustand kann man getrost Islam nennen.

    Kurzum: die Atheisten nerven in einer geradezu sich selber beschädigenden Weise. Der Lohn ihrer Präpotenz wird der Islam, den sie durch ihre Sticheleien gegen das Christentum zu bekämpfen vorgeben sein.

    Ich gratuliere dazu!

  4. Fragolin

    @Lisa
    Die Verfassung ist das grundlegende Gesetz zum gesellschaftlichen Miteinander der Menschen. Dafür ist es vollkommen irrelevant, wer wo wann und wie was geschaffen hat. Egal ob Urknall oder Das Wort – das ändert nichts am zu erwartenden Handeln von Menschen in der Gesellschaft. Und dieses Handeln wird auf der Grundlage von Gesetzen bewertet, die sih die Menschen selbst geben.
    Ob darin Werte einfließen, die aus Religionen übernommen werden, ist relativ egal. Wichtig ist, dass nur Menschen Gesetze beschließen und ändern dürfen, aber niemals mit Berufung auf irgend eine Religion Gesetze als in Stein gemeißelt zu gelten haben. Religionen dürfen dem Menschen dienen aber niemals Menschen den Religionen.

  5. Lisa

    @Fragolin. Richtig, “Gebt dem Kaiser, was … etc.” – trotzdem darf das Wort “Gott” nicht einfach weggelassen werden, da sonst jene, die glauben zu wissen, wo Gott hockt, in einer wahnhaften Selbstwertübersteigerung für sich in Anspruch nehmen, vom “Allerhöchsten” persönlich favorisiert zu sein. (darum auch immer das Mantra des Allahu akbar bevor sie sich in die Luft sprengen)”In diesem Zeichen wirst du siegen” hat schon Konstantin beflügelt und der Erfolgt gab ihm Recht.

  6. Christian Peter

    ‘Inzwischen sind wir Europäer in der glücklichen Lage, in einem säkularen Zeitalter leben zu dürfen, in dem Religion reine Privatsache ist.’

    Säkular ja, Privatsache ist Religion in Ländern wie Österreich und Deutschland mangels strikter Trennung von Staat und Religion aber noch lange nicht.

  7. astuga

    Der Knackpunkt ist, ob man der Religion gesellschaftliche Deutungshoheit überlässt und sie zum Primat des individuellen und gesellschaftlichen Lebens wird.

    Manche Religionen sehen das lockerer, bei anderen gehört es zum Programm und wird auch eingefordert (etwa die religiöse Ausrichtung der Rechtsprechung).
    Wie sagte Anas Shakfeh, damals noch Leiter der Isl. Glaubensgemeinschaft in Öst.:
    “Wenn die Muslime in Österreich die Mehrheit haben, dann wird Österreich islamisch.”

    Verursachte kurz etwas Aufruhr und er entschuldigte sich, aber eigentlich hat er damit bloß eine Tatsache benannt.
    Ich behaupte sogar, dass sich eine westliche Gesellschaft islamisch ausrichtet, dazu bedarf es gar keiner musl. Mehrheit.
    Lediglich die Nachgiebigkeit der Mehrheitsgesellschaft und die Vehemenz und Radikalität der Muslime entscheidet wann das so ist.
    Und den Anfang dieser Entwicklung erleben wir bereits heute schon täglich.

  8. astuga

    Nachsatz.
    Wie schnell die staatliche und säkulare Ordnung versagen kann haben wir gerade an unseren Grenzen erlebt.
    Und in Westeuropa gibt es auch heute schon Städte und Stadtviertel die man im Anlassfall nur mehr mit militärischen Mitteln unter Kontrolle bringen könnte.
    Marseille, Rosengarden in Malmö, Holenbeek, oder die Cites im Norden von Paris.
    Oder man denke an die London Riots.
    Dort überall dominiert heute schon der Islam, bzw er profitiert vom Rückzug des Staates.

    Das gibt dem Begriff Parallelgesellschaft eine nachhaltige, reale Bedeutung.
    Da geht es längst nicht mehr darum, dass man bloß anderes Fernsehen schaut oder die Sprache nicht gut beherrscht.

  9. Rennziege

    @Arnulf Jursa:

    Atemlosen Dank für die donnernde Heilsbotschaft aus Ihrer Feder; sie wird die Welt zu einem besseren Ort machen.
    Damit haben Sie Angela Merkel endgültig aus der pole position im Rennen um den Job als UNO-Verweserin geworfen.
    Ich erwarte so freudig wie stündlich, dass die gesamte islamische Fakultät der al-Azhar-Universität sich unverzüglich dem letzten Satz Ihrer scharfsinnigen Analyse fügen, Asche auf ihre Häupter streuen und alle mordlustigen, juden-, christen-, homo- und frauenfeidlichen Suren des Propheten streichen wird. Fürderhin bleibt nur ein Drittel des Korans übrig — welch Einsparung an Papier, Druckerschwärze und Auswendiglernen! (Der Islam segelt nicht grundlos unter grüner Flagge.) Der IS schreddert seine Kalifatspläne, köpft nur noch Deserteure; das pöhse Saudiarabien begnadigt posthum alle Hingerichteten; Frau Glawischnig und Claudia Roth werden die ersten Imaminnen des Erdballs, etc.

    San S’ ma ned pasch, Herr Jursa: Ein Besinnungsaufsatz wie Ihrer wird jede Woche von tausend Schülern im frühen Teeniealter geschrieben — nicht minder gutgemeint, redundant und wirkungslos. Rhetorische Homöopathie, die weder dem Arzt noch dem Patienten hilft. — Denn ein Islam, der ins 21. Jahrhundert passt, wie Sie postulieren, müsste seine Grundfesten schleifen, hätte also außer Gebets- und Ernährungsgeboten nichts mehr anzubieten, was den real existierenden Muslim zu fesseln vermag.
    Was Sie erträumen, wird leider nie geschehen.

  10. gms

    Arnulf Jursa: “Schon weniger bekannt ist die Tatsache, daß der Vatikan der einzige europäische Staat ist, der die Europäische Menschrechtskonvention nicht unterzeichnet hat.”

    Ein Mindestmaß an Beschäftigung mit dem Thema genügt zur Herausarbeitung der völlig legitimen Hintergründe für jenes, was der Autor uns hier, aus welchen Gründen auch immer, als verwerflichen Umstand präsentieren will.

    I. Der Vatikan ist kein Mitglied des Europarats und stellt daher auch keine Richter am EUGH für Menschenrechte, weswegen dessen interne Vereinbarungen für ihn so relevant sind wie jene des Handelpaktes NAFTA oder des Hintertupfinger Vereins zur Aufzucht und Pflege von Gartenzwergen.

    II. Selbst wenn Punkt I nicht der Fall wäre, ist besagte Konvention [1] aus katholischer Sicht ebenso abzulehnen, wie auch auch aus liberaler.
    a) Wie nahezu alle modernen Menschenrechtskonventionen ist sie gespickt mit Vorbehalten und gestattet damit in entsprechenden Kontexten auch Enteignung und Todesstrafe.
    b) Auslegung und Rechtsprechung erfolgen “modern”, sprich im bewußten Gegensatz dazu, was zum Zeitpunkt der Vereinbarung tatsächlich gemeint war und abschätzig “Versteinerung” genannt wird. Neben gezielt eingebauten Sollbruchstellen öffnet die Konvention daher auch weitere Tore für Beliebiges.

    III. Die mit dem Vertrag von Lissabon daherkommende Charta der Grundrechte der Union wurde von Polen und dem Vereinigten Königreich nicht ratifiziert, was Arnulf Jursa nicht minder hätte zupaß kommen können, diesen EU-Ländern einen Hang zur Barbarei anzudichten, wenngleich die Ablehnung dieser Charta ohne Abstriche vernünftig ist.

    Wieviel Religion verträgt die Demokratie? — Diese Frage ist berechtigt, doch alle Antworten darauf verkommen zur Farce, wenn dabei Demokratie selbst zur Religion und Rechtspositivismus als sakrosankt erachtet wird.

    [1] echr.coe.int/Documents/Convention_DEU.pdf

  11. gms

    cmh,

    “Wie kann man nur so herumschwadronieren, dass Religion Privatsache wäre und die katholische Kirche ja auch jahrhundertelang eine anscheinend faschistoide Herrschaft über die armen unterdrückten Kryptoatheisten ausübte.”

    Mit entsprechender Geisteshaltung gelingt das mühelos. Da kann man unserem Blogherrn schon mal solche Texte zur Veröffentlichung andrehen und zugleich anderswo [1] explizit dem Neoliberalismus an die Karre fahren wollen, so das nicht einer höchst unwahrscheinlichen Namens- und Berufstitelgleichheit geschuldet ist. Die Wege des Herrn sind wahrhaft unergründlich.

    [1] sozialpetition.eu/de/onlinepetition/petitionsliste/from181
    [2] sozialpetition.eu/de/onlinepetition/5punkte

  12. MM

    Im Zusammenhang mit den “rund 100 Millionen Menschen, die ihr Leben lassen mußten, weil sie, nach Auffassung der katholischen Kirche, Heiden waren”, was ja vermutlich vor allem auf Südamerika gemünzt ist, möchte ich empfehlen, sich nochmals das Spannungsfeld von Abenteurern und Glücksrittern, der weltlichen Macht des spanischen Königshauses und der katholischen Kirche vertreten z.B. durch Bartolomé de las Casas und Paul III. mit der Bulle “Sublimis Deus” anzuschauen, und dann zu urteilen, von wem (unabhängig von den konkreten Zahlen) die Gewalt nun tatsächlich ausging.

    “Die vielen Toten, verschuldet durch die Inquisition […] sind noch hinzuzuzählen.”
    Das waren nach gängigen Zahlen dann aber um einen Faktor 1000 weniger, speziell durch die spanische Inquisition, die nach der Reconquista eingeführt wurde, um einer erneuten muslimische Eroberung vorzubeugen. Die Frage ist also auch hier wieder, ob die Gewalt nun eher vom Staat oder der Kirche ausgeht.

    Die Kreuzzüge möchte ich hier nicht mehr kommentieren, denn wir haben ja heute ein aktuelleres Problem der Christenverfolgung im Nahen Osten.

  13. astuga

    @MM
    Selbst wenn man diese Sünden der europäischen Geschichte ohne zu differenzieren anerkennt.
    Beim Islam sieht es ja auch nicht anders aus.
    Mit dem Unterschied, dass man dort nichts dazu gelernt hat und lieber die eigene Geschichte idealisiert und verklärt.
    Wobei sich immer genug Deppen im Westen finden die dabei mitspielen.

    Auch im Islam gab es eine Form der Inquisition (Minha) auch im Islam gab es Sklavenhandel (sogar bis in die unmittelbare Gegenwart) und es gäbe ihn immer noch, hätte ihn nicht der Westen als Verbrechen gebrandmarkt und aktiv bekämpft.
    Und alleine die islamischen Raubzüge und Eroberungen in Indien haben geschätzte 60-80 Millionen Inder das Leben gekostet.
    Byzantinische Inseln wie Malta und Chios wurden beim ersten Ansturm der Araber komplett entvölkert, und wurden erst später neu besiedelt – alles lange vor den Kreuzzügen.

    Das Massaker in Jerusalem durch die Kreuzzügler kennt auch jeder, aber dass die Muslime wenig später das selbe im bereits wieder islamischen Jerusalem getan haben ist wenig bekannt.
    Auch die Sikhs in Indien haben sich der Toleranz der Muslime erfreut: http://oi46.tinypic.com/5wf446.jpg

  14. Rennziege

    3. Dezember 2015 – 18:07 astuga
    “Das Massaker in Jerusalem durch die Kreuzzügler kennt auch jeder …”
    Pardon! Darin irren Sie, denn alle Kreuzzüge waren klägliche Niederlagen. Die Truppen waren viel zu klein, die Nachschubwege viel zu lang, das Klima ungewohnt. Die wackeren Recken, erfüllt von europäischer Ritterlichkeit auch im Kampf, holten sich nur blutige Köpfe; denn die Gegner kämpften alles andere denn ritterlich.
    Hinzu kommt, dass dieser Krieg (ein viel zu großes Wort für diese kurzatmigen, erfolglosen Expeditionen) nach damaligen und wohl auch heutigen Maßstäben ein gerechter war: Es ging um die Rückeroberung uralter christlicher Regionen und heiliger Stätten, die eine von Geburt an aggressive Ideologie sich unter den Krummsäbel und die neunmal geschwänzte Katze gerissen hatte.
    Massaker? Zweifellos. Aber wer an wem — da sind bei weitem nicht alle Historiker Ihrer Meinung.

  15. astuga

    @Rennziege
    Mir ging es ja um eine pointierte Aussage. 😉
    Klar, auf die Region bezogen waren die Kreuzzüge letztlich Fehlschläge.
    Die Muslime hatten die Kreuzzüge längst vergessen, und sie erst in der Rezeption europäischer Autoren wieder als Thema neu entdeckt.
    Auch weil gerade in dieser Epoche die Mongolen die eigentlichen militärischen Gegner der Muslime waren (ua. Zerstörung Bagdads).
    Und die ganze Zeit über haben sich während der Kreuzzüge auch die Shiiten und Sunniten bekämpft.

    Die eigentliche Bedeutung der Kreuzzüge liegt wahrscheinlich in der militärischen Ausrichtung des lateinischen Christentums in Westeuropa. Etwa durch Bildung der Ritterorden.
    Auch dadurch konnte sich Westeuropa endlich erfolgreich verteidigen und sogar Gebiete zurückgewinnen (Kreuzritter waren ja auch in Spanien aktiv).
    Sozusagen mit einer Vorwärtsstrategie, statt immer nur aus der Defensive heraus.
    Aber ich bin da auch bloß ein historischer Laie.

  16. Thomas Holzer

    Was ist denn Ideologie anderes als eine diesseitsbezogene Religion?!

    Man könnte mit Fug und Recht fragen, wieviel Ideologie! die Demokratie verträgt.

    Erfreulicher Weise gibt es noch keine Gedankenpolizei; Herr Jursa würde die Einführung dieser “zum Wohle der Demokratie” sicherlich befürworten.

    Schlußwort: auch Atheismus ist Religion/Glaube, und der Glaube an die Demokratie detto

  17. O.d.S.

    Ich denke, die entscheidende Frage, die sich jeder stellen muss, ist: wo liegt die Grenze zwischen Ideologie und Religion? Gibt es eine? Und wenn nicht, warum sollten Religionen nicht ebenso verboten werden können? Die Religionsfreiheit ist schliesslich ein Relikt des dreißigjährigen Krieges. In einem modernen Grundrechtestaat ist es selbstverständlich, dass jeder glauben und denken darf, was er will.
    Die Religionsfreiheit ist der verfassungsgewordene Wurmfortsatz.

  18. O.d.S.

    Man sollte jeden Bekannten folgendes Szenario vor die Füsse schmeissen: stell dir vor, es wandern momentan hunderttausende Nationalsozialisten in Österreich und Deutschland ein, hängen Hakenkreuzflaggen überall hin und verlangen, dass man ihren Hass auf Juden toleriert.
    Wie würde man reagieren?
    Die Diskussion endet dann abrupt.

  19. Rennziege

    3. Dezember 2015 – 19:02 astuga
    Danke für Ihre Replik. Jetzt versteh’ ich Sie richtig, und eigentlich meinen wir eh dasselbe.
    Herzliche Grüße!

  20. astuga

    @OdS
    Stimmt, Religionen genießen einen unverdienten Bonus.
    Lässt sich natürlich aus der Geschichte heraus verstehen, aber letztlich ist es Teil einer unvollkommenen Säkularisierung.
    Religionen sind transzendente Weltanschauungen bzw Ideologien, mehr nicht.

    Niemand käme auf die Idee, den ehemaligen Blut- und Opferkult der Azteken wegen seiner langen Tradition, der vielen Anhänger und “weil es ja eine Religion ist” als wertvoll zu betrachten.
    Menschen sind eben irrational.
    Und wollen auch im Irrtum Recht behalten.

  21. Rennziege

    3. Dezember 2015 – 19:32 – O.d.S.
    Skurriler Gedanke, Religionen zu verbieten. Haben wir nicht schon Verbote genug?
    Kurz angedacht: In Europa leben Hindus, Buddhisten, Protestanten, orthodoxe und andere Katholiken, orthodoxe und weltliche Juden, Scientologen, Adventisten, Zeugen Jehovahs, Druiden, Muslime aller Schattierungen, Kommunisten und verwandte Faschisten, Antisemiten und Öko-Abzocker.
    Die meisten mehr Ideologie als Religion. Suchen Sie sich aus, wen Sie verbieten wollen — am besten danach, welche davon ihren Mitbürgern an die Gurgeln und ans Brieftascherl gehen. Da bleiben nur ein paar übrig.
    Und deren tätige Anhänger sollten nach den Buchstaben des Gesetzes behandelt werden: wörtlich, nicht lammfromm anbiedernd.
    Verbote, halten zu Gnaden, haben Junkies noch nie von ihrer Sucht erlöst.

  22. O.d.S.

    Mitnichten fordere ich ein Verbot dieser Religion/Ideologie, werte Rennziege. Ich wollte lediglich 1) klarstellen, dass uns innerhalb unserer hoch geschätzten Werte (und davon ist die Freiheit mit das höchste Gut) jedes Mittel recht sein muss, wenn es gilt, dieser Gefahr zu begegnen. Das läuft in letzter Konsequenz auf eine Ausweisung sämtlicher Anhänger dieser Religion/Ideologie hinaus. Und 2) wollte ich darlegen, dass wenn wir schon in einem Unterdrückerstaat leben, der eine Ideologie wie den Nationalsozialismus verbietet und dessen journalistische, verfassungsrechtliche und politische Stirnader gefährlich wild zu pochen beginnt, sobald jemand auch nur ein Hakenkreuz an eine Wand schmiert, es nur konsistent wäre, auch eine solche Ideologie zu verbieten.
    Herzliche Grüße nach Kanada oder ins Land der Karawankenbären, wo auch immer Sie sich aufhalten mögen.

  23. Lisa

    @O,d.S. : Religion ist Privatsache (sollte es zumindest in säkularen Staaten sein) und hat mit dem eigenen “Seelenheil” zu tun, der Sinnsuche, der Frage nach dem Woher und Wohin, nach dem, “was die Welt im Innersten zusammenhält” (Goethe, Faust). Aber Machthaber haben es immer verstanden, zu behaupten, sie wüssten etwas darüber, um die Menschen gefügig zu halten, das geht von Propheten, Stammeshäuptlingen, Diktatoren, Gurus bis zum Möchtegernweltverbesserer im Internet.Man müsste Religion (Singular) abgrenzen von sog. Religionen (Plural), die eigentlich eher Konfessionen oder Ideologien genannt werden müssten.

  24. O.d.S.

    @ Lisa

    Werte Lisa aus woher auch immer Sie kommen.

    Sie schreiben:”…und hat mit dem eigenen „Seelenheil“ zu tun, der Sinnsuche, der Frage nach dem Woher und Wohin, nach dem, „was die Welt im Innersten zusammenhält“

    Nun, prima facie ist das vielleicht eine Grenze. Aber bei genauerem Hinsehen entpuppt es sich als inhaltslos.

    Zum einen ist für unser Seelenheil wohl viel mehr verantwortlich, als nur eine Ideologie.

    Die Sinnsuche und die Fragen nach dem Woher und Wohin könnte man böse gesagt viel eher einem Wissenschafter zuschreiben, als einem Priester. Der Priester macht nämlich das Gegenteil. Er sucht nicht, er hat gefunden und zwar die Wahrheit, die einzig gültige Wahrheit. Das unterscheidet eine Ideologie von einer Religion in keinster Weise, denn auch Ideologien bieten die einzig richtige Weltanschauung. Für den Herrn Adolf war nunmal einzig und allein richtig, dass die deutsche Herrenrasse eine überlegene ist. Genauso wie für den Moslem einzig und allein wahr ist, dass nur sein Gott und Mohammed ihm sagen dürfen, was richtig und was falsch ist und das ist eine ganze Menge.

    Woher und Wohin sind bei Religionen wie bei Ideologien schon determiniert. Wir stammen nicht vom Affen, sondern wurden von Gott erschaffen. Punkt.
    Der Klassenfeind ist der Kapitalist. Punkt.
    Bestimmt wurden wir dazu, über die Welt zu herrschen; sei es in Form eines Kalifats oder in Form des Dritten Reichs. Punkt.

    Und was die Welt zusammenhält, ist meines Erachtens gar nichts und sehr viel. Dazu müsste man zuerst Welt definieren. Dazu müsste man den Zustand des Zusammenhalts definieren.

    Wir werden in Kürze einen eigenen Beitrag auf unserer FB Page erstellen, der sich dem Thema widmet.

    Herzliche Grüße aus Wien, Oberösterreich, Vorarlberg, von wo aus immer Sie möchten 😉 .

  25. Lisa

    @O.d.S.: Sie haben da etwas missverstanden: Religion (Einzahl) ist Privatsache. Ideologien können als Religionsersatz dienen. Bei der Aufzählung jener, die glauben zu wissen, wer Gott ist – oder so tun als ob – habe ich natürlich die Priester vergessen, den Papst, die Imame etc. Die FRage nach dem Woher und Wohin kann durchaus auch ein Wissenschaftler beantworten. Aber bitte im stillen Kämmerlein und nicht mit der Behauptung auftreten, er wisse, wer “Gott” ist und dem davon abgeleiteten “Recht”, irdische, egoistische Machtansprüche durchzusetzen.

  26. O.d.S.

    Werte LIsa!

    Ab wann wird eine Religion zur Ideologie und umgekehrt? Sehen Sie einen anderen Unterschied als den Bezug zu einem transzendentalen Wesen? Sehen Sie, auch eine Ideologie ist Privatsache; das beantwortet aber die von mir gestellte Frage nicht, was Religion von Ideologie unterscheidet.

  27. Lisa

    @O.d.S.Falls Sie mir da eine Ideologie unterstellten, wie etwa: „Religion ist Privatsache“, „säkulare Gesetze stehen über religiösen Überzeugungen“, hätten Sie Recht, wenn ich Sie von meiner Ansicht, womöglich mit einer Autobombe und einer gewaltbereiten Gruppe Gleichgesinnter überzeugen wollte oder Ihnen mit Höllenqualen und Ewiger Verdammnis drohe oder Sie mit “Wer nicht für uns ist, ist wider uns“ zum Feind erkläre . Ideologien brauchen Followers, sonst sind sie einfach individuelle Ansichten, weltoffen, anpassungsfähig, wechselhaft. Mein Kinderglaube hat sich im Laufe des Lebens bestimmt zehnmal verändert. Kann sein, dass sich zuweilen ein paar individuelle Ansichten in einer GEsellschaft ähneln (sog. Zeitgeist), aber solange ihre Träger sich nicht rechthaberisch aufspielen, sich gar zusammenrotten und zuschlagen oder sich mit einer roten Nelke im Knopfloch als zugehörig zu erkennen geben, ist das keine Ideologie, sondern allenfalls ein Diskurs oder eine Stammtischplauderei…

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