Zurück in die Vormoderne!

(ANDREAS TÖGEL)  Menschen sind grundverschieden. Sie sind schön oder hässlich, gescheit oder dumm, faul oder fleißig, erfolgreich oder nicht. Eine Gesellschaftsordnung, die es ihren Mitgliedern ermöglicht, ihre Fähigkeiten und Begabungen zu entfalten, ohne daran durch Hierarchie, Status, Alter oder Geschlecht gehindert zu werden, gibt allen ihren Mitgliedern bessere Chancen als eine, in der das nicht der Fall ist.

 

Eine der größten Errungenschaften der westlichen Gesellschaften, ist die in der Neuzeit erreichte Überwindung der Statusgesellschaften. Die mittelalterliche Welt bedeutete für die Menschen Stabilität und Überschaubarkeit. Jeder blieb sein Leben lang an dem Ort und in der Position, an die er mit seiner Geburt gestellt war. Mangelnde räumliche Mobilität und eine undurchdringliche Schichtung der Gesellschaft, gepaart mit strengen religiösen Regeln und Zunftordnungen, bedeuteten Sicherheit. Damit verbunden war indes die Unterbindung jeder sozialen Mobilität. Der Sohn des Schmieds hatte wieder Schmied zu werden. Der Bauernsohn mußte Bauer sein – ungeachtet all seiner übrigen Talente, die ihm eine andere Karriere ermöglicht hätten. Die mit der Neuzeit einsetzende Auflösung dieser starren Gesellschaftsstrukturen, die in der Zeit der Aufklärung einen weiteren schweren Schlag erhielten, machte die Gesellschaften durchlässig. Der Glaube wurde durch die Fähigkeit zum Denken und dessen selbständige Anwendung abgelöst. Damit einher ging ein nie zuvor gekanntes Maß an Arbeitsteilung und Spezialisierung. Der durch Geburt erworbene Status wurde vom frei zu vereinbarenden Vertrag, die Status- von der Vertrags- oder Leistungsgesellschaft abgelöst.

 

In Gesellschaften, in denen sichere Eigentumsrechten und Vertragsfreiheit herrschen, führen die unterschiedlichen Interessen und Fähigkeiten der Menschen notwendigerweise zu einer ungleichen Wohlstandsverteilung. Diese Ungleichheit bildet zugleich einen entscheidenden Ansporn zur Leistungsentfaltung. Wo es, ungehindert durch Statusbarrieren, möglich ist, den Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär zu schaffen, werden gewaltige kreative Kräfte mobilisiert. Einige der berühmtesten Protagonisten „kapitalistischer“ Gesellschaften, wie Bill Gates oder Mark Zuckerberg, sind „Selfmademen“. Alles was sie erreicht haben, haben sie aus eigener Kraft geschafft. Dagegen spielen der Adel und die meisten anderen Repräsentanten „alter Vermögen“ heute kaum noch eine besondere Rolle.

 

Da Ungleichheit der Motor jedes Fortschritts ist, zieht jeder Versuch einer gewaltsamen Gleichmacherei, sowie die Wiedereinführung von Schicht-, Klassen-, Rassen-, Kasten- oder Geschlechterbarrieren, eine Gesellschaft nach unten. Daß China bei der Überwindung der Armut und der Schaffung eines wohlhabenden Mittelstandes erfolgreicher ist als das vergleichbar bevölkerungsreiche Indien, ist kein Zufall. In China gibt es keine gesellschaftlichen Barrieren, wie im vom Kastenwesen geprägten Indien. Indien versteht sich noch immer als Status-Gesellschaft.

 

Kein seriöser Sozialwissenschaftler wird bestreiten, daß die „Durchlässigkeit“ einer Gesellschaft, entscheidend für deren Fortschrittspotential ist. Daher ist ein Höchstmaß an Vertragsfreiheit zu garantieren und die Entstehung von Fortschritts- und Aufstiegshindernissen zu bekämpfen, die allein im Interesse bestimmter privilegierter Gruppen liegen

 

Eine Leistungsgesellschaft definiert sich, nach Wikipedia wie folgt: Sie „…ist die Modellvorstellung einer Gesellschaft, in welcher die Verteilung angestrebter Güter wie Macht, Einkommen, Prestige und Vermögen entsprechend der besonderen Leistung erfolgt, die einem jeden Gesellschaftsmitglied jeweils zugerechnet wird („Leistungsprinzip“, „Leistungsgerechtigkeit“). Es handelt sich demnach um eine „…vom Leistungsprinzip geprägte Gesellschaft (…), in der vor allem die persönlichen Leistungen des Einzelnen für seine soziale Stellung, sein Ansehen, seinen Erfolg usw. ausschlaggebend sind.“ Die Leistungsgesellschaft steht daher in schroffem Gegensatz zur Statusgesellschaft.

 

Was wir in den westlichen Wohlfahrtsstaaten seit Jahren erleben, ist der Versuch einer über die Deutungshoheit gebietenden (linken) Minderheit, zur Statusgesellschaft zurückzukehren. Personalauswahl und Karriere nach Quote, nach der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, ist ihr Ziel. Die Qualifikation dagegen wird zunehmend unbedeutend.

 

Politische Mandate, Führungspositionen in der öffentlichen Verwaltung, an Universitäten, ja sogar Vorstandsposten in privaten Unternehmen, dürfen inzwischen nicht mehr mit den besten Bewerbern besetzt werden. Vielmehr ist es mittlerweile von alles entscheidender Bedeutung, daß die Aspiranten weiblich sind.

 

Ist derzeit aber nur eine Quote für Frauen verbindlich, wird es schon morgen eine für Menschen bestimmter sexueller Präferenz und Körperbehinderte und übermorgen auch die für Moslems, Rothaarige, Diskuswerfer und Diabetiker sein. Der Niedergang der Vertragsfreiheit und deren Substitution durch staatlich verordnete Quoten werden dafür sorgen, daß angestrebte Karrieren in immer weniger Fällen – wegen der Zugehörigkeit zu einer falschen Bewerbergruppe – möglich sind. Nicht mehr die Besten, sondern die der „richtigen“ Gruppe Angehörigen kommen zum Zuge. Wir befinden uns offensichtlich auf dem Weg zurück in eine starre, leistungsfeindliche Statusgesellschaft.

 

Wo auch immer „affirmative action“ betrieben wird, sinkt die Qualität der erbrachten Leistungen. Zeitgleich steigen deren Kosten. Der südafrikanische Sozialwissenschaftler Steven Farron hat diesen Mechanismus in seinem Buch „The Affirmative Action Hoax“ (http://www.amazon.com/Affirmative-Action-Hoax-Steven-Farron/dp/0965638383) eindrucksvoll beschrieben. Andere als objektive, leistungsbezogene Kriterien zum Karrieretreibsatz zu machen, bedeutet eine Fehlallokation von Personalressourcen.

 

Eines der Lieblingsprojekte der Linken, eine konsequente Quotenpolitik, verringert daher nicht nur den mühsam errungenen Wohlstand im Westen, sondern ist auch eine eminente Bedrohung für die Freiheit. Denn als Tugendwächter und Garant für die Erfüllung von Quoten aller Art kommt niemand anders in Frage als der Gouvernantenstaat. Damit erhält dieser ein weiteres Stück Verfügungs- und Zwangsgewalt über die Bürger. Er kann dann – wie einst im Ostblock – auch über ihren beruflichen Werdegang bestimmen.

 

Wo aber finden hoheitliche Ge- und Verbote ihre Grenzen? Gibt es überhaupt solche Grenzen? Wird der Staat am Ende auch noch den Stuhlgang gesetzlich regeln? Wird demnächst schon eine am Wohlfahrtsausschuss der Französischen Revolution orientierte Gleichstellungs-, Quoten- und Antidiskriminierungsbehörde über die Auswahl des „richtigen“ Ehe- oder Sexualpartners entscheiden? Zweifellos stellt doch die bisher geduldete Präferenz von Franz für Pauline eine flagrante Diskriminierung von Claudia, Maria und Brigitte dar (von Karl und Fritz ganz zu schweigen). Diese Mißstände bedürfen doch, wie die am Ruder befindlichen linken Spießer und professionellen Egalitaristen zweifellos meinen, endlich einer hoheitlichen Regelung!

 

Der zunehmende Regulierungsirrsinn treibt täglich neue Blüten. Zeitgleich nimmt die individuelle Freiheit, unmißverständlich ausgedrückt durch den schwindenden Nettoertrag jeder Erwerbsarbeit, ab. Doch zu guter Letzt wird es einmal genug sein und selbst der Arbeitssüchtigste zieht es vor, sich in den Park zu setzen, anstatt drei Viertel der Früchte seiner Arbeit dem Staat auszuliefern. Geht es also weiter wie bisher, bricht entweder die Wirtschaft zusammen (was den Leviathan seiner Finanzierungsbasis beraubt), oder es kommt zu einer Revolte der Leistungsträger, zur „Revolution der gebenden Hand“. Oder zum „Unternehmerstreik“ wie ihn Ayn Rand in ihrem Opus Magnum „Atlas Shrugged“ vor bald 60 Jahren beschrieben hat.

 

Es ist nicht ausgemacht, daß die schweigende Mehrheit es dauerhaft hinnehmen wird, wenn ein lautstarker Klüngel linker Narren ihr unentwegt auf der Nase herumtanzt. Wie man in Österreich so schön zu sagen pflegt: „Es sind schon Hausherren gestorben“. Die Sozialisten in allen Parteien sollten daher nicht voreilig ihren Endsieg bejubeln…

Tagebuch

4 comments

  1. Christian Weiss

    Warum so pessimistisch? Die Gesellschaftsingenieure werden natürlich dem Sozialismus 2.0 mit geeigneten gesetzlichen Regelungen die grössten Härten nehmen: Zuzüglich zu den Geschlechterquoten, den Sexuelle-Orientierungsquoten, den Geographische-Herkunftsquoten, den Soziale-Herkunftsquoten, den Wurden-in-der-Grundschule-gehänselt-Quoten, den Haben-Lebensmittelallergien-Quoten usw. wird es auch Kompetenzquoten geben. Es wird verordnet, dass wenigstens 15% der Angestellten in einem Fachbereich für ihr Tätigkeitsfeld qualifiziert sind.

  2. Thomas Braun

    Wie so oft brilliant formuliert, aber 1 Gedankenfehler ist leider doch enthalten (dem ich selbst auch jahrelang aufgesessen bin):

    Die Linken und deren Denke sind nicht in der Minderheit!

    Ich dachte auch immer, “ein lautstarker Klüngel linker Narren” drückt uns seinen Willen auf und bei der nächsten Wahl wird es einen Denkzettel geben. Nix da. Die Menschen finden die linke Politik mehrheitlich nicht schlecht oder zumindest wird sie als das kleinste Übel wahrgenommen. Deshalb sind in ganz Europa immer die linken Einheitsparteien an der Macht (CDU, ÖVP usw zähle ich auch dazu).

    Würden wir hier im Ortner-Forum eine Partei gründen und mit den hier verkündeten Werten und Haltungen zur Wahl antreten, wir bekämen keine 3%. Ist traurig, hilft aber, die linke Gesellschaftspolitik leichter zu ertragen.

  3. Selbstdenker

    @Thomas Braun:
    Nicht so pessimistisch. Es ist weder die Politik noch die Bevölkerung so dumm wie man meinen möchte. Wir haben es mit einem Pricipal-Agent-Problem zu tun, welches sich meiner Meinung nach folgendermaßen darstellt:

    Zwischen der Bevölkerung und der Politik haben sich die Medien breitflächig positioniert. Drei Viertel der Medienschaffenden symphatisieren mit rot-grün. Sie versorgen sowohl die Politik als auch die Bevölkerung mit einseitigen, verzerrten bzw. gefilterten Informationen.

  4. waldsee

    ist “die linken und deren DENKE” nicht hauptsächlich ausdruck des ” NEID als politik” und deshalb so erfolgreich???

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