“Willkommen im digitalen Mittelalter!”

“…Die Primitivität und Aggressivität, mit der Andersmeinende im Internet verfolgt werden, scheint mir denselben psychologischen Mechanismen zu folgen, die früher zu Lynchjustiz und Pogromen führten. ..” (Hervorragender Essay von Dieter Nuhr in der FAZ)

16 comments

  1. Thomas Holzer

    Der wesentliche Unterschied zum Pöbel des Mittelalters ist, daß dieser Pöbel sich “nur” in der Anonymität der Masse verstecken konnte, aber immerhin den Anderen meistens noch namentlich bekannt war.
    Die “Empörten”, welche sich im Internet hinter einem Pseudonym verstecken, sind aber den “Mitpostern” nicht bekannt

  2. MM

    Ja, allerdings an der Stelle wo er sagt, es wäre nicht Zensur, wenn er Nazikommentare löschte, weil der Staat die Löschung vorschreibt, muss man sagen, dass das ganz genau Zensur ist, wenn der Staat die Löschung vorschreibt, auch wenn man es gut findet.

    Aber das war ja nur hypothetisch und im tatsächlichen Fall waren es ja linke Eurobondfans, die ihn angepöbelt haben – da war es tatsächlich keine Zensur, sondern Ausübung redaktioneller Freiheit, diese Kommentare zu löschen.

  3. Astuga

    Na gut, Shitstorm und Pöbeleien sind eine Sache.
    Aber gerade diese Unsitten zeigen, dass es für Normalbürger empfehlenswert sein kann ein Pseudonym zu benutzen.
    Gerade wenn man sich zu bestimmten Themen kritisch äußert.
    Das verhindert einerseits selbst Opfer von Schmutzkampagnen zu werden, oder im RL Schaden zu erleiden.
    Als öffentliche Person (wie etwa Dieter Nuhr) hat man klarerweise eine schwierigere Ausgangslage.
    Aber als anonymer Normalbürger habe ich ja auch seine Vorteile nicht.

  4. Selbstdenker

    Ich teile die Ansichten von Dieter Nuhr in dieser Sache.

    So wie ein Auto (oder Fahrrad) ohne Nummerntafel, bietet auch das Internet zahlreiche Möglichkeiten für rowdyhaftes, missbräuchliches oder gar kriminelles Verhalten. Es geht nicht darum, dass Leute nur mit ihren tatsächlichen Namen schreiben dürfen (Klarnamenpflicht) oder dass alle Internet-Aktivitäten aufgezeichnet werden sollen (VDS), sondern darum, dass die Beteiligten krimineller Aktivitäten ermittelbar sein sollen.

    Es geht bei diesem Phänomen jedoch nicht nur um das Internet und die damit verbundene scheinbare Anonymität. Ich behaupte, dass bestimmte Gruppen, die es bereits vor dem Massen-Internet gab, dieses Medium mit seinen besonderen Eigenschaften für sich entdeckt haben und es nun bis zum Exzess ausreizen.

    Insbesondere Social Justice Warriors – die Web 2.0 Version der Kulturmarxisten – können sich beim elektronischen Scheisse-Werfen so richtig austoben. Wobei in vielen Fällen der online betriebenen Hetzjagd auch offline betriebene Straftaten folgen; siehe auch:

    http://thoughtcatalog.com/joshua-goldberg/2014/12/when-social-justice-warriors-attack-one-tumblr-users-experience/

    Die hochgradig kriminelle Dimension dieser in grossen Gruppen aufgeteilt begangenen Verbrechen wird gemeinhin weit unterschätzt. An dieser Stelle wäre tatsächlich eine massive Nachschärfung im Strafrecht erforderlich: warum sollte man mit einem Verbrechen, das in der Gruppe begangen wird, davon kommen?

    Ich fürchte aber, dass die Sache noch dicker kommen wird. Meines Erachtens haben wir es mit mehreren sich überlagernden Strömungen zu tun, von denen jede für sich bereits ein enormes destruktives Potential hat.

  5. Astuga

    Wobei, wenn Nuhr schreibt: “Ich wurde in die Nähe von AfD und Pegida gerückt, obwohl ich mich immer wieder ausdrücklich gegen diese Gruppierungen gewandt habe.”

    Jetzt mag man die genannten Gruppen mögen oder nicht, sicher sind dort auch Deppen dabei, aber im Ggs zu Ihren Gegnern waren sie nicht gewalttätig und nehmen nur ihr politischen Rechte war.
    Muss man jetzt davon ausgehen, dass in diesen Fällen Dieter Nuhr gegen einen Shitstorm nichts einzuwenden hatte?
    Und wenn Nuhr diese Personen in seinem Programm auf die Schaufel nimmt, ist das dann nicht auch irgendwie eine Art Pöbelei (ein nach unten treten)?
    Immerhin hat er selbst eine breite Öffentlichkeit, jemand von Pegida oder AfD setzt sich hingegen für seine Meinung und sein Demonstrationsrecht der Gewalt aus.

    Das ist ein wenig so wie mit den Leuten von Charlie Hebdo, selber ohne Kompromisse und ohne Respekt alles attackieren, sich aber distanzieren und es als Angriff betrachten, wenn jemand von Pegida solidarisch ist.
    Ich hätte mich ja dabei eher über die verlogenen Politiker geärgert.

  6. Selbstdenker

    @Astuga
    Grundsätzliche Rechte (freie Meinungsäußerung, Demonstrationsrecht, etc.) werden nur je nach Stellung in der Opferhierarchie zugestanden. Das ist kein unbewusster Widerspruch, sondern das grundlegende Konzept der Social Justice Warriors.

    Deshalb dürfen Pegida-Anhänger nicht demonstrieren, aber vermummte Linksextremisten ganze Straßenzüge verwüsten.

  7. Fragolin

    Ich schätze Dieter Nuhr sehr, nicht wegen seinem strammen Bekenntnis zur linken Gesellschaftshälfte, sondern trotzdem. Er besitzt eine scharfe Zunge und eine bei stramm linken Kabarettisten nicht immer so stark ausgeprägte Intelligenz sowie einen Hausverstand, der es ihm ermöglicht, sich kritisch mit den Scheuklappen der eigenen Genossen auseinanderzusetzen.
    Wenn er jetzt aber wegen Islamkritik und Griechenkritik von ultralinken Shitstormern ins rechte Eck positioniert wird, kann man nur eines sagen: Jetzt siehste mal, Dieter, wie das so ist.

    Übrigens sehe ich keinen Rückfall ins Mittelalter, sondern einfach nur die seit Jahrzehnten erprobte Strategie kommunistischer Klassenkämpfer, deren höchstes Ziel der Tod des Klassenfeindes ist. Es ist eine Kulturrevolution 2.0 der Internet-Maoisten, die jeden auch nur einen Millimeter von ihrer Ideologie abweichenden Sünder am liebsten köpfen würden; marxistische Djihadisten, deren Verständnis für muslimische Djihadisten dadurch erklärbar wird: andere ideologie, aber gleiche Denkweise.
    Fanatiker eben. Der Schwarze Block und die IS-Rotten tragen nicht umsonst die gleiche Kluft.

    Vielleicht sollte man einen solchen “Shitstorm” von einer Handvoll krakeelender Ultralinker als das sehen, was er wirklich ist: kein Sturm voller Sch*** sondern der laue Furz geistig Zukurzgekommener. Einfach ignorieren oder auslachen – zumindest damit sollte sich ein Herr Nuhr auskennen. Diese Leute sind einfach zu unterbelichtet und zu unwichtig, um ernst genommen zu werden. Das sollte einem Kabarettisten klar sein.

  8. Astuga

    Ich schau mir Dieter Nuhr und sein Team auch immer gerne an. 😉

    Zugespitzt gesagt, wenn er herumjammert: “Seht her, ich kritisiere doch auch diese Pegida und AfD – ich bin doch ein Guter”.
    Dann gibt er bereits zwangsläufig den zumeist linken Meinungsterroristen moralische Deutungshoheit und Macht über sich selbst.

  9. Selbstdenker

    @Fragolin
    Ich befürchte, dass Sie diese Entwicklungen unterschätzen. Radikale Kräfte haben erkannt, wie man mit dem Internet Massen koordinieren (z.B. Flashmobs) und durch das Aufteilen kriminieller Aktivitäten auf viele – üblicherweise anonyme Teilnehmer – die rechtliche Verfolgbarkeit bis zur Unkenntlichkeit aubröseln kann (z.B. Torrent-Systeme für Tauschbörsen).

    Eine Generation verkannter Genies und einzigartiger Schneeflocken lebt wie bei einer riesigen Online-Orgie ihren Narzismus aus, schaukelt ihre Opfer-Wahrnehmung gegenseitig hoch und verbeisst sich hasserfüllt in Personen oder Gruppen, die sie für ihr konstruiertes Leid ausfindig gemacht haben.

    Das ist kein lauer Furz, kein reines Scheisse-Werfen, sondern ein handfester Gesellschaftskrebs.

  10. Syria Forever

    Shabbat shalom Selbstdenker?
    Militärischer Rang? Hauptmann?

    Das klappt nur solange es Internet gibt. Wenn ich nicht irre wird sich das ändern. Europa arbeitet an radikalen Änderungen der Kommunikationsmöglichkeiten deshalb hat sich der Osten längst abgewandt. Wir werden 2 getrennte Netzwerke erleben. Ost- und West Netze für Kommunikation.

    Leider kann ich Ihnen jedoch nicht widersprechen. Ein Gesellschaftskrebs nur zieht sich dieser durch alle Schichten der Gesellschaften des Westens. Neid, Missgunst, Niedertracht. Die Neid-Gesellschaft hat ihre letzte Ausbaustufe erreicht.
    Bei genauer Betrachtung werden Sie etwas gemeinsames in diesen Gesellschaften finden. Alle sind sie “Täter/Opfer” irgend eines Krieges oder Völkermordes. Dieses implantierte Schuldgefühl, am erfolgreichsten sind darin die verschiedenen Religionen, wird der Untergang der Westlichen Gesellschaften sein.
    Die Menschen in Europa müssen Selbstbewusstsein lernen. Derzeit wird Selbstbewusstsein durch Arroganz und Ignoranz ersetzt.
    Selbstbewusste Menschen akzeptieren keine Nieten als Anführer. Anführer die sich hinter spirituellen oder weltlichen Göttern verstecken!
    Finden die Menschen Europas deren Selbstbewusstsein wieder schlägt die letzte Stunde der jetzigen “Führer”, im Sinne der Worte, mitsamt Puppeteers und Organisationen organisierten Verbrechens.
    Die Strick-, Seil-, und Textilindustrie wird mit vollen Auftragsbüchern notwendige Arbeitsplätze generieren für eine neue, selbstbewusste Gesellschaft.

    Einen guten Abend.

  11. Fragolin

    @Selbstdenker
    Tut mir leid, aber ich sehe das etwas entspannter.
    Und das einzige Problem liegt in der Meinungsmache aufgepeitschter gekaufter Medien.
    Wenn 100.000 oder 250.000 oder gar eine halbe Million Österreicher ihrem Begehr eine Stimme geben, dann wird das als Zwergenaufstand einer Minderheit abgetan und parlamentarisch abgewunken. Aber wenn sich 30 oder 50 lautstarke Forenfurzer samt ihrer angehängten Sockenpuppen in rotziger Manier auf eine Person öffentlichen Interesses stürzen und in hunderten Postings ihren primitiven Hass und ihre pathologischen Minderwertigkeitskomplexe austoben, wird daraus eine Staatsaktion.
    Ein Shitstorm wird erst zum Shitstorm durch die mediale Hebelung. Ansonsten bleibt rotziges Herumpöbeln in sozialen Netzwerken genau das was es ist: rotziges Herumpöbeln klassenkämpferischer Revoluzzernerds, die im Che-Guevara-Shirt vor ihrem iPad hocken und in typischem modernen Kommunikationsautismus ihren Frust über die virtuelle Tastatur wischen.
    Für Herrn Nuhr ist es eine neue Erfahrung und eine besonders schmerzhafte, da die Pöbeleien gegen ihn aus einer Ecke kommen, in der er eigentlich sein eigenes Zuhause wähnt. Wären es Neonazis oder Rassisten, die ihn anpöbeln, würde er das einzig Richtige tun und sie in seinem nächsten Bühnenprogramm zum Gespött des Publikums machen – so aber windet er sich hilflos herum, denn es ist genau dieses Publikum, aus dessen Reihen ihm plötzlich Verachtung entgegenschlägt. Tja, das tut weh, gibt ihm aber die Chance, sich weiterzuentwickeln.

  12. Fragolin

    @Syria Forever
    Das Neue Karolingische Reich wird zerfallen wie seine Vorgänger. Ob das aber den Untergang des Abendlandes einläutet oder den Aufstieg neuer Reiche, bleibt abzuwarten. Wir werden das Ergebnis der Entwicklung wahrscheinlich nicht mehr erleben, historische Wandel vollziehen sich oft reichlich zäh, aber ich gebe Ihnen in einem Recht: ändern sich die Europäer nicht grundlegend, sieht es für die Zukunft nicht besonders rosig aus. Ich habe aber einigen Optimismus, dass es die europäischen Völker (wieder) schaffen werden, aus dem Zusammenbruch eines Reiches und dem folgenden Chaos besser aufgestellt hervorzugehen.

  13. Syria Forever

    Shabbat shalom Fragolin.

    Wie recht Sie doch haben. Seit Karl dem Grossen das selbe Dilemma!
    Persönlich sehe ich nur eine Möglichkeit aus dem Joch. Europa muss das Hl. Römisch Reich endgültig entsorgen! 2500 Jahre sind genug!!
    Danach fällt alles wie ein Kartenhaus.

    Es wird ein langer harter Weg und wir werden es mit Sicherheit nicht erleben. Ich denke wir sprechen hier von einem Prozess von mindestens 5 Generationen. Die nächsten 10 Jahre jedoch werden spannend.
    Danach werden wir einen besser Überblick haben. Wir werden auf jeden Fall, oder besser wir haben, eine neue Weltordnung. Europa? Armut und Hunger stehen auf dem Spielplan des Politischen Theaters.

    – „Wie ein Phönix aus der Asche“… Ich wünsche es Europa.

    Guten Abend.

  14. Dorfbewohner

    @ Fragolin
    Sie sind einfach gut!
    Selbst wenn ich mehr Zeit hätte, schaffte ich es nicht, diese Standpunkte so “rund” darzulegen.
    Bitte. Weiter so!

  15. Wolf

    Das Schlimmste ist für Herrn Nuhr anscheinend, dass er “in die Nähe der Afd und Pegida” gerückt wurde. Schrecklich! Offenbar gehört Dieter Nuhr auch zur Kategorie der p.c. Gutmenschen.

  16. Mourawetz

    Ich kann es dem Herrn Nuhr nur nachfühlen. Ähnliches musste auch ich erdulden, als ich mich seinerzeit gegen den Konsens für den Krim-Anschluß durch Putin auf diesem Blog stemmte. Damals hatte nur einer dieZivilcourage sich öffentlich zu meinem Standpunkt zu bekennen – ein gewisser perry! das macht eben diese Shitstorms so unerträglich: dass sich dadurch die meisten Menschen einschüchtern lassen. Auf solch wackligen Beine steht die Freiheit.

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