7 Gedanken zu „Zitat zum Tage

  1. gms

    Daß man so einen Spruch ausgerechnet im Zentralorgan des Neoliberalismus lesen kann, dünkt gar eigentümlich. Andererseits verwundert es auch nicht, leben wir doch in einer Zeit der konsequenten rhetorischen Aufrüstung, wo jedes Wort, das nicht bei drei auf den Bäumen ist, Gefahr läuft, zum Kampfbegriff geadelt zu werden, mit der sich einer Debatte mit wenigen Silben der Stecker ziehen läßt. Offensichtlich färben einmal mehr linke Untugenden auch auf jene ab, die es mit einem Mindestmaß humanistischer Bildung eigentlich besser wissen sollten.

    Jede Ideologie ist in der Tat eine Ordnung, die taxfreie Klassifizierung jedoch als ein Produkt fehlenden Weiterdenkens ist so tragfähig wie die Behauptung, Mathematik behandle nur ganze Zahlen. Zugleich muß der Mensch erst noch geboren werden, der nach seiner Pupertät nicht soetwas wie ein Weltbild (Idee = Vorstellung, logos = Wort, Sinn) hat, ein inneres Bild von sich zur der ihn umgebenden Gesellschaft und etwas, das einem halbwegs brauchbaren Wertekanon darstellt basierend auf dem, was er selbst bisher als gerecht oder unfair empfand.

    Geht es nach überzeugten und intellektuellen Sozialisten, sprich solchen, die die Lehren ihrer Ahnherren gelesen und auch verstanden haben, kann sich ein Mensch kein brauchbares Bild der Realität machen; statt dessen wird er als Heranwachsender in der dominatanten Ideologie geschult, welche — so eine Überraschung — speziell dazu dient, die aktuellen Herrschaftsverhältnisse aufrecht zu halten. Spinnt man den Gedanken weiter, ist Sozialismus selbst entweder keine Ideologie, oder deren Träger sind die idealen Außenseiter mit dem perfekten Persilschein zur andauernden Rebellion.

    Daß Friedrich Dürrenmatt kein Weltbild gehabt hätte, ist hochgradig unwahrscheinlich, müßte er andernfalls doch jedesmal auf die Frage nach einem moralischen Richtig oder Falsch in endloses Nachdenken verfallen sein. Vielleicht hatte er aber auch konsequent seine eigene Ideologie verfeinert, erweitert und Teile davon verworfen, doch egal was er anstellte, am Ende erlangte er erst recht wieder eine Ideologie.

    Ebenso wie in der Mathematik oder Physik wäre ein generelles und ultimative Einfrieren des Weiterforschens unzweckmäßig, selbst wenn die Newton’schen Gesetze reichen, eine Raumsonde nach jahrelanger Reise irgendwo im All auf einem Kometen landen zu lassen.
    Zugleich aber wären es erwarbar leere Kilometer, in einer Debatte über das Verhältnis von Arbeitgebern zu deren Mitarbeitern die Entscheidung am Umstand aufzuhängen, ob sich jetzt der Raum um eine größere Fabrik vermehrt krümmt und ein daraus ableitbar veränderter Dienstweg speziell zu vergelten wäre.

    Der mutmaßliche Jolly-Joker, das Gegenüber argumentiere ideologisch, spielt in derselben Liga wie der Vorwurf, man bediene sich der falschen Weltanschauung. Wer dergestalt auf der Metaebene punkten will, hat zumeist inhaltlich kein Terrain mehr zum Verankern seiner Urteile und ersetzt artikulierbare Gedanken durch schlechtes Benehmen. Das erinnert verdammt an aktuell ablaufende öffentliche Debatten, in der das falsche Bewußsein dem Geräuschpegel nach wilde Parties feiert.

  2. Mme. Haram

    The job of science is to understand.
    The job of ideology is to coerce.

  3. Fragolin

    Das Problem ist nicht das Weltbild sondern die Sturheit, aus Prinzip darin zu verharren, selbst dann, wenn es mit der Realität inkompatibel ist.

  4. Lisa

    @Fragolin: und das nennt man Wahn, wäre also eigentlich therapie- oder wegschlussbedüftig, wenn ihrer nicht so viele wären. Gruppentherapien für am gleichen Wahn Krankende sind jedoch zum Scheitern verurteilt, weil sich diePranoiker gegenseitig in ihrem Wahn unterstützen. Aber auch Einzeltherapien sind nur erfolgreich, wenn ein gewisser Leidensdruck besteht und die Konfrontation mit der Realität nicht allzu forsch erfolgt… und der Leidensdruck ist ja gerade nicht vorhanden, wenn andere der gleichen Fata Morgana nachrennen. “I had a dream…” schon gut, aber irgendwann wacht man auch wieder auf und kann den Traum – je nach dem – als Unsinn abtun oder Elemente daraus realitätskompatibel verwenden oder auch einfach als spannende Idee betrachten.

  5. gms

    Mme. Haram,

    “The job of science is to understand. The job of ideology is to coerce.”

    Diese Darlegung impliziert eine unabdingbare Intention, eine Absicht, ohne die es dieses gedankliche Konstrukt nicht gegeben hätte. Wollte man speziell den Zwang aufgreifen, läßt sich feststellen, der Job von Gesetzen sei die legale Ausübung ebendieses. Aus Ideologien folgen Gesetze, bedarf es doch einer validen Vorstellung von Richtig und Falsch, weshalb aus falschen oder inkonsistenten Weltbildern auch ebensolche Vorgaben für die Rechtsprechung resultieren.

    Ist Humanismus eine Ideologie, Liberalismus oder Neoliberalismus? Man kann das bestreiten oder gar mit gesteigerter Absurdität behaupten, sogar diese Anschauungen seien speziell mit der Absicht der Zwangsausübung gebildet und hierfür auch eingesetzt worden. Verteidigung? Notwehr? Das kann man vom Tisch wischen mit dem Beipacktext, es seien ideologisch inspirierte Konzepte, wie sich schlich alles und jedes mit einem hingerotzten “Is’ aba so. Punkt.” anpatzen läßt.

    Wenn mitterdings sogar des Denkens Fähige die Axt an basale Begriffe legen, dem grassierenden Ungeist der begriffichen Verdrehung folgen und mit kurzatmigen Einzeilern mentale Konzepte zu rhetorischen Waffen umschmieden, dann haben die Linken final gewonnen, definieren dann sie doch das Denk- und Sagbare und stehen zugleich argumentativ unantastbar im Leo.

    Konservative nennen sich nicht mehr ‘konservativ’, Bürgerliche nicht mehr ‘bürgerlich’ und Rechte würden sich eher die Zunge abbeißen, als in der weit vernehmbaren Selbstbekundung nicht artig ein ‘mitte-‘ vors ‘rechts’ zu stellen. Wer sich selbst öffentlich ‘liberal’ heißt, tut dies inzwischen nur, so bei den Adressaten klar ankommt, es handle sich dabei um das Oxymoron ‘linksliberal’ und damit konsequent abseits der gedanklichen Reichweite eines ‘Manchesterliberalismus’, der ebenfalls gezielt zum Wieselwort mutierte.

    Freiheit kann ohne Mut weder erlangt noch erhalten werden. Wenn die beobachtbare Feigheit anhält, aus Furcht vor einer illegitimen Anschüttung sein eigenes Weltbild zu verstecken (“Ideologie!”), dann sind die Linken am Ziel ihres Kampfes mit der Erodierung aller gedanklichen Konzepte.

    Nichts daran ist verkehrt, wenn Vorstellungen gleich Memen um die gesellschaftliche Vorrangstellung wetteifern. Manchen ist herbei vielleicht noch der Begriff ‘Aufklärung’ erinnerlich. Wir Liberalen wären mit dem sprichwörtlichen Kluppensack gepudert, würden wir dabei ausgerechnet den Vorgaben einer sozialistischen Ideologie folgen. Ja, der Abgrund blickt irgendwann in einen zurück, so man nur lange in ihn hineinschaut. Das kann man wissen und sich dagegen wappnen. Nichts zwingt uns zur Übung derselben absurden Praktiken unserer politischen Antipoden, ja viel mehr noch würden wir uns damit selbst ausradieren.

    Die besten Schlachten sind jene, bei denen der Gegner Selbstmord begeht. Gratulation, liebe Sozialisten, daß eure giftigen Sprechblasen inzwischen Wirkung zeigen und nun sogar Vernunftbegabte freiwillig den Raum zwischen den Ohren auf Durchzug stellen und wie leergepustete Ostereier daherkommen, die von jedem Armleuchter die Straße hinunter gekickt werden können. Mission accomplished. Idiocracy.

  6. Mourawetz

    Guter Spruch von Dürrenmatt. Jene Lernresistenten sind mir zuwider.

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