Zwischen Vorsicht und Wahnsinn

(CHRISTOPH AUGNER) „Im Zweifel für die Bienen“: Das war die Botschaft von Umweltminister Nikolaus Berlakovich nachdem er sich zunächst noch geweigert hatte jene Pestizide zu nennen, die für das Bienen-Sterben verantwortlich gemacht werden. Der Aufschrei einer auf Umwelt- und Gesundheitsgefahren sensiblen Gesellschaft bewegt Politiker nicht selten zu 180 Grad-Wendungen. Und die Liste dieser Gefahren ist lang: Atomkraftwerke, Autoabgase, elektromagnetische Felder, Krankheitserreger aller Art, Schadstoffe in Nahrungsmitteln, Ozon, Klimawandel und vieles mehr. Die Vorsicht vor diesen mehr oder weniger großen Risikofaktoren hat aber auch sehr ernste Nebenwirkungen: Falsche Ursachenzuschreibung von Symptomen, Wahnvorstellungen, übersteigerte Angst vor „Umweltkrankheiten“.

Wenn aus Angst Wahnsinn wird

 

Diese Angst treibt mitunter seltsame Blüten: Frau K., eine Dame mittleren Alters, geht zu ihrem Hausarzt. Sie berichtet ihm von eigenartigen kleinen Maden, die sie aus ihrer Haut gezogen hat. Sie zeigt eine eigenartige Sammlung kleiner Partikel, aufbewahrt in einer Dose. Das ist der Beweis: Parasitenbefall. Der Arzt schickt die Probe ans Labor geschickt. Ergebnis: Das Lichtmikroskop zeigt kleinste Lebensmittelreste. Das serologische Ergebnis ist negativ. Der Arzt kann Entwarnung geben, doch Frau K. lässt sich wider erwarten nicht beruhigen. Die Ergebnisse seien falsch oder es seien eben nicht die richtigen Proben. Frau K. wechselt den Arzt und geht diesmal zum Dermatologen. Dasselbe Spiel beginnt erneut. „Das ist ein typisches Verhalten für Menschen, die an Dermatozoenwahn leiden“, sagt die Parasitologin Ilse Jekel vom Universitätsklinikum Salzburg. Beim Dermatozoen- oder Parasitenwahn gehen die Patienten fälschlicherweise davon aus, dass sie von Parasiten, Bakterien oder Ungeziefer befallen sind. Die Lebensqualität dieser Menschen ist zum Teil erheblich beeinträchtigt, häufig kommt es zu Selbstverletzungen motiviert durch den Versuch„Beweismittel“ aus der Haut „sicherzustellen“.

 

Dieses Phänomen ist äußerst selten, hat aber durch mediale Verbreitung der sogenannten Morgellonen-Erkrankung, an Bedeutung gewonnen. „Bei den Morgellonen soll es sich um das Wachstum von Fasern aus der Haut handeln, das durch Umweltgifte verursacht wird. Die Folgeschäden reichen bis hin zu kognitiven und emotionalen Defiziten. Wissenschaftlich gesehen ist das unhaltbar, die Laborbefunde sind in diesen Fällen wiederholt negativ. Die Patienten lassen sich aber von dieser Idee nicht abbringen“, sagt Jekel. Das geht soweit, dass in den USA sogar eine Morgellon Research Foundation gegründet wurde, die dieses Thema immer wieder in die Medien bringt. Auch wenn diese Menschen nicht von Parasiten oder anderen Schädlingen befallen sind, sind sie zum Teil schwer krank. Es gab Fälle, in denen die Betroffenen ihr ganzes Haus mit Wasser geflutet haben – aus Angst vor dem Parasitenbefall.

 

Umweltkrankheiten – die Rolle der Psyche

 

Pathologische Steigerungen von Umweltängsten sind auch in anderen Bereichen bekannt. Es sind ganze Krankheitsbilder, bei denen der Verdacht besteht, dass psychische Faktoren eine erhebliche Rolle bei der Entstehung spielen:

 

Multiple chemische Sensitivität, Sick building Syndrome oder die Elektrosensitivität. Letztere wird besonders kontrovers diskutiert: während Betroffene und Selbsthilfegruppen felsenfest davon ausgehen, dass Symptome wie Kopfschmerzen, Ausschläge, Konzentrationsstörungen von der Schädlichkeit elektromagnetischer Felder von Handys und Sendeanlagen herrühren, sind viele Wissenschaftler von der  psychischen Genese der Elektrosensitivität überzeugt. Dafür sprechen Geschichten, in denen Menschen ihre Symptome zum Beispiel einem neuen Mobilfunksender zuschrieben. Im Nachhinein stellte sich dann heraus, dass der noch gar nicht in Betrieb war. Diese Anekdoten werden von der Wissenschaft bestätigt: „In kontrollierten Expositionsstudien werden während einer Schein-Exposition häufig die gleichen Symptome geschildert wie während einer tatsächlichen Exposition durch elektromagnetische Felder,“ sagt Michael Witthöft von der Universität Mainz. Auch Personen, die davon überzeugt sind elektrosensitiv zu sein, sind nicht in der Lage überzufällig Exposition von Schein-Exposition zu unterscheiden. Für Witthöft ist eine wesentliche Grundlage für die Entstehung der Elektrosensitivität der Nocebo-Effekt, eine Art Umkehrung des Placebo-Effektes, der von einer „Symptomentwicklung auf Grund einer negativen Erwartungshaltung und einem starken Gefährdungs- bzw. Bedrohungsgefühl“ ausgeht. Die Studien von Witthöft und seinen Kollegen zeigen auch, dass der Nocebo-Effekt durch die Berichterstattung in den Medien verstärkt werden kann. Also sind die Medien schuld? „Nein, bei der Elektrosensitivität handelt es sich um eine multifaktorielle Genese. Allerdings zeigen unsere Ergebnisse, dass bei ängstlichen Personen, die eine negative Erwartungshaltung bezüglich der Gesundheitsgefahren von elektromagnetischer Strahlung haben, entsprechende Medienberichte ein Erleben von körperlichen Beschwerden intensivieren können“, so Witthöft.

 

Angst ist ansteckend

 

Welche Folgen die Berichterstattung von fiktiven Gesundheitsgefahren haben kann, zeigte in den 80er Jahren die so genannte Arjenyattah-Epidemie im Westjordanland.

 

Ein Mädchen, das über Übelkeit klagte und eine Schultoilette, die nach Schwefelwasserstoff roch – das waren jene Zutaten, die zu einer Massenhysterie mit fast 1000 Erkrankten und zahlreichen Krankenhausaufnahmen führte. Die Gesundheitsbehörden vermuteten Giftgas hinter den Symptomen. Die Medien verbreiteten diese Information über Wochen. Die Epidemie endete abrupt nachdem klar war, dass sämtliche Befunde der Erkrankten negativ waren und kein Giftstoff in der Umwelt gefunden wurde. Ein ähnlicher Fall ereignete sich 1998 in den USA: angeblicher Gasgeruch in einer Schule führte zu zwei Evakuierungen, über 100 Krankenhausaufnahmen und extensiver Medienberichterstattung. Verschiedene Behörden untersuchten die Schule und fanden – nichts.

 

Die Rolle der Medien in der Risikokommunikation betont auch der englische Soziologe Adam Burgess von der University of Kent, der in seinem Buch Cellular Phones, Public Fears and a Culture of Precaution die Kommunikation potentieller Risiken durch den Mobilfunk in England analysierte. „Die Journalisten glaubten in den 90er Jahren, der Mobilfunk sei das zweite Rauchen. Und jeder wollte der erste sein, der darauf hinweist“, so Burgess. Die englischen Medien führten in dieser Zeit Kampagnen gegen das mobile Telefonieren und hatten es aufgrund des BSE-Skandals mit einer defensiven und vorsichtigen Politik zu tun. „Der so genannte Vorsorge-Ansatz wurde damals modern: d.h. jedes noch so kleine potentielle Risiko muss ausgeschaltet werden. Das ist kindisch. Wir leben nicht in einer perfekten Welt. Ein gesunder Umgang mit Risiken beinhaltet das Abwägen von Alternativen und welche Folgen diese jeweils haben können“, meint Burgess.

 

Die Liste der Risiken und Gefahren, denen wir täglich ausgesetzt sind, ist lang. Gewarnt zu werden ist gut – aber auch das kann letztlich im unbegründeten Fall gefährlich werden. Ein Leben mit Raumanzug und Sturzhelm garantiert also kein risikofreies Leben. Volksweisheiten haben oft recht: zu Tode gefürchtet ist auch gestorben…

 

 

 

Dr. Christoph Augner ist Medizin- und Wirtschaftspsychologe und Gründer des Internet-Blogs moments of truth: http://augner.blogspot.co.at/

 

 

 

 

2 comments

  1. Thomas Holzer

    “Im Zweifel für de Bienen”;
    das war die Botschaft des Herrn Spindelegger!, welcher sich der “Umweltminister” unterordnen mußte.
    Daß Herr Berlakovich primär auf franz. Flughäfen den Mut hat, etwas lauter zu werden und versucht, seine Interessen durchzusetzen, ist ja mittlerweile hinlänglich bekannt 😉

  2. Rennziege

    Angst war schon immer ein schlechter Ratgeber. Deswegen wird sie von den in fast allen Ländern regierenden, nur auf ihr persönliches Wohl bedachten Opportunisten auch ständig geschürt. Angstschlotternde Steuerzahler sind willfährige Opfer, die in ihr geleertes Brieftaschl schauen und sagen: “Schade. Aber meine Armut dient einem guten Zweck, denn ich rette die Welt.”
    Wenn die wüssten oder sich nur dafür interessieren würden, welche rücksichtslosen Unsympathler sie wirklich sanieren, gingen sie auf die Straße, um allerlei Laternen in Augenschein zu nehmen, nicht unbedingt bezüglich deren Leuchtkraft.

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