Zeitgeschichte: Wenn Stalin schwieg…

Von | 14. April 2017

„…..Damit wichtige Telefonate nicht über Leitungen geführt wurden, bei denen die Telefonistinnen die Gespräche jederzeit mithören konnten, hatte Lenin im Kreml für die Parteispitze eine Spezialanlage ohne Vermittlung installieren lassen. Ein solcher automatischer Anschluss galt als das wichtigste Kennzeichen für die Zugehörigkeit zum Inner Circle der Bolschewiki. Stalin ließ nach Lenins Tod insgeheim eine Manipulation an der Anlage vornehmen, von der nur sein Sekretär Boris Baschanow etwas mitbekam. Baschanow, der im Januar 1928 über den Iran in den Westen floh, lüftete das Geheimnis später in seinen Memoiren. Eines Tages im Jahr 1925 betrat er Stalins Büro und fand seinen Chef telefonierend. Allerdings zog sich das Telefonat in die Länge, ohne dass der Generalsekretär ein Wort sprach, was ungewöhnlich war. Baschanow fiel alsdann auf, dass bei allen vier Apparaten auf dem Schreibtisch die Hörer auf ihrer Gabel lagen, während Stalin „den Hörer irgendeines seltsamen und mir verborgenen Telephons ans Ohr hielt, dessen Schnur in seine Schreibtischlade führte“. Augenscheinlich belauschte der rote Zar andere Telefonate.

Der Sekretär begriff, dass sich in dessen Schreibtisch „eine Zentralstation befinden musste, mit deren Hilfe er jedes beliebige Gespräch abhören konnte, einschließlich der über die automatische Anlage geführten. Die Regierungsmitglieder, die über diesen ‚Selbstanschluss‘ sprachen, waren fest davon überzeugt, dass man sie nicht abhören konnte und redeten daher völlig offen, so dass man alle ihre Geheinnisse erfuhr.“ In seinem Kampf um die Macht, resümiert Baschanow, sei dieser geheime Apparat für Stalin von enormer Wichtigkeit gewesen, so habe er all die Trotzkijs, Sinowjews und Kamanews lange ausspionieren und Material gegen sie sammeln können. „Ein kolossales Machtinstrument! Stalin war der einzige Sehende unter ihnen, alle anderen waren blind. Und sie ahnten nichts, ahnten jahrlang nichts…“
(Boris Baschanow: Ich war Stalins Sekretär, Berlin/Frankfurt/M. 1977, S. 50/51)

7 Gedanken zu „Zeitgeschichte: Wenn Stalin schwieg…

  1. Der Realist

    einen Sehenden könnte auch wir gebrauchen

  2. Falke

    Offenbar der Vorläufer und Lehrmeister der NSA.

  3. Thomas F.

    Kann nur seine unmittelbaren Speichellecker getroffen haben. Tun mir nicht leid.

  4. mariuslupus

    Jossif Vissarionotwisch Dschugaschwilli, noch immer ein leuchtendes Vorbild. War einer der grössten Verbrecher der Welgeschichte, aber dank der Liebe siener Untertanen und den Alkommunisten in Europa, ist er ein Held, ein Held der Sowjetunion.

  5. Fragolin

    @mariuslupus
    …dem auch die austriakischen Roten bis heute an einem eigenen Denkmal in Wien huldigen.

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