Wir brauchen keine netten Politiker

Von | 1. Mai 2021

(Christian Ortner) Wenn Politiker bei ihrem Rücktritt Tränen in den Augen haben, können sie sich des Beifalls der Medien und großer Teile der Öffentlichkeit sicher sein. Das war bei fast allen Abgängen der vergangenen Jahre so, zuletzt etwa bei Rudolf Anschober, und wird auch künftig so sein. Weil nämlich erkennbar emotionsgeschüttelte Politiker – und seien sie es auch nur aus maßloser Überschätzung der eigenen Bedeutung – irgendwie „menschlich“ daherkommen, anstatt sich im gewohnten Panzer der Ratio einzubunkern. Besonders männliche Politiker können da punkten. Indem sie coram publico ein wenig flennen, entsprechen sie den zeitgenössischen Vorstellungen einer feminisierten Männlichkeit, die eher weich, emotional, aggressionsbefreit und extrem konsensorientiert daherkommt.

„Zurücktreten wie ein Mann“, lobte demnach der „Standard“ Anschobers Abgang und stellte eine Frage, die weit über den Anlass hinausweist: „Wenn von Anschobers Rücktritt als Fazit bleibt, dass der Mann einfach nicht hart genug für das tagespolitische Geschäft war, wäre das eine vergebene Chance darüber nachzudenken, ob es nicht umgekehrt ist: dass dieses Geschäft nämlich aktuell zu hart für alle Beteiligten ist.“ Ein Gedanke, der gerade in der Generation der Millennials, die Jobbewerbungsgespräche nicht selten mit der Frage nach der Work-Life-Balance und dem ersten Urlaubstag beginnen, auf Zustimmung stoßen wird.

Das Blöde daran ist nur, dass sich die kalte Wirklichkeit da draußen eher wenig für die sensiblen Befindlichkeiten der Bewohner einer im globalen Maßstab ebenso kleinen wie irrelevanten Komfortzone interessiert. Politik ist, jedenfalls oberhalb einer gewissen Geringfügigkeitsgrenze, ganz grundsätzlich ein extrem hartes, extrem anstrengendes Geschäft, in dem allzu sensible Charaktere wohl eher nicht ihr Glück finden werden und schon gar nicht das ihrer Wähler. Es gilt der alte Satz: Man soll nicht in die Küche, wenn man die Hitze nicht verträgt. Das gilt ganz besonders in der Kategorie der „Politik für Erwachsene“, also etwa der europäischen Führungsebene der Minister und Premierminister. Die Vorstellung, dass dort ein Politiker, „für den dieses Geschäft zu hart ist“, Europas Interessen gegenüber Charakteren wie dem im Geheimdienst gestählten Wladimir Putin oder dem eiskalten Machtmaschinisten Xi Jinping zu vertreten versucht, ist eher beunruhigend. Da würde man sich manchmal eher jemanden vom Zuschnitt eines Winston Churchill, eines General Charles de Gaulle oder notfalls zumindest eines Helmut Kohl wünschen, auch wenn deren Heulsusen-Qualifikation eher überschaubar war. Kompromisse zu finden, noch ehe überhaupt ein Konflikt sichtbar ist, gehört in dieser Gewichtsklasse eher nicht zu den wünschenswerten Primärtugenden.

Der Anspruch an Politiker, nette Menschen zu sein, ist ein weitverbreitetes Missverständnis – „nett“ ist keine politische Kategorie. Von einem Gesundheitsminister etwa erwarten wir zu Recht, dass er dafür sorgt, möglichst viele Leute möglichst schnell zu impfen – ob er dabei charmant und nett oder grob und ungut ist, ist irrelevant. Wer seinen Job als Politiker gut hinkriegt, wird dafür gewählt, auch ohne öffentlich zu flennen.  (WZ)

15 Gedanken zu „Wir brauchen keine netten Politiker

  1. Wolfgang Brunbauer

    Dilemma der Demokratie.
    Das Volk Demos ist verführbar.
    Glücklich wenn die Opinionleader klug sind und sauber sind.

  2. Susi

    Für mich hat „nett“ immer die Bedeutung von „einfältig“. Wer eigentlich keine Talente hat der ist meist „nett“, das passt immer irgendwie, hat aber meines Erachtens in der Politik NICHTS verloren. Hier werden Höchstgehälter bezahlt für LEISTUNG und KOMPETENZ sowie EINSATZ und ZIELSTREBIGKEIT, ENTSCHLOSSENHEIT und ZUVERLÄSSIGKEIT. DURCHHALTEVERMÖGEN ist eine der wichtigsten Eigenschaften, denn die Minister/Politiker wechseln ja ständig ihre Ressorts (bei SOFORTIGEM hohen Gehalt) und müssen sich erst in die Materie „einlernen“.

  3. Kluftinger

    Ähnliche Situation mit Frau Gewessler: „wir müssen etwas tun“ und Tränen in den Augen wegen des weiteren Frauenmordes. Die Tat ist grausig und fürchterlich, aber die Befindlichkeit eines Ministers, Ministerin kann nicht politisches Handeln ersetzten. Dazu haben wir die Gesetze und den Staatsapparat.
    Man warnt immer wieder vor „Anlassgesetzgebung“, meist aus einer problematischen Situation heraus.
    Genau das ist aber die Reaktion auf den bereits 9. Frauenmord in diesem Jahr. Und weitere Ministerien stimmen in den Chor „wir müssen etwas tun“ ein. Haben die noch immer nicht gelernt, dass Betroffenheit keine Problemlösung ersetzt?

  4. Johannes

    Selbst wichtige Staatsbesuche der EU – Kommissionspräsidentin und des Ratspräsident werden auf Grund von oberflächlichen , verweichlichten Vorstellungen wie man seine Macht einzusetzen hat verhunzt.

    Wenn Tage nach einem Besuch der obersten EU-Führung in der Höhle des osmanischen grauen Wolfes die einzige Erkenntnis gewonnen werden kann, dass Europa alles tun wird um die Türkei ihrem Ziel näher zu bringen, so ist das bezeichnend.

    Wenn Tage nach diesem Canossa- Gang ein großes Geschrei in Europa einsetzt, nicht wegen der Versprechen an Erdogan, sondern wegen einer Sitzordnung darf man sich fragen ob man als Bürger (ausnahmsweise) selbst weinen oder doch lieber lachen soll.

    Der Ratspräsident lässt wissen er habe nächtelang nicht geschlafen und würde, wenn er die Zeit zurückdrehen könnte alles anders mache.
    Frau UvdL sagte sie habe sich als Frau gekränkt und als Politikerin von Männern diskriminiert gefühlt.

    Somit wurde, meiner Meinung nach, durch diese Sofageschichte das ganze Dilemma europäischer Wohlfühlpolitik aufgezeigt.

    Die Berührtheit von Gewessler läßt mich ratlos zurück. Muss ich nun das nicht Weinen bei anderen Verbrechen als nicht Betroffenheit interpretieren?

  5. GeBa

    😤 Solche Politiker machen sich höchst lächerlich und man muss doppelt froh sein wenn man sie los ist!

  6. Rado

    Habe den Exminister Rudi A. Eigentlich nie als „nett“ empfunden. Frage mich wie man darauf kommt. Jemand der mit Erwachsenen immer so redet, als wären es Schwachsinnige Fünfjährige. Fand sein Auftreten immer extrem provozierend. Vor allem, wenn man bedenkt, welchen inhaltlichen Unsinn er dabei von sich gab, ohne rot zu werden.

  7. Rado

    Habe den Exminister Rudi A. Eigentlich nie als „nett“ empfunden. Frage mich wie man darauf kommt. Jemand der mit Erwachsenen immer so redet, als wären es Schwachsinnige Fünfjährige. Fand sein Auftreten immer extrem provozierend. Vor allem, wenn man bedenkt, welchen inhaltlichen Unsinn er dabei von sich gab, ohne rot zu werden.
    Seine Heulerei zum Abschied war mM. eine Sondervorstellung in Selbstmitleid eines Narzisten. Aber mehr schon auch nicht.

  8. aneagle

    Wer einem Volkschulehrer ein Ministergehalt zahlt, darf sich nicht wundern wenn er dafür infantile Babyelefanten bekommt. Helmut Zilk war die Ausnahme von der Regel

  9. hausfrau

    Es scheint überhaupt eine Zeitqualität heutzutage zu sein, daß nur mehr Empfindungen richtig und wichtig wären und Sachlichkeit sofort verdächtig. Heute bestimmt „Haltung“, natürlich nur die „richtige“, ansonsten ist man sofort rechtsextrem.
    Selbst die vergossenen grünen Tränen angesichts der ermordeten Frau vom richtigen Täter, die aber komplett nicht Gefühl auslösenden fehlenden bei der angezündeten Trafikantin vom falschen Täter sind einfach w-i-d-e-r-l-i-c-h. Sogar den Präsidenten hat das aus seinem Dauerschläfchen geweckt, daß es ihm glatt eine Meldung wert war.

  10. Kritikus

    Bei dem Ganzen fällt vielleicht nicht nur mir auf, dass es den Begriff/Bezeichnung „Staatsmänner“ von einem Schlage wie Helmut Schmidt, Bruno Kreisky, Helmut Kohl u.a. offenbar auch nicht mehr gibt, entsorgt… Sinngemäß müßte man nach der einzuhaltenden PC „Staatsfrauen“ sagen, geht wohl nicht, will man nicht. Staat? Was? Pfui..So wird einer ständigen Verweichlichung notwendig vor allem im harten und notwendigen Verhandeln und Verhalten, (Haltung,m vor allem Auftreten die Frauen absolut auch haben können: siehe Margret Thatcher ) den erwähnten Herren wie Erdogan, Putin&Co gegenüber deren Verhalten eben leider immer wieder bestätigt – das wird sich nicht ändern.

  11. Allahut

    Anschober wurde sogar gelobt, weil er Fehler zugegeben hat, als ob das eine besondere Leistung wäre, hat eh jeder gesehen, dass er total überfordert war. Zudem waren seine Auftritte stets extrem nervig, besonders wenn er seine Tabellen in die Kamera gehalten hat. Aber der Rest der Regierung ist auch nicht viel besser, besonders viel intellektuelle Kapazität wird da nicht vorhanden sein.
    Und was sich an der EU-Spitze „dummelt“ ist ohnehin nur peinlich, und diese Leute zählen sich tatsächlich zur Europas Elite.

  12. Selbstdenker

    Mich widert diese medial verbreitete Emotions- und Betroffenheitsp0rn0graphie einfach nur an. Häufig stecken ganz profane Motive dahinter:

    Zum Beispiel, wenn sich ein selbstüberschätzender Politiker durch sein öffentliches Geflenne aus der Verantwortung zieht. Oder wenn Politiker*Innen nach geeigneten Anlässen suchen, um einem Feindbild, das sie als statistische Kategorie definieren, eines überzubraten.

    Wenn ein Pharisäer öffentlich heult, ändert dies nichts daran, dass er oder sie ein Pharisäer ist.

  13. Selbstdenker

    Wenn jemand Empathie verdient, so sind es Menschen, die selbst nach persönlichen Katastrophen zumindest noch den Anschein einer Gefasstheit vermitteln und eine gewisse Würde wahren wollen.

    Es ist aber nicht weiter verwunderlich, dass desensibilisierte Voyeure den emotionalen Schein mehr zu schätzen wissen als reale Schicksale: „we had a good cry“.

  14. Falke

    Wir erwarten vom Gesundheitsminister keineswegs, „dass er dafür sorgt, möglichst viele Leute möglichst schnell zu impfen“, sondern dass er dafür sorgt, dass sich möglichst viele Leute möglichst schnell impfen können, wenn sie wollen. Das ist wohl ein ganz wesentlicher Unterschied.

  15. CE___

    @ Falke

    „…dass sich möglichst viele Leute möglichst schnell impfen können, wenn sie wollen…“

    Und dass „Wollen“ ohne auch nur Nötigung, oder gar Zwang.

    Übergriffige, Politiker spielende Typen, die mir im wahrsten Sinne des Wortes an das Leder und unter die Haut wollen, dürfen gerne, sogar sehr, „nett“, sprich inkompetent sein, damit diese ihr verwerfliches Vorhaben schön vermasseln.

    Denn umso kompetenter solche Typen sind, umso brandgefährlicher für mein Leben, meine Gesundheit und mein Vermögen.

    Ich denke auch ein Herr Ortner wünscht sich keinen harten kompetenten Hund‘ wenn es an Enteignungen des eigenen Vermögens etc. geht was aufgrund der Virus-Chose so einmal nicht ausgeschlossen werden darf, und sei es nur durch Inflation und Teuerung.

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