Zitat zum Tag

Von | 2. August 2016

Jedenfalls haben die Deutschen durch ihr Zurückfallen von der Spitze aufgehört, Sonderschüler der Demokratie zu sein, bei denen man dauernd den Schulpsychologen bestellt. Sogar die wachsamen Mahner, die den Deutschen Rückfallneigungen und Mördergene andichten wollten, haben es jetzt um vieles schwerer. Kein Volk kann gewöhnlicher sein, als die Deutschen es heute sind. (Peter Sloterdijk)

3 Gedanken zu „Zitat zum Tag

  1. Thomas Holzer

    Dieses Zitat stammt aber sicherlich nicht aus der jüngsten Zeit 😉

  2. gms

    Thomas Holzer,

    Das Zitat stammt vom August 2004 [1]. Damals war die BRD der sprichwörtlich kranke Mann Europas und für Sloterdijk Anlaß, das Geschäft mit der “ewig deutschen Schuld” zu hinterfragen.

    Sloterdijk: [..] Jetzt endlich sind wir, die notorischen Ausreißer der Geschichte, vom Hauptfeld eingeholt worden.
    SPIEGEL: Also findet das Land in der Krise zu seiner Normalität?
    Sloterdijk: Jedenfalls haben die Deutschen durch ihr Zurückfallen von der Spitze aufgehört, Sonderschüler der Demokratie zu sein, bei denen man dauernd den Schulpsychologen bestellt. Sogar die wachsamen Mahner, die den Deutschen Rückfallneigungen und Mördergene andichten wollten, haben es jetzt um vieles schwerer. Kein Volk kann gewöhnlicher sein, als die Deutschen es heute sind [..] Man sollte im Rückblick nicht übertreiben. Als meine “Kritik der zynischen Vernunft” erschien, 1983, hatte sich die radikale Linke hauptsächlich mit tragikomischen Wiederholungsszenarien aus den dreißiger Jahren beschäftigt. Wir haben von 1967 bis zur Baader-Meinhof-Krise 1977 Volksfront gespielt und tapfer Hitlers Aufstieg verhindert. Doch immerhin, man hatte ein Drehbuch, auch wenn es um ein halbes Jahrhundert verrutscht war. Heute hingegen fehlt ein Spielplan für die Linke, ob gemäßigt oder radikal. Die Altersgruppe, die jetzt in Stellung ist, bildet die verwirrteste Generation der deutschen Geistesgeschichte.

    Wozu dieser sorgsam implantierte Nationalmasochismus führte, erleben wir heute live und in Farbe, was es damit aufsich hat, wurde speziell mit Blick auf heute von Sloterdijk prophetisch im selben Interview von 2004 schon genannt: “Deutsche Reue war ein Markenartikel auf den Moralmärkten der Welt. [..] Man sollte vielleicht begreifen, dass das deutsche Parteiensystem seit bald 25 Jahren den Wählern die Auswahl zwischen vier Spielarten von Sozialdemokratie anbietet.”

    Das Interview führte übrigens Matthias Matussek, der wegen seines (sinngem.) “nichts hat mit nichts zu tun” Spruches ebenso beruflich kaltgestellt wurde, wie andere namhafte Kritiker des vorherrschenden Unzeitgeistes. Sloterdijk steht heute noch halbwegs aufrecht, trotz der unzähligen Attacken wider ihn.

    [1] spiegel.de/spiegel/print/d-31900180.html

  3. astuga

    Am kollektiven Verhalten der Deutschen (Vorsicht: grobe Verallgemeinerung!) und ihrer Regierung finde ich gar nichts normales oder gewöhnliches.

    So wie die österreichische Mischung aus Schlendrian und Hinterherdackeln auch nicht als normal zu bezeichnen ist.
    Höchstens als Normalität des Irrsinns.

    Nachsatz: Zwangsläufig gibt es aber auch in beiden Ländern gegenläufige Bewegungen.

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