Wie wir Amerikaner wurden

(C.O.) Im Juli 2015 reist der deutsche Journalist und Schriftsteller Helmuth Karasek mit seiner Frau nach Südfrankreich, um dort die Sommerferien zu verbringen. Im Gepäck hat er ein soeben begonnenes Buchmanuskript, das er nun fertigstellen will. “Nach dem Krieg – Wie wir Amerikaner wurden” soll der Band heißen. Doch dazu wird es nicht kommen. Der langjährige Kulturchef des “Spiegel”, vielen bekannt aus dem “Literarischen Quartett” der ARD, erkrankt nach kurzer Zeit, die Diagnose lautet “Krebs”. Nur sieben Wochen später stirbt er.

Jetzt, über ein Jahr später, ist das Buch doch noch erschienen, fertiggestellt von dem Publizisten Michael Seufert, einem der engsten Freunde Karaseks. Eine nicht ganz einfache Arbeit, der sich Seufert aber mit Bravour gestellt hat. Ordentlich sortiert in 53 Kapitel, die eigentlich abgeschlossene Erzählungen sind (“Vor und nach dem Endsieg”, “Tropfende Nylonhemden”, “Schwul”, “Die Sünderin” oder “Entenschwanz und Nietenhosen”), zieht Karasek einen klug geschrieben, oft amüsanten, gelegentlich etwas klatschsüchtigen und stets recht persönlichen literarischen Bogen vom Zusammenbruch des Dritten Reiches bis in die 1960er Jahre.

Die USA stehen für Freiheit
Politische Betrachtungen mischen sich mit offenherzig beschrieben Frauengeschichten des Autors (“Sie trug gern grob gestrickte schwarze oder rote Rollkragenpullover, die ihre üppigen Formen wirkungsvoll an Hüfte und Busen unterstrichen”), die schrägen Moden und Lebensstile der Nachkriegszeit skizziert er so witzig wie treffsicher, und immer wieder kommt er auf das Hauptthema zurück: die Verbreitung des “American Way of Life”. “Wenn ich an die 60er-Jahre denke, dann fällt mir ein Amerika ein, das vor Selbstbewusstsein nicht einmal strotzen musste”, beschreibt Karasek seinen amerikanischen Traum, “New York City war die Hauptstadt der Welt, auch kulturell, auch trotz Hollywood, und an der Madison Avenue saßen all die gut gebügelten, geschniegelten, gekämmten Bürohengste mit glatt polierten Schuhen und gut sitzender Krawatte über einem garantiert faltenfreien Hemd und tranken zum Mittagessen ihren ersten Cocktail, meist einen trockenen Martini, denn sie waren ja harte Männer mit harten Kinnladen und einem blitzenden Gebiss. Im Lift zogen die Männer den Hut vor den Damen und guckten völlig unverblümt auf deren Brüste, die man ,Atombusen‘ nennen durfte.”

Amerika, das ist für Karasek der Gegenentwurf zu Nazi-Deutschland und dem ihm genauso verhassten Sowjet-Stalinismus, den er als “schleichendes, bedrohliches Gift” beschreibt. Amerika, das war für ihn Marylin Monroe und Cole Porter, Glenn Miller und Elvis Presley, Hemingway und Scott Fitzgerald Wolkenkratzer und Highways, Häuser mit Vorgärten und Flaggenmast, Unis, an denen hitzig politisch diskutiert wurde, John Updike und Philip Roth, Nylonhemden und Petticoats. Vor allem aber ist Amerika: unglaublich frei. Und bot den Deutschen damit ein völlig neues Wertesystem, eine neue Identität und das Versprechen auf ein selbstbestimmtes, freies Leben.

Und auch auf ganz neue Alltagsgewohnheiten: “Aus Amerika waren ohnehin die neuen Grundsätze einer Hygiene der makellosen Sauberkeit nach Europa herübergeschwappt: Dusche anstelle von Badewanne mit Schmutzkruste und gekrümelten Schmutz-Seifen-Partikeln; Wäsche, vor allem Unterwäsche, wurde täglich gewechselt in den USA, munkelte man mit bewunderndem Kopfschütteln; Socken mit Löchern wurden gar weggeschmissen, eine gefährliche Attacke auf das deutsche Stopfei in der Hand der deutschen Hausfrau.”

Obwohl Karasek kein Hehl daraus macht, wie positiv er dem gesellschaftlichen Transformationsprozess jener Tage gegenübersteht, betreibt er keine Verklärung. “Die Zeit nach 1945 zeigte uns beide Seiten dieses amerikanischen Traums – die harte, rücksichtslose der kapitalistischen Ellbogen-Gesellschaft wie auch die bequeme des ,Easy-going‘, des Leichtnehmens und des Komforts. In diesem Sinne sind wir längst Amerikaner geworden,” notiert er am Ende des Buches. Man kann es als bittere kleine Pointe der Geschichte betrachten, dass des Autors Liebeserklärung an die USA just zu dem Zeitpunkt erscheint, da Donald Trump zum Präsidenten gewählt wird, ein Mann, der nicht so recht für jenes Amerika steht, das Karasek so bewundert und geliebt hat.

SACHBUCH

Nach dem Krieg.

Wie wir Amerikaner wurden. Hellmuth Karasek

Nachwort von Ulrich Wickert Europa-Verlag

328 Seiten, 19,99 Euro

6 comments

  1. Fragolin

    Wieso soll Trump nicht für genau jenes beschriebene Amerika stehen? Ganz im Gegenteil er steht mehr dafür als die gelackte Neoprogressiven-Schickeria rund um den abgewählten Clinton-Clan.
    Trump, das ist der Typ aus dem harten Kapitalismus, der mit hartem Kinn und Designerhemd und frisch geföhntem Mottenfiffi nach seinem Frühstückswhisky in den Lift steigt und freundich grüßend der anwesenden Damenschaft ungeniert auf die Möpse gafft. Er verkörpert genau jenes Selbstbewusstsein, vor dem Amerika nicht einmal strotzen muss.
    Also, bei allem Verständnis für Seitenhiebe, der hier geht aber sowas von vollkommen am Thema vorbei, dass man ihn sich auch hätte sparen können.

  2. Manuel Leitgeb

    Stimmt, Trump ist das falsche Beispiel.
    Besser wären die Unis gewesen, weil sie auch im Text vorkommen. An immer mehr wird heutzutage nicht mehr diskutiert, da die “Schneeflöckchen” von Studenten es nicht aushalten mit einer anderen Meinung konfrontiert zu werden und “safe spaces” und “trigger warnings” brauchen.
    Und wenn etwas nicht nach ihrer Meinung geht (z.B. Präsidentenwahl), dann schreien, heulen und stampfen sie mit den Füßen wie kleine Babies.

  3. Falke

    Vor allem steht Trump für das (ehemals?) “meinungsfreie” Amerika, also die nicht durch die strenge bis lächerliche “political correctness” eingeengte Gesellschaft, deren Symbol geradezu Hillary Clinton ist (bzw. war). Genau diesem “neuen” Amerika haben die Wähler eine kräftige Abfuhr erteilt, von der sich die sogenannte “Elite”, die vor allem in Washington beheimatet ist (dort hat ja Clinton an die 90% bekommen), immer noch nicht erholt hat.

  4. stiller Mitleser

    Ach, die lebhaften Diskussionen der ( nicht-Nazi) Familie mit meinem um ein Jahrzehnt älteren Bruder, dem “Amerikaner”, (der durch die Geschenke einer in London lebenden Tante und die Vorkriegstradition allerdings auch etwas britisiert wurde; man unterschätze in Familien nie die Tanten) !
    Dabei waren all die Herausforderungen eigentlich Wirkungen der europäischen Emigranten: Soziologie, div. Empirismen und die Hervorbringungen jener Remigranten, die in der Zwischenkriegszeit vor dem amerikanischen Puritanismus nach Europa geflohen waren. Vielleicht wäre auch interessant Parallelen zwischen städt. Büro-und Angestelltenkultur in Berlin (Kracauer, Ornament der Masse) und NY zu beleuchten.
    Ab Kennedy (und Jackie!) wurde dann aber alles leichter und “kultivierter”, da ähnlicher, und wäre dann nicht schon bald “le mai” gekommen, hätt´s für die kleine Schwester gar keine eigene Revolte mehr gegeben.

  5. sokrates9

    Ich glaube auch, dass Trump das “freie Amerika” wesentlich mehr verkörpert als die Clintons mit ihrer sozialistischen PC – Keule die die Leute erziehen wollen! Gewisse Naivität, brutales Durchziehen seiner Pläne, perfektes Marketing, eindimensionales Denken ( we are not chessplayer, we are baseballer – hit and run) ist doch die Lebensphilosophie Amerikas!

  6. Rennziege

    Danke für diese Buchempfehlung; ich kenn’ zwar den Karasek nur aus den begeisterten Erzählungen meines alten Herrn, der ihn als geistigen und sprachlichen Ösi einordnet. Egal, wo und wie er wurzelt, ich werde sein teilweise posthumes Buch kaufen, allerdings das Nachwort des in Styropor gehüllten Herrn Wickert ungelesen rausreißen, denn er kann und konnte einem Hellmuth Karasek keine halbe Gehirnzelle reichen. (Dieser einstige Nachrichtenvorleser sollte wissen, was die Hausverpackungs-Lobby anrichtet, in deren Sold er steht.)

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