Wo bleibt die homöopathische Verhütungsmethode?

(EDMUND BERNDT) Kann ein modernes Gesundheitswesen seine Aufgaben erfüllen, wenn seine Medizin und seine Pharmazie mit Esoterik überfrachtet werden und sich Aufklärungsfeindlichkeit breitmacht? Die Antwort ist ein klares „Nein“. Aber es scheint trotzdem zu funktionieren. Die Zahlen sprechen für sich.

Die postmoderne pseudowissenschaftliche Bioromantik, voller Schwingung, die den Bildungshintergrund alternativer und ganzheitlicher Medizin abgibt, hat religiös- transzendente Hypothesen in heilige, allmächtige Bioinformation umgewandelt. Heute heilen nicht mehr Rosenkranzperlen und Weihwasser, sondern Globuli und Granderwasser, weil daran geglaubt wird.

Im Grunde geht es um einen so genannten Relativismus. Nach welchen Kriterien und Grundannahmen soll in der Medizin und überhaupt entschieden werden. Wenn abergläubischen und magischen Ansichten der gleiche Stellenwert wie wissenschaftlichen Erkenntnissen und Naturgesetzen eingeräumt wird, muss alles, auch das Absurde, gelten. Es gibt dann auch nichts Absurdes mehr. Alles ist gleich wahr und es gibt dann auch keine gültigen verbindlichen Entscheidungsgrundlagen mehr. Denken wird überflüssig und kann abgeschafft werden. Was in der Gesellschaft bei den Religionen gilt, gilt auch in der Medizin. Die Position „alles geht“ führt in das Nichts.

Dass an Homöopathie geglaubt wird, ist längst keine Einzelerscheinung sondern allgemeiner Konsens. Die Homöopathie wirkt als Ideologie über den Bereich Medizin hinaus. Warum und wie weigern sich die Menschen quer durch die Gesellschaft, die naturwissenschaftliche Aufklärung anzunehmen?

Homöopathie dringt aus der Medizin in den Alltag vor

Die Attraktivität ist ungebrochen. Nahezu alles kann irgendwie homöopathisch behandelt werden. Auch Seuchen wie Ebola werden zum Ziel homöopathischer Behandlungsphantasien. Selbstverständlich gehört heute die Homöopathie zum Repertoire der Veterinärmedizin. Haus- u. Nutztiere werden behandelt und auch im Gartenbau wird Homöopathie angewendet. Und wenn es zusätzlich gemacht wird, dann wirkt es ganz sicher, oder?

Der Aberglaube Homöopathie ist nämlich längst nicht mehr eine medizinische Behandlungsmethode in engerem Sinn. Die magischen Grundlagen des Gesundheitsaberglaubens Homöopathie finden in allen erdenklichen Lebensbereichen Anwendung. So werden auch Pflanzen schon homöopathisch behandelt. Gemäß dem Leitdogma „Gleiches heilt Gleiches“ werden mit Helix tosta Globuli (geröstete Schnecke) Gartenschnecken in Schach gehalten. Homöopathische Informationen werden zur Verbesserung des Wohnraumklimas an die Wand gemalt. Auch bei Mauerentfeuchtungsgeräten – ein eigenes Tummelfeld für Pseudotechnik – wird mit Homöopathie argumentiert.

Es wird eine Wirksamkeit vorgegaukelt. Die unüberbrückbaren Ungereimtheiten und Gegensätze zu Wissenschaft werden hinter transrealen Vorstellungen versteckt. Der Begriff „Homöopathie“ wurde zum Zauberwort. Nichts und niemand hindern, dieses magische Wort auf jeden nur denkbaren Nonsens umsatzsteigernd draufzukleben. Absolut jeder der will, kann sich als Homöopath bezeichnen, sich auf die Homöopathie berufen und irgendwelchen kruden Mittel und Verfahren zumindest das Markenzeichen Homöopathie umhängen. Daran stößt sich auch in der akademischen Homöopathiegemeinde niemand.

Allerdings von Empfehlungen zur Empfängnisverhütung mittels Homöopathie konnte ich bis dato nichts bemerken. Ein katholischer Arzt, der als „Schulmediziner“ bezeichnet wurde, hatte laut angedacht Homosexualität mit Homöopathie zu heilen. Ich darf wiederholen. Es gibt keine ernsthaften Einwände oder laute Proteste gegen diese und andere Skurrilitäten seitens ärztlicher Homöopathiegesellschaften.

Mit der allmächtigen Homöopathie kann man auch das Weltmeer kurieren und Sushi und Kabeljau schmecken wieder. Grace DaSilva-Hill, eine gut bekannte britische Homöopathin startete eine Kampagne zur ihrer Rettung. Sie appellierte schriftlich an andere Homöopathen, Leuticum, eine Lues-Nosode, ins Meer zu tröpfeln. Nach Grace DaSilva-Hill soll man, wenn das Meer zu weit weg ist, das Mittel einfach in einen Bach oder Fluss träufeln. Und wenn auch das auch nicht möglich ist, genügt es auch, das Mittel über die Toilette runterspülen. Homöopathie kennt keine Grenzen.

Aber damit sind die Anwendungsphantasien noch lange nicht ausgereizt. Falls nämlich das Mittel nicht erhältlich ist. – unglaublich, aber wahr. – genügt es auch, liebe- u. hingebungsvoll ein Glas Wasser mit dem Namen des Mittels zu besprechen und Abrakadabra die Weltmeere heilende Information wird – sie ahnen es – schwuppdiwupp im Wasser gespeichert und kann dann, wenn es nicht anders möglich ist, auch per WC ins Meer gespült werden. Merke: Kein Wasser ist zu blöd, um heilende Informationen speichern zu können. Wasser besteht jede Pisastudie. Homöopathisch informiertes Wasser hat Hochschulreife!

Was für aufgeklärte Zeitgenossen ein kurioser Aberglaube ist, gilt für Anhänger als unbedingt wahr also für mehr als nur irgendwie wahrscheinlich oder zufällig. Dafür gibt es verschiedene Gründe und Erklärungen, die nicht isoliert zu sehen sind, die ineinander übergehen und die mit dem Phänomen Aberglaube zusammenhängen.

Mit pseudowissenschaftlichen Argumenten wird das Unwahrscheinliche logisch gemacht und charismatische Scharlatane – heute Gurus oder Wunderheiler genannt – verkünden das neue Heil. Und auch die Anhänger von alternativen, komplementären und ganzheitlichen Heillehren und Modeströmungen streben unter Berufung auf Demokratie und Meinungsfreiheit nach Gleichberechtigung und verlangen immer vehementer die Integration. Das Qualitätskriterium ist die offensichtliche Beliebtheit, mehr nicht. (Edmund Berndt war Apotheker und ist Autor von “Der Pillendreh – Ein Apotheker packt aus”)

55 comments

  1. Dr. E. Berndt

    @Christan Peter

    Mir fehlen die Argumente…. na da bin ich aber sehr überrascht.
    Ich denke es ist umgekehrt.

    Vom schlauen Leben im Dogma

    Das Leben im Dogma bewahrt uns vor quälender Skepsis und vor dem unbekannten und damit gefährlichen Wissen. Das Dogma bietet Sicherheit vor störenden Unsicherheiten. Wehe, wenn das Dogma erschüttert wird, dann müsste man sich womöglich eingestehen ein Depp gewesen zu sein. Und man müsste vor allem mehr überlegen, warum man etwas macht und gewohnte Abläufe hinterfragen. Daher einmal Dogma und immer Dogma. Das Dogma verteidigen ist leichter als aus diesem Gedankenkäfig auszubrechen.

    Und es ist ja so leicht weiterhin gläubig zu sein. Man macht es ohnehin automatisch. Man lernt rasch nur das zu sehen, was das Dogma scheinbar bestätigt. Alles andere übersieht man großzügig und das ist auch gut so. So kommt keine kognitive Dissonanz auf.

  2. Christian Peter

    @Dr. E. Berndt

    Alle Wissenschaften beruhen auf Dogmen (Lehrsätzen, Meinungen), auch Naturwissenschaften. Kann daher nicht nachvollziehen, was für ein Problem Sie mit Dogmen haben.

  3. Dr. E. Berndt

    @Christian Peter
    Ich Weltbild beruht auf Dogmen, deren zentrales Kennzeichen es ist unveränderlich und apriori richtig und wahr zu sein.
    Wissenschaft ist komplett anders. Sie sollten ihre Beschränkung nicht auf andere umlegen um sich selbst zu beweisen.

  4. Christian Peter

    @Dr. E. Berndt

    Ohne Dogmen gibt es keine Wissenschaft, denn jede Wissenschaft beruht auf Dogmen (Lehrsätzen, Annahmen). Die abwertende Verwendung des Begriffs in der von Ihnen beschriebenen Bedeutung ist nur im umgangssprachliche Gebrauch üblich. Die Homöopathie beruht auf einem anderen Dogma als die klassisch – schulmedizinischen Methoden.

    http://www.mat.univie.ac.at/~neum/sciandf/ger/dogma.html

  5. Dr. E. Berndt

    Lieber Herr Peter!

    Die Wissenschaft beruht nicht auf Dogmen. Weder eine Hypothese noch eine Theorie und auch keine naturwissenschaftliche Erkenntnis, das sind bewährte Theorien mit höchster Voraussagekraft, sind Dogmen.
    Dogmen sind nicht hinterfragbare Glaubensgrundsätze, wie z.B. die Dreifaltigkeit. Die Theorie der Schwerkraft nach Newton, ist auch kein Dogma sondern eine hervorragende Theorie mit größter Bewährung. Einstein hat diese Theorie nicht widerlegt sondern erweitert und was besonders wichtig ist, seine Relativitätstheorie schließt die Theorie der Schwerkraft von Newton mit ein. Newton stimmt ja nach wie vor, wenn man in Bereichen arbeitet, wo die Lichtgeschwindigkeit noch keine Bedeutung hat.

    Hahnemann hat sein Lehrgebäude zwar auf den Theorien oder Hypothesen, wir wollen nicht streiten was die besseren Bezeichnungen wie auch immer sind, eines Simileprinzips, einer Potenzierung, einer universellen Lebenskraft und Heilkraft aufgebaut-
    Alle diese Begriff sind mittlerweile wertlos geworden, weil sie sich überholt haben, als wertlos und gegenstandslos erwiesen haben.
    Aber weil sie eben nicht als Hypothesen etc. formuliert worden sind sondern als DOGMEN , bestimmen diese
    Grundlagen, denen jede Bestätigung und jede Bewährung fehlt, nach wie vor die Lehre der Homöopathie . Sie sind obwohl seine Hirngespinste, Grundlage für jede Art von Homöopathie.
    ALSO BITTE NICHT BLÖD MELDEN; DASS WISENSCHAFT AUF DOGMEN AUFBAUT!
    In den 200 Jahren nach Hahnemann hat sich die gesamte Wissenschaft in ungeheurer Weise entwickelt. Das wissenschaftliche “Gebäude” ist breiter, die Fundamente sind tiefer und es ist höher geworden. Alle Theorien und Erkenntnisse passen zu einander widerspruchsfrei und sind in allen Gebieten durchgehend gültig.
    Nur die Vorstellungen des Herrn Hahnemann haben darin keinen Platz.
    Und ich darf wiederholen, dass weder Sie noch irgend jemand anderer irgend eine naturwissenschaftliche Erkenntnis oder irgend eine valide und evidente Behandlungsmethode nennen kann, die sich aus der Homöopathie entwickelt hat.
    Selbstverständlich können sie wann immer Sie wollen, das “Credo in unum Hahnemann” beten und Globuli schlucken soviel und sooft sie wollen, aber das hat nichts mit Wissenschaft oder Medizin mehr zu tun.
    Nur wenn Sie behaupten, dass die Wissenschaft auf Dogmen ruht, dann haben Sie den Witz der Wissenschaft nicht kapiert.

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