Zurück ins trübe Gestern?

Von | 3. November 2016

“………Der Bundesjustizminister hat sich vor kurzem entschlossen, den erschütternden Mangel an bevölkerungspädogogischen Artikeln und vor allem Anti-AfD-Kommentaren im Spiegel zu beenden, und mit einer Grundsatzbetrachtung (zu lesen hier) neue Maßstäbe für die intellektuelle Auseinandersetzung mit besonders populistischen Populisten gesetzt. Gehen wir in medias res. Maas schreibt:

Es ist nicht leicht, der AfD irgendetwas Positives abzugewinnen. Zugestehen muss man nur, dass die Alternativen spätestens seit ihrem Rechtsruck völlig klar sind: Bleiben wir ein modernes und weltoffenes Land, oder werden wir eine Nation verkniffener Spießer, die ihr Heil in der Vergangenheit sucht?

Aus diesem Passus darf man zunächst einmal folgern, dass H. Maas ein Problem mit seiner Selbstwahrnehmung hat. Deutschland kann jedenfalls nicht werden, was es bis auf den hintersten Platz im Kabinett schon oder immer noch ist; wem das nicht passt, der mag ja aus- oder gar nicht erst einwandern. Der deutschen Spießigkeit verdanken wir immerhin, um wenige Beispiele zu nennen, sauberes Trinkwasser, eine hochsolide geregelte Müllbeseitigung, penibel gewartete Flugzeuge, eine funktionierende Infrastruktur, eine weltweit einzigartige Arztdichte und vergleichsweise saubere Innenstädte – Letzteres zumindest in den etwas weniger weltoffenen Regionen des Landes, nicht unbedingt am Kottbusser Tor in Berlin oder nördlich des Dortmunder Borsigplatzes…. (weierlesen hier)

22 Gedanken zu „Zurück ins trübe Gestern?

  1. Thomas Holzer

    Aber dafür setzt sich Herr Maas gegen ein Verbot von Ehen Minderjähriger mit Erwachsenen ein; man muss halt einfach progressiv sein, ansonsten würde man doch einfach diese atavistischen dunkeldeutschen Rechtsstandpunkte teilen, und das geht unter Sozialisten -auch Freunde genannt- natürlich gar nicht.

  2. pippin

    Nun ja, die Entwicklung geht ja in Richtung “Schöne, neue (helle) Welt”. Vielleicht wirklich besser? Aber alle, die sich bis dato blöd gehackelt haben, Eigentum aufgebaut haben sind die Gelackmeierten, denn die hatten nichts von den Freuden des Müßiggangs. Sie haben es mit ihrer Leistung es erst möglich gemacht, diese neue Welt, und werden nun aber bespuckt, da sie sich an ihre traditionellen Werte klammern.

  3. wbeier

    Naja, als saarländischer Provinzpolitiker auf hohem Ross hat man eben den Durchblick. Oder besser noch, man setzt auf die Karte der vermeintlichen Sieger des zusehends invasiven kulturellen Clash in den westlichen Gesellschaften. Links gegen Rechts war gestern. Heute geht’s um das was Trump und das Alt-Rightmovement „the globalists“ und ich gerne die „digitale Boheme“ nenne, gegen traditionelles Bürgertum und Arbeiterschaft. Also die Spießer!
    Seltsame Allianzen auch auf der anderen Seite der Barrikaden: Großkapital trifft Kulturbolschewismus in der Kathedrale von „no borders / no nations“……
    Dazu ein Herr Michael Seemann in einer treffenden Definition seiner eigenen Kaste:
    „Es sind gut gebildete, tendenziell eher junge Menschen, die sich kulturell zunehmend global orientieren, die die New York Times lesen statt die Tagesschau zu sehen, die viele ausländische Freunde und viele Freunde im Ausland haben, die viel reisen, aber nicht unbedingt, um in den Urlaub zu fahren. Es ist eine Klasse, die fast ausschließlich in Großstädten lebt, die so flüssig Englisch spricht, wie ihre Muttersprache, für die Europa kein abstraktes Etwas ist, sondern eine gelebte Realität, wenn sie zum Jobwechsel von Madrid nach Stockholm zieht. Diese neue globalisierte Klasse sitzt in den Medien, in den StartUps und NGOs, in den Parteien und weil sie die Informationen kontrolliert, gibt sie überall kulturell und politisch den Takt vor. Diese Klasse entspringt dem Bürgertum, aber hat sich von ihm emanzipiert.“

  4. Tom K

    Mich persönlich würde interessieren was dem “Maasmänchen”, morgens ins Müsli gemischt wird. – Da hätte ich sehr, sehr, sehr gerne einen großen Sack voll, – damit ich meine Tage überstehe …

  5. Lisa

    @wbeier: Danke für das treffende M.Seemann-Zitat. Die Kinder werden aber auch in diese Reichtung erzogen: die Mittelklasse hat sich der interntionalen Oberklasse angeglichen – wie das schon immer der Fall war: die Bauernmädchen wollte lieber in der Stadt als Dienstmädchen arbeiten und kopierten die Reichen in Kleidung und Stil. Die gestylten Interieurs gleichen sich auf der ganzen Welt, Kinder spielen nichts Regionales, das Interesse für Nationales beschränkt sich auf den Sport und die Finanzen – ein Wort wie Heimat klingt schon gerdezu ns-mässig. Und daher wird die Heimatverbundenheit nicht mehr gepflegt, sondern alles, selbst das Liedgut, wird globalisiert. Auf Englisch natürlich.
    ich frage mich immer wieder mal, warum das Internationale so viel attraktiver sein soll als das Heimatliche. Mehr Optionen im Sinne des”Stadtluft macht frei”? Eine Antwort habe ich noch nicht gefunden.

  6. Tom K

    @Lisa:

    Der Wind dreht sich. In absehbarer Zeit werden derart viele Leute aus “ihren Träumen” gerissen werden und seien Sie sich versichert, dass es auch zu einer Rückbesinnung der von Ihnen angesprochenen Werte und Traditionen kommen wird. Woher ich das weiß ? Keine Ahnung, – es ist nur so ein Bauchgefühl, vielleicht auch nur ein (frommer) Wunsch.

    Allerdings fällt mir (persönlich) in letzter Zeit massiv auf, dass der Großteil der Menschen mit denen ich in Kontakt komme, sei es beruflich, oder privat, dermaßen (entschuldigen Sie den Ausdruck) “angepisst sind”, wie nur was. Die Menschen haben einen riesigen Hals und sind (erschreckend, jedoch nachvollziehbar) zornig.
    Auch die “Menschen, die gedenken uns zu Lenken”, genannt Politiker erkennen langsam dieses (deren Panik ist spürbar) – nur wird ihnen die Zeit um eine Veränderung herbeizuführen, vermutlich nicht ausreichen …

    Lassen wir uns überraschen …

  7. wbeier

    @Lisa
    Da haben sie schon recht. Das Großbürgertum hat im Lebensstil stets die Aristokratie nachgeäfft, der Kleinbürger dem Großbürger und sogar in meinem proletarischen Elternhaus gabs auch das gute Feiertagsgeschirr in der Vitrine und den Sonntagsanzug.
    Das Heute hat aber andere “Qualitäten”: Opinion Leadership einer globalen Kaste, die sich selbst als Salz einer zum Einheitsbrei mutierten grenzenlosen Erde sieht. Alles zum Besten der Menschheit und deren Wohlfahrt natürlich und ich unterstelle diesen Leuten auch nicht unbedingt böse Absichten. Allerdings werden sie in deren Kathedrale von Genderismus, political correctness, Globalismus, no borders / no nations höchstens auf Unverständniss stossen mit ihrem (oder auch meinem) Wertegefüge, Fr. Lisa. Sie würden auch nicht ausgelacht werden, sondern schlicht und einfach nicht verstanden werden. Vergessen sie auch den Disput, denn in Blasen und Echokammern ist jede thematische Auseinandersetzung sinnlos.

  8. Christian Peter

    Dieses ‘trübe Gestern’ waren die goldenen Zeiten mit Frieden und Wohlstand, der Untergang Europas begann mit der zunehmenden Liberalisierung und der europäischen Integration.

  9. sokrates9

    Lisa@ Glaube auch, dass das Pendel zurückschwingt! Schaun sie sich doch nur unseren Wendehals Van der Bellen an! Jetzt entdeckt er die Heimat, die netten Dirndln in der Tracht, das stolze Bundesheer, die tollen Eurofighter, bei den Liedern hapert es noch da er über eine Rap nicht raus, sein Herz für Weidmänner und Jagt geht auf, die Bilder mit Europafahnenschwingenden Refugees sind out….

  10. Falke

    Die Satire sollte man Maas zum Lesen zuschicken. Ich bezweifle allerdings, dass ein so schlichtes Gemüt die Ironie und den Sarkasmus des Textes überhaupt verstehen würde.

  11. stiller Mitleser

    @wbeier
    “Heute geht’s um das was Trump und das Alt-Rightmovement „the globalists“ und ich gerne die „digitale Boheme“ nenne, gegen traditionelles Bürgertum und Arbeiterschaft”

    sehr interessante Analyse!
    dazu nur eine kleine Anmerkung: es gab ja immer schon eine durch Familienvermögen sehr gut abgesicherte Jetset-Jugend, diese neuen “globalists” hingegen sind soziologisch anders zu verorten, zwar durch ihre mittlerweile gutsituierten, stolzen 68er Eltern gefördert, aber selber doch großteils Prekäre, die auf elterliche finanzielle Unterstützung für ihren internationalistischen Lebensstil angewiesen bleiben.

    Ein ironischer Kommentar zu neuem globalistischem Lebensstil und neuer Moral:
    http://blogs.faz.net/deus/2016/11/01/die-moralische-zwangswohnungswirtschaft-von-airbnb-3822/

  12. Herzberg

    wbeier,

    Das Großbürgertum hat im Lebensstil stets die Aristokratie nachgeäfft, der Kleinbürger dem Großbürger ..

    Das stimmt, wenngleich mit einigen Einschränkungen. So entstand etwa der typisch westliche, einfärbige Anzug im gehobenen Bürgertum als Gegenmodell zu den bunten und ausladenden Gewändern der Feudalisten. Auf der anderen Seite diffundierte die klassische blaue Arbeitshose aus Baumwolle gesellschaftlich nach oben, heute bezahlt man sogar mehr dafür, wenn diese Jeans bereits neuwertig abgewetzt und mit Löchern angeboten werden. Einen vergleichbaren Microtrend erlebte, pars pro toto, unlängst das karrierte Holzfällerhemd.

    Daneben gibt es, bei aller Nachäfferei, Details aus der Oberschicht, die speziell Linke bislang konsequent nicht übernehmen, weshalb etwa der bereits genannte Heiko Maas schon äußerlich seine Gesinnung offenbart und mit abgeschleckter Akkuratesse ausgerechnet an jene historisch trüben Zeiten erinnert, von denen er sich mit seinen Volksgenossen besonders intensiv absetzen möchte.
    Nach dem Umweg über T-Shirts und Turnschuhe im Nachhall der 68er kommen die Linken nun wieder in jeder Hinsicht in den 30ern an, und kaum einer steht hierfür paradetypischer, als der seine Schutzbefohlenen auf das totale Deutschland einpeitschende Hinterwäldler im Justizministerium an der Spree.

  13. MM

    Zurück ins trübe Gestern, wo Pädophilie noch strafbar war. Das stört ja nicht nur gewisse Gäste aus dem Morgenland, sondern auch die Grünen hatten ja dafür schon immer ein Faible, wenn auch eher für kleine Jungs als für kleine Mädchen. Obwohl, in Afghanistan hat sich ja bis heute das Knabenspiel gehalten, wie es auch aus dem alten Griechenland bekannt ist: https://de.wikipedia.org/wiki/Bacha_bazi

  14. Hausfrau

    Was der SPD-Politiker macht, gehört zu den Rückzugsgefechten. Denn den beiden Koalitionsparteien laufen die Wähler scharenweise davon, sodass sie für die nächsten Wahlen schon schlimmstes befürchten.

  15. stiller Mitleser

    @ Herzberg
    der Hipster mit Bart und Beanie (über so was hat sich unser Gastgeber in seinem Hundebuch ganz verblüfft geäußert) https://unknownhipster.com/
    wenn man scrollt, hat man das ganze Buch

  16. mariuslupus

    Es hat doch keinen Sinn mit jemanden wie Heiko zu diskutieren. Bleibt er an der Macht, wird er die Meinung der Menschen ignorieren. Bleibt er nicht an der Macht, gibt es keinen Grund mit ihm zu diskutieren. Der Wähler könnte entscheiden, aber wie üblich wird er rechtzeitig Angst vor der eigenen Courage, bekommen. Und wird sie, alle, alle, in ihren Ämtern bestätigen. Also, wozu eine Diskussion mit Heiko ?
    @Fragolin
    Alle Indoktrinierer wussten, dass man die eigenen Vorhaben nicht beim Namen nennen darf, will man sie tatsächlich umsetzen.
    In den Seminaren wird Gehirnwäsche durchgeführt, die Absolventen werden die Vorkämpfer der Zensur.

  17. Johannes

    Herr Maas ist für mich der typische Vertreter einer neuen Politiker Generation bei der ich keine Kompetenzen sehe,
    was sie sagen hat kein Gewicht ,man meint zu spüren das sie dem medialen Mainstream an den Lippen hängen und linker Macht untertänigst im voraus gehorsam leisten.
    Der leichte Weg in der Politik ist der ,es den linken Medien und Sympathisanten recht zu machen, es sichert das Überleben in den Medien und so verlieren sie politische Schwerkraft was sich sehr gut im Vergleich zu Putin zeigt der mit ihnen Katz und Maus spielen kann.
    Nicht das sie wie Putin agieren sollen aber sie sind unfähig, aus meiner Sicht ,Profil zu zeigen.
    Das immer gefallen wollen in den Medien und der NGO Regierung die die eigentliche Macht längst an sich gerissen hat führt zur lächerlichen politischen Bedeutungslosigkeit.

  18. wbeier

    @stiller Mitleser
    >…….eine durch Familienvermögen sehr gut abgesicherte Jetset-Jugend, diese neuen „globalists“ hingegen sind soziologisch anders zu verorten, zwar durch ihre mittlerweile gutsituierten, stolzen 68er Eltern gefördert, aber selber doch großteils Prekäre…….<
    Sehe ich mit Verlaub, nicht so, da:
    a) "Jugend" hier nur als Metapher für einen bestimmten Zugang zur Welt an und für sich Verwendung findet. In diesem Kontext kann "jugendlich" durchaus auch auf 60iger zutreffen solange die Botschaft der "brave new world" verinnerlicht sowie mitgetragen und korrespondiert wird.
    b) Um Gottes Willen, sehen sie doch in benannter Kaste nicht ein Sammelsurium prekarisierter Austauschstudenten auf Auslandsaufenthalt mit exotischen Gesellschaftstheorien. Ist ihnen wirklich entgangen, wer heute das Sagen über "global economy, technics and live together" hat und auf der Galeere immer schneller trommelt?

  19. wbeier

    Kurze Ergänzung zu meinem 23:01-Post und speziell für den stillen Mitleser:
    Beschreibung dieser Kaste – zu ihr zählen Betätigungsfelder wie Banken, Immobilienhandel, Ingenieurswesen, Consulting, Publizistik, Systemanalyse, Werbung, Verlagswesen, Film, Fernsehen, Unterhaltung, Journalismus, die Universitäten, die Künste und die Literatur – Diese Eliten „operieren“ auf einem „Markt“, der „internationale Reichweite“ hat und das ist DAS Kriterium.

  20. stiller Mitleser

    @ wbeier
    danke für Ihre Hinweise, meine Perspektive ist tatsächlich etwas verengt auf Zugänge zu globalistischen Arbeitsmärkten, so wie ich das bei Kindern von Freunden beobachte, wo zwar Banker und Ärzte sichere Jobs im Ausland haben, alle international an Unis Tätigen aber über Unsicherheit (mit Konsequenzen für Partnerschaften, Familien-und Lebensplanung) klagen.
    Jet-Set-Jugend konnte sich schon in den 70ern zu Festen auf den Bahamas/Sardinien verabreden, zu einer Zeit also, als die Mittelschichts-Studenten, die jetzt genauso mobil sind, noch mit Interrail unterwegs waren.

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