Willkommen in der Mediokratie

Von | 12. Juli 2015

(von MARCUS FRANZ) Österreich ist eine repräsentative Demokratie. Die Gesetze werden im Parlament von den gewählten politischen Volksvertretern beschlossen.  Mit den drei Säulen der Gewaltentrennung  namens Legislative, Judikative und Exekutive verfügen wir über bewährte demokratische Konstrukte, die ihren Zweck erfüllen und Österreich zu einem anerkannten Rechtsstaat machen.

Zusätzlich zu diesen drei Säulen gibt es die sogenannte “Vierte Macht im Staate”: Die Medien. Diese besitzen zwar keine demokratische Legitimation (sie sind nicht gewählt), sie haben aber nach allgemeiner Übereinkunft die Aufgabe, neben der Informationsweitergabe auch eine gewisse Kontrolle über die politisch-demokratische Gebarung auszuüben.

Böse Zungen sprechen deswegen von der “Mediokratie”, weil heute das, was  in den Medien gebracht  und vor allem das, wie es dort gebracht  wird, oft maßgeblicher erscheint als die von der Politik geschaffenen Fakten an sich. Anders gesagt: Nur was in der Zeitung steht, wird geglaubt. Damit ist aber auch alles Politische, das medial nicht immanent wird, für die Bürger nicht existent.

Die Wähler sind daher in hohem Maße von der Art der Informationsweitergabe und von der Korrektheit der Inhaltswiedergabe abhängig. Die größte Rolle spielt dabei jedoch die Interpretation dieser Inhalte: Der subjektive Input, der Stil und die persönliche Syntax des Autors bestimmen den Inhalt immer mit.

Durch das Internet haben die Bürger  mittlerweile auch die  Option, sich selbst ein je eigenes Bild vom politischen Entscheidungsprozess zu machen. Die durch hohe Subjektivität gekennzeichneten Social Media laufen deswegen den klassischen Informations-Medien immer mehr den Rang ab. Die Bedienung des Ressentiments ist dabei immer gegeben, auch wenn viele Texte online im intellektuellen Kleid  losgeschickt werden. Rein informative Inhalte werden ohnehin nahezu zeitgleich zum jeweiligen Ereignis ins Netz gestellt, da kommen herkömmliche Medien nicht mehr mit.

Diese Konkurrenz ist ein Hauptgrund dafür, dass viele (Print-)Medien heute vor allem vom Kommentar- und Meinungs-Journalismus leben und nicht mehr wie früher in erster Linie vom schnellen und objektiven Report. Medienleute gewichten ganz gezielt die Informationen, sie kommentieren und interpretieren sie je nach ihrer eigenen Weltanschauung und präsentieren dann die Meinungs-Produkte in ihren Medien entsprechend dieser Vorbearbeitung.

Diese Entwicklung ist gut und schlecht zugleich: Gut ist sie insofern, als das Publikum dadurch einen leichten  Zugang zu vielen, oft gut fundierten Meinungen erhält. Schlecht dabei ist, dass infolge der Subjektivität jedes Kommentators Informationen oft verkürzt, Tatsachen einseitig beleuchtet  und/oder Fakten einfach übergangen werden.

Überhaupt problematisch wird der institutionelle politische Meinungs-Journalismus, wenn er tendenziös, abwertend oder gar diffamierend daherkommt. Gründe für dieses unredliche Verhalten gibt es: Etwa  weil man bei einer Zeitung politische Inseratenkunden nicht vergraulen will  oder  weil man grundsätzlich bestimmte Meinungen, die dem eigenen Medium, dem jeweiligen Kommentator oder einer ihm nahestehenden Lobby nicht passen, schlechtmachen oder totschweigen will.

Wenn ein Medium eine signifikante Reichweite besitzt, kann so ein Verhalten stark manipulativ wirken und damit  gezielt Stimmung für oder gegen etwas  bzw. jemand erzeugen. Anstand, journalistisches Berufsethos und Seriosität verlangen es daher, dass persönliche Meinungen von professionellen Autoren in institutionellen Medien explizit und gut erkennbar auch als solche bezeichnet werden. Das geschieht leider nicht immer.

Freilich ist auch bei einer gut erkennbaren persönlichen Meinungskundgebung eine subtile Manipulationstendenz gegeben – einfach aufgrund des Einflusses einzelner in ihren Medien gut eingebetteter Opinion-Maker: wenn deren Meinung so dargestellt wird, als ob sie den alleinigen Wahrheitsanspruch besäße, entsteht automatisch ein Trend, der diese Meinung als maßgeblich vermittelt. Sie wird dann sukzessive von anderen übernommen und so zur „veröffentlichten Meinung“. Dieses Faktum trägt zweifellos dazu bei, dass in allen aktuellen Umfragen der Ruf der Journalisten immer schlechter wird und das Vertrauen der Rezipienten in die Medien ständig sinkt: Die Bürger nehmen das Manipulative nämlich schnelle wahr als man gemeinhin glaubt.

Es wäre ehrlicher und mutiger von den angestellten Kommentatoren mit hohem Impact, wenn sie ihre Meinungsbildung nicht über ihre Medien-Orgeln betrieben, sondern selber in die politische Arena stiegen, um sich dort  dem demokratischen Diskurs zu stellen. Zumindest aber sollten sie eigene Blogs betreiben und dort persönlich für ihre Meinung stehen.

Damit ich nicht missverstanden werde: Medien sind  die  Horte der Meinungsfreiheit und sollen das auch bleiben. Aber man muss die mediale Schattenseite namens “Manipulationsgefahr” gerade als demokratischer Politiker im Auge behalten  und diese auch kritisieren.

Politik und Medien brauchen überhaupt eine neue und auf Gegenseitigkeit beruhende Kritik-Kultur: Weder sollten verantwortliche Politiker aus lauter Angst vor den Medien immer nur haltungselastisch agieren noch sollten institutionelle Journalisten, die definitiv ohne politische Verantwortung sind, die besseren Politiker sein wollen. Und wenn sie das doch möchten: dann bitte mutig sein und ab in die Arena, siehe oben. Alles andere ist letztlich nicht gut für die offene Gesellschaft und die Demokratie.

5 Gedanken zu „Willkommen in der Mediokratie

  1. Thomas Holzer

    Seit die Doktoren Vetter und Franz ihre Zuflucht im OEVP-Klub gesucht und schlußendlich auch gefunden haben, sehe, lese und höre ich eigentlich überhaupt nichts von diesen beiden Herren, was einem “demokratischen Diskurs” auch nur Nahe kommen würde.

    Wurden dieser Beitrag und der des Dr. Vetter hier auf ortner-online eigentlich vom Herrn Lopatka sanktioniert?! 😉

  2. H.Trickler

    In der Schweiz sind in letzter Zeit mehrere Abstimmungen vom Volk entgegen der Meinung von Parlament und Leitmedien ausgegangen. Auch damals bei der Ablehnung des EU-Beitritts war es ähnlich. Der zuständige Bundesrat (Minister) Delamuraz sprach im Fernsehen vom “schwärzesten Abstimmungssonntag der Schweiz”.

  3. Fragolin

    Ein Politiker, der seiner unter dem Druck des medialen Shitstorms zerbröselnden Partei entflieht und mit wehenden Fahnen zu einer Systempartei überläuft, wehklagt über das haltungselastische Verhalten seiner Kollegen unter medialem Druck – das hat was pittoreskes! 🙂

  4. gms

    Marcus Franz: “Medien sind die Horte der Meinungsfreiheit und sollen das auch bleiben. Aber man muss die mediale Schattenseite namens “Manipulationsgefahr” gerade als demokratischer Politiker im Auge behalten und diese auch kritisieren.”

    Angesichts des zugleich zutreffend festgestellten Reputationserosion der Medien, wirkt obiger Satz wie ein wissentliches aber harmloses “preaching to the converted”.

    Wollte man tatsächlich eine reale Gefahr benennen, dann kommt eben diese ausgerechnet aus dem demokratischen Eck, waren und sind es doch ausgerechnet Sozial-Demokraten (sic!), welche seit Jahren lautstarkt und gezielt auf diese Manipulationsmöglichkeit hinweisen und deshalb konsequent unter dem Schlagwort “Postdemokratie!” eben diese Medien zunehmend drangsalieren, während sie gleichzeitig mit diesen großteils im Bett liegen.

    Die dabei ablaufende sadomasochistische Inzucht der Chattering-Classes dient nämlich einzig dem Ausschalten der politischen wie medialen Konkurrenz, soll doch bloß die Meinungsfreiheit Nicht-Linker beschränkt werden.

    Dann und nur dann, wenn wir uns der Manipulationsgefahr gezielt stellen, anstatt mit “Kritik” der Einschränkung der Meinungsfreiheit mittelbar Vorschub zu leisten, besteht Aussicht auf Erfolg. Alles andere ist dient bloß den Roten, denn die haben Propaganda und die hierfür nötigen medialen Verwirrspiele schon von der Pike auf gelernt — “Postdemokratie!”

  5. Goetz Goetz

    In der politischen Berichterstattung fällt vor allem das auf,was nicht berichtet wird.

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