Willkommen in der Wirklichkeit, Herr Bundeskanzler!

Von | 17. Dezember 2015

(GEORG VETTER)  Der Hauptausschuss des Parlaments tagte gestern, um gemeinsam mit dem Bundeskanzler und dem Außenminister die für die folgenden beiden Tage geplante Tagung des Europäischen Rates zu besprechen. Ungewöhnlich waren ein paar Aussagen des Kanzlers, die man ihm vor ein paar Wochen noch nicht zugetraut hätte. So unterstrich er gleich zu Beginn die Notwendigkeit des Schutzes der EU-Außengrenze sowie der Reduzierung der Flüchtlingszahlen. Meinte man zu diesem Zeitpunkt, dass es sich lediglich um beiläufige politische Floskeln handeln dürfte, wurde der aufmerksame Zuhörer doch eines besseren belehrt. Faymann sprach in der Folge von einem Zeitgewinn, den man sich durch die Zahlung der drei Milliarden Euro an die Türkei erkaufe. Den Schutz der Außengrenze müsse die EU schon selbst (!) besorgen – und wiederholte das Wort Zeitgewinn noch zwei Mal. Ja, man müsse in diesem Winter jeden Tag nützen und dürfe keinen verschlafen (!). Es sei besser, das Problem mit dem Nachbarn Türkei zu lösen als gegen den Nachbarn (was mich zur Bemerkung animierte, dass ich mir solche Worte auch gewünscht hätte, als unser eigener Nachbar die EU-Außengrenze schützte). Schließlich konkretisierte Faymann, dass man von den 1,5 Millionen herunterkommen müsse, „aber es nicht ganz auf Null schaffen werde“. Das würden auch die Amerikaner an der mexikanischen Grenze nicht erreichen. Ob Faymann die zuletzt genannte Zahl als anzustrebendes Ziel erachtete blieb ebenso offen wie der folgende grammatikalische Schwenk zur Zahl von 50.000 Flüchtlingen für Europa (über die schon die Morgenzeitungen berichtet hatten).
Ganz traue ich meinen Ohren ja noch nicht. Ob die Willkommenskultur langsam in der Wirklichkeit ankommt? Wenn ja, herzlich willkommen.

19 Gedanken zu „Willkommen in der Wirklichkeit, Herr Bundeskanzler!

  1. Rado

    Faymann war hier nur Papagei von irgendjemand anderem. Morgen wird er schon wieder ganz anders klingen.

  2. Fragolin

    So klingt eben der Vermittler des Türkei-Beitritts zur EU. Was soll er anderes reden? Schnell die türkei “an Bord” holen, dann in Schengen aufnehmen und schon schützen die Türken dei EU-Außengrenze – das Problem einfallender Millionen an Irakern, Syrern und Afghanen ist gelöst. Und 75 Millionen Türken mit EU-Reisepass sind kein Problem, außer für islamophobe Hetzer und rechtsextremistische Ultranationalisten, und wer will mit denen schon zu tun haben; wir halten uns lieber an judenhassende rechtsextremistische Ultranationalisten mit türkischem EU-Pass….

  3. Fragolin

    Herr Vetter, Sie können das aufgrund Ihrer Nähe zu diesen Personen besser einschätzen, aber ich vermute mal, dass unser GröTax nicht in der Wirklichkeit angekommen ist sondern diese ihm von Anfang an bewusst war – er lässt sich in seinem Handeln nur nicht von der lästigen Realität leiten sondern von Opportunismus. Seine Busenfreundin Angela macht es ihm doch vor, wie man durch konsequentes Aussitzen und bedarfsweises Fähnchen-im-Winde-Drehen den Platz am Futternapf zementiert.

  4. Fragolin

    Unser GröTax hat gesprochen:

    http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/4889233/Faymann-droht-Osteuropaeern-mit-Kurzung-der-EUBeitraege?from=rss&google_editors_picks=true

    Zitat:
    “Wer mehr Geld aus dem EU-Haushalt erhält als einzahlt, sollte sich bei einer fairen Verteilung der Flüchtlinge nicht wegducken.”

    Gut. Bestens. Darf man das jetzt auch auf andere Situationen umlegen?
    “Wer mehr Geld aus dem Steuertopf erhält als einzahlt, sollte sich bei einer fairen Verteilung von Pflichten nicht wegducken.”
    Oder bezogen auf Politiker wie ihn selbst:
    “Wer ausschließlich von Steuergeld finanziert wird, hat sich an den Belangen der Nettosteuerzahler zu orientieren.”

    Zitat:
    “Wer sich dennoch verweigert, stellt die gesamte Finanzierung des EU-Haushalts in Frage und macht es Nettozahlern wie Österreich künftig sehr schwer, weiterhin so viel Geld einzuzahlen.”

    Das kann ich voll nachfühlen. Als Nettosteuerzahler erlebe ich dieses Gefühl täglich. Kann ich jetzt endlich damit rechnen, dass der GröTax sich auf die Seite der gebeutelten österreichischen Nettosteuerzahler stellt? Dass er für sich selbst diese Solidarität, die wir mit ihm üben indem wir ihm ein fettes Ausgedinge finanzieren, nicht als Einbahnstraße sieht sondern endlich, oh HErr Du hast ein Wunder vollbracht, im Sinne seines ihn finanzierenden Volkes zu Handeln beginnt?

    Asche auf mein Haupt! Ich bin ein ketzerischer Zweifler, ein gemeiner Pessimist, ein Schlechtmacher, Nestbeschmutzer, Dunkelösterreicher!
    Denn ich glaube, dass es wieder nur eine jener aus Situationselastomeren geformten und mit opportunistischer Warmluft gefüllten Wortblasen darstellt, mit der unser Kanzlerdarsteller auf der Bühne das Publikum einzulullen versucht. Blabla ohne Inhalt, immer eine Pressemeldung wert um dem Volke zu vermitteln: Mir san hart aber fair! Und nu schlafts schön weiter…

  5. cmh

    Wie lernen wir aus den Amiserien, mit denen uns der ORF in den Flüchtlingspausen zumüllt:

    “Sie haben das Recht zu schweigen. Alle Aussagen können gegen Sie verwendet werden.”

    Den Anwalt wird dem GröTax die Gewerkschaft wohl aus ihren Beiträgen finanziert stellen.

  6. Rupert Wenger

    Unser verehrter Herr Bundeskanzler ist noch nirgends angekommen. Er wird nur von Frau Merkel als Sprachrohr benutzt und kann sich damit als entschlossener Staatsmann präsentieren, was er uns bisher so erfolgreich verheimlicht hat. Wer sonst hat ihn autorisiert, im Namen der EU zu sprechen? Frau Merkel kann andererseits auf Unterstützung durch andere EU-Staaten hinweisen. Ein ziemlich kindisches Spiel!

  7. Thomas Holzer

    @Rado
    So ist es!
    Bis auf ein paar Wörter, hat das alles schon eine Frau Merkel am Montag beim CDU-Parteitag gesagt; wahrscheinlich hat Herr Faymann die Rede dieser Frau zwischenzeitlich per email erhalten 😉

  8. Rupert Wenger

    Die andere Ankündigung Faymanns, die “Kernzone der EU” würde 50.000 Flüchtlinge aufnehmen, geht ebenfalls auf Frau Merkel zurück: Orban hat doch vor einigen Wochen erklärt, Frau Merkel hätte Erdogan zugesagt, weitere 400.000 bis 500.000 syrische Flüchtlinge in der EU aufzunehmen. Das war neben der Wiederaufnahme der Beitrittsverhandlungen und den Milliarden in Bar Teil der türkischen “Forderungen” für das Schließen der Grenzen. Merkel hat damals die Aussage von Orban nicht sehr stark dementiert, ein (von ihr beauftragter) Sprecher der EU erklärte sie als Dummheit. Jetzt ist die erste Tranche fällig, Faymann darf sich profilieren, Merkel steht hinter dem Gebüsch und beobachtet. Wir dürfen erwarten, dass Faymann oder sonst ein Beauftragter noch einige Male die Chance hat, sich zu profilieren bis die 400.000 bis 500.000 voll sind.

  9. Falke

    Faymann verkündet nur das, was ihm Merkel aufgetragen hat. Eine eigene Überzeugung hat er ja bekanntlich nicht.

  10. aneagle

    Die hellen Äußerungen des österreichischen Kanzlers über Nettozahler haben den nicht österreichisch, aber leidlich deutschsprachigen Europäern ein Beispiel gegeben, ´was einer seiner Vorgänger mit “das übliche Gesudere” meint.

    Darüber hinaus macht der helle Kanzler auch Sinn. Ist er doch, neben einem Crash- Kurs in “how to make friends”, Anlass für eine neue österreichische Wortschöpfung im Bereich der Festkörper-/Material- und Partikelphysik, wohl wert in den Wortschatz aufgenommen zu werden: das Situationselastomer (© Fragolin)‎

  11. Fragolin

    @aneagle
    Extra für Sie 😉 ein kleiner Auszug aus der fragolinschen Werkstoffkunde:

    Situationselastomere sind keine Kunststoffe, sondern werden auf natürliche Weise gewonnen, ähnlich dem Kautschuk: Man extrahiert diesen Gummiwerkstoff aus dem Rückgrat im Parlament sitzender Politiker, während sie dem Klubzwang gehorchend und die eigenen Pfründe im Hirn gegen das restliche bisschen Gewissen, das ihnen als rudimentärer Wurmfortsatz am Hipppocampus hängt, das Pfötchen zur Abstimmung heben. Das, was ähnlich kaltem Schweiß dann den Rücken herunterläuft, ist die stoffliche Basis, aus der das Situationselastomer extrahiert wird. Aus diesem bestehen die meisten Wirbel im Rückenbereich der Politiker, was dazu führt, dass gegen ein durchschnittliches Rückgrat eines höheren Parteien-Amtsträgers ein Gummiseil die Konsistenz einer Stahlkeule hat.
    Aus Situationselastomeren lassen sich trefflich bunte Hüllen für Wortballons und Wurfgeschosse für Nebelgranaten herstellen. Außerdem werden daraus Richtungsweiser für nachhaltige Politik hergestellt, die es schaffen, beim kleinsten Windzug eine vollkommen neue Richtung anzuzeigen, ohne sie dafür extra drehen zu müssen.
    Besonders häufig im Gebrauch sind sie für Rationalitätsverhüterlis. Situationselastisch werden Irrsinn und Idiotie in sich tragende Mentalspermien durchgelassen, während alles, was nach Vernunft und Logik riecht, konsequent blockiert wird. So kann man vermeiden, dass jungfräuliche Hirne von Wahrheiten penetriert werden und dann vielleicht noch mit Zweifel schwanger gehen.
    Und sie eignen sich als reißfeste Verpackungsfolie für Umdeutungen. Aus Judenhass wird in Situationselastomere verpackt entweder ein faschistisches Gedankengut, begründete Kritik an Israels Siedlungspolitik oder verständliche Wut des muslimischen Opfers auf den jüdischen Henker – je nachdem, wer ihn äußert.
    Der Markt boomt. Ganze Staaten versuchen, den Weltmarkt mit Situationselastomeren zu bedienen. Wie immer ganz oben mit dabei USA, Russland und China. Aber auch Venezuela, die Türkei und Griechenland spielen in der oberen Liga mit.
    Und Österreich ist inzwischen auch schon auf dem Weg ganz nach oben…

  12. Reini

    … an Herrn Faymann – werden sie zurücktreten wenn Frau Merkel zurücktritt? … billiger wäre die Wiedervereinigung mit Deutschland, dann würden wir unsere Regierung einsparen!

  13. Thomas Holzer

    lese gerade auf “Phoenix”: “Brandenburg erhält 120 Millionen Euro als EU-Darlehen für Wohnungsbau für Flüchtlinge.
    Da wird ja der Herr Schelling hoffentlich auch bald vorstellig werden 😉

  14. sokrates9

    Georg Vetter@ Könnten sie mal die Kommentare, die hier und in wenigen anderen Zeitungen noch unzensuriert veröffentlicht werden Ihren Parteigenossen vorlesen und vielleicht in Großbuchstaben erklären?
    Vielleicht gibt es da 1 – 2 ÖVP -ler die dann zum Denken anfangen, warum sie früher “Repräsentanten des Volkes” geheißen haben!?

  15. Michael Haberler

    @Fragolin
    wie nicht anders zu erwarten bei einer Äusserung des Herrn F. in Sachen Migration, treten bei der Presse die Moderatoren routiniert an – “Helm ab zum Gebet!”, blockieren die Kommentarfunktion und leiten um auf das Überdruckventil “Themenforum” – offensichtlich wohlwissend, wie die Leserschaft auf die Faymannsche Logorrhoe reagieren wird.

    Aber immerhin kann man beim Society-Heuler “Gigi Hadid: Tommy’s neues Girl” noch kommentieren. Hat auch was!

  16. Thomas Holzer

    Wie nicht anders zu erwarten, wird die “Forderung” des Herrn Faymann langsam zu einem Bumerang; mittlerweile werden die 50.000 aus der Türkei auf die “Koalition der Willigen” anscheinend aufgeteilt, und nicht mehr auf alle EU-28………….und in ein paar Tagen wird der Herr Faymann alleine! auf den 50.000 Eingeladenen sitzen bleiben………..ob er auch dann seine Forderung aufrecht erhalten wird?!

  17. gms

    Michael Haberler,

    “wie nicht anders zu erwarten bei einer Äusserung des Herrn F. in Sachen Migration, treten bei der Presse die Moderatoren routiniert an”

    Jep, dafür bekommt unser Bundeskasperl bei der “Welt”, welche seine Wortspenden einsammelte und zur Schande Österreichs auch noch veröffentlichte [1], die entsprechende Abreibung im zum Artikel angeschlossenen Forenbereich.

    Fast ist man geneigt, das deutsche Schulsystem zu preisen, zumal bar jeden Zweifels nur braune, glatzköpfige Bomberjackenträger mit Springerstiefel in der “Welt” Skepsis wider den aktuellen Irrsinn und dessen geplante Steigerung artikulieren, dies aber in korrektem Deutsch, mit richtigen Prämissen und schlüssig darauf aufbauenden Gedankenketten, kombiniert mit Wissen, wie’s in Deutschland und anderswo auf dem Globus aussieht.
    Offenbar machen die Deutschen schulisch vieles richtig, wenn schon der gesellschaftliche Bodensatz, das Pack, das Dunkeldeutschland unseren obersten Regierungsvertreter wie einen ausgestopften Tanzbären vorführen kann.

    [1] welt.de/politik/ausland/article150051105/Oesterreichs-Kanzler-droht-den-Osteuropaeern.html

  18. Fragolin

    Auf Facebook schrieb der rumänische Premierminister Victor Ponta, dass „jene, die uns jetzt zur Solidarität mahnen, dieselben sind, die Rumäniens Schengen-Aufnahme blockiert haben“.
    Rumäniens Ex-Präsident Traian Basescu bezeichnete bereits im September Faymann als „Clown Europas“.
    Dem kann man nichts mehr hinzufügen.

  19. mariuslupus

    Breaking News: Papst spricht Mutter Theresa heilig. Um den Aufwand klein zu halten, erfolgt im Doppelpack die Heiligsprechung von Mutti Angela, als Zugabe die Seeligsprechung von Frater Werner. Auch Dummköpfe brauchen da oben einen Fürsprech.

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