Zwischen Egoismus und Altruismus

(JOSEF STARGL) Viele Österreicher empfinden jegliche Liberalisierung als „Kulturrevolution“. Die Angst vor dem Leistungswettbewerb geht um. „Sozialethik-Experten“ klagen über den Egoismus und über die Kälte des Marktes. Der Markt sei unmoralisch, unmenschlich, sozial ungerecht und letztlich auch verantwortlich für eine Rücksichtslosigkeit der Starken gegenüber den Schwachen und Hilfsbedürftigen.

Wenn es Egoisten gibt, dann ist doch nicht der Markt schuld. Es macht weder einen Sinn den Leistungswettbewerb für den Egoismus noch den Sozialstaat für Trittbrettfahrer verantwortlich zu machen. Eigenleistungen einfügen, teilen und umverteilen sind Aufgaben der Menschen, die ihre Moral mitbringen, wenn sie am Markt und im Sozialstaat handeln. Sie sind es, die für ihre Taten und für das Ausmaß der staatlich organisierten Solidarität verantwortlich sind.

Sowohl die Marktwirtschaft als auch der (subsidiäre) Sozialstaat sind europäische Traditionen, denen wir vertrauen können, obwohl wir wissen, dass weder der Leistungswettbewerb noch die Sozialgesetzgebung alle Probleme lösen können.

Produktivität ist nicht unmoralisch. Sie ermöglicht auch Solidarität. Wenn etwas erwirtschaftet wird, kann auch geteilt und umverteilt werden. Es gibt Unternehmer, die sowohl nach Gewinn streben als auch ihre soziale Verantwortung wahrnehmen. Nicht der Markt, sondern die Menschen sind es, die Solidarität praktizieren.

Die Menschen sind keine Engel. Selbstlosigkeit ist ein Ideal. Es ist nicht unmoralisch, sein Selbstinteresse zu verfolgen. Man ist deswegen nicht gleich ein Egoist. Selbstinteresse ist vereinbar mit sozialem Engagement.

Menschen, die ihr Selbstinteresse verfolgen, zeigen in konkreten Situationen immer wieder auch ihr Verständnis für die Not und das Leid ihrer Mitmenschen. Sie sorgen sich auch um andere Menschen. Es ist ja auch möglich, seine eigenen Interessen zurückzustellen und trotzdem das Selbstinteresse als Motor für Eigenleistungen zu würdigen.

Eigenverantwortung und soziale Verantwortung schließen einander nicht aus. Wir sind in der Lage, sowohl Eigenleistungen zu erbringen als auch mit anderen freiwillig zu teilen und dem Gemeinwohl, der gemeinsamen Sache, zu dienen. Eigenleistung und Konkurrenz sind mit den Grundsätzen des subsidiären Sozialstaates vereinbar.

Viele Menschen in diesem Land scheuen keine Anstrengungen, um auch das zu erwirtschaften, was sie freiwillig mit anderen teilen. In zahlreichen kleinen Gemeinschaften blüht die „Caritas“. Die Menschen sind füreinander da, teilen mit sozial Schwachen Zeit und Geld, dienen in Demut, engagieren sich für die Ziele ihrer Gemeinschaft und praktizieren freiwillig Solidarität gegenüber den Bedürftigen, die ihres Erachtens der Solidarität würdig sind.

In den kleinen Gemeinschaften können die Menschen viel leichter abschätzen, ob jemand seinen Möglichkeiten entsprechend eigene Leistungen erbringt oder bloß die Solidarität der anderen solidaritätswidrig ausbeuten will. Die Beurteilung persönlich bekannter Mitmenschen erlaubt eine realistischere Interpretation von „sozialer Gerechtigkeit“ und dient als Basis für den Verzicht. Solidarität erfordert Verzicht.

Zahlreiche Menschen tragen mit ihren oft unerwähnten und auch unbedankten Leistungen dazu bei, dass immer mehr Menschen in ihrer Großfamilie, in ihrem Bekanntenkreis, in ihrer Nachbarschaft und in ihrer Gemeinde ein menschenwürdiges Leben führen können. Ihre Erfolge im Leistungswettbewerb schaffen auch dafür die Voraussetzungen.

Geld- und Sachleistungen des Sozialstaates können die Liebe und die gütige Zuneigung der Menschen nicht ersetzen, sondern nur ergänzen. Es ist zielführender, wenn die Politiker von den Menschen auch Eigenleistungen fordern und sowohl eine freiwillige als auch eine organisierte Solidarität in den kleinen Gemeinschaften fördern.

3 comments

  1. ottomosk

    auch gutmenschen handeln aus reinem selbstinteresse wenn sie anderen Menschen helfen. es gibt ihnen ein gutes Gefühl, wenn ihre “hilfsmacht” ausüben können.

  2. sokrates9

    Man sieht wie sehr der “Leistungsgedanken” unter Druck gekommen ist! Das Schulsystem wirkt! War es früher das Streben nach Bildung, Erfolg , guter Noten ( die mittlerweile de facto abgeschafft sind) hat nun die “soziale Kompetenz” Priorität! Wir nähern uns mit großen Schritten wieder den kommunistischem System wo jeder halt nach seinen Bedürfnissen arbeitet, der Out wird dann sozial gerecht umverteilt!
    Lediglich im Bereich Sport gilt dies nicht, da wird um Hunderstelsekunden gekämpft und dem Sieger noch viel Geld bezahlt! Andere Kontinente sehe das völlig anders doch wer will schon ein asiatisches, unmenschliches Schulsystem in Europa? Ein großes Rätsel besteht nur darin warum im internationalen UNI – Ranking europäische Universitäten kaum mehr zu finden sind und die Patentquote Europa so dramatisch zurückgeht !

  3. GeBa

    Darum geht das Land ja auch den Weg runter statt rauf, denn nur mit Leistung ist etwas zu erreichen, bzw. so sollte es sein, aber von der linken Gesellschaft wird ja vorgegeben, dass es anders gehen kann.
    Hätte meine Generation diesen Leistungsgedanken nicht gehabt, würden wohl noch immer die Ruinen vom 2. Weltkrieg da stehen und es würde nicht so viele Reisebüros, die zu einem Großteil von den Älteren genutzt werden, geben. Und, und, und …. Ende nie
    Früher haben wir gesagt – trau keinem über 30, heute sind meine Worte – ich trau keinem unter 30.

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .